Anfang der 2000er-Jahre haben sich Freiburger Freunde einen Lebenstraum verwirklicht und sich einen Schwarzwald-Bauernhof gekauft. Ein wunderschönes Gebäude, ganz aus Holz und über 300 Jahre alt. Seitdem leben sie dort auf tausend Meter Höhe, etwas versteckt an einem Berghang gelegen, vermieten einfache Ferienwohnungen und betreiben ökologische Landwirtschaft mit einer Handvoll Kühen, Hühnern, Ziegen, Eseln und einer Katze. Für einen Stadtmenschen wie mich ist ein Besuch dort immer wie ein Ausflug in eine andere Welt, fast wie in einem Paralleluniversum. Keine Autogeräusche, nur der Wind in den Bäumen und das Rauschen des Baches, der die Turbine für die autarke Stromversorgung antreibt. Und absolut keinen Mobilfunkempfang. Ich bin dort immer unheimlich gerne, nur leider viel zu selten. Die letzten Tage habe ich wieder einmal in dieser schönen Abgeschiedenheit verbracht und diesmal war mein Besuch dort geprägt von intensiven Leseerlebnissen. Eine perfekte Kombination. „Abgetaucht in der Lesearche“ weiterlesen
Spiel.Figuren
Oskar Niedermayer ist der Name eines Mannes, dessen Taten im Dunkel der Geschichte verschwunden sind; dabei hatte er sich auf den Weg gemacht, dem Ersten Weltkrieg einen anderen Verlauf zu geben. Er war der Anführer einer deutsch-türkisch-österreichischen Expedition, die 1915 von Konstantinopel aufbrach, um die Kunde des Dschihads, zu dem der türkische Sultan Mehmed V. aufgerufen hatte, auf geheimen Wegen ins ferne Kabul zu tragen. Ziel war es, die afghanischen Stämme vereint mit der islamischen Welt Zentralasiens gegen die englischen Kolonialherren in Indien in den Kampf zu führen. Dadurch sollte das britische Empire so nachhaltig erschüttert werden, dass England nicht in der Lage gewesen wäre, weiterhin in Europa Krieg zu führen. Der Versuch misslang und die Niedermayer-Expedition wurde fast völlig vergessen. In Steffen Kopetzkys Roman »Risiko« wird dieses waghalsige Unternehmen wieder lebendig. „Spiel.Figuren“ weiterlesen
Nachbuchmesseblues
Seit 1998 war ich jedes Jahr – mit nur einer Ausnahme – auf der Leipziger Buchmesse. Mal während des Studiums als Standbetreuer, mal beruflich, mal privat, aber immer sind die paar Tage im März ein Highlight im Jahresablauf. So gepackt voll mit persönlichen Begegnungen waren sie aber selten und ich führte eine Menge interessanter und anregender Gespräche; so viele, dass man sich an das Ankommen im Alltag erst wieder gewöhnen muss. Ein richtiger Nachmesseblues eben.
Seit Kaffeehaussitzer im Juni 2013 online gegangen ist, bin ich im regen Austausch mit anderen Literaturbloggern. Es ist ein sehr angenehmes Netzwerk Gleichgesinnter, dass da entstanden ist, die Kommunikation findet über Twitter, Facebook und unsere Blogs statt. Nur gesehen hatte ich von all diesen Menschen im realen Leben noch nie jemanden. Nun, dies hat sich jetzt geändert. Und wie. „Nachbuchmesseblues“ weiterlesen
Ein jüdisches Familientreffen. Unerwartet
Die Leipziger Buchmesse steht vor der Türe. Wie jedes Jahr freue ich mich auch dieses Mal wieder auf das Treffen mit Freunden und alten Bekannten, auf das Kennenlernen neuer Menschen und auf unerwartete Begegnungen. Unerwartet, wie bei der letztjährigen Messe. Denn man macht in seinem Leben oft die Bekanntschaft völlig unterschiedlicher Personen, die aber doch in irgendeinem Zusammenhang miteinander stehen. Letztes Jahr bin ich durch die Leipziger Buchmesse drei jüdischen Familien begegnet. An drei aufeinanderfolgenden Tagen. Völlig unterschiedlich und vor allem komplett unerwartet. „Ein jüdisches Familientreffen. Unerwartet“ weiterlesen
Zwei Leben in der Sackgasse
Vor einigen Wochen habe ich das Buch »Nicht mit mir« von Per Petterson gelesen – und seitdem denke ich darüber nach. Vordergründig eine unspektakuläre Geschichte, zwei Männer, deren Leben nicht so gelaufen ist, wie sie vielleicht früher einmal gedacht haben. Zwei, die als Kinder und Jugendliche unzertrennbare Freunde waren, bis diese Freundschaft plötzlich endet. Einfach so. Oder eben nicht einfach so. Das ist die Frage, die zu lösen uns das Buch aufgibt.
Es ist nicht ganz einfach, über diesen Roman zu schreiben. Eigentlich passiert darin eine Menge, die Lebensläufe zweier unterschiedlicher Personen werden erzählt. Und doch bleibt das Wesentliche ungesagt. Taucht vage und unbestimmt zwischen den Zeilen auf, kaum greif- und nur schwer beschreibbar. „Zwei Leben in der Sackgasse“ weiterlesen
Berliner Ermittlungen
Nur wenige Orte gibt es auf der Welt, an denen die Verwerfungen und Umbrüche der Geschichte so deutlich sehen waren und zu sehen sind wie in Berlin. Die Stadt stand das gesamte 20. Jahrhundert über im historischen Fokus, Brennpunkt und Symbol gleichermaßen. Die dramatischste Zeit dürfte ohne Zweifel die Epoche zwischen 1918 und 1945 gewesen sein; hier nahmen in Berlin Ereignisse ihren Anfang, die mit ihren Folgen unsere ganze Welt verändern sollten.
1918 strömte das geschlagene kaiserliche Heer nach vier Jahren Krieg zurück, es folgten eine Revolution und deren Niederschlagung mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Berliner Straßen. Dann die Inflation mit ihren verheerenden Folgen, eine erste vorsichtige Konsolidierung der jungen deutschen Republik, das langsame Erstarken der radikalen Parteien von rechts und links. Schließlich versetzte die Weltwirtschaftskrise dem Experiment der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß, Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten waren an der Tagesordnung, Reichstagsauflösungen, Neuwahlen, immer schneller wechselten die Regierungen bis zu jenem unseligen Moment, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Die Folgen sind bekannt.
Gleichzeitig war Berlin in den zwanziger Jahren eine der modernsten Städte der Welt, ein Zentrum der Kunst und Kultur, Treffpunkt der Avantgarde. Licht und Schatten nah beieinander – eine perfekte Atmosphäre für das Genre Kriminalliteratur und deshalb ist es kein Wunder, dass sich inzwischen einige Ermittler im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre tummeln. Mir gefällt das sehr gut, ich mag es, wenn historische Zusammenhänge gekonnt in Romanhandlungen eingebaut werden; besonders wenn es sich um so dramatische Zeiten handelt wie jene. Ein paar dieser Ermittler, deren Werdegang ich höchst gespannt verfolge, möchte ich hier vorstellen. „Berliner Ermittlungen“ weiterlesen
Nie wieder schlafen!
Ich hasse das Schlafen. Ich hasse es, abends so müde zu sein, dass ich einfach nicht mehr weiterlesen kann. Und morgens müde den Tag zu beginnen. Ich finde es furchtbar, sieben oder acht Stunden Lebenszeit pro Tag mit Schlafen verbringen zu müssen – ob man will oder nicht. Auch wenn es ein angenehmes Gefühl sein mag, sich nach vollbrachtem Tagewerk müde im Bett auszustrecken, empfinde ich es einfach als eine grandiose Zeitverschwendung, eine Zumutung, dass unser Körper so viel Stunden zur Erholung zwingend benötigt. Umso neugieriger war ich auf das Buch »Mehr als wir sind« von Jürgen Neffe, in dem es um einen Chemiker geht, der den Schlaf dauerhaft besiegt und damit eine völlig andere Menschheit schafft. „Nie wieder schlafen!“ weiterlesen
Ein Thriller als Augenöffner
Vor einiger Zeit hatte ich das Buch »Zehn Milliarden« gelesen und hier vorgestellt. Es thematisiert die Überbevölkerung der Erde, die irreparable Umwelt- und Ressourcenzerstörung und den unaufhaltsamen Weg in den Kollaps unserer Welt. Nach etwas mehr als 200 Seiten gut aufbereiteter, aber erschreckender Daten zieht der Autor eine verstörende Bilanz: »Ich habe einen der nüchternsten und klügsten Forscher, die mir jemals begegnet sind, einem jungen Kerl aus meinem Labor, der sich weiß Gott in diesen Dingen auskennt, die folgende Frage gestellt: Wenn er angesichts der Situation, mit der wir derzeit konfrontiert sind, nur eine einzige Sache tun könnte, was wäre das? Was würde er tun? Wissen Sie was er geantwortet hat? ›Ich würde meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht.‹«
Nicht zuletzt wegen dieses drastischen Schlusssatzes ist mir das Buch im Gedächtnis haften geblieben und deshalb bin ich sehr neugierig, wenn dieses Thema in einer Romanhandlung umgesetzt wird. So wie in »Noah« von Sebastian Fitzek. „Ein Thriller als Augenöffner“ weiterlesen
Der Funke in der Munitionsfabrik
Terroristische Anschläge und deren Gründe beherrschen die aktuelle Nachrichtenlage. Aber sie sind kein neues Thema, denn Attentate aus politischen, ideologischen oder fanatisch-religiösen Anlässen gibt es schon immer. Vor etwas mehr als einem Jahrhundert setzten die Schüsse des serbischen Terroristen Gavrilo Princip die halbe Welt in Brand, als er in Sarajevo den östereichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Frau erschoß. Serbe, Nationalist, Terrorist – wer war dieser Princip? Wie wurde er zu einem Attentäter, der bereit war, sein eigenes Leben für diesen Anschlag wegzuwerfen? Was waren seine Beweggründe? Darüber gibt ein ganz besonderes Buch Auskunft, die Graphic Novel »Der Attentäter« von Henrik Rehr. Der Untertitel macht das Anliegen des Autors und Zeichners deutlich, »Die Welt des Gavrilo Princip« zu beschreiben. „Der Funke in der Munitionsfabrik“ weiterlesen
Arabischer Frühling querfeldein
Die letzten Sommerferien meiner Schulzeit verbrachte ich zu großen Teilen in überfüllten Zügen. Per Interrail ging es durch Spanien und Marokko. Es war das Jahr 1988 und eine Reise voller Eindrücke, von denen manche bis heute präsent sind. An einen Moment erinnere ich mich noch besonders gut: Während der Zugfahrt nach Fès im östlichen Marokko fuhr ein alter, roter Mercedes neben uns her. Die Straße verlief eine ganze Weile parallel zur Bahnstrecke, weit und breit war nichts, keine Dörfer, kaum Vegetation, manchmal ein einsames Haus aus Lehmziegeln mit einigen Palmen drumherum und eben diese ungeteerte Straße und der Mercedes, in einer Staubwolke neben uns. In dem Auto saß eine ganze Familie und irgendwann bog die Straße ab, es war Abend und wurde rasch dunkel und der rote Mercedes verschwand in der staubigen Dämmerung. Aus irgendeinem Grund ist mir diese Szene im Kopf geblieben, damals dachte ich, was das wohl für Menschen sein mögen, wohin sie wollten, hier, inmitten des Nichts.
Dieses Bild eines Mercedes in einer Staubwolke hatte ich vor mir, während ich das Buch »Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?« von Ece Temelkuran gelesen habe. „Arabischer Frühling querfeldein“ weiterlesen










