Im Niemandsland

Davide Longo: Der Fall Bramard

Espresso wird gerne getrunken in Davide Longos »Der Fall Bramard«. Er schmiert die Gespräche. Das heißt, eigentlich unterstützt er eher das gemeinsame Schweigen. Denn geschwiegen wird viel in diesem Buch. Besonders zwischen Corso Bramard und Cesare, zwei wortkargen Männern in einer wortkargen Gegend. Beide leben in einem Dorf am Rand der piemontesischen Alpen, der alte Cesare betreibt die einzige Bar weit und breit. Es geschieht nicht viel hier, etwas abseits vom Leben in der Ebene. »Der Gesamteindruck war der von einem Ort, wo das Leben Zwischenstopp gemacht hatte, um sich dann anderswohin zu wenden. Corso lebte seit fünfzehn Jahren hier«. Denn in Bramards Vergangenheit ist bereits viel zu viel geschehen. Wenn er nicht schweigt und grübelt, dann besteigt er die umliegenden Gipfel, ohne auf Gefahren durch Wetter oder Steinschlag zu achten. Was kann einem Mann noch passieren, der bereits alles verloren hat, was ihm im Leben wichtig war? „Im Niemandsland“ weiterlesen

Aus dem Leben gefallen

Cynan Jones: Graben

»Ein leuchtend blaues Licht machte sich nun breit, und sie blieben eine Weile stehen und blickten über das Tal; die seltsamen Wattebäusche der Schafe waren zu erkennen, die weiß getünchten Farmhäuser – mit ihren blinkenden Fenstern wie Quarze im flachen grauen Land. Ein paar Vögel waren schon auf, und ein Schwarm Möwen zog geisterhaft in Richtung Meer, so als würden sie vor der aufgehenden Sonne fliehen. Man konnte das Meer von hier aus nicht sehen, aber spüren.« Ich war noch nie in Wales und ehrlich gesagt musste ich auf der Karte nachschauen, um es ganz exakt zu lokalisieren. Aber es muss eine schöne Gegend sein, zumindest scheint das in Cynan Jones Buch »Graben« immer wieder durch. Ansonsten bleibt in dem Roman nicht viel Platz für Schönes, die 175 Seiten haben es in sich. Denn Jones erzählt in einer großartigen Sprache eine raue, archaische und brutale Geschichte. „Aus dem Leben gefallen“ weiterlesen

Die Blinde und der Gehorsame

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Wenn auf dem Umschlag eines Buches ein Schwarzweiß-Photo abgebildet ist, werde ich immer aufmerksam; in meinem Fall haben die Marketingmenschen der Verlage damit alles richtig gemacht. So ging es mir auch bei »Alles Licht, das wir nicht sehen« von Anthony Doerr. Gesehen, für interessant befunden, gekauft, obwohl ich noch nie etwas von diesem Autor gehört hatte. Kurz darauf dann die Nachricht, dass er für dieses Buch den Pulitzer-Preis für Belletristik erhalten hat und umso gespannter war ich dann auf die Lektüre. „Die Blinde und der Gehorsame“ weiterlesen

Entwurzelt in Hamburgs Obstgarten

Dörte Hansen: Altes Land

Vor einigen Monaten hatte ich vollmundig verkündet, das Leseprojekt Herkunft und Heimat zu starten; ein Thema, das mich schon seit sehr vielen Jahren gedanklich beschäftigt. Es ist auch eine beachtliche Bücherliste zusammengekommen, allein, mir fehlte der Einstieg. Den habe ich mit dem Roman »Altes Land« von Dörte Hansen jetzt gefunden. „Entwurzelt in Hamburgs Obstgarten“ weiterlesen

»Walden« auf die harte Tour

Doris Knecht: Wald

»Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Diese Sätze von Henry David Thoreau sind seit dem Film Der Club der toten Dichter beinahe Bestandteil der Pop-Kultur. Und sie treffen immer noch einen Nerv der Zeit; viele ob der unendlichen Möglichkeiten zivilisationsmüde gewordenen Bewohner der westlichen Welt beginnen bei diesen Worten von einem Leben voller Einfachheit zu träumen. Genauso wie der Verfasser 163 Jahre zuvor; Thoreau lebte damals zwei Jahre in einer Blockhütte in den Wäldern, beschränkte seinen Komfort und seine Kommunikation mit der Außenwelt auf das Nötigste. Um zu sich zu finden, um Abstand zwischen sich und der in seinen Augen immer oberflächlicher und  hektischer werdenden Gesellschaft zu schaffen. Ein Ausstieg auf Zeit sozusagen und sein Buch »Walden«, aus dem diese Sätze stammen, ist bis heute eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse, die von einem alternativen Leben handeln. Gerade eben ist es in einer wunderschönen Ausgabe bei Diogenes wieder neu aufgelegt worden; eine sehr lesenswerte Rezension von Gisa Funck auf Deutschlandfunk.de würdigt das Buch ausführlich.

Doch es soll hier nicht um Thoreaus »Walden« gehen, sondern um das Buch »Wald« von Doris Knecht. Ein ähnlicher Titel, eine ähnliche Ausgangssituation: Marian Malin, die Protagonistin des Romans, lebt alleine in einer einfachen Behausung im Wald irgendwo im österreichischen Voralpenland. Doch während Thoreau seinen Ausstieg freiwillig gewählt hat, um sich mit der Sinnsuche zu beschäftigen und danach wieder in die Zivilisation zurückzukehren, ist bei Marian gar nichts freiwillig. „»Walden« auf die harte Tour“ weiterlesen

Inszenierte Inszenierung

Das Buch »Kastelau« von Charles Lewinsky habe ich schneesturmumtost in einem abgelegenen Bauernhof gelesen – mit dem Gefühl, komplett von der Welt abgeschnitten zu sein. Selten passen äußere Umstände so perfekt zum Inhalt eines Romans, denn Kastelau ist ein Dorf in den Berchtesgadener Alpen, in dem ein Filmteam aus Berlin den Winter 1944/1945 verbringt – völlig abgeschnitten vom Rest der Welt. Und das ist auch der Grund ihrer Anwesenheit dort. Denn Berlin wird zu dieser Zeit ein immer gefährlicherer Ort, die Niederlage des Krieges beginnt sich abzuzeichnen und niemand – auch kein Star des Filmgeschäfts – ist mehr davor gefeit, sein Leben für das Ende des tausendjährigen Reiches geben zu müssen. „Inszenierte Inszenierung“ weiterlesen

Kulturen-Crash am Ende der Welt

Carl Nixon: Settlers Creek

Der neuseeländische Autor Carl Nixon zeigt uns in seinem Roman »Settlers Creek« sein Heimatland. Es ist nicht das Postkarten-Neuseeland der atemberaubenden Landschaften, riesigen Schafherden auf grünen Wiesen oder der Maori-Folklore. Es ist ein Land, schwer getroffen von den globalen Wirtschaftskrisen der letzten Jahre, ein Land mit einer der höchsten Selbstmordraten unter Jugendlichen und voller unversöhnlicher Gegensätze zwischen den Ureinwohnern und den Weißen. Das alles verbindet sich im Schicksal Box Saxtons, von dem diese Geschichte erzählt. „Kulturen-Crash am Ende der Welt“ weiterlesen

Schiffbruch eines Lebens

Anne von Canal: Der Grund

»Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist?« Harte Worte. Es sind die Gedanken von Laurits Simonsen, dessen Leben Anne von Canal in ihrem Roman »Der Grund« erzählt. »Heimat interessiert mich nicht. Sie ist eine Erfindung jener Leute, die nicht den Mut haben, auf ihre Fähigkeit zur Anpassung zu vertrauen.«

Was muss alles passiert sein, damit ein Mensch so denkt? Wie kommt es zu einer solchen Entwurzelung? Das Buch beginnt mit einem Schiffbruch, die erste Seite zitiert den Funkverkehr zwischen zwei Schiffen, eines davon in Seenot geraten. Es ist ein kurzer Dialog, der immer panischer wird und dann abbricht. Es folgt der dramatische Bericht eines Schiffuntergangs, bei dem 852 Menschen in den eisigen Fluten der Ostsee ertranken. Am 28. September 1994. Das Schiff war die Estonia. „Schiffbruch eines Lebens“ weiterlesen

In der Entfremdungszone

Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung

Ein idyllischer Anblick: Ein kleines Holzhäuschen, inmitten von Birkenwäldern. Ein Garten, umgeben von einem baufälligen, an vielen Stellen geflickten Zaun. Ein Garten, der Gemüse und Obst liefert, Kartoffeln, Kohl, Gurken, Äpfel, Rote Beete und vieles mehr. So lebt Walentyna, eine ältere Frau, die sich in diese Oase der Ruhe zurückgezogen hat. Aber die Idylle täuscht. Und wie sie täuscht, denn das Häuschen steht mitten in der Entfremdungszone, wie die Ukrainer das Sperrgebiet rund um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl nennen. In dieser verlassenen Gegend, immer noch hoch radioaktiv, inmitten zerfallener Städte, ausgeplünderter und von der Natur überwucherter Dörfer leben heute tatsächlich Menschen. Diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Walentyna gehört zu ihnen, denn sie hat bereits alles verloren. Mechtild Borrmann erzählt in »Die andere Hälfte der Hoffnung« ihre Geschichte. „In der Entfremdungszone“ weiterlesen

Spiel.Figuren

Steffen Kopetzky: Risiko

Oskar Niedermayer ist der Name eines Mannes, dessen Taten im Dunkel der Geschichte verschwunden sind; dabei hatte er sich auf den Weg gemacht, dem Ersten Weltkrieg einen anderen Verlauf zu geben. Er war der Anführer einer deutsch-türkisch-österreichischen Expedition, die 1915 von Konstantinopel aufbrach, um die Kunde des Dschihads, zu dem der türkische Sultan Mehmed V. aufgerufen hatte, auf geheimen Wegen ins ferne Kabul zu tragen. Ziel war es, die afghanischen Stämme vereint mit der islamischen Welt Zentralasiens gegen die englischen Kolonialherren in Indien in den Kampf zu führen. Dadurch sollte das britische Empire so nachhaltig erschüttert werden, dass England nicht in der Lage gewesen wäre, weiterhin in Europa Krieg zu führen. Der Versuch misslang und die Niedermayer-Expedition wurde fast völlig vergessen. In Steffen Kopetzkys Roman »Risiko« wird dieses waghalsige Unternehmen wieder lebendig. „Spiel.Figuren“ weiterlesen