Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder.

Timothy Snyder ist ein US-amerikanischer Historiker, Professor für Geschichte an der Yale University. Seine Bücher »Bloodlands« und »Black Earth« sind Standardwerke zur Geschichte des europäischen Totalitarismus im 20. Jahrhundert. 2025 wechselte er an die Universität Toronto, er gilt als einer der schärfsten Kritiker des Trump-Regimes. Die Ausgabe von »Über Tyrannei«, die mir vorliegt, erschien bereits 2017, während der ersten Präsidentschaft Donald Trumps – und vor diesem Hintergrund lesen sich einige Passagen heute noch dramatischer. 

Zwanzig Lektionen für den Widerstand also. Sie lauten wie folgt: 

  1. Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
  2. Verteidige Institutionen.
  3. Hüte dich vor dem Einparteienstaat.
  4. Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt.
  5. Denk an deine Berufsehre.
  6. Nimm dich in Acht vor Paramilitärs.
  7. Sei bedächtig, wenn du eine Waffe tragen darfst.
  8. Setze ein Zeichen.
  9. Sei freundlich zu unserer Sprache.
  10. Glaube an die Wahrheit.
  11. Frage nach und überprüfe.
  12. Nimm Blickkontakt auf und unterhalte dich mit anderen.
  13. Praktiziere physische Politik.
  14. Führe ein Privatleben.
  15. Engagiere dich für einen guten Zweck.
  16. Lerne von Gleichgesinnten in anderen Ländern.
  17. Achte auf gefährliche Wörter.
  18. Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt.
  19. Sei patriotisch.
  20. Sei so mutig wie möglich.

Zwanzig Sätze, kurz und prägnant. Zwanzig Handlungsaufforderungen. Zwanzig Denkanstöße. Manche dieser Sätze klingen auf den ersten Blick nach Selbstverständlichkeiten, doch dem ist nicht so. Denn bei den Dingen, die wir für selbstverständlich halten, bemerkt man erst zu spät, wenn sie gefährdet sind. Oder verschwinden. Jede dieser Aufforderungen wird mit einem einführenden Absatz vorgestellt und dann auf zwei, drei, maximal vier Seiten erläutert. Zum einen zieht Snyder dabei historische Vergleiche, schreibt über faschistische, nationalsozialistische und kommunistische Tyrannei, zum anderen kommt er auch immer wieder auf die Verlogenheit von Donald Trump zu sprechen – das Entsetzen darüber, dass ein solch primitiver Mensch zum Präsidenten gewählt wurde, ist nicht zu überhören. 

Doch die zwanzig Denkanstöße beziehen sich nicht auf ein Land im Besonderen oder auf eine konkrete Situation, sie sind universell gültig. Und jeder von uns sollte sie beherzigen. Auf ein paar der zwanzig »Lektionen für den Widerstand« möchte ich hier etwas näher eingehen. Etwa auf die erste: »Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.« In Diktaturen entwickelt sich oftmals eine Eigendynamik, Mitläufer wie fanatische Anhänger versuchen sich selbst dabei zu übertreffen, die Wünsche der Herrschenden zu erfüllen, noch bevor sie ausgesprochen wurden. Der Historiker Ian Kershaw nannte dies in seiner bahnbrechenden Hitler-Biographie »dem Führer entgegen arbeiten« – ein Zitat eines NSDAP-Funktionärs. Dieses »entgegen arbeiten« erzeugt einen Strudel der Radikalisierung, der am Ende alles und jeden mit sich reißt, hinab ins Verderben.

Bei Lektion vier, »Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt« heißt es: »Die Symbole von heute ermöglichen die Realität von morgen. Achte auf die Hakenkreuze und die anderen Zeichen des Hasses. Schau nicht weg und gewöhne dich nicht daran. Entferne sie selbst und setze damit ein Beispiel für andere, das auch zu tun.« Genau so. Tipp: Bei Aufklebern einen Spachtel benutzen, falls jemand eine Rasierklinge darunter platziert hat.

In Lektion vier »Verteidige Institutionen« geht es um die Säulen unserer Freiheit. Schon eine unabhängige Zeitung zu abonnieren trägt dazu bei, diese Säulen zu stabilisieren.  

Lektion vierzehn »Führe ein Privatleben« beschäftigt sich damit, dass viele von uns viel zu viel von sich im Internet preisgeben. Was in den falschen Händen für enormen Schaden sorgen kann, denn: »Tyrannen suchen nach dem Haken, an dem sie dich aufhängen können. Versuche, ihnen keinen solchen Haken zu bieten.«

Lektion neunzehn: »Sei patriotisch«. Eine Aufforderung, die für viele von uns befremdlich klingt. Timothy Snyders Erläuterung dazu macht allerdings klar, dass Patriotismus das Gegenteil von Nationalismus ist, denn ein Patriot sorgt sich um sein Land, um dessen Freiheit und Wohlergehen. Ein Nationalist ist getrieben von seinem Hass auf andere – was wiederum dem eigenen Land schadet. Es ist daher patriotisch, Parteien wie die AfD nicht zu wählen. 

»Die Demokratie ist in Europa in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren gescheitert und heute scheitert sie nicht nur in großen Teilen Europas, sondern auch in vielen Teilen der Welt. Es ist diese Geschichte und Erfahrung, die uns das finstere Spektrum unserer möglichen Zukunft offenbart. Ein Nationalist wird sagen: ›Das kann hier nicht passieren‹, und das ist schon der erste Schritt in Richtung Katastrophe. Ein Patriot sagt, dass es auch hier passieren könnte, aber dass wir das verhindern werden.«

Und schließlich Lektion sechs, »Nimm dich in Acht vor Paramilitärs«. Hier schlägt er einen Bogen von den SA-Schlägern, die von rabiaten Saalordnern zu Mördern wurden, hin zu einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump, bei der er das Publikum gegen anwesende Journalisten aufhetzt. Wie erwähnt ist meine Ausgabe des Buches von 2017 (die inzwischen im Handel erhältliche Auflage stammt aus dem Jahr 2025) und zu dieser Zeit waren die bewaffneten ICE-Horden, die amerikanische Städte terrorisieren, noch nicht denkbar gewesen. Damals schrieb Snyder: »Damit Gewalt nicht nur das Klima, sondern auch das System verändert, müssen die Emotionen von Wahlkampfveranstaltungen und die Ideologie der Exklusion in die Ausbildung bewaffneter Sicherheitstrupps Eingang finden. Diese fordern zunächst Polizei und Militär heraus, durchdringen anschließend Polizei und Militär und verändern schließlich Polizei und Militär grundlegend.« 

Timothy Snyders »Zwanzig Lektionen für den Widerstand« sind besonders eines: Zwanzig Lehren aus der Geschichte. Ein aufrüttelndes Buch, das eines klar macht: Schaut nicht nur zu, denn sonst triumphieren die Feinde der Freiheit. Und jeder von uns kann etwas dagegen unternehmen – wir sind nicht allein. Ihr solltet dieses kleine, aber immens wichtige Buch lesen; kauft es am besten gleich doppelt, um ein Exemplar zu verschenken. 

Lektion acht heißt: »Setze ein Zeichen«. Ein kleines Zeichen möchte ich mit diesem Blogbeitrag setzen. Daher verschenke ich zehn Exemplare dieses Buches an die ersten zehn Leserinnen und Leser, die mir eine E-Mail an postlagernd@kaffeehaussitzer.de schreiben und mir mitteilen, wohin ich eines der Bücher schicken darf.

Während ich an diesem Text geschrieben habe, wurden die iranischen Revolutionsgarden endlich, endlich, endlich von der EU als das eingestuft, was sie schon immer gewesen sind: Als Terroristen. Und Bruce Springsteen hat mit »Streets of Minneapolis« einen Song als Hymne des Widerstands veröffentlicht, während tausende Menschen gegen Trump und seine Schergen auf die Straße gehen. Kleine Funken der Hoffnung auf eine bessere Welt. 

Buchinformation
Timothy Snyder, Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-83597-1

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lechts und rinks – ein textbaustein*

ernst jandl: lichtung

Ernst Jandl ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Sprachkünstler des 20. Jahrhunderts. Seine Verse sind geprägt von Sprachwitz und von einer unbändigen Experimentierfreude; viele enthalten hintersinnige Botschaften, die sich auf unterschiedlichste Weise interpretieren lassen. Das 1966 entstandene Gedicht »lichtung« ist eine seiner bekanntesten Lyrikschöpfungen; einmal gelesen begleitet es mich – wie viele andere Menschen auch – seit Jahrzehnten. 

lichtung
manche meinen

lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

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Leïla Slimani über wahre »Cancel Culture«. Ein Textbaustein*

Die wahre »Cancel Culture« - Leïla Slimanis brillante Rede bei der Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2021

Der Roman »Das Land der Anderen« von Leïla Slimani ist eines der wichtigen Bücher des Jahres. In diesem Beitrag wird es allerdings nicht um das Buch gehen, sondern um eine Rede. Genauer gesagt, um die Rede, die Leïla Slimani zur Eröffnung des 21. Internationalen Literaturfestivals in Berlin gehalten hat. Die Übersetzung war in der FAS abgedruckt, ich bin zufälllig darauf gestoßen. Während einer Zugfahrt von Leipzig zurück nach Köln blätterte ich durch die Zeitung und blieb an dem Text der Rede hängen. Las sie gleich noch einmal. Und bekomme sie nicht mehr aus dem Kopf. Die französisch-marokkanische Autorin, geboren in Rabat, spricht darin von ihrem Aufwachsen in einer patriarchalen Gesellschaft, in der für Frauen kein selbstbestimmtes Leben vorgesehen ist. Sie erinnert sich an ihre ersten Kontakte mit Büchern und daran, wie die Literatur ihr die Türen in die Welt hinein aufgestoßen hat. Sie ist hindurchgegangen; es war ein steiniger Weg voller Hindernisse und Ressentiments, aber ein Umkehren kam nie in Frage. Und er hat sie bis weit nach oben geführt, Leïla Slimani ist eine der großen Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. „Leïla Slimani über wahre »Cancel Culture«. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Acht Generationen, zwei Kontinente

Yaa Gyasi: Heimkehren

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Sklaverei. Egal wann oder wo auf der Welt, stets wurden Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt, die nicht viel kosteten und jederzeit ersetzt werden konnten. Doch der massive Sklavenhandel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen Millionen von Verschleppten hatte noch einmal ganz andere Dimensionen: Er prägte gesellschaftlich und politisch den afrikanischen und die beiden amerikanischen Kontinente bis heute – egal, ob es sich um strukturellen Rassismus oder das blutige Erbe europäischer Kolonialherrschaft handelt. In ihrem Roman »Heimkehren« erzählt Yaa Gyasi eine von diesen Entwicklungen geprägte Familiengeschichte über acht Generationen, die auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt ist. „Acht Generationen, zwei Kontinente“ weiterlesen

Über das Unterwegssein

Ueber das Unterwegssein

Die Qualität des Beitragsphotos mag nicht besonders gut sein, doch es gibt nur wenige Bilder, die mir so viel bedeuten wie dieses hier. Entstanden ist es im Mai 1993, irgendwo mitten in Australien zwischen Alice Springs und der Ostküste. Ein Vierteljahr lang war ich auf dem fünften Kontinent unterwegs, ließ mich treiben, hatte kein Ziel, keine Verpflichtungen und keine Pläne. Es war für mich die Zeit der großen Freiheit, und die einzigen beiden Fragen, mit denen man sich täglich auseinandersetzen musste, lauteten: Wo schlafe ich heute Nacht? Und wie komme ich dorthin?

Das alles ist inzwischen 27 Jahre her und doch vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese drei grandiosen Monate denke. Vielleicht ist es nicht nur jene Freiheit, die in Erinnerung geblieben ist, sondern auch das belebende Gefühl des Wegseins. Weit weg von allem. Es war ein Unterwegssein ohne Tripadvisor, ohne Booking.com, ohne Travel-Blogs und ohne Instagram-Selbstinszenierungen; meine einzige Informationsquelle war ein zerlesener Lonely Planet »Australia«, den ich in einem Hostel aus dem Regal der zu verschenkenden Bücher gefischt hatte. „Über das Unterwegssein“ weiterlesen

»Der Feind steht rechts«

Joseph Wirth: Der Feind steht rechts

Geschichte wiederholt sich nicht. Und die Weimarer Republik ist nicht die Bundesrepublik. Aber die Geschichte lehrt uns, welche Fehler unverzeihlich waren, an welchen Weichen falsch abgebogen wurde – damit sie sich nicht wiederholt. In der Rubrik Textbausteine* geht es diesmal um ein Zitat, einen Ausschnitt aus einer Rede.

Am 24. Juni 1922 wurde der Außenminister Walther Rathenau von rechtsextremen ehemaligen Offizieren ermordet. Dieses Attentat erschütterte die junge Republik in ihren Grundfesten; als darüber im Reichstag debattiert worde, kochten die Emotionen hoch – von Entsetzen bis klammheimlicher Freude waren alle Reaktionen vertreten. Die rechtsextreme DNVP (Deutschnationale Volkspartei) hatte mit monatelanger Hetze den Boden für das Attentat bereitet.

Reichskanzler Joseph Wirth fand in seiner Rede für den Mord und seine Vorgeschichte die passenden Worte. Sie sind zeitlos:

»Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!«  „»Der Feind steht rechts«“ weiterlesen

Ein Jahr am Abgrund

Benedict Wells: Spinner

»Spinner« ist ein früher Roman von Benedict Wells, den er jetzt, sieben Jahre nach Erscheinen, noch einmal überarbeitet hat. Das machte mich neugierig, denn es kommt selten vor, dass ein heutiger Autor ein Buch noch einmal in einer neuen Version veröffentlicht. Also habe ich es gekauft. Angefangen es zu lesen. Nicht mehr damit aufgehört, bis die letzte Seite umgeblättert war. Es hat mich umgehauen. Dabei ist die Handlung an sich schon beinahe banal: Ein junger Mann irrt durch Berlin auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben. Schon tausend Mal gelesen. Aber niemals so. Denn es waren unzählige Sätze und Gedanken in diesem Buch, die mich auf eine Reise zu einem anderen Ich aus einer längst vergangenen Zeit geschickt haben; eine Zeit, lange her, die ich schon beinahe vergessen hatte, die mich aber geprägt hat bis heute. Es wird also gleich mal wieder etwas persönlicher, nur zur Vorwarnung. „Ein Jahr am Abgrund“ weiterlesen

Viva la librería

Viva la librería: Über die Freiheit des Wortes

Zu Beginn der Neunzigerjahre war es in meinem Bekanntenkreis en vogue, sich für Südamerika zu begeistern. Es wurde Spanisch gelernt, man nahm alle möglichen Nebenjobs an, um das Geld für Flüge zusammen zu bekommen, Freunde reisten monatelang durch den Kontinent, in südamerikanischen Metropolen wurden Praktika oder Auslandssemester absolviert, es wurde abendelang geredet und über südamerikanische Länder im Umbruch diskutiert. Länder, die es geschafft hatten, die Fesseln von Militärdiktaturen abzustreifen, Bürgerkriege zu überwinden und sich auf dem Weg in eine gerechtere Zukunft befanden. Zumindest hofften wir das damals.

Aus dieser Zeit – es muss etwa 1993 gewesen sein – habe ich von einer Freundin eine Postkarte erhalten. Woher genau die Karte war, weiß ich leider nicht mehr, denn obwohl ich die letzten Wochen überall wegen des Photos für diesen Beitrag nach dieser Postkarte gesucht habe, konnte ich sie nicht mehr finden. Schade. Aber eigentlich auch egal, denn es waren lediglich drei Sätze, die darauf standen, und die Abbildung des Schaufensters einer Buchhandlung. Die Sätze habe ich nie vergessen: „Viva la librería“ weiterlesen

Im Rausch der Sprache

Lutz Seiler: Kruso

174 Tote, 4522 Festnahmen. Das sind die Menschen, die versuchten, aus dem großen Gefängnis, dass sich Deutsche Demokratische Republik nannte, über die Ostsee zu entkommen. Nach Dänemark, dessen Küste von der Insel Hiddensee aus am Horizont zu sehen ist. Dazwischen das Meer. Eine unüberwindlich wirkende Barriere, doch gleichzeitig die Verheißung von Freiheit unter einem grenzenlosen Himmel. Hiddensee lag irgendwo dazwischen, nicht mehr ganz das Festland mit all seinen Zwängen, aber auch nicht wirkliche Freiheit angesichts der Patrouillenboote und Suchscheinwerfer. Doch eine kleine Welt für sich, mit eigenen Regeln. Lutz Seiler erzählt in seinem Buch »Kruso« die Geschichte von Edgar Bendler, genannt Ed, der im Sommer 1989 auf dieser Insel strandet. „Im Rausch der Sprache“ weiterlesen