Warum ich lese

Der Kaffeehaussitzer. Photo: Vera Prinz„Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig.“ Dies sagte ich kürzlich in einem Interview, das Karla Paul mit mir geführt hatte. Lebensinhalt klingt vielleicht ein wenig pathetisch, beschreibt aber treffend den Stellenwert, den Bücher und Literatur in meinem Leben haben.

Aber warum ist das so?

Die Frage nach dem Warum stellte Sandro Abbate, Betreiber des lesenswerten Literaturblogs novelero. In seinem sehr persönlichen Beitrag Warum ich lese erzählt er, wie und warum er zum Leser wurde und was dies für ihn bedeutet. Direkt nach der Lektüre seines Textes begannen die Gedanken in meinem Kopf sich um diese Frage, diese Aussage zu drehen. Und das ist jetzt dabei herausgekommen.

Warum ich lese

Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt am Bodensee. Drei Dinge sind mir aus meiner frühen Jugend besonders im Gedächtnis geblieben: Die endlosen Sommer im Freibad, ausgedehnte herbstliche Streifzüge durch Wälder und Wiesen. Und unzählige Nachmittage in der Stadtbibliothek.

In meinem Elternhaus gab es nicht viele Bücher, ein paar Bertelsmann-Club-Ausgaben, ein paar Krimis, ein paar ungelesene Klassiker-Volksausgaben, das Übliche eben. Auch lesend habe ich meine Eltern kaum in Erinnerung. Aber sie haben mir als Kind vorgelesen, immer, Abend für Abend, und mir so den Samen der Begeisterung für das geschriebene Wort eingepflanzt. Der später aufgehen und unendlich viele Früchte tragen sollte, bis heute. Und sie haben mir schon früh einen magischen Ort gezeigt, jene Stadtbibliothek, in der ich meine gesamte Kindheit und Jugend über zum Dauergast wurde. Bücher waren meine ständigen Begleiter, die Protagonisten meine Freunde, neue Welten öffneten sich mit jedem Aufschlagen eines Buchdeckels. Neben der Bibliothek wurde die örtliche Buchhandlung der andere Lieblingsort; einen großen Teil des durch miserabel bezahlte Schülerjobs verdienten Geldes tauschte ich dort gegen Bücherschätze ein.

Diese intensive Leseszeit endete, als ich etwa sechzehn wurde, die darauf folgende Lesepause hatte ich in einem anderen Beitrag so beschrieben: „Dann war damit plötzlich Schluss, beinahe von einem Tag auf den anderen. Es wurde wichtiger, die Zeit mit Freunden zu verbringen, gemeinsam abzuhängen, sich in der Stadt zu treffen, durch die Gegend zu ziehen, unterwegs zu sein. Muße und Zeit für Bücher gab es da nicht mehr – und das war für den Moment auch so in Ordnung, denn es ging darum seinen Platz im Leben zu finden.“

Dachte ich. Allerdings sollte mir bald irgendetwas fehlen, eine Leere sich ausbreiten:
„Irgendetwas fehlte. Etwas für mich. Etwas, um sich zurückziehen zu können. Ein Lebensinhalt. Und als ich das nächste Mal wieder an einer Buchhandlung vorbeikam, lief ich nicht wie sonst daran vorbei, sondern ging hinein. Es war wie Heimkommen.“

Dieses Heimkommen ist jetzt schon über zweieinhalb Jahrzehnte her, Kindheit, Jugend und die mit ihnen verbundenen Orte sind nur noch ferne Erinnerungen, aber seitdem habe ich nie wieder aufgehört zu lesen. Bücher sind wie gute Freunde, sie sind da, wenn man sie braucht. Es gibt Texte, die mir über Sinnkrisen hinweggeholfen haben und andere, die mich mit ihrer kristallklaren Schönheit einfach nur glücklich machen. Texte, die meine Persönlichkeit mit geprägt haben. Texte, die mich an gute und an weniger schöne Zeiten meines Lebens erinnern, weil sie untrennbar damit verbunden sind: Schriftgewordene Erinnerungen.

Leben ist Veränderung, Stillstand beendet das Leben. Bücher helfen mir dabei, nicht stillzustehen, sie bringen mich weiter, lassen mich andere Lebensentwürfe kennenlernen, mich teilhaben an fremden Schicksalen; sie erschließen mir neue Horizonte in der Gegenwart und in der Vergangenheit, verflechten sie miteinander, um die Zukunft zu verstehen.

Bücher lassen mich meinen Platz in der Welt finden.
Immer wieder aufs Neue.
In immer wieder neuen Welten.

Und darum lese ich.

13 Kommentare

  1. Ging mir genauso. Ich glaube die Vorlieben, die man als Kind und Jugendlicher entwickelt, prägen auch das Erwachsenenleben. Seit meiner Bibliothekszeit, in der ich als 10 Jähriger kiloweise Bücher entlieh, lese ich gerne und viel. Allerdings muss ich mir auch eingestehen, dass der anfängliche große Enthusiasmus für das Buch einem etwas nüchternen Literaturkonsum gewichen ist. Eigentlich schade, aber über die Jahrzehnte wohl nicht zu ändern.

  2. Pingback: Warum ich lese | pagina secunda

  3. Pingback: Braucht es Gründe? | notizhefte

  4. Pingback: #netzrundschau 05/2016 | SchöneSeiten

  5. Danke für diesen wunderschönen Text! Für mich sind Bücher auch eine Möglichkeit quasi viele verschiedene Leben zu leben, durch meine Bücher hindurch.

  6. Lieber Kaffehaussitzer – ich habe mir noch nie so richtig Gedanken darüber gemacht, weshalb ich lese. Aber die letzten Zeilen, treffen es haargenau! Vielen Dank, Bri

  7. Das mit der Bib kenne ich gut, unsere Kleindorfbücherei hatte ich irgendwann ausgelesen, jedenfalls die Kinder- und Jugendbücher. Dann ließ mich Muttern in den Raum mit den Büchern für Erwachsene.

  8. Wow! Wunderbar geschrieben. Vieles kommt mir bekannt vor. 🙂

    Danke für diesen sehr persönlichen Einblick!

  9. Pingback: Warum ich lese – novelero

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