Erdöl-Sozialismus

Harald Martenstein und Tom Peuckert: Schwarzes Gold aus Warnemuende

Jeder, der die Ereignisse des 9. November 1989 erlebt hat, erinnert sich an die Rede des SED-Funktionärs Günter Schabowski, in der er für alle Anwesenden vollkommen überraschend die Öffnung der DDR-Grenzen ankündigte. „Das trifft nach meiner Kenntnis…ist das sofort, unverzüglich“ – dieses Satzfragment brachte ein bereits angeschlagenes Staatsystem vollständig zum Einsturz. Doch was wäre gewesen, wenn Schabowski nicht die Reisefreiheit verkündet hätte, sondern etwas ganz anderes, etwas weitaus Spektakuläreres? Etwa, dass vor der Ostseeküste immense Erdölvorkommen entdeckt worden wären, so groß, dass sie selbst die Vorräte der arabischen Halbinsel überträfen? Und dass die DDR beabsichtige, jetzt in den illustren Kreis der erdölproduzierenden Länder einzutreten und umgehend mit der Föderdung begonnen werden soll. „Das trifft nach meiner Kenntnis…ist das sofort, unverzüglich“. Plötzlich ist die DDR das reichste Land der Welt und alles, wirklich alles wäre ganz anders verlaufen. Um dieses Szenario geht es in dem Roman „Schwarzes Gold aus Warnemünde“ des Autorenduos Harald Martenstein und Tom Peuckert. „Erdöl-Sozialismus“ weiterlesen

Schiffbruch eines Lebens

Anne von Canal: Der Grund

„Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist?“ Harte Worte. Es sind die Gedanken von Laurits Simonsen, dessen Leben Anne von Canal in ihrem Roman „Der Grund“ erzählt. „Heimat interessiert mich nicht. Sie ist eine Erfindung jener Leute, die nicht den Mut haben, auf ihre Fähigkeit zur Anpassung zu vertrauen.“

Was muss alles passiert sein, damit ein Mensch so denkt? Wie kommt es zu einer solchen Entwurzelung? Das Buch beginnt mit einem Schiffbruch, die erste Seite zitiert den Funkverkehr zwischen zwei Schiffen, eines davon in Seenot geraten. Es ist ein kurzer Dialog, der immer panischer wird und dann abbricht. Es folgt der dramatische Bericht eines Schiffuntergangs, bei dem 852 Menschen in den eisigen Fluten der Ostsee ertranken. Am 28. September 1994. Das Schiff war die Estonia. „Schiffbruch eines Lebens“ weiterlesen

Im Rausch der Sprache

Lutz Seiler: Kruso

174 Tote, 4522 Festnahmen. Das sind die Menschen, die versuchten, aus dem großen Gefängnis, dass sich Deutsche Demokratische Republik nannte, über die Ostsee zu entkommen. Nach Dänemark, dessen Küste von der Insel Hiddensee aus am Horizont zu sehen ist. Dazwischen das Meer. Eine unüberwindlich wirkende Barriere, doch gleichzeitig die Verheißung von Freiheit unter einem grenzenlosen Himmel. Hiddensee lag irgendwo dazwischen, nicht mehr ganz das Festland mit all seinen Zwängen, aber auch nicht wirkliche Freiheit angesichts der Patrouillenboote und Suchscheinwerfer. Doch eine kleine Welt für sich, mit eigenen Regeln. Lutz Seiler erzählt in seinem Buch „Kruso“ die Geschichte von Edgar Bendler, genannt Ed, der im Sommer 1989 auf dieser Insel strandet. „Im Rausch der Sprache“ weiterlesen