Ein Buch wie ein Rocksong

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Als ich das Buch »Die wilde Ballade vom lauten Leben« von Joseph O’Connor gekauft habe, wusste ich noch nicht, auf was für eine atemlose und sehr persönliche Gedankenreise mich dieser Roman schicken würde. Der Klappentext versprach die Geschichte einer Rockband mit ihren Höhen und Tiefen, die sich nach ihrem Überraschungserfolg zerstreiten würde; alles sei erzählt mit schrägem irischem Humor. Etwas für Zwischendurch, dachte ich. Etwas zur Entspannung, dachte ich. Doch weit gefehlt: Als ich das Buch nach fünf Jahren im Bücherregal endlich zur Hand nahm, fand ich darin viel, viel mehr als entspannende Unterhaltung. Und was ich am Ende bekommen habe, war nicht nur eine Romanhandlung, sondern ein Buch wie ein Rocksong aus Papier, Gänsehaut-Feeling inklusive.

Dabei konnte ich zu Beginn nur wenig mit der Handlung anfangen, es war okay, aber nicht mehr. Bis ich auf Seite 153 auf eine Passage stieß, die mich innehalten ließ. Nur ein paar Zeilen, aber die haben mich gepackt und regelrecht in die Story hineingerissen. Aber der Reihe nach.

Erzählt wird die Geschichte von Robbie »Rob« Goulding und Francis »Fran« Mulvey; zwei äußerst unterschiedliche Jungs, die zu besten Freunden werden und beginnen, zusammen Musik zu machen. Robbie stammt aus einer Arbeiterfamilie und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf; er ist eher der etwas ruhigere, dafür aber hemdsärmelige Typ. Fran ist als vietnamesisches Flüchtlingskind in den Siebzigern nach England gekommen und durch die Hölle liebloser Pflegefamilien gegangen. Androgyn, extrem exzentrisch gekleidet und vollkommen unnahbar ist er die auffälligste Erscheinung in der Provinz-Uni im kleinstädtischen Luton. Wir befinden uns in den beginnenden Achtzigerjahren; gemeinsam haben die beiden ihre Außenseiterrollen, und aus einer Schicksalsgemeinschaft wird Freundschaft. 

Und aus dem dilettantischen Musikprojekt entsteht eine Band, als Trez, die eigentlich Sarah heißt, und Seán dazustoßen, ein Geschwisterpaar. Trez ist ein musikalisches Wunderkind, spielt Geige und Cello genauso exzellent wie Bass und für Seán bedeutete Schlagzeugspielen das Ticket in ein neues Leben.

Das alles erfahren die Leser aus verschiedenen Perspektiven: Meistens berichtet Robbie als Ich-Erzähler von den lange zurück liegenden Geschehnissen. Inzwischen ist er ein Mann Ende Fünfzig, der auf einem nicht mehr ganz taufrischen Hausboot auf der Themse lebt. »Hierher hat es mich verschlagen, als mein Leben auf Grund lief, in diesen Archipel alter Kähne nicht weit vom Zentrum Londons. Zuflucht vor dem Sturm.« Verbitterung liegt in der Luft. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit den anderen Bandmitgliedern, Tagebucheinträge und Rückblicke sowie die Perspektive von Robbies erwachsener Tochter Molly. 

Und in einem dieser Rückblicke bin ich auf die vorhin erwähnte Passage gestoßen, die mich bei Lesen innehalten ließ. Seán berichtet, wie er als jugendlicher Intensivtäter im Jugendknast saß. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet, bis es einem der Betreuer gelingt, seine Begeisterung für Musik, für das Schlagzeugspielen zu wecken. 

»Es gibt Tage im Leben, da ändert sich alles. Meiner Erfahrung nach sind das Tage, die nicht danach aussehen. Du betrittst einen Raum. Am Fenster steht ein Schlagzeug. Jeder Freund, den du haben wirst, jedes Land, das du sehen wirst, die Frau, von der du nicht wusstest, dass du sie bekommen wirst, deine wunderbaren Kinder, dein ganzes Leben. Alles geht auf den Tag zurück, an dem du zum ersten Mal getrommelt hast. Unheimlicher Gedanke, dass es vielleicht nie passiert wäre.«

Damit war der Funke endlich übergesprungen. Denn Gedanken dieser Art habe ich oft. Das Leben vergeht und wenn ich zurückblicke, gibt es eine Handvoll Tage, die alles verändert und geprägt haben, die den Weg bereiteten bis zum Moment, in dem ich das gerade schreibe. Und gleichzeitig ist dabei immer die Frage im Raum, wie ein Leben anders hätte verlaufen können – wenn eine Entscheidung anders gefallen wäre, wenn ich einmal »nein« statt »ja« gesagt hätte oder umgekehrt, wenn ich einen Raum vielleicht ein paar Minuten später betreten hätte. Oder, in einem extremen Fall, wenn ich einmal zehn Sekunden langsamer gelaufen wäre. Es mögen müßige Gedanken sein, aber ich habe schon viele Stunden mit ihnen verbracht.

Jetzt hatte mich das Buch und ich begleitete die Band auf ihrem Weg, der erst einmal steil bergab führte. Nach einem Umzug nach New York folgt ein Leben im Abbruchhaus, es folgen Drogen, viele Drogen, viel Sex, viel Alkohol, alles nur einen Hauch vor dem endgültigen Absturz entfernt. Dann gab es eine erste kleine Chance, dann die zweite, dann plötzlich der Durchbruch, ein paar Jahre werden die »The Ships« als Weltstars gefeiert. Grandios sind die Hits der Band in die Musikgeschichte der Achtzigerjahre eingebettet, zahllose echte Namen tauchen auf und vermischen sich mit erfundenen Erfolgen einer erfundenen Band. Alles wirkt so authentisch, dass ich fast glaubte, ich hätte deren Musik in meiner Jugend tatsächlich gehört. Dann platzt der Traum, brutal und endgültig. Und die Bandmitglieder zerstreuen sich in alle Welt.

Was war geschehen? Mit dem Ich-Erzähler Rob schauen wir aus der Gegenwart auf die Bandgeschichte zurück. Nach und nach wird klar, was ihm seinerzeit den Boden unter den Füßen weggezogen, was ihn zu einem enttäuschten Menschen gemacht hat, zu jemanden, der ohne Ziele, ohne Träume lebt. Alles was er hat, sind seine Erinnerungen, sehr schöne, aber auch sehr bittere. 

Doch da ist noch mehr, noch sehr viel mehr. Denn im Laufe der Erzählung wird er feststellen, dass es Menschen gibt, auf die man sich verlassen kann und die füreinander da sind – auch wenn es der andere nicht immer merkt. Es geht um Freundschaft. Um Verbundenheit, über all die Jahre hinweg. Und es geht um die Macht der Musik, die Macht eines Rocksongs. Musik ist nicht nur ein Erinnerungsspeicher, sondern sie kann auch die Energie über die Zeit retten, die sie einmal für einen ausstrahlte. Denn die Erinnerungen an die Musik, die man mochte, sind immer auch eine Reise zu sich selbst, zu dem Menschen, der man einst war, bevor Alltag und Enttäuschungen so vieles im Leben überlagerten. Musik kann diesen Menschen wieder hervorholen – und das wird für Robbie allerhöchste Zeit. 

»Dann gibt es noch die Fehlschläge, die man aus ganz anderen Gründen bedauert, wenn man nur die Sprache hätte, um es auszudrücken, aber die hat man nicht und bekommt man jetzt auch nicht mehr. Deshalb haben wir Songs. Die wissen, dass wir überfordert sind. Sie dringen in die interstellaren Räume zwischen den Tintenklecksen vor, die wir Wörter nennen, leben ohne Sauerstoff, heben die Entfernungen auf.«

Ich bin ein Buchmensch durch und durch, und es gibt viele Textstellen, die mich an wichtige Zeiten meines Lebens erinnern. Doch gegen die Macht eines Songs kommen sie nicht an – Musik ist eine Zeitkapsel, bei der nur wenige Takte genügen, um Erinnerungen hervorzurufen, so lebendig, als wären sie nicht Jahre, sondern nur ein paar Tage her. Literatur und Musik – zwischen diesen beiden Welten schlägt »Die wilde Ballade vom lauten Leben« eine perfekte Brücke. Als großartige Liebeserklärung an die Macht der Rocksongs, die einen das ganze Leben begleiten.

Bonustrack: Ein Erinnerungs-Mixtape

Nachdem ich das Buch beendet hatte, begann ein regelrechtes Gedankenkarussell; es sind eine Menge Songs, mit denen ich etwas verbinde, ein bestimmtes Erlebnis, manchmal nur einen kurzen Moment, manchmal auch ein ganzes Jahr. Es sind Erinnerungen an Situationen, die sich eingeprägt haben und die ich mit ein paar Takten Musik sofort wieder abrufen kann. Aber auch Erinnerungen an Menschen, an schöne und traurige Erlebnisse, an ausgelassene Abende oder melancholische Herbstnachmittage. Daraus ist eine Gedankenreise entstanden, die mich weit in der Zeit zurückgeführt hat. Und ein paar Stationen habe ich aufgeschrieben.

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – das ist die Musik die ich mag. Laut muss sie sein und mitreißend. Ich bekomme Gänsehaut, wenn im Song »Let It Die« von den Foo Fighters in Minute 3:36 die Sologitarre einsetzt. Oder bei »State of Love and Trust» von Pearl Jam, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Überhaupt Pearl Jam: Dieser Band verdanke ich mit »Alive« den Soundtrack eines ganzen Jahres. 

Meine erste große Reise führte mich 1988 per Interrail bis nach Marrakesch. Hier, im Innenhof eines Hostels, schwärmte ein anderer Reisender von einer Sängerin namens Tracy Chapman, die gerade ihr erstes Album veröffentlicht hatte. Er gab mir seinen Walkman, um einmal hineinzuhören. Ich schaltete ein, und hatte mitten in der marokkanischen Nacht »Talkin‘ Bout a Revolution« im Ohr. Ein Song, der mich damals vollkommen umgehauen hat – und die Themen, über die sie singt, sind heute noch so aktuell wie vor 32 Jahren. 

Durch die nächtliche Stille eines südfranzösischen Campingplatzes schallte im Sommer 1987 ein Song voller Kraft und Melancholie. Nur dieses eine Lied, dann war alles wieder vollkommen ruhig. Ich lag auf meiner Isomatte vor dem Zelt und war hingerissen. Es dauerte Monate, bis ich herausgefunden hatte, dass dies »Theme From Subway Sue« von Pavlov’s Dog gewesen war. 

Anfang der Neunziger lief »Losing My Religion« von REM die Playlists rauf und runter. Heute hat man diesen Song schon tausend Mal gehört, aber damals war er neu und elektrisierend. Ich verbinde ihn für immer mit einem Abend in einem Freiburger Club (hat man damals schon »Club« gesagt?) und mit dem Gefühl von Scherben unter den Schuhsohlen auf der Tanzfläche. Es war ein rauschhafter Moment, möglicherweise habe ich die Gläser heruntergefegt; ich weiß es nicht mehr. Vielleicht kann sich meine gute Freundin Julia daran erinnern, die hier gelegentlich mitliest. 

Es war auf einer anderen Tanzfläche in einem vollkommen verqualmten Raum, wo ich zum ersten Mal das grandiose Gitarrensolo von Carolyne Mas im Song »Sittin‘ in the Dark« erlebt habe. Ich war nicht nüchtern und es ist ziemlich lange her, aber fast meine ich noch das von der Decke tropfende Kondenswasser zu spüren und die neben mir ekstatisch tanzenden Menschen am Rand des Gesichtsfelds wahrzunehmen. 

Ein paar Jahre später war die Musik von Nirvana wie ein Erweckungserlebnis, der Rausch einer Tanzfläche mit sich zu »Smells Like Teen Spirit« umherschubsenden Menschen ist unvergesslich – was für eine Energie! Und selten haben die Zigarette und das Bier danach so gut geschmeckt. Es war die Zeit, in der es normal war, morgens mit pfeifenden Ohren und Kopfweh aufzuwachen, während die Kleidung des Vorabends roch wie Problemmüll. Es war mein lautes Leben und ich habe es geliebt. 

»Tonight, Tonight« von den Smashing Pumpkins bringe ich in Gedanken stets mit einer Freundin zusammen, mit der ich an einem 31. Dezember zu einer Silvester-Party getrampt bin. Es ging von Hamburg nach Köln, wir waren zu dritt unterwegs, erhielten Bierdosen in die Hände gedrückt, saßen auf Bierkästen in einem Lieferwagen, bekamen von einem Fahrer einen Joint angeboten, waren in einen Auffahrunfall verwickelt und wurden zum Schluss auf der Standspur der Autobahn rausgelassen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später in Köln leben würde. Jene Freundin begann schon damals, Mitte der Neunziger, mit ersten größeren Tattoos zu experimentieren. Wir haben uns aus den Augen verloren und ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist. Außer, dass sie wahrscheinlich heute durchtätowiert sein dürfte und vermutlich irgendwo als Architektin arbeitet. 

»Am Fenster« von City ist einer der wenigen Songs, bei dem ich einen deutschen Text erträglich finde. In einem Lagerschuppen außerhalb Freiburgs lief er jeden Mittwoch als letztes Lied des Abends – und es war nicht immer ganz einfach, den vielen Öko-Barfußtänzern nicht auf die Zehen zu treten. 

Ich erinnere mich an eine Fahrt durch das nächtliche Berlin. Im alten Golf eines Freundes, der schon viele Jahre dort lebte, bretterten wir durch die Straßen und hatten das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort unterwegs zu sein. Entlang der Kreuzberger Hochbahn schrie sich Skin, die Sängerin von Skunk Anansie in voller Lautstärke ihre Wut aus dem Leib. »Stoosh« ist eines der großen Alben der Neunziger und »Brazen« dessen Hymne. 

»One« von U2 bringt mich sofort zurück in die irische Connemara, die ich zusammen mit einem Freund zu Fuß durchquerte. Oder zumindest liefen wir ein paar Tage einfach darauflos. Ohne Zelt, mit viel zu schweren Rucksäcken und einer Gitarre, auf der jener Freund versuchte, diesen – damals ganz neuen – U2-Song  zu spielen. Unterwegs stoppten wir an einem CD-Laden in einer kleinen Stadt im Nirgendwo und baten darum, den Text abschreiben zu dürfen. Und liefen weiter. Es war März, ständig zogen Regenwolken am Horizont auf, doch irgendwie haben wir immer einen trockenen Platz zum Schlafen gefunden. 

Das Album »August And Everything After« von den Counting Crows ist Melancholie pur. Ich weiß nicht, wie oft ich »Omaha« oder »Raining in Baltimore« im Herbst des Erscheinungsjahres gehört habe, während ich in meinem kleinen WG-Zimmer am Dachgaubenfenster saß und auf den Regen oder den Nebel oder den Dunst geschaut habe. In Dauerschleife. Wahrscheinlich haben mich die anderen Bewohner des Hauses gehasst. 

Und manchmal reicht auch einfach nur eine einzige Gitarre und eine eindrucksvolle Stimme, so wie beim Song »To Leave Something Behind« von Sean Rowe – ein Lied, das ich hörte, als ich dabei war, mein Elternhaus auszuräumen. Es lief in meiner Playlist, und als mir die Bedeutung der Worte klar wurde, kamen die Tränen. To leave something behind. 

Zurücklassen müssen wir viel, wenn die Jahre vergehen und wir älter werden. Ein Leben zu führen wie in jener grandiosen, rauschhaften Zeit, ständig unterwegs, rauchend, trinkend, niemals schlafend – das würde ich heute keine Woche mehr durchhalten. Manchmal kommen mir viele dieser Erinnerungen fast so vor, als hätte ich sie geträumt – und in Zeiten von Corona-Kontaktbeschränkungen wirken sie noch ein Stück unwirklicher. Aber da ist die Musik. Sie ist immer noch da, sie bringt die Bilder in den Kopf zurück und dann weiß ich: Es ist alles wahr. 

Was wäre jetzt der passende Abschluss für diesen langen Blogbeitrag? Vielleicht ein Zitat aus einem der schönsten Songs des großen Bruce Springsteen: »No retreat, baby, no surrender!«

Zum Nachhören gibt es das Erinnerungs-Mixtape auf Spotify

Buchinformation
Joseph O’Connor, Die wilde Ballade vom lauten Leben 
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-002296-7

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