Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben – eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Um sie einigermaßen meistern zu können, hatte ich damals den Betrachtungszeitraum auf eine Dekade eingegrenzt. Und wie die Zeit vergeht: diese zehn Jahre sind nun vorbei. Ein schöner Anlass, sich den damaligen Text noch einmal anzuschauen und mit unserer heutigen Realität abzugleichen. Der Originaltext ist jeweils mit »Kaffeesatz2016« markiert und in einer anderen Farbe gesetzt.
[Kaffeesatz 2016] Als ich die Anfrage der Streifband-Redaktion erhielt, ob ich einen Text über die Zukunft der Buchbranche schreiben wolle, war ich etwas erschrocken; unsere Branche ist so im Umbruch, dass ernsthafte Prognosen schwierig sind. Doch dann erschien diese Aufgabe in einem immer reizvolleren Licht, schließlich habe ich seit 1993 beruflich mit Büchern und Medien zu tun und bin selbst sehr gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. So versuche ich mich nun an einer Kaffeesatzleserei, um – rein subjektiv – vorherzusagen, wohin die Reise gehen mag.
Betrachtungszeitraum
[Kaffeesatz 2016] Vor dem Hintergrund der vielfältigen technischen Veränderungen in den letzten Jahren und einer Entwicklung, die gerade erst begonnen hat, genügt es, sich zehn Jahre als Betrachtungszeitraum vorzunehmen. In einer Dekade wird es technische Möglichkeiten geben, die wir uns im Moment noch nicht einmal vorzustellen vermögen. Bei einem Blick zurück erscheint es heute aber gleichzeitig absurd, dass vor einigen Jahren von so manchen ambitionierten Digitalpionieren der baldige Tod des gedruckten Buches ausgerufen wurde.
[Eine Dekade später: 2026] Genau so ist es gekommen, auch wenn man sich 2016 noch nicht einmal ansatzweise vorstellen konnte, was mit dem Thema Künstliche Intelligenz auf unsere Welt zukommen würde. Wie wird es in der Buchbranche damit weitergehen? Ich persönlich bin der Meinung, dass bei kreativen Tätigkeiten der Einsatz von KI nichts zu suchen hat – egal ob es um das Schreiben von Büchern, das Lektorieren, das Übersetzen, das Coverdesign oder die Vermarktung geht. Doch es wird überall in diesen Bereichen schon damit experimentiert – eine Entwicklung, die für mich kein Fortschritt, sondern eine Bedrohung einer ganzen Branche darstellt und die wir alle mit großer Sorge betrachten müssten (und z.B. keine Bücher kaufen sollten, die mit Einsatz von KI zustande kamen oder vermarktet wurden). Ein Beispiel? Der Roman »Trophäe« von Gea Schoeters ist für mich eines der Lese-Highlights der letzten Jahre gewesen. Auch das prägnante Cover hat mich sehr begeistert. Als ich aber im Impressum sah, dass dieses Cover mit Hilfe von KI erstellt wurde, war ich enttäuscht. So sehr, dass ich das Buch am liebsten aussortieren würde – was ich aber nicht machen werde, denn dazu war es zu gut. Aber trotzdem, das Gefühl der Enttäuschung bleibt.
Buchbranche? Welche?
[Kaffeesatz 2016] DIE Buchbranche gibt es nicht, zu vielfältig ist sie in ihren Ausprägungen. Zwei Bereiche klaffen in den Bereichen Digitalisierung und Rezeption bereits meilenweit auseinander: Das Fachbuch und der Bereich Belletristik/Sachbuch. Im Fachbuch ist die Digitalisierung besonders weit fortgeschritten, naturwissenschaftliches, aber auch juristisches Arbeiten ist ohne eJournals und Datenbanken schon längst nicht mehr denkbar. Der Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen, auch bei den traditionell papieraffineren Juristen werden die Bibliotheksregale in den Kanzleien verschwinden. Verlage, die ihre Werke nicht in den marktführenden Datenbanken unterbringen können, haben bereits mittelfristig ein ernstes Problem – denn Fachautoren veröffentlichen nur dort, wo sie auch gesehen und zitiert werden. Momentan erwirtschaften bei allen großen Fachverlagen Zeitschriften und Loseblattwerke als Cash-Cows einen wichtigen Umsatzanteil. Die Herausforderung der Verlage wird u.a. darin bestehen, insbesondere diesen Anteil ins Digitale zu übertragen.
[Eine Dekade später: 2026] Auch hier ist das Thema KI voll in der Praxis angekommen. Datenbanken haben »KI-Assistenten«, die Recherchen auf ein neues Level gehoben haben, Legal Tech strukturiert Arbeitsabläufe in Anwaltskanzleien völlig neu. Gleichzeitig ist es bei Studierenden vieler Fachgebiete schon längst unüblich, sich Lehr- oder Fachbücher zuzulegen – alle Materialien werden online als Skripte zur Verfügung gestellt. Bei den Juristen allerdings ist immer noch der Schönfelder – der seit 2021 Habersack heißt – im Einsatz, da diese Loseblattsammlung (ein inzwischen wunderbar anachronistisch klingendes Wort) zur ersten und zweiten juristischen Staatsprüfung zugelassen ist. In gedruckter Form.
[Kaffeesatz 2016] Und wie wird der Bereich Belletristik in zehn Jahren aussehen? Die Diskussion Print vs. E-Book wird dann hoffentlich nicht mehr geführt werden. Auch wenn momentan eine Stagnation der E-Book-Verkäufe zu beobachten sein mag (je nachdem, welcher Statistik man glaubt), werden sich elektronische Bücher in den nächsten Jahren mehr und mehr Umsatzanteile sichern. Besonders die Unterhaltungsliteratur wird in einer Dekade zu großen Teilen digital gelesen werden, der Taschenbuchmarkt sich deutlich verkleinern. Gleichzeitig werden gedruckte Bücher aufwändiger hergestellt, um das für viele Buchmenschen enorm wichtige – und wichtige bleibende – Argument der Haptik und Optik zu bedienen. Der Trend in diese Richtung ist bereits jetzt zu beobachten. Interessant ist dabei, dass Verlage, die als reine E-Book-Verlage gestartet sind, gerade damit beginnen, auch gedruckte Bücher herauszugeben. Bei CulturBooks heißen tragen sie dann charmanterweise den Reihentitel »Unplugged«. In zehn Jahren werden gedruckte Bücher stets einen Zugangscode zum Download des entsprechenden E-Books enthalten, um das auf die jeweilige Situation angepasste optimale Leseerlebnis zu ermöglichen. Der Weg in diese Richtung war schon von einigen engagierten Verlagen beschritten worden, bis 2015 die deutsche Steuergesetzgebung mit der unsäglichen E-Bundle-Regelung dieses zarte Pflänzchen der Innovation zertrampelt hat. In diesem Zusammenhang über medienneutrale Datenproduktion zu reden, ist eigentlich müßig; es ist schließlich eines der wichtigsten und entscheidendsten Themen. Und Verlage, die sich damit nicht auseinandersetzen, wird es in zehn Jahren wohl nicht mehr geben.
[Eine Dekade später: 2026] Tatsächlich hat sich der E-Book-Anteil am Publikumsmarkt nur wenig verändert: Von 4,6 % im Jahr 2016 auf 6,3 % im Jahr 2025. Einen detaillierten Überblick über die Entwicklung gibt es hier. Die Prognose der aufwändigeren Ausstattung von Büchern hat sich bewahrheitet. Insbesondere der seit Jahren boomende Young- und New-Adult-Markt kommt ohne Farbschnitte, beigelegte Page-Overlays oder Charakterkarten nicht aus. Aber auch bei anderen Programmen sind Farbschnitte gang und gäbe, quer durch alle Verlage und Genres. Ich finde es bemerkenswert und freue mich darüber, dass in unserer digitalen Welt das Buch als Objekt an sich einen solchen Platz gefunden hat – und muss immer wieder daran denken, wie mit dem Kindle-Launch im Jahr 2007 das Ende des gedruckten Buches ausgerufen wurde. Die Zugangscodes für E-Book-Downloads in gedruckten Büchern sind Wunschdenken geblieben. Ich persönlich vermisse sie allerdings auch nicht, da ich gar nicht mehr weiß, in welcher Schublade mein Tolino verstaubt.
[Kaffeesatz 2016] Bei weiteren wichtigen Marktsegmenten wie dem Kinderbuch oder dem Kochbuch ist eine Prognose schwierig. Als haptischer Mensch und begeisterter Vorleser hoffe und glaube ich persönlich, dass Kinderbücher auch in zehn Jahren vor allem in gedruckter Form existieren. Momentan ist die Nachfrage ungebrochen, was mich in dieser Vermutung bestärkt. Für viele Kinder sind ihre Bücher wie gute Freunde, und für diese Projektion braucht es einen Gegenstand, keine Datei. Auch das Vorlesen aus einem E-Book ist für mich ein gruseliger Gedanke, aber umso mehr bin ich gespannt, wie es im Jahr 2026 aussehen wird.
[Eine Dekade später: 2026] Natürlich gibt es nach wie vor Kinderbücher in gedruckter Form und Kinder, die sie lieben. Dazu haben in den letzten Jahren die »tonies« eine grandiose Erfolgsgeschichte hingelegt, die Spielen und Hören miteinander verbinden. Aber gleichzeitig finde ich es erschreckend, wie oft man inzwischen Eltern sieht, die ihren Kleinen im Kinderwagen ein Smartphone oder Tablet in die Hand drücken, um sie ruhig zu stellen. Genau so schlimm ist der Anblick von Eltern, die von ihrem Smartphone absorbiert sind, wenn ihre Kinder dabei sind. Beides hat nicht direkt mit dem Thema Buchbranche zu tun – aber indirekt schon, denn damit wächst eine Generation heran, deren Konzentrationsvermögen schon in frühesten Jahren durch digitalen Medienkonsum beeinträchtigt oder beschädigt wird.
Und was Kochbücher angeht: Sie werden nicht nur den darin enthaltenen Rezepten wegen gekauft, denn Kochrezepte gibt es hunderttausendfach gratis online. Ansprechend gestaltet ist ein Kochbuch nicht nur eine Rezeptsammlung, sondern vermittelt ein Stück Vorfreude auf ein gelungenes Essen mit der Familie und mit Freunden. Es ist ein Stück Lifestyle und als solches wird es auch den digitalen Wandel begleiten. Auch hier wird es E-Bundle-Lösungen geben, um das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt miteinander zu vereinen: Das Kochbuch zum genüsslichen Blättern, das Rezept auf dem iPad neben dem Herd.
[Eine Dekade später: 2026] Hier habe ich keine ganz aktuellen Zahlen gefunden, aber doch recht beeindruckende: Im Jahr 2017 sind 2.635 verschiedene Kochbücher erschienen, im Jahr 2023 waren es 2.333 Kochbücher. In allen Jahren – außer 2019 – wurde die 2.000er-Marke geknackt. Der Kochbuchmarkt ist nach wie vor quicklebendig, aber die prognostizierten E-Bundle-Lösungen habe ich noch nicht entdeckt; vielleicht braucht es die auch gar nicht. Ich selbst koche sehr gern, nutze Kochbücher intensiv, hole Anregungen aber ebenso auf Foodblogs wie etwa bei Emmi kocht einfach (die inzwischen wiederum Kochbücher veröffentlicht hat).
Selfpublisher
[Kaffeesatz 2016] Das Thema Selfpublishing ist in aller Munde, dabei ist es nichts Neues. Vor ein paar Jahren hießen Selfpublisher noch Selbstverleger und die so publizierten Werke waren in erster Linie Ergebnisse eines Selbstverwirklichungshobbys. Daran hat sich bei gefühlten 95 Prozent der heutigen Selfpublishing-Titel zwar nichts geändert, aber durch die neuen Möglichkeiten des Publizierens und der Vermarktung ist eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten. Erfolgreiche Selfpublisher kaufen Dienstleistungen wie Lektorat, Korrektorat, Herstellung und Vermarktung ein, so dass dadurch eine ganze eigene, kleinteilige Verlagslandschaft im Entstehen begriffen ist. Für entsprechende Spezialisten der genannten Dienstleistungen könnten dadurch in den nächsten Jahren auch außerhalb der Verlagsbranche neue Job-Möglichkeiten entstehen. Und auch für etablierte Schriftsteller könnte dies ein gangbarer Weg sein, wie das Beispiel von Cornelia Funke und dem US-amerikanischen Buchmarkt zeigt.
[Eine Dekade später: 2026] Das Segment des Selfpublishing ist innerhalb des Buchmarkts ein eigener Bereich geblieben, insbesondere zum Buchhandel gibt es nur wenig Berührungspunkte. Gleichzeitig beobachten Verlage und Literaturagenturen durchaus, was sich dort tut. Immer wieder ergibt sich für Selfpublisher der Schritt zu einem Verlagsvertrag; so erscheinen etwa die Bücher der Autorin Anne Stern (die dieses Jahr bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung zu Gast war) seit mehreren Jahren bei Rowohlt, im Aufbau-Verlag und bei Piper. Angefangen hatte sie als Selfpublisherin. Für die meisten der Selbstverleger ist das Schreiben aber nach wie vor eher ein Selbstverwirklichungshobby, 67 % der Selfpublisher erzielten 2025 laut einer repräsentativen Umfrage des Portals Autorenwelt einen Umsatz von weniger als 50 Euro im Monat.
Social Reading
[Kaffeesatz 2016] Social-Reading-Plattformen wie LovelyBooks oder Goodreads sind die moderne Fortführung der Lesezirkel, in denen man sich mit ähnlich Interessierten zum Austausch über Literatur trifft – früher im großbürgerlichen Salon, heute im egalitären Netz. Beiden gemeinsam ist das Reden über ein Buch nach dessen Lektüre, kapitelweise oder im Ganzen. Über Bücher zu reden ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und deshalb wird die Buchszene im Netz von den genannten Großplattformen bis hin zu den unzähligen privat betriebenen Blogs zunehmend an Bedeutung gewinnen und in zehn Jahren das klassische Feuilleton weit hinter sich gelassen haben. Social-Reading-Plattformen, in denen »live« gelesen und beim Lesen kommentiert und diskutiert werden kann – wie etwa Sobooks oder der FAZ-Lesesaal – werden dabei allerdings keine große Rolle spielen und höchstens ein Nischendasein führen. Denn der eigentliche Akt des Lesens ist eine zutiefst einsame Beschäftigung und genau dies ist auch das Reizvolle daran; der Rückzug aus dem Alltag, aus der Gegenwart. Daran wird sich nie etwas ändern, egal welches Medium man dafür nutzt.
[Eine Dekade später: 2026] Hier hat sich viel getan in den letzten Jahren. Bookstagram und Booktok haben sich rasant als die wichtigsten beiden digitalen Kanäle etabliert, in denen sich Menschen über Bücher austauschen. Die »klassischen« Buchblogs sind nicht mehr so sichtbar wie 2016, aber nach wie vor quicklebendig, die meisten von ihnen haben Dependancen bei Instagram & Co. Das Feuilleton hat weiter an Bedeutung verloren, wenn es darum geht über Bücher zu sprechen – der Platz dafür in den großen Zeitungen wird knapper, gleichzeitig streichen die öffentlich-rechtlichen Sender die Formate für Literatur zusammen. Aber zugleich boomt seit mehreren Jahren das Format der Buchclubs – vor allem derjenigen vor Ort, rein analog. Der Wunsch nach Austausch mit gleichgesinnten literaturaffinen Menschen ist immens: Es gibt unzählige private Buchclubs, einen kleinen Einblick erhält man auf der Seite Leemos.de, auf der man nach Buchclubs suchen oder seinen eigenen eintragen kann. Viele Buchhandlungen richten für ihre Kunden literarische Treffen aus, auch hier existieren zahllose Buchclubs. Und für diejenigen, die einfach in Gesellschaft lesen möchten, gibt es das Format des »Silent Reading«, bei dem man sich in einem Café oder einer Buchhandlung trifft – um zu lesen. Die große kommerzielle Variante ist der Buchclub »Gemeinsam lesen« als Kooperation zwischen Thalia und der FAZ, der Anfang 2026 an den Start gegangen ist. Die 2016 aufgeführten, damals ganz neuen digitalen Buchclub-Formate Sobooks und der FAZ-Lesesaal existieren schon lange nicht mehr.
Der Buchhandel
[Kaffeesatz 2016] Der Buchhandel ist die wichtigste Vertriebsform für Bücher und Literatur. Wird er das bleiben? Fest steht, dass auch in zehn Jahren engagierte, begeisterte Menschen mit Herzblut Bücher verkaufen werden. Aber die Strukturen verändern sich stark, wobei es schon lange nicht mehr reicht, sich hinter seinen Ladentisch zu stellen und auf Kundschaft zu warten. Von einem Buchladen der Zukunft erwarte ich neben einem selbstverständlichen guten Service, ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment, das die Entdeckung neuer Autoren und neuer Inhalte ermöglicht. Dazu gehören Lesungen und andere Veranstaltungen, Informationen per Newsletter und sozialen Medien, Aktionen, Engagement im Stadtteil und vieles mehr, was einen Buchladen schon heute zu einer Kulturtankstelle macht. Buchhandlungen ohne Service und ohne Engagement werden verschwinden – und das zu Recht. Auch Großflächen werden weniger, die Branche insgesamt kleinteiliger werden.
[Eine Dekade später: 2026] Auch zehn Jahre später gibt es ein dichtes Netz an Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum und nach wie vor arbeiten dort engagierte und begeisterte Buchhändlerinnen und Buchhändler. Aber ein Strukturwandel ist nicht zu übersehen. Der Deutschlandfunk berichtete 2024: »Jedes Jahr schließen etwa 100 Buchläden in Deutschland, also im Durchschnitt etwa zwei pro Woche. Gründe dafür sind unter anderem die hohen Mieten und die gestiegenen Energiekosten – aber auch weil immer weniger Menschen Bücher kaufen. Hier erweisen sich die großen Ketten wie Thalia und Hugendubel als Konstanten.« Nicht wenige mittelständische Buchhandlungen wurden in den letzten Jahren von Thalia übernommen, da sich kein Nachfolger fand oder die Besitzer die gestiegenen Kosten nicht mehr stemmen konnten – was natürlich auf Kosten der Vielfalt des unabhängigen Buchhandels geht. Daher kann man es nicht oft genug sagen: Kauft eure Bücher vor Ort und in den Buchhandlungen eures Vertrauens.
[Kaffeesatz 2016] Die Online- und die reale Welt verschmelzen auch hier immer stärker miteinander, Webauftritte, Webshops, Blogs und Partizipation in den sozialen Medien ergeben zusammen mit einem Einkaufserlebnis in angenehmen Ambiente eine Mischung, die auch in zehn Jahren einem Riesen wie Amazon die Stirn bieten kann. Überhaupt Amazon: Was wird dieser ungeliebte, aber wichtige Innovationstreiber in einer Dekade anbieten? Bei dem vorgelegten Tempo eine schwierige Vorstellung. Wird es flächendeckend stationäre Amazon-Buchhandlungen geben? Oder wird andererseits der Tolino den Kindle vom Thron gestoßen haben? Der destruktive Schub, mit dem Amazon die Buchbranche umgekrempelt hat, scheint momentan in konstruktive Innovationen zu münden, die allen Beteiligten nutzen. Wobei der Buchbereich schon längst nicht mehr das wichtigste Geschäft des Giganten aus Seattle ist und an Bedeutung für ihn weiter verlieren wird. Aber alleine, dass es jetzt die erste Amazon-Buchhandlung gibt, ist als untrügliches Zeichen zu werten, dass gedruckte Bücher eine Zukunft haben.
[Eine Dekade später: 2026] Die ersten stationären Amazon-Bookstores in den USA gab es nicht lange, sie waren 2023 schon wieder verschwunden. Denn was ein algorithmusgetriebenes Geschäftsmodell nicht kann, ist genau das, was Buchhandlungen einzigartig macht: Sie sind Orte für Entdeckungen und Überraschungen. Und für Begegnungen. Ganz in diesem Sinne wurden in den letzten Jahren mehrere Bücher-Cafés eröffnet, wie etwa Kapitel Drei in Hamburg, ein ganz und gar wunderbarer Ort. Und was E-Books angeht, liefern sich Tolino und Kindle nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen; dem Gemischtwarenhändler aus Seattle ist es nicht gelungen, den deutschsprachigen E-Book-Markt zu dominieren.
[Kaffeesatz 2016] Der Fachbuchhandel wiederum wird sich noch stärker dem Service-Gedanken verschreiben müssen, um überlebensfähig zu bleiben, denn ob es in zehn Jahren noch genügend gedruckte Fachmedien geben wird, um davon leben zu können, ist fraglich. »Alles-aus-einer-Hand«-Lösungen wie etwa das Media-Center von Schweitzer Sortiment, durch das ein Kunde seine maßgeschneiderte Datenbank erstellen kann, sind Schritte in die richtige Richtung.
[Eine Dekade später: 2026] Hier gab es radikale Veränderungen. Die genannte Fachbuchhandelskette Schweitzer Sortiment hat sich z. B. fast vollständig aus dem stationären Geschäft zurückgezogen. Früher gab es in den wichtigen Uni-Städten stets eine Schweitzer-Filiale, heute existieren noch diejenigen in Hamburg und Potsdam. Dazu kommen bundesweit zwanzig Beratungs- und Vertriebsbüros, für das B2B-Geschäft. Ähnlich ist der Buchhandelskette Sack Fachmedien ergangen, während die Lehmanns-Kette 2021 von Thalia übernommen wurde.
Fazit
[Kaffeesatz 2016] In 7.000 Zeichen über die Zukunft einer Branche im Wandel zu räsonieren, ist eine echte Herausforderung. Vieles muss ungesagt bleiben; um richtig in die Tiefe zu gehen, wäre eine Null mehr nötig gewesen. Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich nicht an einen abrupten, radikalen Wandel aller Lesegewohnheiten glaube, wie er vor ein paar Jahren noch angekündigt wurde. Verändern wird sich vieles, doch ich sehe eine Zukunft, in der sich das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt immer stärker miteinander verbindet. Die Aufgabe der Buchbranche ist es, diesen Wandel zu gestalten und die Komfortzone rechtzeitig zu verlassen, bevor es diese nicht mehr geben wird.
[Eine Dekade später: 2026] In den zehn Jahren, die vergangen sind, seit ich den Text geschrieben habe, hat sich unsere Welt drastisch verändert. Wir mussten eine Pandemie ertragen, erleben gerade, wie sich die USA aus unserem Wertesystem verabschieden, während gleichzeitig ein Eroberungskrieg in Europa tobt und der Nahe Osten im Chaos versinkt. Autoritäres Denken und faschistoide Weltanschauungen sind weltweit auf dem Vormarsch. All dies steckt den Rahmen auch für die Buchbranche ab. Während Buchhandlungen und Verlage größtenteils gut durch die Corona-Zeit gekommen sind, machen momentan die steigenden Energiekosten und die durch die Unsicherheit bedingte Kaufzurückhaltung allen Marktteilnehmern schwer zu schaffen – besonders den kleineren, mittelständischen Unternehmen. Dazu kommt eine durch den rasant zunehmenden Einsatz von KI stattfindende technische Umwälzung, die eine Zukunftsplanung schwierig macht. Parallel dazu sorgen Übernahmen und Zusammenschlüsse für weitere Konzentrationen auf Handels- wie auf Verlagsebene – was den Gesamtmarkt verengt. Zugleich sinkt laut Markforschungsdaten die Zahl der Buchleser, wobei man das nach ein paar Tagen Buchmesse kaum glauben mag. Es sind viele Herausforderungen, die – nicht nur – auf die Buchbranche warten. Wie sie wohl in weiteren zehn Jahren aussehen wird?
Wenn ich zwei Wünsche äußern dürfte, dann wären es folgende: Eine deutliche Reduzierung der jährlich erscheinenden Bücher. Jeder Roman hat nur vier, fünf Monate Zeit, dass ihn Leserinnen und Leser entdecken, bevor die nächsten Verlagsprogramme die Regale der Buchhandlungen fluten. Bei der Menge an Büchern bleiben viele großartige Romane auf Kosten unter dem Radar – ein Trauerspiel, immer wieder. Und der andere Wunsch betrifft den Einsatz von KI: Man mag sie dort verwenden, wo es sinnvoll ist – bei Auswertungen, Prozessoptimierungen und bei anderen organisatorischen Anforderungen. Aber bei Kreativprozessen hat Künstliche »Intelligenz« nichts zu suchen, egal ob es sich um Lektorat, Covergestaltung oder auch nur der Erstellung eines redaktionellen Newsletters handelt. Kreativität mit Hilfe von KI ist in meinen Augen nichts wert.
Beide Wünsche werden nicht in Erfüllung gehen. Aber da ich ein unverbesserlicher Optimist bin, glaube ich fest daran, dass ich auch nach den nächsten zehn Jahren in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spazieren und mit einem Buch herauskommen werde, von dem ich eine Viertelstunde zuvor noch nicht wusste, dass ich es dringend brauchen würde.
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