Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

„Alles, was ich am Strand gefunden habe“ von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger „Graben“ sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen? „Eine Chance nutzen“ weiterlesen

In der Entfremdungszone

Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung

Ein idyllischer Anblick: Ein kleines Holzhäuschen, inmitten von Birkenwäldern. Ein Garten, umgeben von einem baufälligen, an vielen Stellen geflickten Zaun. Ein Garten, der Gemüse und Obst liefert, Kartoffeln, Kohl, Gurken, Äpfel, Rote Beete und vieles mehr. So lebt Walentyna, eine ältere Frau, die sich in diese Oase der Ruhe zurückgezogen hat. Aber die Idylle täuscht. Und wie sie täuscht, denn das Häuschen steht mitten in der Entfremdungszone, wie die Ukrainer das Sperrgebiet rund um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl nennen. In dieser verlassenen Gegend, immer noch hoch radioaktiv, inmitten zerfallener Städte, ausgeplünderter und von der Natur überwucherter Dörfer leben heute tatsächlich Menschen. Diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Walentyna gehört zu ihnen, denn sie hat bereits alles verloren. Mechtild Borrmann erzählt in „Die andere Hälfte der Hoffnung“ ihre Geschichte. „In der Entfremdungszone“ weiterlesen

Jeder Mensch ist eine Insel

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

Der Roman „Tage des letzten Schnees“ von Jan Costin Wagner beginnt mit einem schweren Autounfall, bei dem ein elfjähriges Mädchen stirbt. Den Leser lässt dieser Einstieg sprach- und hilflos zurück, die Situation ist emotional so nah beschrieben, das man es kaum aushält. Wäre mir das im Vorfeld bekannt gewesen, dann hätte ich das Buch ziemlich sicher nicht gekauft. Und mir wäre eine intensive Leseerfahrung entgangen. „Jeder Mensch ist eine Insel“ weiterlesen