Eine Epoche der Bücher

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Seit Monaten lese ich in diesem Buch; den einen Abend ein, zwei Kapitel, den anderen Abend lediglich ein paar Seiten, immer mit großer Konzentration. Und es ist jedes Mal ein Genuss, denn stets schickt es mich auf eine Zeitreise in eine der faszinierendsten und spannendsten Epochen unserer Geschichte, lässt mich alte Texte entdecken, Zusammenhänge verstehen, das eigene Wissen vertiefen und ein Verständnis dafür entwickeln, wie gigantisch die kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit waren, prägend für die Jahrhunderte danach. Und dazu ist dieses Buch ein gestalterisches Gesamtkunstwerk – die Rede ist von dem voluminösen Prachtband »Welt der Renaissance« von Tobias Roth

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Die Renaissance war die Zeit des Aufbruchs in die Moderne, ausgelöst durch die verschiedensten Faktoren: Mehrere Pestwellen wirbeln die gesellschaftlichen Strukturen durcheinander, die Einführung der arabischen Ziffern lässt den Handel und das Bankwesen expandieren, Händlerdynastien werden mächtiger als alteingesessene Adelsfamilien, durch das Aufkommen das Schwarzpulvers und der Söldnerheere verändert sich das Kriegswesen und damit die Politik. Und zwei weitere Dinge sind entscheidend für den Beginn eines neuen Zeitalters.

»Für das geistige und literarische Leben aber sind zwei Dinge von größter Bedeutung, die seither nicht mehr wegzudenken sind: das Papier, das den ungleich teureren Schriftträger Pergament ablöst, und die Brille, die die Lebenslesezeit eines Menschen sprunghaft erhöht. Beides trägt grundlegend zur Veränderung der Gesellschaft durch Wissen, durch fixierte Informationen bei, und beides taucht um 1300 in Italien auf.«

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Italien ist Ursprungsland und Heimat der Renaissance, deren Auswirkungen ganz Europa verändern sollten. Wie bei jeder kulturellen Epoche gibt es weder ein exaktes Anfangs-, noch ein Enddatum; der zentrale Zeitraum sind die 200 Jahre des 15. und 16. Jahrhunderts. In unserer heutigen Wahrnehmung ist die Renaissance geprägt durch Architektur, Bildhauerei und Malerei. Doch in allererster Linie war sie die Epoche des geschriebenen Wortes, das große Zeitalter des Buches. Denn der Motor für alle kulturellen – und damit einhergehend auch gesellschaftlichen – Veränderungen waren die antiken Texte der Griechen und Römer. Über Jahrhunderte vermoderten ihre Reste in Klosterkellern, wurden beschädigt, vernichtet, verschwanden, wurden vergessen. Renaissance heißt Wiedergeburt – und wiedergeboren sind mit der Neuentdeckung der alten Texte das Wissen und die Kultur der Antike. Die alten Schriften werden kopiert, verbreitet, interpretiert, dienen als Grundlage für neue Gedanken, es ist die Geburtsstunde des Humanismus. Und erst die Beschäftigung mit den antiken Büchern und Schriftrollen, das Entdecken einer verschwundenen Welt, die Verfestigung neuer Denkweisen, freier, weiter als zuvor, erst dies lässt die Architektur, die Skulpturen und Gemälde entstehen, die wir heute noch bestaunen. Aber am Anfang war das Wort, waren viele Worte. Tobias Roth bringt das in einem Satz auf den Punkt: »Die Renaissance war eine Epoche des Buches.«

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Die humanistische Denkweise war entscheidend für die Bedeutung des Geschriebenen und die Vermittlung von Wissen. Denn Bildung verändert den Menschen, entwickelt ihn weiter, verändert ihn zum Besseren. »Neugier und Lernwille sind entscheidende Werte. Es ist keine Schande, etwas nicht zu wissen; es nicht wissen zu wollen aber schon.« Die große Zeit des Humanismus und der Renaissance ging um die Mitte des 16. Jahrhunderts zu Ende. Die Gegenreformation setzte ein, mit ihr Zensur und Verbote; es folgte die Ära der Religionskriege, deren trauriger Höhepunkt das dreißigjährige Gemetzel des 17. Jahrhunderts sein sollte. Wobei die Renaissance in keinster Weise eine friedliche Epoche war, ganz im Gegenteil, sie war eine Zeit der Extreme. Niemand bringt dies besser auf den Punkt als Orson Welles in seiner Rolle als Harry Lime im Film »Der dritte Mann«: »In den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blutvergießen, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!« Ein berühmtes Zitat der Filmgeschichte, auch wenn die Kuckucksuhr mit der Schweiz eigentlich nichts zu tun hat.

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Aber zurück zum Thema. Die Renaissance als Epoche der Buchkultur war eine Zeit brillanter Literaturschaffender, eine Zeit, in der das Italienische sich als Literatursprache etablierte, während zuvor alleinig Latein die Sprache der Gebildeten gewesen war. Doch neben den großen Namen – etwa dem Dreigestirn Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio und natürlich Dante Alighieri, Vorläufer und Wegbereiter der Renaissance, dessen 700. Todestag 2021 von zahllosen Artikeln, Beiträgen und Büchern begleitet wurde – ist die Literatur jener Zeit kaum präsent. Das allerdings hat sich mit dem vorliegenden Buch geändert. Und wie. 

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Eine Literaturepoche wird lebendig

Tobias Roth beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Literatur der Renaissance. Mit akribischer Recherche hat er Texte, Namen und zahllose Details zusammengetragen, die er in seinem Buch »Welt der Renaissance« vorstellt. 68 Autoren und Autorinnen kommen darin zu Wort und sprechen zu uns über die Jahrhunderte hinweg. Etwa 350 Originaltexte sind darin enthalten, die riesige Bandbreite reicht vom Vierzeiler bis zu mehrseitigen Abhandlungen, Erzählungen oder Romanfragmenten – die zum Teil das erste Mal überhaupt in deutscher Sprache erscheinen. Ein beeindruckendes, unglaublich intensives Leseerlebnis, das den Tonfall jener Zeit wiederauferstehen lässt. 

Jedes Kapitel beschäftigt sich mit einer Person. Vorangestellt ist jeweils ein einführender Text mit Informationen zur Biographie, zum gesellschaftlichen Stand, zur Bedeutung und zu den wichtigsten Veröffentlichungen. Es folgen mehrere Seiten Auszüge aus den Werken; erzählende Texte, Gedichte, Lieder, aber auch Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Auf diese Weise lernen wir die unterschiedlichsten Literaturschaffenden kennen. Natürlich hat Petrarca einen festen Platz, dessen Schaffen Vorbild war für ganze Generationen der ihm Nachfolgenden. Er und Boccaccio eröffnen im Inhaltsverzeichnis den Reigen der Literatur, und es beginnt ein Weg tief hinein in eine längst vergangene Zeit; ein Weg, der sich während der Lektüre immer feiner verästeln wird. Doch die Leser verlaufen sich nicht: Durch viele Querverweise erschließen sich Zusammenhänge; Netzwerke, Sympathien, aber auch Antipathien werden deutlich, es entsteht ein überaus lebendiges Gesamtbild einer Literaturszene, die berauscht davon war, gänzlich neue Wege zu betreten, ein neues Weltbild zu schaffen. 

»Die grundsätzlich akzeptierte Autorität der Antike erzwingt einen Freiheitsraum für die modernen Dichter der Renaissance, sie ermöglicht die Experimente der Nachgeborenen. Die Spielräume werden größer, je mehr Antike wiederentdeckt und in ihrer Buntscheckigkeit erkannt wird.«

Aus der Fülle an Material bleiben so manche Texte im Gedächtnis. Beeindruckt hat mich etwa der Bericht aus Florenz über die Pest von 1348, verfasst durch den Kaufmann und Bankier Baldassarre Bonaiuti. Oder die Briefe des Buchjägers Poggio Bracciolini. Buchjäger – was für ein grandioses Wort übrigens. Das waren jene Menschen, die damals alte, vergessene Klosterbibliotheken durchwühlten, immer auf der Suche nach antiken Texten. Poggios wichtigster Fund war 1417 die Wiederentdeckung der Schriften des Lukrez, dessen Gedanken vollkommen neue Horizonte für die Menschen des 15. Jahrhunderts eröffnen sollten. 

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Im Kapitel über Vespasiano da Bisticci, einem der bedeutendsten Buchhändler jener Zeit, wird die Entwicklung der Buchverbreitung deutlich. Den größten Teil seines Lebens verkauft er in seinem berühmten Buchladen in der Florentiner Innenstadt von Hand kopierte Werke. Zum Beruf des Buchhändlers gehört das »Auffinden, Vervielfältigen und Ausstatten von Büchern«. Bücher waren aufwändig zu produzieren und teuer; spannend zu lesen ist der Brief da Bisticcis an Cosimo de‘ Medici, in dem es um die Ausstattung einer neu geplanten Bibliothek geht – 45 Schreiber stellten in 22 Monaten 200 Bände her. Was für ein gigantischer Aufwand und man kann sich leicht vorstellen, wie das Aufkommen der Druckkunst – die erste Druckerei in Italien wurde 1464 in der Nähe von Rom eröffnet – die Verbreitung von Wissen, Texten und Bildung befeuert hat. 

Hochinteressant zu lesen sind die Briefe Alessandra Macinghis, die als früh verwitwete, alleinstehende Bankiersfrau die Geschäfte der Familie führt. Ein stetiges Lavieren zwischen politischen Intrigen, gesellschaftlichen Ansprüchen und der Sorge um ihre Kinder. 

Spannend der Bericht über das Leben der Dichterfürstin Vittoria Colonna, die auf höchstem Niveau Gedichte schrieb, mit allen Intellektuellen ihrer Zeit befreundet war, aber auch mehrmals vor den Kriegswirren auf der italienischen Halbinsel fliehen musste.

Briefe von Raffaelo Santi sind abgedruckt, den wir heute unter seinem Künstlernamen Raffael kennen, ebenso wie Texte von Lorenzo de‘ Medici oder ein Schreiben des Forschungsreisenden Amerigo Vespucci. 1507 wird der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller den neuen Kontinent nach ihm »America« benennen.

Es gibt Fabeln aus der Feder Leonardo da Vincis zu lesen, Texte von Niccolò Machiavelli und Gedichte von Michelangelo Buonarotti. Wir lernen Aldo Manuzio kennen, der als der erste Verleger gilt und in dessen Verlag in Venedig die Werke Erasmus von Rotterdams veröffentlicht werden. Und wir lesen über Bartolomeo Scappi, der als »Koch der Päpste« seine Rezepte 1570 als Kochbuch herausgegeben hat.  

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Diese wenigen Beispiele müssen genügen, alles andere würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Und doch vermitteln sie nur einen winzigen Eindruck dieses Werkes, das unendlich viel Wissenswertes zwischen zwei Buchdeckeln versammelt und spektakulär präsentiert. Tobias Roth weckt damit die Neugier auf diese einzigartige Epoche der Umbrüche und macht klar, wie mächtig Worte sein können, wie prägend Texte für eine gesamte Kultur sind. Die Dynamik dieser Zeit ist dabei hautnah spürbar, mehr Zeitreise geht nicht.

Ein Buch als Gesamtkunstwerk

Mitten hinein in die Zeit der Renaissance fiel die Erfindung des Buchdrucks und das Aufkommen gedruckter Bücher führte zu einer völlig neuen Dynamik bei der Verbreitung des geschriebenen Wortes. Wie ein roter Faden zieht sich diese Entwicklung durch das gesamte Buch: Alle zwei, drei Kapitel gibt es Extraseiten, auf denen Druckereien jener Zeit vorgestellt werden; außerdem beispielhafte Druckerzeugnisse, wichtige Werke und vieles mehr. Natürlich versehen mit Illustrationen, die uns Buchseiten zeigen, Schriftarten und zahlreiche weitere Details. Womit wir bei der Ausstattung dieses Großlesebuches angekommen sind. 

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Denn ist schon die Textzusammenstellung von »Welt der Renaissance« spektakulär, so ist es die gestalterische Aufbereitung, sind es die vielen typographischen Details nicht minder. Als Schriftart wurde die Poliphilus gewählt, eine Renaissance-Antiqua-Schrift, 1923 als Reminiszenz an eine 1499 entworfene Schriftart gestaltet – und schon durch dieses Wahl weht der Hauch der Geschichte durch das gesamte Werk. Schweres Papier, ein Leineneinband mit einer farbigen Bauchbinde, kleine, in den Text rot eingedruckte Zeigefinger als Verweiszeichen, die der inhaltlichen Erschließung dienen, Abbildungen von Münzen der Zeit zu Beginn jedes Kapitels, zahllose Abdrucke von Buchseiten aus Werken der Renaissance und prachtvolle Farbabbildungen in der Mitte des Buches – das alles verbunden mit einem unwiderstehlichen Geruch von Druckerschwärze, Papier und Leim. Das Wort Gesamtkunstwerk ist in keinster Weise übertrieben.

Oder anders gesagt: »Welt der Renaissance« ist eines der schönsten, prächtigsten, beeindruckendsten und herausragendsten Bücher der letzten Jahre.

Ist das jetzt etwas zu überschwänglich formuliert? Der Blick schweift zum Buch, das neben mir liegt: nein, ist es nicht; »Welt der Renaissance« ist wahrlich ein editorisches und gestalterisches Meisterwerk.

Zum Weiterlesen: Eine Lektüreliste

Renaissance: Zum Weiterlesen

Während der Lektüre zog es mich immer wieder zum heimischen Bücherregal, wenn mir ein Name bekannt vorkam oder mir ein Zusammenhang mit bereits Gelesenem klar wurde. Auch in den Buchhandlungen meines Vertrauens fiel mir der ein oder andere Titel zum Thema ins Auge. Daraus hat sich eine kleine Liste zum Weiterlesen ergeben, die ich hier zusammengestellt habe. Falls jemand weitere Buchtipps hat: Immer her damit. 

  • Leonardo Benevolo, Die Stadt in der europäischen Geschichte
  • Giovanni Boccaccio, Das Büchlein zum Lob Dantes
  • Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien
  • Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie
  • Stephen Greenblatt, Die Wende – Wie die Renaissance begann
  • Franziska Meier, Besuch in der Hölle – Dantes Göttliche Komödie
  • Thomas de Padova, Alles wird Zahl – Wie sich die Mathematik in der Renaissance neu erfand
  • Volker Reinhardt, Die Macht der Seuche – Wie die große Pest die Welt veränderte

Buchinformationen
Tobias Roth, Welt der Renaissance
Übersetzung der Originaltexte aus dem Lateinischen und Italienischen von Tobias Roth
Galiani Verlag
ISBN 978-3-86971-205-5

#SupportYourLocalBookstore

Obwohl der Hashtag diesmal eigentlich heißen müsste: #SostieniLaTuaLibreriaLocale

Aus einem Münzwurf wird Literatur

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

Jeder Roman hat eine Entstehungsgeschichte, doch nur wenige sind so charmant wie die von »I get a Bird«. Denn alles begann mit dem Wurf einer Münze – so erzählen es Anne von Canal und Heikko Deutschmann, die das Buch gemeinsam verfasst haben. Seit vielen Jahren sind die beiden miteinander befreundet und bei einem ihrer Gespräche ging es um die Kunst des Briefeschreibens; eine Kunst, die in unserer Welt im Begriff ist, zu verschwinden. Wie wäre es wohl – so die Überlegung – wenn zwei vollkommen Fremde einen Briefwechsel begännen. Natürlich gibt es etliche Romane zu genau dieser Idee, aber sie stammen stets aus der Feder eines einzigen Autors, einer einzigen Autorin. Doch wie würde es sich entwickeln, wenn es tatsächlich zwei Personen wären, die sich schreiben? Die beiden beschlossen, dies auszuprobieren;  jeder würde eine fremde Identität annehmen und unter diesen Namen begänne ein Briefwechsel. Nicht abgesprochen, spontan und unberechenbar. Nur wer sollte damit anfangen, wer den ersten Brief schreiben? „Aus einem Münzwurf wird Literatur“ weiterlesen

Eine Reise in den Wahn

Hari Kunzru: Red Pill

Es war ein Leseerlebnis, wie es nicht allzu oft vorkommt. Der Liebeskind Verlag hatte mir den Roman »Red Pill« von Hari Kunzru zugeschickt, dessen »White Tears« für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre war. Umso gespannter war ich auf das neue Werk – und direkt die ersten Sätze haben mich so tief getroffen, dass ich sprachlos vor dem aufgeschlagenen Buch saß und dachte, genau, ganz genau so ist es. Hari Kunzru ist 1969 geboren und damit der gleiche Jahrgang wie ich. In »Red Pill« schreibt er aus der Sicht eines Fünfzigjährigen darüber, wie es sich anfühlt, wenn man zu ersten Mal bemerkt, dass einen das Älterwerden nun doch eingeholt hat, auch wenn man es lange nicht wahrhaben wollte. Es sind lediglich ein paar Sätze, doch sie bringen dieses Gefühl absolut treffend auf den Punkt. Und man sitzt da und liest Gedanken, die einen selbst bewegen, die einen schon seit einiger Zeit nicht mehr loslassen, die man aber bisher nicht in Worte fassen konnte. Jedenfalls nicht so elegant. Hier sind sie, in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence: „Eine Reise in den Wahn“ weiterlesen

Eine Feier der Planlosigkeit

Seit vielen Jahren begleitet mich Sven Regeners Romanheld Frank Lehmann. Angefangen hat alles mit einem Päckchen: Im Frühjahr 2001 schickte mir eine Bekannte, die zu dieser Zeit als Volontärin beim Eichborn Verlag arbeitete, »Herr Lehmann« zu – mit den Worten, dies könne ein Buch für mich sein. Sie wusste nicht, wie recht sie damit haben würde, denn nie zuvor und nie danach habe ich mich so in einer Romanfigur wiedergefunden. Und es ist inzwischen eine liebgewordene Tradition, dass ich »Herr Lehmann« jedes Jahr lese; das zwanzigste Mal steht jetzt bevor und bei jedem Wiederlesen fühlt es sich an, als würde ich einem alten Freund begegnen. Natürlich ist es auch das allererste Buch, das ich hier im Blog vorgestellt habe, nicht ahnend, dass mich wiederum das Bloggen ein paar Jahre später zu einem neuen Job führen sollte. Genauer gesagt zum Eichborn Verlag, der allerdings nur noch den Namen mit dem früheren Unternehmen gemein hat; bei dem aber »Herr Lehmann« immer noch in der gebundenen Ausgabe erhältlich ist, auch wenn der Autor inzwischen beim Galiani Verlag veröffentlicht. 

Sven Regener beließ es nicht bei einem einzigen Roman. Nach und nach erschienen weitere Geschichten aus der Welt des Frank Lehmann, allesamt bevölkert mit wunderbar schrägen Gestalten, die eines einte: Irgendwie stolperten sie ziemlich planlos durch ihre Leben. Und es ist genau diese geschilderte Planlosigkeit, die ich an den Lehmann-Geschichten so liebe; verbunden mit einer In-den-Tag-hineinleben-Haltung, die in unseren Zeiten der Selbstoptimierung schon fast revolutionär wirkt. Das Erscheinen von »Glitterschnitter«, seines sechsten Romans, nehme ich als Anlass, um die Frank-Lehmann-Welt in ihrer Gesamtheit vorzustellen und mir Gedanken darüber zu machen, was genau mich daran so fasziniert. Hier kommen die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens. „Eine Feier der Planlosigkeit“ weiterlesen

Täterland ist abgebrannt

Andreas Pflueger: Ritchie Girl

»So hätte ein Roman beginnen können, der im Reich der Toten spielte: mit den Schemen von Häusern, die sie fühlte, obwohl sie nicht mehr da waren, Geistergebäude, blumengeschmückt, fahnenbehängt, an jedem Fenster schreiende Menschen, ihre Heil-Rufe ein Echo, so wie alles in  Deutschland nur noch ein Echo war – von Schamlosigkeit und Obszönität und Gier, von Hass, von weißer Farbe, die auf Schaufensterscheiben klatschte, von klirrendem Glas, von Zahnbürsten auf Straßenpflaster, vom Wegschauen, Schulterzucken, dem Was-hätte-ich-denn-tun-können, dem Das-ging-mich-nichts-an. Das schlimmste und lauteste Echo, der wahre Grund für all dies. Sie fragte sich, was käme, wenn die Echos irgendwann verhallt wären, wenn es still wurde.«

Der Roman »Ritchie Girl« von Andreas Pflüger ist voller Textstellen, die einen den Atem stocken lassen und die einen tief in die erzählte Geschichte hineinziehen. Doch diese starke Passage ragt noch einmal daraus hervor und ich konnte nicht anders, als die Buchvorstellung mit ihr beginnen zu lassen. Denn mit wenigen Worten skizziert der Autor darin ein Land in Trümmern, besiegt, zerstört, am Ende. Und beladen mit einer Schuld, wie es sie nie zuvor gegeben hat. „Täterland ist abgebrannt“ weiterlesen

Leïla Slimani über wahre »Cancel Culture«. Ein Textbaustein*

Die wahre »Cancel Culture« - Leïla Slimanis brillante Rede bei der Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2021

Der Roman »Das Land der Anderen« von Leïla Slimani ist eines der wichtigen Bücher des Jahres. In diesem Beitrag wird es allerdings nicht um das Buch gehen, sondern um eine Rede. Genauer gesagt, um die Rede, die Leïla Slimani zur Eröffnung des 21. Internationalen Literaturfestivals in Berlin gehalten hat. Die Übersetzung war in der FAS abgedruckt, ich bin zufälllig darauf gestoßen. Während einer Zugfahrt von Leipzig zurück nach Köln blätterte ich durch die Zeitung und blieb an dem Text der Rede hängen. Las sie gleich noch einmal. Und bekomme sie nicht mehr aus dem Kopf. Die französisch-marokkanische Autorin, geboren in Rabat, spricht darin von ihrem Aufwachsen in einer patriarchalen Gesellschaft, in der für Frauen kein selbstbestimmtes Leben vorgesehen ist. Sie erinnert sich an ihre ersten Kontakte mit Büchern und daran, wie die Literatur ihr die Türen in die Welt hinein aufgestoßen hat. Sie ist hindurchgegangen; es war ein steiniger Weg voller Hindernisse und Ressentiments, aber ein Umkehren kam nie in Frage. Und er hat sie bis weit nach oben geführt, Leïla Slimani ist eine der großen Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. „Leïla Slimani über wahre »Cancel Culture«. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«. „9/11: Der Tag, der alles veränderte“ weiterlesen

Geplantes Flanieren

2. Koelner Literaturnacht

Jetzt aber. Am 18. September 2021 findet die 2. Kölner Literaturnacht statt und wir freuen uns schon sehr auf diesen Abend. Ich schreibe »wir«, da ich zu den Gründungsmitgliedern und zum Vorstand von Literaturszene Köln e.V. gehöre; dem Verein, der diese Literaturnacht ausrichtet. Ein Ziel des Vereins ist es, das literarische Leben der Stadt sichtbarer zu machen, auch um dadurch mittelfristig die Arbeitsbedingungen der Kölner Literaturschaffenden zu verbessernEin erstes großes Projekt war die Ausrichtung der 1. Kölner Literaturnacht im Mai 2019137 Veranstaltungen fanden an 42 Orten überall in Köln statt. Bekannte Namen waren genauso dabei wie Autorinnen und Autoren, die gerade ihre ersten Texte publiziert hatten, es gab Diskussionen, Workshops, Werkstattbesuche, literarische Initiativen stellten sich vor, Übersetzerinnen und Übersetzer berichteten von ihrer Arbeit, es gab ein frühes Programm für Kinder und Jugendliche – kurz: Den Besuchern der 1. Kölner Literaturnacht wurden sämtliche Facetten des literarischen Lebens in Köln präsentiert.  „Geplantes Flanieren“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Keiner kommt hier lebend raus

Benjamin Whitmer: Flucht

Der Begriff »Noir« dürfte allen Literaturinteressierten bekannt sein, aber was genau verbirgt sich dahinter? Für diese Stilrichtung gibt es keine allgemeingültige Definition; vor einiger Zeit tastete sich Sonja Hartl in ihrem Essay »Was ist Noir?« an die Thematik heran. Unter anderem heißt es darin: »Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. … Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen.« Zwar muss ein Noir-Roman nicht unbedingt ein Kriminalroman sein, aber dieses Genre bietet sich natürlich geradezu an. Daher ist es kein Zufall, dass Sonja Hartls Essay im Blog Polar-Noir veröffentlicht wurde, dem Verlagsblog des Polar-Verlags; eines Verlags, der sich auf grandios-düstere Kriminalromane spezialisiert hat. Und das Buch »Flucht« von Benjamin Whitmer ist ein gutes Beispiel für die literarische Qualität des Verlagsprogramms: Noir vom Feinsten. „Keiner kommt hier lebend raus“ weiterlesen

Alles anders? Ein Textbaustein*

Die Rubrik »Textbausteine« hier im Blog Kaffeehaussitzer wurde ursprünglich dafür geschaffen, um ausgewählte Textstellen aus Büchern vorzustellen. Textstellen, die mich zum Teil schon lange begleiten, die für mich etwas Besonderes darstellen, sei es aufgrund ihrer Schönheit, ihrer Aussage oder ihrer Bedeutung für eine bestimmte Situation im Leben. Inzwischen sind es schon längst nicht mehr nur Zitate aus Büchern, es gehören auch Songtexte, Ausschnitte aus Magazinbeiträgen oder Gedichte dazu – denn eine Textstelle, die einen bewegt oder berührt, kann überall unvermittelt auftauchen. Zum Beispiel auf der Wand in einem Café. „Alles anders? Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Mit eleganter Leichtigkeit

Juan Gabriel Vasquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzaehlungen

Es war der Buchtitel, der mich neugierig gemacht hat. »Lieder für die Feuersbrunst« klingt auf eine so poetische Weise dramatisch, dass ich an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen konnte. Es enthält Erzählungen des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez, ebenso wie der Band »Die Liebenden von Allerheiligen«. Auf beide Bücher machte mich Vanessa Marzog aufmerksam, die für Holtzbrinck Berlin arbeitet und unter anderem für die Kommunikation rund um die Samuel Fischer Gastprofessur verantwortlich ist. Sie bot an, mir diese beiden Bücher zuzusenden; dafür sollte ich sie photographisch in Szene setzen und ein paar Sätze über den Autor schreiben, der im Sommer 2021 Dozent der Samuel Fischer Gastprofessur an der FU Berlin ist. Eigentlich gehe ich auf Kooperationsanfragen dieser Art nie ein, denn zu viele noch nicht vorgestellte Bücher stehen in der Blog-Warteschlange. Aber wie gesagt, den Buchtitel fand ich so grandios und das Thema der Gastprofessur so interessant, dass ich in diesem Fall nicht anders konnte, als zuzusagen. Zumal ich ein Faible für Literatur aus Süd- und Mittelamerika habe. Und es hat sich gelohnt, denn die Erzählungen der beiden Bände haben mich sehr begeistert. „Mit eleganter Leichtigkeit“ weiterlesen

Schreibmaschine und Karabiner

Elsa Osorio: Die Capitana

»Die Capitana« von Elsa Osorio ist ein besonderes Buch; eines das heraussticht, eines, das einen beim Lesen nicht mehr loslässt und eines, das sich tief ins Gedächtnis eingräbt. Mit diesem biographischen Roman hat die Autorin nicht nur eine beeindruckende Frau dem Vergessen der Geschichte entrissen, sondern sie nimmt uns mit in jene Epoche des 20. Jahrhunderts, als der Traum von einer gerechten Welt beinahe mit Händen zu greifen war. Es sind Jahre der Umwälzungen, der revolutionären Ideen, der Diskussionen. Jahre des Kampfes. Und Micaela Feldman Etchebéhère, genannt Mika, war immer dabei, niemals am Rand, sondern stets im Zentrum des Geschehens. Rastlos und ruhelos und angetrieben von dem unbändigen Wunsch, die Welt zu verändern. „Schreibmaschine und Karabiner“ weiterlesen

Majestätische Hoffnungslosigkeit

Hernan Diaz: In der Ferne

Diejenigen, die schon länger in diesem Blog mitlesen, wissen, dass ich ein Faible habe für eher düstere Romane, deren Protagonisten ihrem Leben verloren gegangen sind. Getriebene, Einsame, Suchende – das sind meine literarischen Helden. Dieses Entwurzelte oder dieses Gefühl, komplett auf sich alleine zurückgeworfen zu sein, sind derart existenzielle Situationen, dass sie jene Romanfiguren zu Sinnbildern des Lebens an sich machen. Sie regen zum Nachdenken an, zur Beschäftigung mit den Gedanken, woher wir kommen, wohin wir gehen und was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist – und die viel schneller vorbei sein wird, als wir es uns in jungen Jahren vorstellen können. »In der Ferne« von Hernan Diaz ist daher ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und ist dabei etwas sehr Besonderes, denn noch nie habe ich einen Text gelesen, in dem die geschilderte Einsamkeit so überwältigend präsent war, wie in diesem. „Majestätische Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen

Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht. „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“ weiterlesen