Zurück auf Null

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman. Der junge, unerfahrene Priester Christopher Fairfax wird vom Bischof von Exeter in einen abgelegenen Ort im Südwesten Englands entsandt. Dort war der Pfarrer bei einem Unfall ums Leben gekommen; Fairfax soll die Beisetzung regeln und alles für einen Nachfolger vorbereiten. Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten.

Nach einer beschwerlichen Reise durch dunkle Wälder, endlose Moorlandschaften und über Straßen, die kaum bessere Feldwege sind, erreicht Fairfax endlich Addicott St George. Oder Adcut, wie die Einwohner ihr Städtchen nennen. Ein Ort, wie er einsamer kaum sein kann, uralte Gehöfte und Häuser, in denen Menschen und Familien leben, die noch nie etwas anderes gesehen haben als die Felder, Bergketten, Täler und Wälder, von denen Adcut umgeben ist. Erschöpft wird er von Agnes Budd, der Haushälterin des verstorbenen Pfarres Thomas Lacy, in Empfang genommen und im Pfarrhaus einquartiert. Die aufgebahrte, verunstaltete Leiche des Pfarrers ist das Erste, das Fairfax im Kerzenschein zu sehen bekommt.

Das alles geschieht auf den ersten zwanzig, dreißig Seiten. Gleichzeitig tauchen vereinzelt Wörter auf, die nicht zum Geschehen passen wollen. Ein Sofa wird erwähnt oder ein Taschentuch. Als Leser stolpert man darüber. Gab es das im Jahr 1468? Hat der Autor bei der Recherche geschlampt, das Lektorat diese Kleinigkeiten übersehen? Bei einem Perfektionisten wie Robert Harris kaum denkbar.

Überhaupt ist die Stimmung in dem Ort von Beginn an seltsam. Pfarrer Lacy war umstritten und gleichzeitig ein beinahe besessener Sammler von Artefakten einer untergegangenen Zivilisation, die viele Jahrhunderte zuvor nicht nur diesen Teil Englands kulturell geprägt hat. Und von der heute kaum noch Spuren zu finden sind. An manchen Stellen stehen die Trümmer von Monumentalbauten, deren Sinn sich den Menschen des Mittelalters nicht erschließt. Oder man findet immer wieder in der Erde Gerätschaften, die einem vollkommen unbekannten Verwendungszweck dienten. Bei der Suche nach diesen Artefakten – die eigentlich von der Kirche streng verboten ist – war Pfarrer Lacy von einem hohen Felsen in die Tiefe gestürzt und zerschmettert gefunden worden.

Das Unbehagen beim Lesen wird größer, zu viel scheint nicht passen zu wollen. Und das ist grandios komponiert, denn irgendwann – immer noch zu Beginn des Buches – wird klar, dass wir uns zwar wirklich im Jahr 1468 befinden. Allerdings weit voraus in der Zukunft, als nach einer apokalyptischen, globalen Katastrophe die Zivilisation zusammengebrochen war und es nur noch um das nackte Überleben ging. Die gesamte Infrastruktur war vernichtet worden, ganz langsam eine neue Gesellschaftsordnung in England entstanden – auf Grundlage der Bibel und der Reste der christlichen Überlieferungen. Es gab ein neues Jahr Null und das England im Jahr 1468 der Zukunft ist ein Gottesstaat mit strengen Vorschriften, Ritualen sowie dem Bildungsstand und dem technischen Standard unseres bekannten Mittelalters.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich das alles verraten soll. Doch diese zeitliche Einordnung macht das Buch zu einer ganz besonderen Lektüre. Denn aus einem historischen Roman wird beim Lesen eine Dystopie und ohne diesen genialen Kniff zu erwähnen, kann dieses Buch eigentlich nicht angemessen gewürdigt und vorgestellt werden.

Christoper Fairfax merkt schnell, dass der Tod des Pfarrers mit zahlreichen Ungereimtheiten verbunden ist. Er stolpert in die abgeschottete Welt der kleinen Stadt, und je mehr er über den Toten erfährt, desto neugieriger wird er. Sehr beeindruckt ist er von der Bibliothek im Pfarrhaus, deren Umfang so gar nicht in solch eine abgelegene Pfarrei passen mag. Und die viele Bücher über Altertumsforschung enthält, die schon längst verboten und deren Verfasser im Kerker gelandet sind. Oder denen noch Schlimmeres widerfahren ist. Ebenso beeindruckend ist die Sammlung von ausgegrabenen oder gefundenen Artefakten, die der Verstorbene zusammengetragen hat – die Gegend rund um Addicott St George scheint zahlreiche Geheimnisse zu bergen, vielfältige Reste einer alten Kultur.

Steckt mehr hinter dem Tod des Pfarrers? War es tatsächlich ein Unfall? Weitere Menschen beginnen die Romanhandlung zu bevölkern. Da ist Rose, die stumme Nichte der Haushälterin, die vielleicht mehr weiß, als Fairfax denkt. Da ist Lady Durston, die Witwe eines Adligen, die im Anbau eines halbzerfallenen Herrenhauses lebt – auch ihr verstorbener Mann interessierte sich stark für die Artefakte und stocherte intensiv im Nebel der Vergangenheit herum. Da ist Captain Hancock, ein Kaufmann, der fest der Meinung ist, dass sich die Zukunft nur mit dem verloren gegangenen Wissen der unbekannten Vorfahren meistern lässt. Das wiederum zu erforschen die Kirche mit ihren strengen Vorschriften verbietet.

Ehe sich Fairfax versieht, wird er tiefer und tiefer in eine Geschichte hineingezogen, deren Dimensionen er zu Beginn nicht erahnen kann und die seine Vorstellungskraft weit übersteigen. Denn unter der Erde – und in der Bibliothek Pfarrer Lacys – liegen zahlreiche Geheimnisse. Sie betreffen zum einen die dunkle Geschichte des Ortes Addicott St George und geben zum anderen die Antworten auf viele Fragen aus der Vergangenheit. Antworten allerdings, die die Menschen jenes Mittelalters nicht verstehen können, da die Hinterlassenschaften unserer Welt in der Zukunft nicht anderes sein werden als Betonreste und Plastikschrott. Zum Beispiel kleine Geräte mit einem eingravierten Apfel auf der Rückseite, die keinen konkreten Nutzen zu haben scheinen. Und das Ende des Romans ist grandios und perfekt passend. Wie immer bei Robert Harris.

»Der zweite Schlaf« spricht Fragen an, die auch nach der Lektüre des Buches im Kopf bleiben. Da Menschen immer einen Halt im Leben suchen, werden Religionen auch dann Bestand haben, wenn nach einer Katastrophe das Rad der Zivilisation weit zurück gedreht wird. Wahrscheinlich sogar gerade dann. Und solange die Menschen mit Zwang und strengen Regeln in ihrer Unwissenheit eingepfercht bleiben, ist dem Missbrauch der Religion als Machtinstrument stets Tür und Tor geöffnet. Beispiele dafür gibt es in unserem Hier und Jetzt schon viel zu viele. Ob die Menschheit diese unselige Macht der Religion jemals überwinden kann?

Und was bleibt von unserer heutigen Welt, von unserer Kultur? Im echten Mittelalter waren es die Reste der Römer, die in vielen Städten davon zeugten, dass die zivilisatorische Entwicklung schon einmal weiter war, bevor alles dem Vergessen anheim fiel. Im neuen Jahr 1468 werden es die Trümmer von Autobahnbrücken, sinnlos gewordene Computerbildschirme und zersplitterte Mobiltelefone sein, verschüttet unter Trümmern, überdeckt von Schutt und Erde, überwuchert von Gestrüpp und Bäumen. Artefakte einer Kultur, die verdampfen wird, als hätte sie es nie gegeben. Von unserem hochtechnisierten Informationszeitalter wird es keine Überreste geben, nachdem alles im digitalen Nirvana verschwunden ist.

In der Abgeschiedenheit zwischen dunklen Wäldern, endlosen Moorlandschaften und einer leeren Landschaft mit Straßen, die kaum bessere Feldwege sind, wird niemand mehr wissen, was heute alles technisch möglich gewesen ist. Und die meisten Menschen wird es vielleicht auch gar nicht interessieren, da sie all ihre Kraft dafür brauchen, um einfach nur zu überleben. Und zu tun, was die Kirche vorschreibt.

In jenem kommenden Jahr 1468.

Buchinformation
Robert Harris, Der zweite Schlaf
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-27208-8

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