Schon alles gesagt. Eigentlich.

Caro Claire Burke: Yesteryear

Über dieses Buch ist schon alles gesagt. Zumindest fühlt es sich so an, denn ich weiß nicht, wie viele Rezensionen, Buchvorstellungen und Texte über den weltweiten Bestseller »Yesteryear« von Caro Claire Burke in den letzten Monaten geschrieben wurden. Ziemlich viele jedenfalls, zumindest war der Roman eine Weile lang allgegenwärtig. Daher muss ich mich hier im Blog eigentlich nicht mehr dazu äußern, denn wer wollte das noch lesen? 

Ich muss nichts zu der Hauptperson aus »Yesteryear« sagen, der Ich-Erzählerin Natalie Heller Mills, die aus christlich-konservativer Familie stammt, mit ihrem Ehemann Caleb völlig abgelegen auf einer Farm lebt, dort eine Heile-Welt-Idylle mit klassischen Rollenbildern zelebriert und damit zu einer erfolgreichen Tradwife-Influencerin wird. 

Muss nichts über die Farm schreiben, die den Namen »Yesteryear Ranch« trägt und von Calebs reichem Vater, einem republikanischen Senator, gekauft wurde, um seinem Sohn eine Beschäftigung zu verschaffen. 

Muss nichts von Caleb erzählen, Natalies Ehemann, verklemmt, reich und dümmlich. Wenn doch, dann würde ich die Stelle zitieren, an der Natalie merkt, wen sie da eigentlich geheiratet hat: »In diesem Moment wurde mir das Ausmaß der Krise bewusst. In diesem Moment verstand ich, dass mein Ehemann wirklich und wahrhaftig ein Volltrottel war. (…) Bei einem unserer ersten Dates hatte Caleb gesagt, er sei ›kein Bücherwurm‹, aber ich fürchte, das war die Untertreibung des Jahrhunderts. In Wahrheit war er zu doof, um umzublättern.« Und ich würde berichten, wie Caleb durch exzessiven YouTube-Konsum immer tiefer in die dumpfe Welt der Verschwörungsmythen abtaucht. Ebenso wenig muss ich darüber schreiben, wie Natalie noch während des Studiums irgendwie in diese Ehe schlitterte, sie ohne mit der Wimper zu zucken den Reichtum von Calebs Familie gegen ihre eigenen Träume eingetauscht hat. Und dabei in einer Sackgasse landete.  

Wie sie eine Möglichkeit sucht, eigenes Geld zu verdienen, um aus der Abhängigkeit von ihrem wohlhabenden Mann herauszukommen. Wie sie anfängt, das Farmleben in Szene zu setzen und dies über die sozialen Medien zu verbreiten. Wie sie sich ihr isoliertes Leben erst selbst schönreden möchte, und dann entdeckt, dass viele Menschen den verlogenen Tradwife-Quatsch ernst nehmen – und die Produkte kaufen, die sie anbietet. Wie die Inszenierung immer professioneller wird, die Kulisse eines unrealistischen Lebens alles zu überlagern beginnt, wie Natalie immer mehr in ihrer Rolle verschwindet, wie sie dabei kälter und herzloser gegenüber ihren Kindern wird, die vor allem als Statisten einer nach außen hin intakten Familie dienen. Und wenn wir schon beim Thema sind, dann muss ich auch nichts von einem der irritierendsten Zeugungsakte berichten, der mir je in der Literatur begegnet ist. 

Ich muss nichts davon erzählen, wie die Fassade einer perfekten Idylle Risse bekommt, die immer größer und tiefer werden. Nichts von den mehreren Millionen Fans, die Natalie folgen und sie anhimmeln und ebenso wenig von den Hatern, die sich permanent über sie echauffieren und nur darauf warten, einen Shitstorm loszutreten – in der deutschen Übersetzung werden sie von der immer egozentrischer agierenden Ich-Erzählerin Natalie süffisant »wütende Weiber« genannt. 

Nichts davon, wie dieser Roman den hanebüchenen Influencer-Unsinn einfängt, der den Medienkonsum unzähliger Menschen heute prägt – beim Scrollen durch den Instagram-Empfehlungsfeed ist es immer wieder verblüffend, wie hohl diese Welt der Aufmerksamkeits-Ökonomie ist. Verblüffend und erschreckend zugleich. Daher ist »Yesteryear« nicht nur eine Abrechnung mit dem dümmlichen Tradwife-Getue, sondern ebenso mit dem Rezeptionsverhalten von uns allen, die wir die Sozialen Medien nutzen.

Und vor allem muss ich nichts über den Aufbau des Buches mit seinen zwei Zeitebenen schreiben, die in dem Roman für einen sehr besonderen Spannungsbogen sorgen. Nichts davon, wie es neben der Influencer-Natalie auch eine parallele Erzählung gibt, in der dieselbe Natalie eines Tages in einem anderen, früheren Jahrhundert aufwacht. Mit demselben Mann, denselben Kindern, derselben Farm – aber ohne Strom, fließend Wasser, ohne Auto, Computer und anderen Annehmlichkeiten, völlig abgeschieden vom Rest der Welt. Wie die Tage ausgefüllt sind mit harter Arbeit; mit Wasser vom Brunnen holen, Holz schleppen, Tiere versorgen, putzen, nähen, kochen, alles ohne elektronische Gerätschaften oder Maschinen. Schufterei bis zum Umfallen, in zerschlissener Kleidung aus groben Stoffen – so wie Tradwives leben müssten, wenn sie ihr reaktionäres Traditionsgetue bis zum Ende durchdenken würden: in einer Welt, in der Frauen zum Arbeiten und Gebären da sind, ohne eigenes Leben, dem Mann untertan. Und so, wie unzählige Frauen weltweit auch heute noch gezwungen sind zu leben.   

Ich muss nicht erzählen, wie sich die beiden Handlungen nebeneinander entwickeln, wie sich die Vergangenheits-Natalie permanent fragt, wie um alles in der Welt sie in dieser Zeitschleife gelandet ist. Wie man sich das als Leser zu Beginn auch fragt, dann aber erst einmal als gegeben akzeptiert, doch von Seite zu Seite neugieriger darauf wird, wie die Autorin das wohl auflösen könnte – und wie noch fünfzig Seiten vor Schluss nichts darauf hindeutet, wie dann aber das Finale des Romans absolut gelungen ist und mit einem Mal alles einen Sinn ergibt. Und der hat es in sich. 

Alles das muss ich nicht erzählen – und es gäbe noch einiges mehr davon. Doch eines möchte ich zum Abschluss des eigentlich nicht geschriebenen Blogbeitrags noch loswerden: Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, das Buch zu lesen, es hat mich thematisch nicht wirklich interessiert und der Roman war mir etwas zu omnipräsent. Doch dann hat mir eine Kollegin im Verlag, deren Buchgeschmack ich sehr schätze, »Yesteryear« mit den Worten ans Herz gelegt, dass mir die Geschichte bestimmt gefallen würde. Dafür bin ich ihr sehr dankbar – denn sonst wäre dieser brillant komponierte Roman an mir vorbeigegangen. Und damit hätte ich etwas verpasst.

Buchinformation
Caro Claire Burke: Yesteryear
Aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-27535-5

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