Zehn Fragen – neun Bücher

Lesebiographie: Zehn Fragen zu Büchern - neun Antworten

Über die eigene Lesebiographie nachzudenken, ist stets ein spannendes Unterfangen. Genau so interessant ist es, diejenige anderer Buchmenschen zu erfahren. Im Literaturblog Sätze & Schätze – dessen Besuch sowieso nachdrücklich zu empfehlen ist – gibt es deshalb zehn Fragen zu Büchern. Fragen, die sich großer Beliebheit erfreuen. Wie viele andere habe auch ich mich daran gemacht, sie zu beantworten – und muss gestehen, dass ich bei einigen ziemlich lange nachdenken musste. Die Fragen sind nämlich deutlich kniffliger, als sie auf den ersten Blick scheinen und einmal musste ich sogar passen. Aber lest selbst.

Frage eins
Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?
„Ilias und Odyssee“ in der wunderbaren Nacherzählung für Kinder von Walter Jens. Keine Ahnung, wie oft ich dieses Buch während meiner Grundschulzeit aus der Bibliothek ausgeliehen hatte. Ein um das andere Mal, bis ich es fast auswendig konnte. Begeistert habe ich die Geschichten über Götter und Helden, über Verrat und Treue, Sieg und Niederlage, Triumph und Tragödie gelesen, mich weggeträumt aus der heimischen Kleinstadt in eine Welt voller Abenteuer. Das Buch gibt es immer noch im Buchhandel, es sieht heute noch (fast) genau so aus wie damals und liegt in der inzwischen 25. Auflage vor. Wenn ich es sehe, springt sofort das Kopfkino an.

Frage zwei
Das Buch, das Deine Jugend begleitete?
Wahrscheinlich sollte an dieser Stelle „Der Fänger im Roggen“ oder ein ähnlicher Titel stehen. Aber ich muss gestehen, dass ich den „Fänger“ nie gelesen habe. Noch schlimmer: Nachdem ich die gesamte Kindheit und frühe Jugend Stammgast in der örtlichen Bibliothek gewesen war, legte ich vom 16. Lebensjahr an eine mehrjährige Lesepause ein. Heute unvorstellbar, aber es war eben so.

Frage drei
Das Buch, das Dich zum Leser machte?
„Betty Blue“ von Philippe Djian. Dieser Roman war ein Erweckungserlebnis, zeigte  er mir doch eine Welt jenseits aller bürgerlichen Konventionen.

Frage vier
Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?
„Herr Lehmann“ von Sven Regener. Seit dessen Erscheinen 2001 habe ich es jedes Jahr einmal gelesen – und freue mich jedes Mal 297 Seiten lang auf die beiden letzten Sätze, die für mich die Essenz eines perfekten Lebensentwurfs darstellen.

Frage fünf
Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?
„Die Straße“ von Cormac McCarthy. Ein Buch, in dem es in einer Welt nach der Apokalypse um die bedingungslose Liebe eines Vaters zu seinem Sohn geht. Ein Buch wie ein permanenter Faustschlag, immer wieder musste ich die Lektüre unterbrechen, um durchzuatmen. Grandiose Literatur, die unverückbar im Gedächtnis bleibt und zeigt, was im Leben bleibt, wenn alles andere weggebrochen ist.

Frage sechs
Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?
„Ulysses“ von James Joyce. Ich befürchte, dass mich dieses Buch an die Grenzen meines literarischen Wissens bringen wird. Und ich beim Lesen dauernd das Gefühl haben würde, nur einen Bruchteil des Inhalts zu verstehen.

Frage sieben
Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?
Den Rummel um „Tschick“ habe ich bis heute nicht verstanden. Es ist gut geschrieben, keine Frage. Gelungene Unterhaltung, finde ich, keinesfalls ein bahnbrechendes Meisterwerk. Ebenfalls nicht nachvollziehen konnte ich den Wirbel um Stieg Larssons „Millenium-Trilogie“ – diese drei Krimis fand ich grottenschlecht.

Frage acht
Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?
Siehe Frage sechs.

Frage neun
Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?
„Zehn Milliarden“ von Stephen Emott thematisiert in plakativ-beeindruckender Weise die Überbevölkerung der Erde, die irreparable Umwelt- und Ressourcenzerstörung und den unaufhaltsamen Weg in den Kollaps unserer Welt. Nach etwas mehr als 200 Seiten erschreckender Daten zieht der Autor eine verstörende Bilanz: Ich habe einen der nüchternsten und klügsten Forscher, die mir jemals begegnet sind, einem jungen Kerl aus meinem Labor, der sich weiß Gott in diesen Dingen auskennt, die folgende Frage gestellt: Wenn er angesichts der Situation, mit der wir derzeit konfrontiert sind, nur eine einzige Sache tun könnte, was wäre das? Was würde er tun? Wissen Sie was er geantwortet hat? „Ich würde meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht.“

Frage zehn
Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?
Die Geschichte von Harry Potter. Dann wäre ich jetzt stinkreich und hätte mehr Zeit zum Lesen. Nur leider habe ich weder das Talent noch die Phantastik-Genialität einer Joanne K. Rowling.

Das wären sie also, die Antworten, die neun Bücher. Was sind die Euren?

14 Kommentare

  1. Pingback: Nächte totenstill und totschwarz – McCarthy. Die Straße | masuko13

  2. Super Artikel!
    „Herr Lehmann“ ist auch eines meiner Favoriten,nm
    Mein Lieblingsbuch,oder auch das Buch das mir, wie bei Frage 5, am wichtigsten ist, ist gerade Das Schweigen des Lichtes von R. Lindtburgh. Auch sonst finde ich aber gerade schwierigere Bücher gut..Weil das auch gleichzeitig gut für Hirn ist 🙂 Wenn man dann auch noch über die Geschichte und die 1920er etwas erfährt, ist es auch nochmal interresanter.

  3. Ich habe gerade frisch deinen Blog entdeckt und muss sagen, ich bin begeistert! Diesen Artikel mag ich tatsächlich besonders, weil er direkt so viele unentdeckte Schätze bereithält, die ich alle zu entdecken gedenke. Tausend Dank dafür!

    • Vielen Dank für diesen netten und motivierenden Kommentar! Und herzlich willkommen in meinem virtuellen Kaffeehaus.

  4. Tolle Fragen, tolle Antworten! Den „Ulysses“ habe ich tatsächlich schon zweimal gelesen – hätte das aber wohl niemals getan, wenn es nicht für ein Hauptseminar in Literaturwissenschaft gewesen wäre. Aber es lohnt sich, die Kapitel sind anstrengend, überfordernd und teilweise so brillant, dass nichts mit ihnen mithalten kann…
    (Ach könnte ich das doch auch über den Faust II sagen, an dem ich mich schon Jahre versuche bzw. die ganzen Verweise verstehen möchte!)

    • Ich hatte den „Ulysses“ mal begonnen – allerdings während einer längeren Fahrradtour immer abends vor dem Zelt. Das hat nicht so gepasst, bin nicht wirklich weit gekommen. Aber Dein Kommentar macht mich jetzt wieder aufs Neue neugierig auf dieses Buch. Danke dafür!

  5. Pingback: Zehn Fragen zu Büchern | letusreadsomebooks

  6. Bei Stieg Larsson kann ich leider überhaupt nicht zustimmen. Ich hatte auch erst große Vorbehalte, da diese Trilogie so wahnsinnig gehyped wurde. Das stieß mich eher ab. Deshalb hatte ich die Bücher erst vor zwei Jahren gelesen. Eine Freundin war total begeistert und schenkte mir Teil 1 zum Geburtstag. Ich habe die Bücher dann in Rekordzeit gelesen.

    • Ich bin im zweiten Teil ausgestiegen – als Lisbeth Salander (Vorsicht! Spoiler!) mit einer Kleinkaliber-Kugel im Kopf lebendig begraben war und sich aus eigener Kraft befreit hat. Das wurde mir dann zu unglaubwürdig… Aber vielleicht sollte ich doch noch mal den dritten Band lesen.

  7. Lieber Uwe,
    100-prozentig ist dein Erleben der Bücher von Walter Jens, Phillipe Dijan und James Joyce auch das meinige. Es freut mich, es verbindet. Waren das wirklich die Bücher unserer Zeit? Sicherlich für viele von uns. Wenn ich denke, wie mir mein Vater mit diesem Odysseus-Buch die ungeheuer spannende Götterwelt näher gebracht hat. Und was sich mit meiner kindlichen Fantasie da in meinem Kopf abgespielt hat. Die Bilder habe ich immer noch in meinem Kopf.

    Das mit dem „Fänger“ und „Harry Potter“ kann ich auch genau so bestätigen. Spannend, diese Gemeinsamkeiten. Deshalb finde ich es sehr inspirierend, dass du noch die Bücher „Zehn Milliarden“, „Die Strasse“ und „Herr Lehmann“ erwähnst. Von dir empfohlen, sind das für mich sehr wertvolle Leseverpflichtungen.

    Danke!

    • Lieber Hans,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Schön zu lesen, dass einen die eigene Lesegeschichte mit anderen Menschen verbindet. Und es freut mich sehr, wenn ich Dir darüber hinaus noch weitere Leseempfehlungen geben konnte – bin gespannt auf Dein Feedback.

      Herzliche Grüße
      Uwe

  8. Lieber Cafehaussitzer, DIE STRASSE ist auch mein Lieblingsbuch. Dieses Buch ist etwas ganz Spezielles. Trotz all den darin beschrieben Gräuel und Schrecken gab es mir Kraft. Das ist grosse Kunst, denke ich. Ich mag Deinen Blog. Bin durch ihn schon auf mehrere gute Bücher gestossen, hab Dank.

    • Dieses Lob freut mich sehr, vielen herzlichen Dank.Und ja, „Die Straße“ ist für mich auch ganz große Literatur. Es gibt wenig Bücher, die da rankommen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: