Über das Reisen und das Schreiben

Autorin Tina Ger im brasilianischen Pantanal

Autorin Tina Ger im brasilianischen Pantanal / Photo: Vilma de Quadros

Ein Gespräch mit Blogbusterpreis-Kandidatin Tina Ger

Der Blog Kaffeehaussitzer ist einer der fünfzehn am Blogbuster-Preis beteiligten Literaturblogs. Autorinnen und Autoren haben insgesamt 180 unveröffentlichte Manuskripte eingereicht; jeder Blog musste sich für eines entscheiden, das er für die Longlist des Preises nominiert. Die Jury wird diese Manuskripte eingehend prüfen und daraus eine Shortlist aus drei Titeln erstellen. Einer dieser drei geht dann als Sieger aus dem Blogbuster-Wettbewerb hervor und erhält einen Verlagsvertrag beim Verlag Kein & Aber. Das Buch erscheint dann im Herbst 2018.

Ich habe den Roman „Das Angeln von Piranhas“ nominiert und nachdem ich bereits über das Manuskript und den Auswahlprozess berichtet habe, stelle ich nun die Autorin Tina Ger im Interview näher vor.

Tina, es hat mich sehr gefreut, dass Du Dich entschieden hast, Dein Manuskript für den Blogbuster-Preis dem Kaffeehausitzer zukommen zu lassen. Ich habe es mit großer Begeisterung gelesen, weiß inzwischen durch unsere Kontaktaufnahme, dass Du seit vielen Jahren im Fernsehproduktionsgeschäft tätig bist, eine Menge Erfahrung im Verfassen von Drehbüchern hast und seit einiger Zeit mit Deiner Familie in Los Angeles lebst. Magst Du ein bisschen mehr über Dich erzählen?

Zunächst vielen Dank für das Lob! Das freut mich sehr.
Durch mein Leben ziehen sich zwei Konstanten. Das Geschichtenerzählen und das Reisen. Aus der Liebe zum Erzählen bin ich zum Film gekommen. Ich habe immer gearbeitet, bis das Konto voll war und bin dann gereist, bis es wieder leer war. Im Reisen lud ich mich auf wie ein Schwamm und war so mit frischer Energie für den miefigen Berliner Sumpf gewappnet. Im Fahrwasser meiner Reisen sind Manuskripte überall auf der Welt entstanden. Heute lebe ich mit meiner Familie in West-Hollywood und bemerke wieder, dass sich die Fremde nicht von selbst erschließt. Mein Mann ist Fotograf und sieht vollkommen anders als ich. Während er Menschen sieht und versteht, muss ich erleben, um zu verstehen. Einer der Gründe, warum ich nie in Hotels wohne, sondern nach privaten Unterkünften suche. Ich benötige Inneneinsicht, die in den USA einer Herausforderung gleichkommt, in Brasilien oder China hingegen eine kinderleichte Übung war. Es gefällt mir, meine eitle Selbstdrehung für den Moment der Reise aufzugeben und mich dem Familienleben einer anderen Kultur hinzugeben. Meine Manuskripte entstehen so und erzählen damit auch mein persönliches Erleben, denn in all den kleinen Details, die sich im Text wiederfinden, steckt die Realität, die mich umgeben hat.

„Das Angeln von Piranhas“ ist eine temporeiche Geschichte, die den Leser von Berlin erst in die brasilianische Hafenstadt Fortaleza und dann ins Pantanal führt, eine abgelegene, menschenleere, riesige Sumpflandschaft im Herzen Südamerikas. Wie ist Dir die Idee zu der Geschichte gekommen? Wie hast Du sie entwickelt?

Vor einigen Jahren hörte ich gehäuft, wie Freunde und Bekannte Gesprächstherapien begannen, weil sie ihr Leben unglücklich machte, obgleich ich oft das Gefühl hatte, dass sie ein tolles Leben führten. Das hat mir zu denken gegeben und führte letztlich zu der Idee, eine Geschichte über einen Menschen zu schreiben, der das vermeintlich perfekte Leben führt und darüber ins Unglück stürzt. „Das Angeln von Piranhas“ war mein erster Roman. Ich habe mir damals mein Handwerkszeug erschrieben und bin meinem Gefühl gefolgt. Es gab keinen übergeordneten Plan, auf den ich hätte zurückgreifen können. Ich habe weder Personal noch Plot vorab entwickelt und selbst die Teile, die sich rückwärts im Zeitstrahl erschließen, schrieb ich rückwärts, da ich nicht wusste, wo mich das Ganze hinführen würde. Ich habe mir und meinem Protagonisten vertrauen müssen. Heute würde ich so nicht mehr schreiben können. Risikofreude in allen Ehren, aber das ist mir zu abenteuerlich. Heute möchte ich schon wissen, wie ein Stoff endet, bevor ich den ersten Satz schreibe.

Du warst oft und auch länger in Brasilien und dort auch intensiv im Pantanal unterwegs. Was hat Dich an dieser Landschaft und den Menschen dort so fasziniert?

Der Pantanal ist komplett anders als das vibrierende Leben an den Küsten Brasiliens. Ich wollte ein Bild, das ich selbst ausmalen konnte und im Kopf des Lesers nicht überlagert würde von bekannten Eindrücken oder Klischees gegen die ich hätte anschreiben müssen. Der Pantanal war ein weißer Fleck auf meiner Reiselandkarte und ich denke, den meisten geht es so. Der Pantanal ist die volle Dröhnung Natur und wird vom Wasser regiert. Natürlich gibt es auch im Pantanal Sojabauern, die sich das Land zum Untertan machen wollen. Jeder Ort braucht seinen Antagonisten. Ansonsten ist diese Gegend ziemlich wild und frei. Die Menschen sind Farmer und Viehtreiber. Sie leben dort gemeinsam mit Rindern und Kaimanen, denen sie Namen geben und kleine Kunststücke beibringen. Die Gelassenheit, mit der Mensch und Tier zusammenleben, hat mich als Städter fasziniert. Der Pantanal ist so gut wie unberührt von jeglicher Zivilisation. Zumindest war es noch so, als ich dort war. Das ist schon ein paar Jahre her und bei der Schönheit dieses Fleckchens würde es mich nicht wundern, wenn Brasilien diese Perle dem Tourismus stärker zugänglich gemacht hätte.

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Hattest Du die Idee schon vorher, den Roman im Pantanal enden zu lassen? Oder hat sich das erst durch Deine Reise dorthin so herauskristallisiert?

Ich bin aus dem Flugzeug gestiegen und hatte das Gefühl am Ende der Welt gelandet zu sein. Mir war sofort klar, dass das perfekt ist für „Das Angeln von Piranhas“ und damit war die Sache entschieden.

Du schilderst Luca, die Hauptperson, als Getriebenen, der vor sich und seinem Leben flieht – auf der Jagd nach einem Traum, der sich nicht erfüllen kann. Hast Du manchmal Mitleid mit Deinem Protagonisten gehabt? Oder warst Du auch mal wütend auf ihn? Seine Handlungsweise ist ja nicht immer sympathisch…

Luca ist ein Gedankenspiel. Was wäre, wenn wir unseren Impulsen ohne Rücksicht immer weiter folgen würden? Wo würden wir landen? Kämen wir bei uns selbst an oder würden wir uns verlieren? Meine Triebfeder war Neugier. Neuland birgt gegenüber dem Bekannten immer auch ein gewisses Risiko. Diesen Wagemut habe ich zu meinem Schreibmotor gemacht. Mit dieser Haltung konnte ich Luca überall hin begleiten. Hinzu kommt, dass dies mein erster Roman war und so war auch das Schreiberleben neu, also hatte Luca quasi Narrenfreiheit. Er konnte gar nichts falsch machen, solange er nicht aufhörte zu erzählen. Und letztlich erfüllt mich sein Streben nach Freiheit auch mit Sinn. Ich finde man kann trefflich darüber streiten, wie Luca die Dinge im Leben anpackt, aber ich kann mich mit der Freiheit identifizieren, die er findet und zu bewahren sucht. Ich glaube, dass es für jeden Menschen das ideale Leben gibt; ob im Einklang mit sich selbst oder der Natur. Manchmal kostet das Ideal einen hohen Preis, manchmal ist es nicht gesellschaftskonform. Hat ein solches Leben trotzdem eine Lebensberechtigung oder ist es nur eitler Egoismus eines übersättigten Städters, der sich selbst wichtiger nimmt, als alle anderen?

Yara, die weibliche Protagonistin, treibt trotz ihres schemenhaften Auftauchens entscheidend die Handlung voran. Wie würdest Du sie charakterisieren?

Mit Yara begegnet Luca sich quasi selbst. Yara ist auf der Flucht, sie ist vogelfrei und auch Luca geht diesem Schicksal entgegen. Yara ist Vernichtung. Sie hat keinen Charakter, sie ist wie ein Geist, eine Heimsuchung, eine Plage, eine Vorhersehung, eine Offenbarung. Sie hat einen Überlebenswillen, dem sie alles im Leben unterordnet. Sie zerstört, was sie trifft. Yara ist wie ein Unwetter. Sie hat eine reinigende Kraft. Nach Yara tritt zu Tage, was vorher im Verborgenden lag. Sie gehört nur sich selbst und ist als Mensch kaum fassbar, denn Yara besteht mehr aus Vorstellung denn aus Realität und letztlich ist sie vielleicht auch nur ein böser Traum, aus dem es aufzuwachen gilt…

Kunden, die diesen Titel gekauft haben, kauften auch… Wer sollte Dein Buch unbedingt lesen?

… „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry und „Leaving Las Vegas“, der auf dem Roman von John O’Brien basiert …
Ich denke, mein Buch mag, wer sich auf Selbstzerstörung einlassen kann, ohne sich zwingend damit identifizieren zu müssen. Mein Protagonist ist nicht im klassischen Sinn sympathisch und will dies auch nicht sein. Ein Leser, der auch eine schmerzvolle Leseerfahrung zu genießen weiß, liegt richtig bei „Das Angeln von Piranhas“. Mit meinem Manuskript verarbeitete ich eine Grenzerfahrung – einen Wohlfühlleser würde die Lektüre sicherlich nicht glücklich machen.

Eine Frage zum Schluss: Welches sind Deine Lieblingsautoren? Und hast Du literarische Vorbilder?

„Die Fahrt“ von Sibylle Berg nimmt eine besondere Stellung unter den Büchern ein, die ich gelesen habe. Diese Lektüre hat mich zum Schreiben inspiriert. Dabei sind es nicht so sehr die Geschichten, sondern mehr ihr unvergleichlicher Stakkato-Stil, der mir in die Knochen gefahren ist und mich entzündete. Schreiben muss für mich leicht sein und dennoch Biss und Schärfe haben. Das finde ich in „Die Fahrt“ und danach strebe ich auch in meinen Texten. Ich mag Bücher, die wehtun und habe einige Lieblingsepisoden und/oder Textstellen, jedoch keine ausgesprochenen Lieblingsautoren, weil ich oft nur ein Buch eines Autors lese. Ich sehe auch immer nur eine Episode einer neuen Serie, egal wie gut sie mir gefällt. Das Leben erscheint mir zu kurz, um bei einem Autor zu Verweilen. Ich schweife lieber weiter und entdecke Neues.

Und noch eine allerletzte Frage: Falls ich ins Pantanal reisen würde, hättest Du einen Geheimtipp für mich?

Unbedingt mit Vilma de Quadros eine Tour planen. Sie ist vor Ort und kennt den Pantanal wie ihre Westentasche.

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