Die Buchhändler-Rose

Die Buchhändler-Rose

Seit zwanzig Jahren hängt an meinem Bücherregal eine getrocknete Rose. Nicht irgendeine, sondern meine Buchhändler-Rose. Ich habe sie Ende Juli 1995 geschenkt bekommen, als ich meine Buchhändlerlehre beendet hatte. Seitdem begleitet mich diese Rose – sie hat acht Umzüge und mehrere Stadtwechsel überlebt.

1993 startete meine Ausbildung bei der Buchhandlung Herder in Freiburg, damals noch keine Thalia-Filiale, sondern eine außerordentlich gut sortierte Großbuchhandlung. Zwar von der Einrichtung her ziemlich in die Jahre gekommen, aber mit einem Team engagierter Buchhändler und Buchhändlerinnen, die über immenses Fachwissen verfügten. Die mir vermittelten, dass Bücher natürlich Handelsobjekte sind – aber eben keine gewöhnlichen, sondern auch Kulturgüter oder zumindest papierne Geschichtenerzähler. Und – um den Wahlspruch der lesenswerten Seite 54stories zu benutzen – Geschichten kann es schließlich nie genug geben. Es war mein Einstieg in eine Branche, die bis heute mein spannendes berufliches Zuhause geblieben ist.

Denn spannend sind sie gewesen, die letzten zwanzig Jahre. Spannend wird es auch bleiben. Von der buchhändlerischen Welt, die ich damals kennenlernte, ist kaum etwas übrig geblieben, der digitale Wandel hat Gewohntes, aber auch Bequemes hinweggefegt und den Buchmarkt gehörig durcheinander gewirbelt. Doch egal ob im Buchhandel oder in den Verlagen – es ist eine Branche der Individualisten und der Idealisten; dies ist etwas, was sich nicht geändert hat und auch nicht ändern wird. Das merke ich jedes Jahr auf den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt. Als ich als Buchhändler-Azubi im Oktober 93 das erste Mal über die Frankfurter Buchmesse lief, war ich überwältigt, hatte dabei gleichzeitig das Gefühl, genau das ist meine Welt, ich möchte nirgendwo anders sein. Irgendwann – so dachte ich damals – würde ich über diese Messe laufen und überall bekannte Gesichter treffen. Genau so ist es dann auch gekommen.

Nach dem Studium der Verlagswirtschaft in Leipzig arbeite ich nun schon seit etlichen Jahren in verschiedenen Verlagen und kümmere mich dort um Marketing und Unternehmenskommunikation. Doch nach wie vor ziehen mich Buchhandlungen geradezu magisch an, fühle ich mich zuhause, sobald ich eine betrete – was oft vorkommt. Diese unverwechselbare und einmalige Atmosphäre, die nur Buchhandlungen ausstrahlen können, hat übrigens gerade Torsten Woywod mit seinem Projekt „Around the World in 100 Bookstores“ mit eindrucksvollen Reiseeindrücken und wunderbaren Photos perfekt eingefangen.

Als ich einmal meinte, ich sei Ex-Buchhändler, erwiderte ein Freund von mir, das es das nicht gäbe. Einmal Buchhändler, immer Buchhändler. Da hat er wohl recht, denn bis heute bin ich stolz darauf, diesen Beruf erlernt und dadurch eine Welt betreten zu haben, in die ich mit Haut und Haaren gehöre.

Die Rose erinnert mich immer wieder daran.

So, jetzt habe ich das jetzt alles noch einmal durchgelesen. Der Text ist ein wenig emotional geworden, aber was soll’s. Eine zwanzigjährige Rose kann man ja nicht jeden Tag würdigen.

7 Kommentare

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  2. Ein solcher Text – ein Blick zurück auf den eigenen Werdegang und die Welt von gestern – darf emotional sein, es stört ganz und gar nicht, von mir aus dürfte er sogar Spuren von Sentimentalität haben. Ich bin da nicht allergisch. Buchhandlungen (und Musikfachgeschäfte) haben für mich einen eigenen Reiz, eine eigene Aura, sie sind nicht einfach Läden, sondern Orte der Begegnung und eine Herberge der Künste. Und weil es mir gerade so in den Sinn kommt, danke dass Sie die Lesekultur verteidigen. Sentimental? Egal.

  3. Lieber Kaffeehaussitzer,

    der Text ist emotional, rutscht aber nicht ins pathetische oder gar kitschige ab. Und wenn das so gut gelingt, wie in diesem Text, dann ist das Emotionale ein, in diesem Falle ja auch zum Thema passendes Stilmittel.

    Ich habe den Text jedenfalls sehr gerne gelesen. Quasi vorbelastet als Germanist und leidenschaftlicher Bibliothekar bin ich allerdings selber auch so ein Bücher-Mensch, der an keiner Buchhandlung vorbei gehen kann und besonders die besonderen Buchhandlungen liebt.

    Wobei die besonderen für mich nicht nur die besonders schönen sind, das natürlich auch, aber im Grunde sind es immer die besonderen Buchhändler, die den Unterschied machen.

    Ich denke da an den sehr besonderen Wendelin Niedlich selig in Stuttgart, dessen Buchhandlungshöhle ich in den 90ern ein paar Jahre fast täglich besuchen ‚musste‘, nachdem ich mich einmal von ihm wegen der falschen Wahl eines Buches auf die Wendelinsche Art ‚beschimpfen‘ lassen durfte.

    Da war Reinhard Schulte in seiner Tübinger Buchhandlung in der Gartenstrasse, mit dem man buchstäblich stundenlang über Literatur und Philosophie und weiss Gott noch was diskutieren konnte (weshalb er dann leider auch irgendwann die Buchhandlung zumachen musste, zuviel philosophiert, zu wenig verkauft, zu wenig Kaufmann).

    Und heute gibt es für mich den Bonner Buchladen 46 mit, Holger Schwab, dem belesensten, freundlichsten und fröhlichsten Buchhändler, den ich derzeit kenne (http://www.buchladen46.de/buchladen46/) – und last not least die quecksilbernen Gebrüder Remmel, wahre Tausendsassas mit Ihrer Bernstein Verlagsbuchhandlung R² in Siegburg (http://bvb-remmel.de/). Klaus Bittner in Köln (http://www.bittner-buch.de/) sollte ich noch erwähnen, aber da bin ich in den letzten 10 Jahren vielleicht viermal hingekommen, von Kennen kann da leider keine Rede sein. Würde sich aber lohnen.
    Keine dieser Buchhandlungen hat bzw. hatte übrigens einen Bestsellerstapel, sondern ein liebevoll und kenntnisreich zusammengestelltes Sortiment, in dem man immer wieder spannende Sachen entdecken kann, de man in irgend einer Mayerschen oder in den Wittwers niemals entdecken würde…

    So, jetzt habe ich in meiner Begeisterung hier den Kommentarkanal zugesabbelt. Ich hoffe, Du nimmst mir das nicht übel, lieber Kaffeehaussitzer, was ich nämlich eigentlich bloss sagen wollte:
    – dieser Text hat mich sehr angesprochen und sofort eine Art Assoziationskette in mir angeworfen (wie man sieht…)
    – dein Blog ist klasse und für mich eine wahre Fundgrube
    – weshalb ich ihn in meine Blogroll aufnehmen werde – ich hoffe, das ist ok für dich

    Schluss jetzt und liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,

      gerade und viel, viel später bemerkt, dass ich mich damals gar nicht für Deinen sehr netten Kommentar bedankt habe. Der hatte mich sehr gefreut!

      Viele Grüße

      Uwe

  4. Ich habe kürzlich „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ gelesen und ein wenig erinnerst du mich mit deiner schönen Würdigung deiner Rose an den überaus sympathischen Protagonisten (Buchhändler) dieses Romans. Manche Menschen haben einfach – wie ich es gerne sage – Leseviren im Blut. Und bei denen ist es dann auch völlig egal, ob und wie sie sich beruflich verändern. Gebe deinem Freund recht. Gewisse Dinge kann/will man nicht abschütteln, die Liebe zur Literatur zählt zweifelsohne dazu. Wünsch dir noch viele wundervolle Erlebnisse, in dieser Welt, in die du mit Haut und Haaren gehörst. Das spürt man.

    Liebe Grüße
    Michael

    • Ich danke Dir für dieses nette Feedback! Und das Buch kenne ich noch gar nicht, wieder ein Tipp mehr…

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