Ein Buch wie ein Flächenbrand

Lavie Tidhar: Maror

Die Geschichte des Staates Israel lässt sich auf verschiedene Weise erzählen. Als Geschichte des Aufbruchs nach den Grauen der Shoah. Als Geschichte eines kleinen Landes, dass sich als einzige Demokratie des Nahen Ostens behauptet – umgeben von Todfeinden. Als Geschichte der Verwirklichung des Traums eines jüdischen Staates auf historischem jüdischen Boden. Als Geschichte einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft in permanentem Verteidigungszustand. Oder als Geschichte eines Landes, in dem sich Drogenkartelle und das organisierte Verbrechen ausbreiten, in dem die Korruption wuchert wie ein Geschwür und die Verstrickung zwischen Politik und Kriminalität zum Alltag gehört. Genau darum geht es in dem Roman »Maror« des israelischen Autors Lavie Tidhar. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und wie nebenbei tauchen historische Wegmarken und bekannte Namen auf, während sich viele kleine Tragödien in einem großen Drama abspielen – und alles ist miteinander aufs Engste verzahnt. 

Im ersten Kapitel, im Jahr 2003, lernen wir Avi Sagi kennen. Er treibt Schutzgeld oder andere ausstehende Beträge ein, ist ein Schläger und Mörder. Und arbeitet als Polizist in Tel Aviv. Als er zu einem Tatort gerufen wird – eine Autobombe ist explodiert – lernt er den berühmt-berüchtigten Chief Inspector Cohen kennen, »groß, adrett, ungefähr Ende fünfzig. Graue Augen, so kalt wie das Meer in einem fernen Land. Ganz bestimmt nicht das Mittelmeer.« Cohen, dessen Ermittlungserfolge legendär sind. Cohen, der über Leichen geht. Cohen, »der ständig die Bibel zitierte, wie es nur Menschen ohne Glauben je fertigbringen.« Cohen, für den Gerechtigkeit und Rache das gleiche sind. Cohen, der Mann im Hintergrund, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der Avi in sein Team aufnimmt. Ihm werden wir einige Kapitel später wieder begegnen, aber zuerst geht es weit zurück in das Jahr 1974, als Cohen selbst noch ein Neuling im Staatsdienst war und als Streifenpolizist in Haifa und Umgebung Patrouille fuhr. Und damit beginnt eine atemberaubende Reise durch viele Jahre voller Gewalt, Verbrechen und Tod. Jahre, in denen sich der Unterschied zwischen Gut und Böse mehr und mehr aufzulösen beginnt. 

Die Handlung des Romans ist in einzelne Episoden aufgeteilt, die in unterschiedlichen Jahren angesiedelt sind. Mal geht es um einen Serienmörder und ein erzwungenes Geständnis, mal um illegale Grundbesitzgeschäfte im besetzten Westjordanland, mal um Mord aus Habgier. Durch fein gesponnene Fäden sind die einzelnen Kapitel miteinander verknüpft, verweben sich immer dichter, bis sich das zentrale Thema des Buches herauszubilden beginnt: Der Drogenhandel und die organisierte Kriminalität. Und die zunehmend enger werdende Verflechtung mit staatlichen Strukturen.

Nun gibt es kaum ein Land, das sich nicht mit dem Problem des Drogenhandels und der damit einhergehenden Plage des organisierten Verbrechens herumschlagen muss. Doch bei einer Gesellschaft in permanentem Ausnahmezustand, bei einem Staat, der angesichts der ihn umgebenden Erzfeinde ununterbrochen um sein Überleben zu kämpfen hat, ist die Gefahr groß, dass der Zweck zunehmend die Mittel heiligt, dass sich Dinge zu verschieben beginnen – bis ein Verrutschen moralischer Maßstäbe nicht mehr aufzuhalten ist, wenn ein Kipppunkt überschritten wurde. In der Geschichte, die Lavie Tidhar in »Maror« erzählt, ist dieser Kipppunkt der Libanonkrieg im Jahr 1982. Geplant war eine schnelle Angriffsoperation, um die Terroristen der PLO zu besiegen, die sich im Libanon festgesetzt hatten. Doch der Angriff endete in einem blutigen Desaster und führte zu einer weiteren Eskalation des libanesischen Bürgerkriegs, der schon seit einigen Jahren andauerte – und die Kriegswirren öffneten Tür und Tor für den Drogenhandel über die israelische Grenze. Denn in jener Zeit war die Beeka-Hochebene im östlichen Libanon ein Zentrum des Cannabis-Anbaus. Und beim Drogenhandel spielen Politik oder Religion keine Rolle – alle wollen verdienen. Korrupte Militäreinheiten, Schmuggler, Polizisten, Juden, Moslems, Drusen – jeder redet sein Handeln für sich schön. Und wie immer und überall auf der Welt geht es um Geld, Macht und Einfluss. Es sind eindrucksvolle Kapitel, in denen Lavie Tidhar diese Strukturen aufschlüsselt und die Bedeutung jener Jahre für die Geschichte Israels herausarbeitet.

Und natürlich bleibt es nicht beim Haschisch. Je länger der Bürgerkrieg im Libanon dauerte, desto dramatischer wurde die Drogensituation: »Er war voll auf Koks. Seit Beginn der Invasion gab es im Libanon jede Menge von dem Zeug. Die schiitischen Flüchtlinge in Südamerika schickten tonnenweise rohes Kokain in die neu entstandenen Labore in Bekaa. Von dort wurde es nach Israel und nach Europa gebracht. Und mit dem Koks änderte sich alles. Mit dem Koks und dem Libanon.« 

Später dann werden israelische Libanon-Veteranen, die nicht mehr ins zivile Leben zurückgefunden haben, in Südamerika auftauchen, werden als Ausbilder für die Killertruppen kolumbianischer Drogenkartelle arbeiten, werden Waffen für die Contras in Nicaragua schmuggeln, werden Pinochets Armeeeinheiten in Chile trainieren. »Die Armee hatte ihnen einen Beruf verschafft und eine Aufgabe im Libanon, und als sie dort nicht mehr gebraucht wurden, waren sie für kaum etwas anderes gut.«

Offiziell gibt es sie nicht, sie arbeiten mal mit der CIA zusammen, mal ohne deren Kenntnis; gleichzeitig baut die israelische Mafia eigene Strukturen in den USA auf, um das Drogengeschäft, das durch den Libanonkrieg erst richtig in Gang gekommen ist, zu internationalisieren. Und immer mit Cohen als Strippenzieher im Hintergrund, der mal mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeitet, mal die Banden gegeneinander ausspielt; dem es egal ist, ob er es mit jüdischen oder arabischen Clans zu tun hat, der tötet oder töten lässt, ohne mit der Wimper zu zucken, der alle kennt, den alle fürchten – und der glaubt, mit seinem Handeln für das Gleichgewicht zu sorgen, das Israel für sein Überleben braucht. 

»Das Land«, sagte Cohen. »Ich diene meinem Land. Du findest unsere Arbeit abstoßend. Ich auch. Aber Habgier treibt mich nicht an, sondern das Bedürfnis nach Stabilität. ›Der Habgierige erregt Streit, / wer auf den Herrn vertraut, wird reichlich gelabt.‹ Buch der Sprüche 28. Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden. Verstehst du das?«

Als eine Art Gegenpol zu Cohen verkörpert die Journalistin Sylvie Gold die andere Seite des Landes; die Seite, die an Recht und Gerechtigkeit glaubt, die Seite, die sich verzweifelt gegen das Zerbröseln moralischer Werte stemmt. Verzweifelt und erfolglos, denn so viel sie auch recherchiert, aufdeckt und herausfindet – ihre Enthüllungsstories werden nie gedruckt. Mal wissen staatliche Stellen dies zu verhindern, mal wird sie massiv bedroht. Und vielleicht würde es auch niemanden interessieren. Nur einmal gibt es Hoffnung, als zu Beginn der neunziger Jahre ein Hauch von Frieden in der Luft zu liegen scheint. Als Sylvie ein neues Israel wahrzunehmen beginnt, allen dunklen Verstrickungen im Hintergrund zum Trotz. Bis diese Hoffnung am 4. November 1995 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin stirbt. Ermordet wird. Diese Tat erschüttert die gesamte Welt und sie wirkt in Israel nach bis heute. Danach dreht sich das Rad der Gewalt wieder und Cohen wird auf seine Weise weiter für Stabilität sorgen. Oder für das, was er dafür hält. Und im vierzehnten Kapitel – wir sind im Jahr 1994 und befinden uns auf einem Empfang, bei dem sich High Society und Gangster mischen – taucht an einer Stelle ein Name auf, der in den darauf folgenden dreißig Jahren zur größten Bedrohung des israelischen Staates werden sollte: »Netanjahu war gerade von seiner Amtszeit als israelischer Botschafter der UN zurück, hatte aber eine größere politische Laufbahn im Visier, und für diese würde er noch eine Menge Geld brauchen.«

Lavie Tidhars Roman fegt wie eine wuchtige Naturgewalt durch die Jahrzehnte israelischer Geschichte. Und wie ein unaufhaltsamer Flächenbrand verzehrt das Buch das Vertrauen in staatliche Organe und den Glauben an das Gute im Menschen. Der Titel »Maror« passt dabei perfekt, denn damit bezeichnet man die bitteren Kräuter, die bei der Mahlzeit zu Beginn des Pessach-Festes gegessen werden: »Mit bitteren Kräutern sollen sie es essen.« Exodus 12:8.

Und im Buchregal gibt es eigentlich nur einen einzigen passenden Platz: Direkt neben Don Winslows »Tage der Toten«. 

Buchinformation
Lavie Tidhar, Maror
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47397-9

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