Nummer 122892

Juan Gómez Bárcena: Kanada

»Dein Haus steht noch. Du hattest die Hoffnung, dass es eingestürzt wäre. Vielleicht ist Hoffnung nicht das angemessene Wort, doch wenn nicht, welches dann? Du hattest, so viel kannst Du sagen, die Gewissheit, dass es dein Haus nicht mehr gab, und gleichzeitig die Gewissheit, dass dies überhaupt keine Rolle spielte.« So beginnt der Roman »Kanada« von Juan Gómez Bárcena.

Das Haus, in dem er lebte und glücklich war, existiert noch. Doch der Mann, der es betrachtet, steht vor den Trümmern seines Lebens. Und langsam tastet er sich voran, betritt das Haus, wird von seinem Nachbarn jovial begrüßt, findet sich in der ausgeplünderten, nur notdürftig möbilierten Wohnung wieder. »An den weißen Wänden schattige Stellen, die aussehen wie zugemauerte Fenster – dort, wo früher einmal Fotografien und Gemälde hingen. Du bleibst vor einem dieser nachgedunktelten Rechtecke stehen und versuchst, dich zu erinnern. Es gelingt dir nicht.« Was war geschehen? Und wo war er gewesen?

Die letzte Frage beantwortet er stets mit »Kanada«, er sei in Kanada gewesen. In Kanada konnte er überleben, während so viele andere um ihn herum starben. Umgebracht, ermordet wurden.

Der Mann verlässt die Wohnung nicht mehr. Er versucht, anzukommen. Es gelingt ihm nicht und von Tag zu Tag, von Woche zu Woche wird er verzweifelter. Seine körperliche Hülle hat überlebt, alles andere, was einen Menschen ausmachte, ist in jenem Kanada geblieben. Juan Gómez Bárcena findet dafür Worte, die unter die Haut gehen:

»Du gehst durch eine Wohnung, die dir nicht gehört. Sie ist auf dieselbe Weise dein Eigentum, wie der Leichnam eines geliebten Menschen es wäre: Er gehört niemandem sonst, doch ist er auch nicht wirklich dein, du willst ihn so schnell wie möglich mit Erde bedecken und nur die Erinnerungen an ihn behalten. Oder gar nichts behalten – eine leere Stelle. Doch deine tote Wohnung kannst du nicht beerdigen. Du kannst höchstens, ohne anzuhalten, durch diese Räume streifen, die wie die Zimmer eines Hotels oder einer Pension aussehen. Im Vorübergehen mit der Hand über die die Wand und die Fensterscheiben streichen, deren Kühle du noch wiedererkennst. Dieselben Fenster, dieselben Türen, dieselben Schalter.«

Es ist eine Sprache, die mich als Leser vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Das Buch hat gerade einmal 191 Seiten, doch diese haben es in sich. Sind so voller Bilder und Stimmungen, aus jedem Satz, jedem Wort spricht eine abgrundtiefe Trauer, eine Leere, die nie wieder ausgefüllt werden kann. Steven  Uhly hat den Roman großartig übersetzt.

Anfangs bleibt man eine Weile im Unklaren über Zeit und Ort, doch – obwohl nur sehr verstreut Hinweise eingeflochten sind – ist es schnell klar, dass die Handlung im Budapest des Jahres 1945 angesiedelt ist. Der Krieg war gerade zu Ende gegangen und die Überlebenden aus den Konzentrationslagern kehren an ihre Heimatorte zurück. Oder versuchen es zumindest, wie der Mann, der sich irgendwann in ein Zimmer der Wohnung zurückzieht, es kaum noch verlässt, während der Nachbar und seine Frau ihn widerwillig und mit steigender Verständnislosigkeit versorgen – dann aber nach und nach in den anderen Zimmern Untermieter einquartieren. Dem Mann ist es egal, die Gegenwart interessiert ihn nicht mehr. Sein Leben verläuft auf dem schmalen Grat zwischen Apathie und Wahn. Jahre werden vergehen, in denen der Kontakt zur Außenwelt sich auf kurze Gespräche mit seinem Nachbarn beschränkt. Doch ganz langsam sickert die Wirklichkeit in das Zimmer des Mannes. Und dann fallen in den Straßen Budapests wieder Schüsse.

Vieles bleibt vage, die Verfolgung, die Deportation und das Überleben werden erst nur nur angedeutet, bis sich nach und nach die Ereignisse herauszuschälen beginnen, die dieses tiefe Leid verursacht haben. Juan Gómez Bárcena ist ein Buch gelungen, dass wie selten ein Roman auf eine schmerzhafte Weise von den Leiden der Überlebenden erzählt. Von jenen etwa, die Glück hatten, weil sie in »Kanada« waren. Nach der Lektüre habe ich recherchiert, was es damit auf sich hatte – und bin auf Bilder gestoßen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen werden.

Der Mann ist ein Verlorenener, der verzweifelt versucht, zu vergessen. Und ebenso verzweifelt versucht, sich zu erinnern. Beides wird ihm nicht gelingen. Das Wüten der Mörder hat ihm alles genommen: Seine Familie, seine Liebe, seinen Stolz und seine Würde. Es gibt keine Erinnerung mehr an das Schöne in seinem Leben; dazu kommt das schlechte Gewissen, überlebt und womöglich zu wenig zur Rettung seiner Familie unternommen zu haben. Und um die Bilder des Grauens in seinem Kopf wieder wachzurufen, genügt ein kurzer Blick auf seinen Unterarm. Auf diese Zahl, die ihm seine Peiniger eintätowiert haben, so wie es in einem Konzentrationslager üblich war. Damit wurden sie angeredet, sie waren keine Menschen mehr, sondern Nummern.

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»Kanada« ist Literatur, wie man sie nicht oft findet. Mir wäre dieses Buch fast entgangen, wenn ich nicht durch die lesenswerten Besprechungen in den Blogs Poesierausch und Lesen macht glücklich darauf aufmerksam geworden wäre. Beide Buchvorstellungen machten mich neugierig auf den Roman, gerade auch weil weder Buchtitel, Buchcover noch Klappentext etwas über den wahren Inhalt verraten. Der erschließt sich den Lesern erst nach und nach, bis hin zu einem dramatischen Höhepunkt auf den letzten drei Seiten. Dann steht die ganze Geschichte des Mannes vor einem. Und seine Leere.

In vielen Buchbesprechungen wird mit Worten wie »großartig«, »bewegend«, »grandios« oder ähnlichen Bezeichnungen um sich geworfen, auch ich neige gerne dazu. Da dabei kaum Steigerungsmöglichkeiten vorhanden sind, möchte ich es diesmal ganz schlicht handhaben: Ihr solltet dieses Buch lesen.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Das Unerzählbare.

Buchinformation
Juan Gómez Bárcena, Kanada
Aus dem Spanischen von Steven Uhly
Secession Verlag für Literatur
ISBN 978-3-906910-34-5

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Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. „Ein Fremder unter Fremden“ weiterlesen