Tief in den Wäldern

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr und Castle Freeman: Männer mit Erfahrung

In diesem Beitrag geht es um zwei Bücher, die inhaltlich und stilistisch sehr verschieden sind. Doch sie haben ein verbindendes Element: Den Wald. Oder vielmehr den Wald als Rückzugsort von der Gesellschaft, als Versteck vor anderen Menschen, weitab von allem. Im zersiedelten und straßenzerschnittenen Mitteleuropa kann man sich solche Wälder nur schwerlich vorstellen, doch mit den Romanen „Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier und „Männer mit Erfahrung“ von Castle Freeman lernen wir Waldgebiete ganz anderer Dimensionen kennen. Und Lebensentwürfe, die so bei uns kaum möglich sein dürften.

„Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier

In „Ein Leben mehr“ muss die Hauptperson des Romans erst gefunden werden. Die Photographin, die uns als Ich-Erzählerin durch die Geschichte führt, ansonsten aber namenlos bleibt, ist auf der Suche nach letzten Überlebenden und Zeugen des Großen Brandes, der 1916 einen ganzen Landstrich in Kanada verwüstetete, Städte vernichtete und zahlreiche Todesopfer forderte. Eine Handvoll Menschen gibt es noch, die diese Katastrophe mit- und überlebten; damals waren sie Kinder, heute sind sie alt und leben überall verstreut. Die Photographin ist fasziniert von den alten Gesichtern, deren Falten ganze Geschichten erzählen, denn „ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sechzig oder achtzig später vor mir steht, mit einem ganz bestimmten Blick, ganz bestimmten Händen und einer ganz bestimmten Art zu sagen, dass das Leben gut oder schlecht gewesen ist.“

Geschichten, Mythen und Legenden, die sich vor die tatsächlichen Geschehnisse damals legen, in denen oft von einem Jungen die Rede ist, der von Brandwunden übersät durch die verwüstete Gegend lief, um seine Jugendliebe zu retten. Wie dieser Junge wohl als alter Mann aussieht? Was er wohl zu erzählen weiß? Die Photographin sucht. Und sucht. Und findet, von vagen Hinweisen und Gerüchten geleitet, eine Siedlung tief in den nordkanadischen Wäldern. Wobei „Siedlung“ etwas euphemistisch ist, es sind eher drei armselige Holzhütten auf einer Lichtung, in denen zwei alte Männer leben, Tom und Charlie. Nach und nach schafft sie es, deren Vertrauen zu gewinnen und erfährt bruchstückhaft, warum jemand ein Leben in der Einsamkeit eines endlosen Waldes wählt. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach und lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: „Man ist frei, wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt. Und wie man stirbt.“ Oder etwas ausführlicher: „Die alten Männer würden aus allen Wolken fallen, wenn man sie fragen würde, ob sie glücklich sind. Sie müssen nicht glücklich sein. Hauptsache, sie sind frei. Angst haben sie nur vor den Sozialarbeiterinnen dieser Welt und davor, ihre Freiheit zu verlieren.“

Im Laufe der Handlung kommt allerdings noch ein weiterer wichtiger Aspekt des Lebens dazu: Die Liebe. Die plötzlich alles verändern kann, auch wenn die Liebenden bereits beide ein hohes Alter erreicht haben. Und auf einmal spielt eben doch das Glück eine große Rolle.

Einfühlsam erzählt die Autorin die Geschichte eines Verschwindens, die Geschichte einer erwachenden Liebe, eines Lebens voller falscher Fährten und dem unbändigen Wunsch nach selbstbestimmten Leben. Während die Zeit vergeht, und das Älterwerden mit seiner ganzen Erbarmungslosigkeit zuschlägt. Das alles vor den längst verblichenen Erinnerungen an eine Brandkatastrophe, die vor vielen Jahrzehnten in einer anderen Welt stattgefunden hat. Ein ruhiges Buch und ein vollkommen entspannter Erzählstil. Ganz große Leseempfehlung.

„Männer mit Erfahrung“ von Castle Freeman

Vermont ist ein Bundesstaat im Nordosten der Vereinigten Staaten. Von seinen knapp 24.000 Km² sind 77 Prozent mit dichten Laubwäldern bedeckt, in dem sehr bergigen Staat leben nur 26 Personen auf einem Quadratkilometer. So viel Statistik muss sein, um zu begreifen, wie einsam es in den kleinen Städtchen zugeht, die weit verstreut in den endlosen (schon wieder dieses Adjektiv) Waldgebieten liegen. Lilian, eine junge Frau, ist wegen ihres Freundes gerade in solch einen abgelegenen Ort gezogen. Bald darauf war der Freund weg. Sie ist ist noch da und jetzt die Fremde. Und deshalb ziemlich einsam.

Als sie von einem etwas mehr als zwielichten Typen namens Blackway sehr direkt angemacht wird und dessen Avancen abwehrt, hat sie ein Problem. Ihre Katze liegt plötzlich tot vor der Türe. Blackway sitzt in seinem Pick-up und starrt sie von der gegenüberliegenden Straßenseite an, es beginnt sehr bedrohlich zu werden. Der Sheriff weigert sich zu helfen, folgender Dialog ist typisch für die lakonische Art, in der die Menschen in dieser Gegend miteinander reden:
„»Woher stammen Sie?«
»Nicht von hier.«
»Dann gehen Sie weg«, sagte der Sheriff.
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil ich nichts getan hab. Blackway hat was getan. Soll Blackway doch weggehen.«
»Blackway ist aber von hier«, sagte der Sheriff.
Sie schwiegen einen Augenblick.“

Lilian merkt, dass alle in der Gegend Angst vor Blackway haben, er ist ein extrem gewalttägiger Mann, der die Menschen durch bloße Andeutungen einschüchtert und terrorisiert. Auf der Suche nach Hilfe findet sie zwei Männer, die es trotzdem mit Blackway aufnehmen wollen: Der alte Lester und der junge Nate. Der eine steht schon mit einem Bein im Grab, denn „Männer wie Lester arbeiteten ihr Leben lang schwer und unter freiem Himmel, und die Jahre und das Wetter nagten an ihnen wie an einer alten Scheune oder einem alten Wagen: Wenn sie die mittleren Jahre erreicht hatten, waren sie Krüppel“. Nate wiederum ist ein Hüne im besten Alter eines jungen Mannes, der keiner Schlägerei aus dem Weg geht, es aber mit der Gerissenheit des erfahrenen Lesters nicht aufnehmen kann. Lilian und ihre beiden ungleichen Begleiter bilden ein etwas skurilles Trio, das sich auf den Weg macht, um die Region ein für allemal von der Blackway-Plage zu befreien. Und das ist genau so gemeint, wie es klingt. Das Problem ist nur, dass niemand genau weiß, wo in der Tiefe der Wälder dessen Behausung zu finden ist. Aber nach und nach kommen sie der Sache näher. Knochen werden brechen und es wird Blut fließen.

Es ist ein Buch voller liebevoll gezeichneter, ziemlich schräger Charaktere, roh, schweigsam und raubeinig. Dazu die bereits erwähnte lakonische Sprache und ein sehr trockener Humor, gewürzt mit einigen überraschenden Wendungen und ein paar Zusammenhängen, die erst nach und nach deutlich werden.

Und wie in „Ein Leben mehr“ ist auch in „Männer mit Erfahrung“ der Wald nicht nur atmosphärischer Hintergrund. Er ist der eigentliche Hauptdarsteller beider Handlungen, faszinierend in seiner gleichzeitigen Enge und Unendlichkeit. Unwegsam, spektakulär, voll lichter Schönheit und düsterer Geheimnisse.

Bücherinformationen
Jocelyne Saucier, Ein Leben mehr
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17652-7

Castle Freeman, Männer mit Erfahrung
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-00687-8 

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12 Kommentare

  1. Pingback: Rezension - Castle Freeman: "Auf die sanfte Tour"

  2. Pingback: #einkopfeinbuch bei Nagel & Kimche

  3. Zufälle gibt es! Gestern Abend habe ich die Lektüre von „Ein Leben mehr“ beendet und beim zuklappen des Buchdeckels gedacht, dass dieses Buch einmal eine Leseempfehlung für Dich wäre. Quasi als Dankeschön, weil ich schon so viele schöne Tipps auf diesem Blog gefunden habe! Heute morgen spült mir mein Newsreader diesen neuen Beitrag in die Timeline! Nun weiß ich, dass Du sie alle findest – die wirklich guten Bücher!
    Gruß Frank

    • Das ist wirklich ein sehr lustiger Zufall. Aber wenn Du ansonsten einen Tipp hast: Immer her damit.

    • Ja, es ist ein Buch, das lange nachhallt. Werde ich bestimmt auch noch vielen Menschen empfehlen.

  4. Ein Leben mehr ist ein wunderbares Buch – ich habe es durch Constanze von Zeichen&Zeiten. Fein gezeichnet und mit Überraschungseffekten.
    Schön, dass es hier noch einmal angesprochen wird. LG, Bri

  5. Das klingt nach zwei wirklich tollen Büchern! Ich bin in einer Kleinstadt umgeben von viel Wald und Grün aufgewachsen – natürlich ist das nicht zu vergleichen mit den riesigen Waldflächen in Kanada und Vermont! – und es gibt kaum einen Ort, an dem ich mich wohler fühle, als in der Abgeschiedenheit und Ruhe der Natur. Es ist schön, dass es darüber so tolle Bücher gibt :-).
    Lg Cora

    • Geht mir ähnlich, auch ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Genauer gesagt an deren Rand, mit Blick auf den Wald, in dem ich einen großen Teil meiner Kindheit mit herumstreunern verbracht habe. Vielleicht haben mich deshalb die beiden Bücher so sehr angesprochen.

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