Die Toten reisen schnell

Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

An dieser Stelle sollte ein prägnanter erster Satz stehen. Einer, der es schafft, sofort neugierig auf ein Buch zu machen, das mich begeistert, fasziniert und so gepackt hat, wie es nicht oft vorkommt. Das ich rasend schnell gelesen habe, weil ich nicht anders konnte, die Sogwirkung war unbeschreiblich. Um es nur widerstrebend aus der Hand zu legen, da auch die längsten Leseabende irgendwann beendet werden mussten. Ein Buch, das mir ein paar Nächte lang unruhige und seltsame Träume beschert hat, nachdem die letzte Seite umgeblättert war. Das sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Das jetzt beim Schreiben schweigend neben mir liegt und mich wieder hineinzieht in eine der ungewöhnlichsten, aber auch verstörendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Die Rede ist von dem großartigen, düsteren Roman »Unser Teil der Nacht« der argentinischen Autorin Mariana Enriquez. Das alles in einem einzigen prägnanten ersten Satz unterbringen? Es ging nicht. 

Gleich vorab: Ich habe ein Faible für düstere Geschichten, aber so tief hinab in die Dunkelheit hat mich Literatur noch nie geschickt. Als Leser verlässt man die Welt, die wir kennen, und taucht ein in eine Handlung voll finsterer Phantastik, die so real geschildert ist, als sei man tatsächlich dabei gewesen – was ich niemandem wünschen würde. Denn Mariana Enriquez hat die Form eines Horrorromans gewählt, um damit große Literatur zu schaffen. Dabei enthält diese äußere stilistische Hülle zahllose Querverweise auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen; dazu so viele brillant miteinander verwebte Nebenhandlungsstränge, dass es schier unmöglich ist, in einer Buchbesprechung diesem Werk nur annähernd gerecht zu werden. 

Zentraler Ort der Handlung ist Argentinien in den Jahren von 1981 bis 1997. Und auch wenn die Zeit der Militärdiktatur mit all ihren Schrecken und den unzähligen Verschwundenen im Jahr 1983 offiziell endete, ist sie eines der prägendsten Elemente. So wie auch Argentinien bis heute unter den Nachwirkungen dieser Zeit und ihrer unmenschlichen Verbrechen leidet, die niemals aufgearbeitet wurden. Bei einer Lesung in Leipzig, bei der ich die Autorin live erleben konnte, erzählte sie, dass es sich für sie vollkommen konsequent angefühlt habe, die Traumata der argentinischen Gesellschaft in Form eines Horrorromans darzustellen. Und so ist die Erzählung gespickt mit Hinweisen auf Folterkeller, Geheimgefängnisse, Entführte und Ermordete, auf die unselige Verquickung zwischen Wirtschaft und Militär, auf Ausbeutung und Zwangsarbeit.

Juan Peterson und die Dunkelheit

Juan ist eine der drei Hauptpersonen des Romans; ihm ist der erste Teil des Buches gewidmet. Wir treffen ihn, als er mit seinem kleinen Sohn Gaspar fluchtartig Buenos Aires verlässt. Und merken schnell, dass er eine besondere Gabe hat: Denn Juan kann die Dunkelheit heraufbeschwören; eine formlose Schwärze, die alles verschlingt, was ihr zu nahekommt, Finger, Arme, Menschen. Seit seiner Kindheit ist Juan, Sohn armer schwedischer Einwanderer, schwer herzkrank. Als der begnadete Arzt Dr. Jorge Bradford ihn behandelte, entdeckte er die Gabe Juans. Und konnte sein Glück kaum fassen: Denn gleichzeitig ist Bradford, der aus einer reichen argentinisch-englischen Familie stammt, ein ranghohes Mitglied des »Ordens«, einem Geheimbund, der stets auf der Suche ist nach Menschen, die jene Dunkelheit heraufbeschwören können. Die Mitglieder des Ordens versprechen sich davon Macht, Erkenntnis und die Unsterblichkeit – durch die Möglichkeit, das eigene Bewusstsein auf einen anderen Menschen zu übertragen, dessen Persönlichkeit dadurch ausgelöscht würde. Immer wieder hatte der Orden Menschen, meist noch Kinder, gefunden, und deren Begabung als Medium gnadenlos ausgenutzt; bis zur völligen Erschöpfung, bis zu einem frühen Tod. 

Juan ist anders. Niemals zuvor gab es ein Medium mit seinen Fähigkeiten. Niemals zuvor erreichte ein Medium das Erwachsenenalter, wurde Vater. Er kann mit Toten Kontakt aufnehmen, erkennt die Orte, an denen Menschen gestorben sind, kann Dämonen beschwören, wird von keinem Schloss, keiner Türe gehindert, einen Raum zu betreten und hat die Möglichkeit, den Anderen Ort zu besuchen, die Heimstatt der Dunkelheit, gegen die der Hades wie ein Vergnügungspark wirkt. Permanent steht Juan unter Beobachtung des Ordens; doch jetzt kommt alles darauf an, dass ihm die Flucht gelingt. Denn seinem Sohn, der wahrscheinlich viele seiner Fähigkeiten geerbt hat, möchte er ein Schicksal als Medium ersparen. Und er versucht verzweifelt, Kontakt mit seiner Frau Rosario aufnehmen, die vor einigen Monaten bei einem Verkehrsunfall starb und die in einem Teil des Totenreichs verschwunden ist, wo er sie nicht finden kann.

Der Orden und die Matriarchin

In England gegründet, besteht der Orden seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Schattenkult, gleichzeitig ein »internationaler Zirkel aus Geld, Privilegien und Beziehungen.« Als die Familie Bradford um die Jahrhundertwende nach Argentinien auswanderte, war sie genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit Hilfe von Kontakten zu den Mächtigen des Landes, mit Bestechungen, Gewalt und durch den Einsatz der Macht der Dunkelheit gelang es ihr in kürzester Zeit, ein gewaltiges Imperium aus Plantagen, Haziendas, Farmen und Anwesen in zahlreichen Städten zusammenzuraffen. In der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist Mercedes Bradford, die Mutter des Arztes, die unangefochtene Matriarchin der Familie, misstrauisch, kalt, gewissenlos und grausam. Und immer auf der Suche nach dem nächsten Medium. Aber erfolglos, niemand ist wie Juan. Der, als er ihre Tochter Rosario heiratete, zu ihrem Schwiegersohn wurde – den sie jederzeit opfern würde für das Erlangen der ersehnten Unsterblichkeit; ebenso wie ihren Enkel Gaspar. 

Gaspar und das Erbe der Diktatur

Wie es mit Juan und Gaspar weitergeht, kann ich natürlich unmöglich verraten. Im zweiten großen Teil des Buches steht Gaspar jedenfalls im Mittelpunkt der Handlung. Ein Teenager mit einem seltsamen Vater in einem Haus voller Geheimnisse. Ein Vater, der stets gedanklich abwesend ist und zu Gewaltausbrüchen neigt. Verschüttete Erinnerungen, schmerzhafte Erfahrungen, die am Rand seines Gedächtnisses auftauchen, unbestimmt, vage. Es ist ein Leben in einer Stadt, in der über manche Dinge nicht gesprochen wird, nicht über Geheimgefängnisse mitten in Wohngebieten, nicht über verschwundene Nachbarn, nicht über eine düster-lähmende Stimmung, die über der ganzen Stadt, dem ganzen Land liegt. Dann geraten Dinge in Bewegung, und das Leben von Gaspar und seinen Freunden ändert sich, brutal und unwiderruflich.

Rosario, die tote Mutter

Als das Buch beginnt, ist Rosario Reyes Bradford, Gaspars Mutter bereits tot. Doch in einem weiteren der langen Hauptkapitel lernen wir sie in einem Rückblick kennen. Und sie kommt selbst zu Wort, denn die Perspektive wechselt zu einer Ich-Erzählerin. Es vervollständigen sich die Informationen über den Orden, es komplettieren sich die Bilder unmenschlicher Praktiken, wir erfahren mehr über die unsägliche Verquickung von Reichtum und politischer Macht – denn unter dem Schutzschild der Militärdiktatur konnte der argentinische Ableger des Ordens nach Gutdünken schalten und walten. »Die Verbrechen der Diktatur waren äußerst nützlich für den Orden, sie sorgten für Körper, für Alibis und für Ströme von Schmerz und Angst; Empfindungen, die Manipulation vereinfachten.«

Rosario wird vieles erst nach und nach klar, als junge Frau lebt sie eine Weile in London. Sie kennt Juan schon von klein auf, der nach der Herzoperation in ihrem Elternhaus einquartiert wurde – um dieses wertvolle Medium nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Als die beiden heiraten, als Gaspar geboren wird, als die Macht des Ordens unerbittlich über ihre kleine Familie wacht, beginnen Entwicklungen, die mehr und mehr Fahrt aufnehmen und irgendwann nicht mehr zu stoppen sein werden. 

Das bisher Geschriebene mag den Eindruck einer Nacherzählung wecken. Aber das täuscht: Mit all dem kratze ich nur an der Oberfläche des Buches mit seiner düsteren Anziehungskraft; Dutzende von Personen und der größte Teil der komplexen Handlung bleiben unerwähnt. Auf den letzten knapp 200 Seiten wachsen die drei Haupteile, unterbrochen von kurzen Zwischenkapiteln, die wiederum die Handlung vorantreiben, zusammen; es entsteht ein einziger, wilder, alles mit sich reißender Strudel tief hinein in Schatten, Dunkelheit und Schwärze. Mariana Enriquez schreibt mit einer erzählerischen Wucht, die ihresgleichen sucht. Und der man nicht allzu oft in einem Leserleben begegnet. Zu verdanken habe ich dieses Lektüreerlebnis der grandiosen Übersetzungsleistung von Silke Kleemann und Inka Marter.

»Die Toten reisen schnell«

Die Essenz dieses Buches? Zum einen die Allgegenwärtigkeit des Todes, die Präsenz von Menschen, die zwar nicht mehr leben, aber auch nicht verschwunden sind. »Die Toten reisen schnell« – so lautet ein Satz aus einem Gedicht der Schwarzen Romantik, der sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht. Doch zwischen all der Schwärze und Grausamkeit geht es vor allem um die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Eine unbedingte Liebe, für die er alles zu opfern bereit ist – nicht nur sein Leben, sondern auch das Bild, das sein Sohn von ihm hat. Denn Gaspar fürchtet seinen unheimlichen Vater, fürchtet seine grimmige Abwesenheit, auch wenn sie im selben Raum sind. Fürchtet die überraschende Gewalt, die von ihm ausgehen kann. Fürchtet den Schmerz, den er ihm zufügt. Denn er weiß noch nicht, dass dies alles geschieht, um ihm das Schicksal Juans zu ersparen, der der Dunkelheit verfallen ist. 

In einer der schönsten Szenen des Buches offenbart Juan seinem Sohn, dass auch er über Gaben verfügt, die nur sehr wenige Menschen haben – in der Hoffnung, dass Gaspar es vielleicht schaffen mag, einen Weg abseits des Ordens und der alles zerstörenden Dunkelheit zu finden. Als Vater ist er bereit, alles dafür zu tun. Wirklich alles. 

»Du hast etwas von mir, ich habe dir etwas von mir hinterlassen, hoffentlich ist es nichts Schlechtes, ich weiß nicht, ob ich dir etwas hinterlassen kann, das nicht beschmutzt ist, nicht dunkel, unser Teil der Nacht.«

Eine wunderbare Textstelle und ein perfekter Titel für dieses Buch: Nuestra parte de noche.

Buchinformation
Mariana Enriquez, Unser Teil der Nacht
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Inka Marter
Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50161-2

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Keine Heldengeschichten

Uwe Wittstock: Februar 33 - Der Winter der Literatur

Am 30. Januar 1933 war die Weimarer Republik am Ende, die Nationalsozialisten an der Macht, und das erste demokratische Experiment auf deutschem Boden versank in Gewalt und staatlichem Terror. Die Dynamik, mit der dies geschah, ist erschreckend: »Für die Zerstörung der der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.« Dieses eindrucksvolle Zitat stammt aus dem Buch »Februar 33 – Winter der Literatur« von Uwe Wittstock. Anhand der Schicksale vieler der damaligen Literaturschaffenden rekonstruiert er die dramatischen Ereignisse. Furchteinflößend und mitreißend gleichzeitig, denn er schafft es, uns so dicht an diese alles verändernden Wochen heranzuführen, wie es mit der Macht der Sprache nur möglich ist. „Keine Heldengeschichten“ weiterlesen

Indiebookday 2022, improvisiert

Indiebookday 2022

Seit 2013 ist der Indiebookday ein fester Termin im Kalender vieler Literaturbegeisterter. Er findet stets an einem der letzten Samstage im März statt und ist den vielen unabhängigen Verlagen gewidmet. Die Idee dazu hatte mairisch-Verleger Daniel Beskos; sie ist einfach und hocheffektiv gleichzeitig. Die Leser sind am Indiebookday dazu aufgerufen, eine Buchhandlung aufzusuchen und ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen; ein Verlag also, der konzernunabhängig ist, dadurch mehr Freiheiten bei der Programmgestaltung hat und meist nur aus einem kleinen Team besteht. Auf der Seite Morehotlist, dem »Magazin für unabhängige Bücher und Buchmenschen« gibt es eine Liste deutschsprachiger Independent-Verlage. Und auf der Seite We Read Indie wird für die Frage »Was ist Indie?« eine gute Definition angeboten.

Das Wichtigste an der Aktion: Das im Lieblingsbuchladen gekaufte Buch wird anschließend auf den Social-Media-Accounts der jeweiligen Buchkäufer präsentiert – zusammen mit dem Hashtag #indiebookday. So erhalten die Bücher aus unabhängigen Verlagen an diesem Tag eine geballte Aufmerksamkeit; gleichzeitig ist es Werbung für die Vielfalt der Literatur. Auch viele Buchhandlungen beteiligen sich daran und haben für diesen Tag entsprechende Büchertische aufgebaut. „Indiebookday 2022, improvisiert“ weiterlesen

Remarque und ein staatlich geprüftes Gewissen

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Im Beitrag »Die Bücher meines Lebens« stelle ich diejenigen Werke vor, die in fünf Lebensjahrzehnten den prägendsten Eindruck hinterlassen haben. Einen Roman habe ich dabei vergessen: »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque ist eines der wenigen Bücher, die ich zwischen meinem sechzehnten und zwanzigsten Lebensjahr gelesen habe. Es war die zweite Hälfte der Achtziger und eine Zeit, in der ich mit Literatur und der einsamen Beschäftigung des Lesens nichts anfangen konnte; die Nachmittage, Abende und Nächte mit den Freunden zu verbringen war viel wichtiger. Und trotzdem hat mich Remarques berühmtes Werk gepackt und fasziniert; ich weiß nicht, wie oft ich es damals las, sieben-, acht-, neunmal bestimmt. Die Ausgabe von »Im Westen nichts Neues«, die mir seinerzeit in die Hände fiel, stammt aus dem Jahr 1929; meine Großeltern müssen sie während der zwölf Jahre, in denen das Buch verboten war, irgendwo versteckt haben. Sie waren zwar überzeugte Parteigenossen und da hätte sich dieses Buch schlecht im Regal gemacht. Aber weggeschmissen haben sie es nicht – sie haben nie etwas weggeworfen. Und irgendwann war es in dem Buchregal meiner Eltern gelandet. Dann in meinem. Da ist es immer noch und jetzt, während ich dies schreibe, liegt es neben mir, ich schaue, welche Stellen ich damals mit Bleistift markierte und rufe mir die Jahre zurück ins Gedächtnis, in denen ich es gelesen habe. „Remarque und ein staatlich geprüftes Gewissen“ weiterlesen

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief

Georg Heym: Der Krieg. In: Kurt Pinthus (Hg.): Menschheitsdämmerung

Der Krieg
Georg Heym, 1911

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

Was für ein Gedicht. Georg Heym schrieb es 1911, drei Jahre vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Ein rußgeschwärzter Riese, der wie eine unaussprechliche Monstrosität aus dem Dunkel erscheint, den Mond in seiner unbarmherzigen Hand zerdrückt und damit das Signal gibt für den Beginn des Weltenbrands. Der wie ein Köhlerknecht mit seinem Stab die alles verschlingenden Feuer anfacht, wieder und wieder. Das Grauen, in Worte gefasst. „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief“ weiterlesen

Über die Leere, die uns umgibt

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke

Anstatt über den Roman »Gesammelte Werke« von Lydia Sandgren zu schreiben, würde ich viel lieber noch darin lesen, wäre gerne noch in der Geschichte gefangen, die mich vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Aber auch 874 Seiten sind leider irgendwann zu Ende und es war mitten in der Nacht, als ich das Buch zugeklappt habe; übermüdet und hellwach gleichzeitig. Am nächsten Tag begann das Gelesene zu sacken, sich im Kopf auszubreiten und mir wurde nach und nach klar, was für ein grandioses Leseerlebnis mir beschert worden war – verbunden mit der Wehmut, die liebgewordenen Personen nun nicht mehr wiederzutreffen. Literatur, die wie ein helles Licht über den trüben pandemischen Winter strahlt. Dabei behandelt »Gesammelte Werke« ernste Themen, es geht um Verlust, um das Gefühl der Leere und die Suche nach einem Sinn im Leben; es gibt viele Fragen und nicht immer Antworten darauf – das alles aber ist eingebettet in einer wunderbaren Erzählung über die Freundschaft, das Älterwerden und die Liebe zur Kunst, zur Literatur und zur Sprache. „Über die Leere, die uns umgibt“ weiterlesen

Kunstwerke aus 26 Buchstaben

Hauke Goos: Schoener schreiben

Von Beginn an gibt es in diesem Blog die Rubrik »Textbausteine«. Hier stelle ich Textstellen vor, die mir etwas bedeuten. Mit manchen verbinde ich persönliche Erinnerungen, andere haben mich inspiriert, mich bewegt oder aufgrund ihrer kristallklaren Schönheit zum Staunen gebracht. Und etliche begleiten mich schon seit Jahren. Ebenso stehen im Zentrum vieler Buchvorstellungen kurze Zitate aus den besprochenen Werken; Stellen, die mich innehalten ließen, die Gedanken in Sätze fassen, die ich selbst vage im Kopf hatte, die ich bisher aber noch nie so ausdrücken konnte. Worte, die ein Gefühl perfekt zu formulieren vermögen – immer wieder stoße ich in Büchern auf solch sprachliche Juwelen und lese sie bewundernd ein zweites, drittes Mal, manchmal laut, um mich an ihrer Perfektion zu erfreuen; kein Wort zu viel und keines zu wenig. Das ist das Großartige an der Beschäftigung mit dem geschriebenen Wort: Manchen Menschen, nicht vielen, gelingt es, die sechsundzwanzig Buchstaben unseres Alphabets so zusammenzufügen, dass Kunstwerke daraus entstehen, die Jahre und Jahrhunderte überdauern. Der Journalist Hauke Goos sammelt solche Textstellen, schreibt in seiner Spiegel-Kolumne regelmäßig darüber und hat nun in seinem Buch »Schöner schreiben« fünfzig von ihnen zusammengestellt. „Kunstwerke aus 26 Buchstaben“ weiterlesen

Die Suche nach dem Hart-Crane-Gedicht

Hart Crane: The Bridge - Die Bruecke

Dieser Blog und das Schreiben über Literatur sind wichtige, geradezu unverzichtbare Bestandteile meines Lebens geworden. Damit meine ich nicht nur das Bloggen an sich, sondern vor allem auch die Vernetzung mit anderen Menschen und die unzähligen Kontakte zu Buchbegeisterten, die sonst nie entstanden wären. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass dadurch die Online- und die Offline-Welt so zusammengewachsen sind, dass sie nicht mehr voneinander getrennt werden können, dann liegt er nun vor mir. In Form – natürlich – eines Buches. Eines Buches, das ich lange gesucht habe: Die zweisprachige Ausgabe des epischen Gedichts »Die Brücke/The Bridge« von Hart Crane, in der Übersetzung von Ute Eisinger. „Die Suche nach dem Hart-Crane-Gedicht“ weiterlesen

Corona in der Literatur? Bitte (noch) nicht

Corona in der Literatur: Bitte (noch) nicht

In den freien Tagen nach Weihnachten 2021 machte ich es mir auf dem Sofa bequem: Ich wollte mich mit »Never«, dem neuen Polit-Thriller von Ken Follett entspannen. Das funktionierte nur bedingt, denn das Ende dieses Buches geht – vor allem bei der aktuellen Nachrichtenlage – so unter die Haut, dass ich nachts nur schwer einschlafen konnte. Aber davon möchte ich gar nicht erzählen, sondern nur von einem winzigen Detail des Romans; von einer einzigen Formulierung. Denn die Handlung ist in der unmittelbaren Zukunft angesiedelt, so nah an unserer Zeit, dass sie schon fast in der Gegenwart spielt. Aber eben nur fast. An einer Stelle wird eine Straße, ein Stadtviertel beschrieben. Es heißt darin, dass durch die Pandemie viele der zahlreichen Restaurants und Cafés schließen mussten, inzwischen aber neue eröffnet hätten.

Das war alles zu Corona, was darin zu lesen war. Gleichzeitig war es für mich das erste Mal, dass ich das Thema überhaupt in einem Roman erwähnt fand. Und in dieser Form, als eine vage Erinnerung an eine Zeit, die glücklicherweise vorüber ist, fand ich es erträglich. Aber mehr muss nicht sein, denn das pandemische Geschehen der letzten zwei Jahre ist so bedrückend und frustrierend, dass ich nicht auch noch meine wertvolle Leselebenszeit damit verbringen möchte. Daher mache ich einen großen Bogen um Romane, die auf irgendeine Weise Corona in die Handlung mit einbauen, wie etwa Juli Zehs »Über Menschen«. Auch für das kommende Jahr sind Bücher mit dem Label »Corona-Roman« geplant; diese wandern bei mir automatisch auf die Werde-ich-sicher-nicht-lesen-Liste. „Corona in der Literatur? Bitte (noch) nicht“ weiterlesen

Don’t judge a book by its cover

»Don’t judge a book by its cover« – diese Redewendung wird meist metaphorisch benutzt. Doch bei dem Roman »Feindesland« von Christopher J. Sansom ist der Satz im wortwörtlichen Sinne zutreffend. Denn wäre mir der Autorenname nicht bereits von der grandiosen Matthew-Shardlake-Reihe her bekannt gewesen, dann hätte ich das Buch aufgrund der Covergestaltung keinesfalls beachtet. Ein Mensch in Rückenansicht vor einem neblig-dramatischen Hintergrund: von außen sieht es aus wie einer dieser Thriller von der Stange; austauschbare Genre-Literatur, Dutzendware, vorhersehbar und uninteressant. Doch weit gefehlt, denn hinter dem unsäglichen Umschlagbild verbirgt sich eine düstere, alternativ-zeitgeschichtliche Romanhandlung vom Feinsten. Eine, die es sogar fast mit Robert Harris »Vaterland« aufnehmen kann – und das will etwas heißen. „Don’t judge a book by its cover“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2021: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2021: Die besten Buecher

In vielen Literaturblogs gibt es am Ende des Jahres Rückblicke und Berichte über die Bücher, die am meisten Eindruck hinterlassen haben. Spannend ist dabei vor allem die Unterschiedlichkeit der Listen. Oftmals finde ich darin nur wenige Übereinstimmungen mit meinen eigenen Lese-Highlights – und das beweist immer wieder die Vielfalt der Literatur und die Vielfalt der Lesevorlieben. Und zeigt, wie viel großartige Bücher es zu entdecken gibt. Auch hier im Blog Kaffeehaussitzer ist ein solcher Rückblick inzwischen eine kleine Tradition. Und auch wenn das pandemische 2021 in vielerlei Hinsicht anstrengend, irritierend und manchmal auch frustrierend war, so bot die Literatur immer wieder festen Halt und Trost in seltsamen Zeiten. Fünfzehn Bücher haben es in meine persönliche Bestenliste geschafft, es sind – wie immer – nicht nur Titel, die im vergangenen Jahr erschienen sind; manche von ihnen standen schon eine lange Zeit im Regal, bis nun endlich ihre Zeit gekommen war. Daher bezieht sich dieser Jahresrückblick nicht auf 2021 als Erscheinungsjahr, sondern es sind diejenigen Bücher, die mich in den vergangenen zwölf Monaten am meisten berührt, inspiriert oder begeistert haben. „Mein Lesejahr 2021: Die besten Bücher“ weiterlesen

Schicksal gibt es nicht

Lauren Groff: Licht und Zorn

Der Roman »Licht und Zorn« von Lauren Groff sollte schon längst hier vorgestellt werden, denn es ist schon etwas her, dass ich ihn gelesen habe. Allerdings finde ich es auch immer wieder spannend, erst mit einigem zeitlichem Abstand über ein Buch zu berichten, denn da zeigt es sich, ob die Lektüre im Gedächtnis geblieben ist, ob sie Spuren hinterlassen hat. Und bei besonderen Büchern hat man auch noch nach langer Zeit die Stimmung im Kopf, die sie ausgestrahlt, weiß noch, was sie zu einem besonderen Leseerlebnis gemacht haben. »Licht und Zorn« ist eines dieser Bücher und jetzt, wo es wieder neben mir liegt und ich mit diesem Text beginne, steht die erzählte Geschichte mit all ihren überraschenden Wendungen vor mir. „Schicksal gibt es nicht“ weiterlesen

Am Tag nach dem Ende

Vor einigen Jahren hatte ich an anderer Stelle hier im Blog geschrieben, dass ich einen tiefergehenden Zugang zu Lyrik nie hatte und wohl auch nie haben würde. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn wie kann es sonst sein, dass mich sechs Zeilen eines Gedichts so ins Innerste getroffen haben, dass es mir große Mühe macht, auch Tage danach meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Dabei ist das vielleicht auch gar nicht notwendig, denn die zwanzig Worte des Gedichts sagen genug. Hier sind sie. 

The morning after
my death
we will sit in cafés
but I will not
be there
I will not be
 
Das Empfinden der Sterblichkeit und Vergänglichkeit, das aus diesen kurzen Zeilen spricht, ist überwältigend; ein poetisches Memento Mori für unsere Zeit.

„Am Tag nach dem Ende“ weiterlesen

Freundschaft mit Glaswand

Ob jemals ein klassenloses Zusammenleben möglich sein wird? Ich glaube das nicht, zu ausgeprägt ist das menschliche Bedürfnis, sich in Gruppen zusammenzufinden und sich mit ungeschriebenen Verhaltensregeln und Codes von anderen Gruppen abzugrenzen. Natürlich ist unsere heutige Gesellschaft durchlässiger geworden, zumindest in der Theorie. Doch auch wenn ein sozialer Aufstieg gelingen sollte, dann endet er meist an der Glaswand jener Verhaltensregeln und Codes. »Wenn ich kämpfe, kann ich gewinnen« – dies ist das Credo von Freddy, der in einer halbkriminellen Prekariatsfamilie aufwächst. Das ihn allerdings nicht weit gebracht hat: Wir lernen ihn kennen, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Damit startet der Roman »Alleingang« von Stefan Moster. Es ist eine starke Szene. Die erste von vielen. „Freundschaft mit Glaswand“ weiterlesen

Eine Epoche der Bücher

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Seit Monaten lese ich in diesem Buch; den einen Abend ein, zwei Kapitel, den anderen Abend lediglich ein paar Seiten, immer mit großer Konzentration. Und es ist jedes Mal ein Genuss, denn stets schickt es mich auf eine Zeitreise in eine der faszinierendsten und spannendsten Epochen unserer Geschichte, lässt mich alte Texte entdecken, Zusammenhänge verstehen, das eigene Wissen vertiefen und ein Verständnis dafür entwickeln, wie gigantisch die kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit waren, prägend für die Jahrhunderte danach. Und dazu ist dieses Buch ein gestalterisches Gesamtkunstwerk – die Rede ist von dem voluminösen Prachtband »Welt der Renaissance« von Tobias Roth. „Eine Epoche der Bücher“ weiterlesen

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