Wollt ihr die totale Transparenz?

Dave Eggers: Der Circle

Vor ein paar Jahren behauptete eine Kollegin voller Überzeugung, dass man über sie nichts im Internet finden würde. Nach einer fünfminütigen, unangestrengten Google-Recherche wusste ich ihren zweiten Vornamen und ihre Mobiltelefonnummer. Aber das ist vollkommen harmlos, jedenfalls im Vergleich zu der völligen Transparenz, die zu erreichen sich die Firma Circle auf die Fahnen geschrieben hat. Circle ist so eine Art Über-Google, ein fiktives Unternehmen in einer nahen, sehr nahen Zukunft und der  Namensgeber von Dave Eggers Roman: »Der Circle«. „Wollt ihr die totale Transparenz?“ weiterlesen

Das Hotel des Cousins 2.0

Marc Elsberg: Zero

Facebook? Apple? Google? Amazon? WhatsApp? Alles Schnee von gestern. Der Datensammler der Zukunft heißt Freemee. Zumindest im Roman »Zero« von Marc Elsberg. Das Geschäftsmodell ist perfide genial: Jeder Nutzer von Freemee sammelt in seinem Account so viele persönliche Daten wie möglich. Alle Daten, vom Kontostand bis zum Blutdruck. Wenn er möchte, kann er sie dann an Freemee zur weiteren Nutzung verkaufen, ganz nach dem Motto »Meine Daten gehören mir«. Das klingt erst einmal recht plausibel, denn bisher wurden die Daten der Internetnutzer zu Geld gemacht, ohne dass sie davon etwas hatten. Aber es ist natürlich Unsinn. »In dieser vernetzten Welt ist Kontrolle über dein Leben eine Illusion! Willst du die Vorzüge der modernen Zivilisation genießen, kannst du das nicht ohne die andere Seite der Münze„Das Hotel des Cousins 2.0“ weiterlesen

Humphrey Bogart im Drohnenland

Tom Hillenbrand: Drohnenland

Vor hundert Jahren sind Europas Armeen gegeneinander in den Krieg gezogen und das war erst der Beginn einer beispiellosen Gewaltspirale. Vor diesem Hintergrund mag man die Europäische Union als einen friedensstiftenden Fortschritt betrachten. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Bürokratiemonster, dessen politische Entscheidungen zunehmend von den Lobbyisten der Industrie geprägt sind. Ein schönes Beispiel war hier die Abschaffung der Glühbirne: Nicht nur, dass Energiesparleuchten Giftstoffe enthalten, sondern viel unerträglicher ist es, dass es per Gesetz keine Alternative mehr dazu gibt. Mit Umweltschutz hat das nur am Rande zu tun. Aber ich schweife ab, denn eigentlich soll es hier nicht um Glühbirnen gehen, sondern um Drohnen, genauer gesagt um das Buch »Drohnenland« von Tom Hillenbrand. Es spielt in der Zukunft, etwa im Jahr 2050, und sollte die darin beschriebene EU jemals Wirklichkeit werden, würden wir uns alle das Bürokratiemonster von heute zurückwünschen. „Humphrey Bogart im Drohnenland“ weiterlesen

Feiernd in den Untergang

Joseph Roth: Radetzkymarsch

Genau heute vor 100 Jahren, am 28. Juni 1914, wurde in Sarajevo der Lauf der Weltgeschichte verändert. Der Attentäter Gavrilo Princip, Mitglied der serbischen Terrororganisation Schwarze Hand, feuerte zwei Schüsse auf den Thronfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie und seine Gemahlin ab und tötete beide. Dieser Mordanschlag löste einen verheerenden Kreislauf aus, der das alte Europa in einen furchtbaren Krieg und in den Untergang führen sollte. „Feiernd in den Untergang“ weiterlesen

Schöne neue, paranoide Welt

Schöne neue, paranoide Welt

Wie so viele Expeditionen in unbekannte Gefilde zuvor beginnt auch diese in einer Buchhandlung. Und mit einem 140-Zeichen-Tweet auf Twitter. Es ist eine Expedition in die Welt der Datensammlung, des Datendiebstahls, der Datenmanipulation und der lückenlosen Überwachung. Eine Welt der Algorithmen und der künstlichen Intelligenz. Und eine Reise in eine Zukunft, die sich schon erkennbar am Horizont unserer Wahrnehmung abzuzeichnen beginnt. „Schöne neue, paranoide Welt“ weiterlesen

West. Ost. Konflikt

Verdun und Ober Ost: Facetten des Ersten Weltkriegs

Den Ersten Weltkrieg assoziiert man gemeinhin mit Bildern von völlig verwüsteten Landschaften, durchzogen von Gräben, durchlöchert von Granateinschlägen. Dies ist aber nur eine Facette. Wie viele andere es gab, wird mir immer klarer, denn die hundertjährige Wiederkehr des Kriegsausbruchs nehme ich zum Anlass, mich intensiv mit der Thematik zu beschäftigen. Aus den zahlreichen Büchern, die es momentan über den Ersten Weltkrieg gibt, habe ich mir ein Leseprojekt zusammengestellt und bin dabei, immer tiefer in diese Epoche einzutauchen, die prägend für das gesamte 20. Jahrhundert war – und damit auch für die Welt, in der wir heute leben. 

1914 war das deutsche Kaiserreich in einer selbst verschuldeten und denkbar ungünstigen Ausgangssituation und musste im Westen wie auch im Osten Krieg führen. Wie es genau dazu kam, schildert Christopher Clark meisterhaft in seinem Werk Die Schlafwandler. Für die Geschehnisse nach Ausbruch des Krieges habe ich zwei Sachbücher in die Leseliste mit  aufgenommen, die thematisch für jeweils eine der beiden Himmelsrichtungen stehen. Zum einen »Verdun 1916« von Olaf Jessen und zum anderen »Kriegsland im Osten« von Vejas Gabriel Liulevicius. „West. Ost. Konflikt“ weiterlesen

Irische Schicksalsjahre

Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg

Für Irland waren die Jahre zwischen 1914 und 1918 in besonderer Weise schicksalhaft. Seit Jahrhunderten litt das verarmte Land unter dem Joch der englischen Herrschaft, doch kurz vor dem ersten Weltkrieg war zum ersten Mal konkret von einer Politik der Selbstbestimmung die Rede. Tausende von jungen Männern meldeten sich daher 1914 freiwillig für die englische Armee, in der Hoffnung, dass Irland als Anerkennung für seinen Einsatz an der Seite Englands ein autonomer Teil des britischen Commonwealth würde. Allerdings stellten sich insbesondere die englandtreue Bevölkerung der nordirisichen Region Ulster und die konservativen Kräfte Englands gegen eine solche politische Entwicklung, es kam schon damals zu ersten Unruhen in der Bevölkerung.In dieser Zeit spielt der Roman »Ein langer, langer Weg« von Sebastian Barry. „Irische Schicksalsjahre“ weiterlesen

Erster Weltkrieg privat

Vor ein paar Jahren ist eine Bewohnerin unserer Straße 100 Jahre alt geworden. Alle Nachbarn waren vor dem Haus versammelt, um ihr zu gratulieren, Bierbänke wurden aufgestellt und es gab Kölsch. Im Verlauf der kleinen Feier unterhielt ich mich kurz mit der Jubilarin und sie erzählte mir von einer ihrer ersten Erinnerungen, damals, als sie ein fünfjähriges Mädchen war: Sie wusste heute noch, wie ihr Vater aus dem Krieg zurückkehrte. Ich musste kurz überlegen, bis mir klar wurde, dass sie vom Ersten Weltkrieg sprach. Da lief mir ein Schauer über den Rücken, ein direkter Kontakt mit einer Zeitzeugin einer solch fernen Epoche ist selten geworden und wird in wenigen Jahren nicht mehr möglich sein. Und erzählte Geschichte ist Thema des Buches, das ich hier vorstellen möchte.

An Büchern über den Ersten Weltkrieg herrschte gerade im Gedenkjahr 2014 beileibe kein Mangel, Bücher über die Ursachen, über den Verlauf, über einzelne Aspekte, über globale Zusammenhänge, über kulturgeschichtliche Erkenntnisse. Aber was dachten die Menschen, die in dieser Zeit lebten? Wie lebten sie? Was empfanden sie? Was erduldeten, ertrugen, erlitten sie? Welche Spuren haben die Kriegsjahre in ihnen hinterlassen? Und: Wer waren sie? Was haben sie davon berichtet? Hier sticht ein Buch aus der Masse hervor. Es ist »Schönheit und Schrecken« von Peter Englund. „Erster Weltkrieg privat“ weiterlesen

Das Ende der bekannten Welt

Herfried Münkler: Der große Krieg

Die Welt, in der wir heute leben, ist zu großen Teilen aus den Folgen der Ereignisse entstanden, die 1914 begannen und die in England und Frankreich der Große Krieg genannt werden. »Der Große Krieg« ist auch der Titel von Herfried Münklers lesenswerter Darstellung des Ersten Weltkriegs. Die Jahre von 1914 bis 1918 waren eine Zeitenwende von epochaler Wucht, die in der deutschen Erinnerungskultur bisher immer ein Schattendasein führte – überlagert von den verheerenden Ereignissen, die danach stattfanden. Und unmittelbar darauf zurückzuführen sind. Denn 1914 hat alles angefangen.

Das Buch ist ein weiterer wichtiger Baustein meines Leseprojekts Erster Weltkrieg. „Das Ende der bekannten Welt“ weiterlesen

Le jour de gloire?

Jean Echenoz: 14

Das Buch »14« von Jean Echenoz beginnt an einem schönen Augustnachmittag in Frankreich, in der Vendée. Gemeinsam mit Anthime, einer der Hauptpersonen der Geschichte, stehen wir auf einem Hügel und erleben, wie gleichzeitig in allen Dörfen ringsum die Kirchturmglocken zu läuten beginnen. Es ist August 1914 und die Glocken verkünden das Signal zur Mobilmachung. Anthime marschiert zusammen mit Charles, Padioleau, Bossis und Arcenel von der Kaserne an die Front. Fünf Männer, von denen nur zwei zurückkommen werden. Der eine blind, der andere einarmig. „Le jour de gloire?“ weiterlesen

Alternativlose Politik 1914

Christopher Clark: Die Schlafwandler

722 Seiten über Politik und Diplomatie in einem Buch, an dem der Autor fünf Jahre gearbeitet hat, das frischen Wind in die seit Jahrzehnten andauernde Debatte über die Ursachen des Ersten Weltkriegs bringt und das Zeug hat, zu einem neuen Standardwerk der Geschichtsforschung zu avancieren. Wie soll man solch ein Werk in einem kurzen Blogbeitrag beschreiben? Genau, es geht um »Die Schlafwandler« von Christopher Clark. „Alternativlose Politik 1914“ weiterlesen

In den Krieg gezogen

Avi Primor: Süß und ehrenvoll

1914. Zwei Männer ziehen in den Krieg. Der eine ist Deutscher, der andere Franzose. Beide sind jung und begeistert von dem großen Abenteuer, das auf sie wartet. Beide tragen den gleichen Vornamen, Ludwig und Louis. Und noch etwas haben sie gemeinsam: Beide stammen aus einer jüdischen Familie. Das ist die Ausgangslage des Romans »Süß und ehrenvoll« von Avi Primor, der den Leser durch die Hölle der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs führt. Aber nicht das Kriegsgeschehen steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern die Suche der Protagonisten nach der eigenen Identität. „In den Krieg gezogen“ weiterlesen

Leseprojekt Erster Weltkrieg

Leseprojekt Erster Weltkrieg

»Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.« Dieser August Bebel zugeschriebene Satz ist aktueller denn je; 2014 jährt sich das Schicksalsjahr Europas zum hundertsten Mal. 1914 begann der Erste Weltkrieg, eine Katastrophe, die das alte Europa hinwegfegte, Millionen Menschenleben forderte und die Wurzel des Üblen war, das danach erst noch folgen sollte: Zwei menschenverachtende Diktaturen, ein weiterer, noch viel schlimmerer Krieg, Völkermord, Vertreibung unzähliger Menschen und die Spaltung des Kontinents, die bis heute nicht überwunden ist. Wäre dieser europäische Flächenbrand zu vermeiden gewesen? Wie kam es dazu? Was bewegte die politischen und militärischen Entscheidungsträger dieser Zeit? Viel ist schon darüber geschrieben worden, aber das Gedenkjahr 2014 wartete mit einer Fülle von neuen Büchern und neuen Erkenntnissen zu diesem Thema auf. „Leseprojekt Erster Weltkrieg“ weiterlesen

Stalins spanisches Gold

Leif Davidsen: Die Wahrheit stirbt zuletzt

Ein Mann ist auf der Suche nach seinem jüngeren Bruder, der irgendwo in Spanien unterwegs ist, wo genau weiß er nicht. Er gibt sich als Journalist aus, verliebt sich in eine russische Photographin und kommt per Zufall auf die Spur eines verschwundenen Goldschatzes. Klingt nach einer banalen Handlung, zudem ist das Buchcover nicht besonders ansprechend gestaltet und der Titel »Die Wahrheit stirbt zuletzt« des Romans von Leif Davidsen etwas aussagelos. Aber hinter all dem verbirgt sich eine großartige und lesenswerte Geschichte. „Stalins spanisches Gold“ weiterlesen