Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit.

In der Trilogie »Endgültig«, »Niemals« und »Geblendet« geht es um die Ermittlerin Jenny Aaron, die bei einem Einsatz ihr Augenlicht verloren hat und sich nach diesem Schicksalsschlag zurückkämpft in ihr Leben. Es sind drei Romane, die einem das Denken und Fühlen erblindeter Menschen so nahebringen, wie es mit sprachlichen Mitteln nur möglich ist – dank intensiver Vorarbeit und Gespräche des Autors mit Betroffenen.

In »Ritchie Girl« schickt uns Andreas Pflüger in das zerstörte Deutschland des Jahres 1945, als sich die Machtblöcke des Kalten Krieges abzuzeichnen begannen und in denen Informationen wichtiger wurden als Gerechtigkeit. Eine brillant geschriebene Momentaufnahme einer Zeit des Umbruchs, in der nicht nur ein Handlungsstrang für Gänsehautmomente sorgt. 

»Wie Sterben geht« ist ein Agententhriller, der im Moskau des Jahres 1980 spielt – in einer Zeit, in der ein kleiner Fehler tödliche Konsequenzen haben konnte. Denn unter der scheinbar starren Oberfläche des Kalten Krieges wurde erbittert und brutal gekämpft. Doch zwischen all der Dramatik geht es in diesem Roman auch um Literatur, um die Schönheit von Bibliotheken und um das Werk der großen Lyrikerin Anna Achmatowa.

Eine lange Einleitung, um nun endlich auf das jüngste Werk von Andreas Pflüger zu sprechen zu kommen. Auf »Kälter«. In diesem Roman lernen wir Luzy Morgenroth kennen. Es ist das Jahr 1989, sie arbeitet seit einiger Zeit als Polizistin auf Amrum und ist dort auf einer der kleinsten und abgelegensten Polizeistationen Deutschlands stationiert. Es geschieht nicht viel, sie genießt die Abgeschiedenheit, hat ein paar Freundschaften geschlossen, benötigt wenig zum Leben. Vor allem aber versucht sie zu vergessen. Zu vergessen, dass sie einst eine perfekt ausgebildete Spezialistin des BKA war. Zu vergessen, dass sie Leiterin eines eigenen Teams war. Und zu vergessen, dass ein Personenschutz-Einsatz in Tel Aviv blutig schiefging und sie nur gerade so überlebte. Ein Drama, das sie schwer traumatisiert nach Amrum verschlagen hat, an den Rand von allem – und bis heute fragt sie sich, wie es zum dem Desaster kommen konnte. 

Bekanntlich ist die Vergangenheit nie vergangen, sie holt uns immer wieder ein. In Luzys Fall in Form eines Killerkommandos, das auf eine Zielperson angesetzt ist, die sich auf Amrum versteckt. Damit beginnt der Roman, Luzy Morgenroth verliert dabei einen Menschen, der ihr sehr viel bedeutet. Und der alte Jagdinstinkt erwacht wieder in ihr. Wer waren die Killer? Und vor allem: Wer hat sie geschickt? Ihre Recherchen schicken sie erst aufs Festland, und dann tief hinein in die Umbrüche der Jahreswende 1989 und 1990. Eine Zeit, in der sich alte Gewissheiten auflösten, in der Staaten und Machtapparate zerfielen, in der ein geheimdienstliches Vakuum entstand, in dem Seilschaften gekappt wurden, sich neue Bündnisse bildeten, Menschen untertauchten. Und Geheimnisse gelüftet wurden, die niemals das Tageslicht hätten erblicken sollen. Nichts ist so wie es scheint – diese uralte Geheimdienstweishheit potenzierte sich in dieser Zeit des Umbruchs ins Unendliche. Und Luzy Morgenroth taucht hinein in eine Welt der tödlichen Intrigen und verschwiegenen, alten Männer, an deren Händen Blut klebt. Ihr Weg führt sie nach Berlin, in eine Stadt, die gerade im Chaos versinkt, in der Stasi-Akten verschwinden und Menschen gleich mit.

»Als sie an der Spree ist, schaut Luzy hinüber zum leuchtenden Palast der Republik, Sitz der Volkskammer, schon jetzt ein Museum für gescheiterte Menschenexperimente.«

Und dann über einige Umwege weiter nach Wien, Grenzland zwischen West und Ost, schon immer Dreh- und Angelpunkt aller Geheimdienste; KGB, CIA, MI6, BND, Mossad und wie sie alle heißen. 

Sie entdeckt Hinweise auf eine Verbindung zwischen dem Killerkommando auf Amrum und ihrer Katastrophe in Tel Aviv. Eine Verbindung, die einen Namen trägt: Babel – der gefährlichste Terrorist der Gegenwart, ein Phantom, entstanden in der gnadenlosen Welt des Kalten Krieges, ein RAF-Mitglied, von der Stasi zum Killer ausgebildet, Handlanger des KGB, Mörder, Attentäter, Anschlagsplaner – aber schon längst nicht mehr für eine Ideologie, sondern für den Meistbietenden. 

Luzy Morgenroth reißt einen Vorhang nach dem anderen herunter, erfährt Details, die ihr Weltbild und ihr Vertrauen erschüttern, findet aber auch neue Verbündete. Und wird von der Jägerin zur Gejagten. Verfolgungen, Schießereien, Kämpfe, Explosionen – Andreas Pflüger legt ein atemberaubendes Erzähltempo vor, actionreich und mitreißend. Gleichzeitig gibt er dabei einen spannenden Einblick in die verwirrende Welt der Geheimdienste am Ende des Kalten Krieges: Alle haben sie ihre buchstäblichen Leichen im Keller, alle bespitzeln sich gegenseitig und während die bekannte Ordnung zerbröselt, versuchen alle zu retten, was an Geheimnissen zu retten ist. Gerüchte über eine Eliteeinheit, die nach dem Ende der DDR im Westen im Untergrund weiter tätig sein sollte. Informelle Kanäle zwischen Stasi und BKA-Spionageabwehr, um das Schlimmste zu verhindern. Die Steuerung der »lilalatzbehosten Wolkenguckerpazifisten« durch den KGB. Destabilisierung des Westens durch Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Terrorgruppierungen, von der RAF über die iranischen Revolutionsgarden bis zur Hisbollah und Gaddafis Libyen – wobei die westlichen Geheimdienste mit ebenso harten Bandagen kämpften und sich manchmal die Interessen auch überschnitten. 

»Geheimdienste lügen nicht. Wir schützen Interessen.«

Das alles und vieles mehr steht plötzlich im Raum. Und irgendwann wird Luzy – so viel darf verraten werden – herausfinden, was damals in Tel Aviv wirklich geschehen ist. Während sie mit allen Mitteln, mit all ihrem Geschick und mit all ihrer Kraft versuchen muss, nicht von dem Strudel einer sich auflösenden Welt in die Tiefe gerissen zu werden. 

»Worum geht es in ihrem Gewerbe- wenn Sie nur ein Wort dafür hätten?«
»Um Vertrauen. Und in ihrem?«
»Ums Überleben.«
»Das eine ist das andere in Spiegelschrift.«

Und immer wieder trifft sie bei ihrer wilden Jagd durch den Untergrund auf Babel oder auf dessen Spuren. Das Buch entwickelt den Sog eines temporeichen Actionfilms. Eines Actionfilms auf Papier; beim Lesen entstehen permanent bewegte Bilder im Kopf. Die jetzt, beim Schreiben dieses Textes sofort wieder da sind. Und um dem Ganzen die cineastische Krone aufzusetzen, wimmelt es nur so von Anspielungen auf Filme, auf ikonische Szenen der Kinogeschichte. Zitiert wird etwa der Schluss von »Der eiskalte Engel« mit Alain Delon. Oder die Szene in »Der unsichtbare Dritte«, in der sich Gary Grant und Eva Marie Saint das erste Mal begegnen. Oder die Kampfszene auf dem Dach eines fahrenden Zuges in »Trans-Amerika-Express«. Oder die Schlüsselszene in »Der Pate«, als Michael Corleone die Waffe aus dem Spülkasten in der Toilette holt, um zum Mörder zu werden. Oder der unvergessliche Showdown aus »Spiel mir das Lied vom Tod«. Und natürlich wird es auch in »Kälter« einen Showdown geben, ohne Mundharmonika zwar, aber genau so dramatisch.

Es ist eine wahre Hymne auf das Kino und sie gibt diesem ohnehin großartigen Roman noch einen allerletzten Feinschliff, verbindet sich wunderbar mit der Story, in der nur eines gewiss ist: Nichts ist, wie es scheint. 

Und dazwischen immer wieder Momente voller Schönheit und einer großen Sehnsucht. Etwa dieser hier: »Es ist eine dieser Straßen, in denen sie sich vorstellt, hier einen Balkon zu haben, sonst nichts, nur einen Balkon, auf dem sie ein Leben lang mit einem Espresso sitzen und die Menschen unten betrachten würde.« 

Ich mag das sehr. 

Buchinformation
Andreas Pflüger, Kälter
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7

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