Die Geschichte einer Rache

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Das Cover des Buches »Die Harpyie« von Megan Hunter ist phänomenal, ein echter Hingucker und hätte eigentlich gleich mein Interesse geweckt. Eigentlich. Denn den Vorgängerroman der Autorin fand ich sehr enttäuschend, fast schon banal. »Vom Ende an« war eine Dystopie mit viel zu gewollt apokalyptisch-dramatischer Sprache, ein ermüdendes Buch, das vom Verlag als »ein weibliches Gegenstück zu Cormac McCarthys ›Die Straße‹« angekündigt war – doch von diesem Meisterwerk war es weit entfernt. Aber gut, manchmal passen Bücher und Leser einfach nicht zusammen. Nun also der nächste Versuch, denn nachdem ich mehrere begeisterte Stimmen zu »Die Harpyie« gehört hatte, zog das zweite Buch von Megan Hunter in mein Bücherregal ein. Gleich vorab: Geblieben ist es dort nicht. 

Die Ausgangslage der Story ist schnell zusammengefasst. Lucy und ihr Ehemann Jake leben ein typisches Mittelstandsleben in einer altehrwürdigen englischen Uni-Stadt; es könnte Cambridge sein. Ein Häuschen, zwei kleine Kinder, sie ist zu Hause, er pendelt zum Job. Und um sie herum läuft die Gentrifizierung, die Gegend wird teurer und teurer, während Jakes Karriere stagniert und Lucy sich vor allem um die Kinder kümmert. Von zu Hause aus schreibt sie als Freiberuflerin Werbetexte und Gebrauchsanweisungen – das ist alles, was von ihrem Traum, Schriftstellerin zu werden oder eine Uni-Laufbahn anzustreben, übriggeblieben ist. Dann erfährt sie durch einen Anruf, dass Jake eine Affäre mit einer Kollegin hat. Diese Szene, als das Telefon klingelt und ihre Welt danach eine andere sein wird, hat mich sehr beeindruckt.

»Das ist er: der letzte Augenblick. Die Kinder gucken Fernsehen. Die Sonne ist untergegangen, der Garten nur noch ein dunkles Rechteck am Hinterausgang. Ich sehe mich an. Ich sehe sie an. Sie dreht den Schalter, der Backofen ist an, von hinten beleuchtet wie eine Bühne, wie eine Woge heißen Atems. Das Telefon, erhoben. Sie weiß es nicht, sie weiß fast gar nichts. Ihre Haut ist klar, faltenlos, sie ist gerade einmal Mitte Dreißig. Nicht schön. In keiner Weise außergewöhnlich. Aber eines hat sie: Ihr Unwissen, es reicht von diesem Augenblick in die Ewigkeit, gehört ihr.«

Lucy stellt ihren Mann zur Rede, der sich halbherzig entschuldigt. Sie verabreden eine Wiedergutmachung: Lucy darf sich drei Mal rächen, ihn drei Mal verletzen – ohne vorher zu verraten, wann, wie und womit. Es beginnt wie ein schräges Vergeltungsspiel und wird zu einem grenzüberschreitenden Psychodrama.

Was nach einer spannenden Plot-Idee klingt, funktioniert in der Ausgestaltung leider überhaupt nicht, trotz des gelungenen Einstiegs. Zwar gibt es immer wieder starke Textstellen voller Wut und Zorn, die aus Lucys angeschlagenem Selbstbewusstsein hervorlodern. Sie werden allerdings überdeckt von einem Selbstmitleid, das schon obsessive Züge annimmt. Überforderungen, Enttäuschungen, ein überholtes Rollenbild, die schon angeschlagene und durch die Untreue ganz zertrümmerte Ehe – das alles wird bei Lucy zu einem permanenten gedanklichen Kreisen um ein So-habe-ich-mir-mein-Leben-nicht-vorgestellt-Gefühl. Und ja, sie ist – wie so viele – Opfer der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, der beruflichen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, der Mutterschaft als Karrierebremse, der ungedankten Care-Arbeit, die an ihr hängen bleibt, während Jake den ganzen Tag außer Haus ist. Doch bei allem Mitgefühl für Lucys verfahrene Situation nimmt der alles überlagernde klagende Tonfall der Handlung jegliche kämpferische Eleganz.  

Natürlich ist Jake, der als Figur etwas blass bleibt, derjenige, der mit seinem unentschuldbaren und rücksichtslosen Verhalten die Verantwortung für die Eskalation trägt. Und natürlich sind die unzähligen kleinen Risse, die Lucys Träume beschädigten und einstürzen ließen, vielen von uns wohlbekannt. Sind die Zwänge des Alltags, die viele unserer Sehnsüchte zu Staub mahlen, allgegenwärtig und keinem von uns fremd. Doch wenn Menschen so tief in ihrem Selbstmitleid versinken – egal ob in einem Roman oder im realen Leben – dann klinke ich mich gedanklich aus. Denn wer ununterbrochen die Umstände beklagt, anstatt dafür zu kämpfen, dass sie sich zumindest für das eigene Leben ändern, dem ist nicht zu helfen; mein Empathie-Vorrat war bei der Sprache des Buches recht schnell aufgebraucht. Und Lucy wird nicht zu einer wütenden Kämpferin, sondern zu einer ins Wahnhafte abdriftenden Rächerin.

Der Kontext zur titelgebenden Harpyie – einem Verderben bringenden Vogelmischwesen der griechischen Mythologie – wird dabei mit kurzen Texteinschüben hergestellt. Diese wirken allerdings extrem gekünstelt, so, als müsse der Inhalt des Romans irgendwie zum Titel gequetscht werden. Und gegen Ende, als die Eskalation der Handlung nicht mehr aufzuhalten ist, bekommen wir mit ein paar schnell eingeschobenen Sätzen eine in Lucys Jugend zu findende Erklärung für ihr Verhalten geliefert. Das wirkt wie mit der Brechstange hineingestemmt, als sei der Autorin gerade eingefallen, dass da ja noch etwas fehlt. 

Es ist schade. »Die Harpyie« ist ein Roman mit einer guten Grundidee, der wichtige gesellschaftliche Probleme aufgreift, aber in der Umsetzung gar nicht gelungen ist. Andere sehen das vollkommen anders; so gibt es etwa im Literaturblog Bücherwurmloch eine sehr begeisterte Besprechung. Doch hätten wir immer alle die gleiche Meinung, wäre es ja schnell sehr langweilig. 

Schreibt mir doch gerne Eure Meinungen zu diesem Buch in die Kommentare – sie würden mich sehr interessieren. 

Buchinformation
Megan Hunter, Die Harpyie
Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen
Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-76663-3

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