Was den Menschen ausmacht

Thea Dorn: Die Unglückseligen

Was macht den Menschen aus? Ein zentrale Frage in der Literatur, deren Beantwortung auf vielfältigste Weise erfolgen kann, direkt oder indirekt. Zwei meiner Lieblingsbücher wählen den direkten Weg und reduzieren den Sinn des menschlichen Daseins auf die Vergänglichkeit. Denn nur die Sterblichkeit, die Endlichkeit des Lebens mit all seinen Möglichkeiten macht die Handlungen des Menschen, sein Werden und Wirken zu etwas Besonderem. Zu diesem Ergebnis kommt Simone de Beauvoir in „Alle Menschen sind sterblich“. Und Fruttero & Lucentini erzählen in ihrem Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ die Legende von Ahasver, dem Ewigen Juden, weiter, der ziellos über die Erde wandelt ohne Ruhe zu finden. Zwei Lieblingsbücher, zweimal Unsterblichkeit. Deshalb dürfte es nicht erstaunlich sein, dass ich sofort neugierig wurde auf Thea Dorns „Die Unglückseligen“, geht es doch darin genau um dieses Thema. Nur ganz anders.

Zwei Personen werden uns begegnen: Johanna Mawet und Johann Wilhelm Ritter. Zwei Personen, die unterschiedlicher nicht sein können.

Johanna Mawet hasst den Tod. Sie hat Angst vor dem Altern, dem Dahinsiechen, dem langsamen Vergehen. Aber sie ist Molekularbiologin und fest davon überzeugt, dass man durch Genmanipulation das Absterben der menschlichen Zellen verhindern oder zumindest verzögern kann. Menschen könnten dadurch 300 oder 400 Jahre alt werden, ein erster Schritt zur endgültigen Unsterblichkeit mit medizinscher Hilfe. Angestellt an einer Forschungsanstalt im Münchener Raum, betreibt sie ihre Forschungsreihen mit Versuchsmäusen in einem Partnerinstitut in Dark Harbor, USA, da hier die rechtlichen Vorgaben der Genforschung lockerer sind als in Deutschland.

Johann Wilhelm Ritter liebt den Tod. Er liebt ihn wie etwas Unerreichbares, denn genau das ist er für ihn. Ritter ist am 16. Dezember 1776 geboren und lebt seit 240 Jahren auf dieser Welt, unsterblich, ohne genau zu wissen warum. Schon oft hat er den Tod gesucht, ist in den Krieg gezogen, hat versucht, sich umzubringen – alles war zwecklos. Er blieb am Leben, sogar abgetrennte Gliedmaßen wuchsen wieder nach. Den Menschen war er unheimlich, sie mieden ihn, sperrten ihn viele Jahre in ein Irrenhaus, verstießen ihn. Immer wieder schaffte er einen Neuanfang, fand eine andere Stadt, ein anderes Land, eine andere Frau. Alles um ihn herum veränderte sich, die Städte, die Nationen, politische Umwälzungen und Kriege ließen keinen Stein seiner Welt auf dem anderen. Und seine Gefährtinnen wurden alt und starben. Nur er war immer noch da, schließlich in die USA geflohen vor der Barbarei des „Dritten Reiches“ und auch dort im Lauf der Jahrzehnte immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedriftet. „Das Gewitter war vorüber, wie die Jahre verflogen waren, in denen er bei jedem Unwetter vor die Tür getreten, in der Hoffnung, der Blitz möge ihn erschlagen.“ Ein einziger Satz, der alles über die unendliche Traurigkeit Johann Ritters sagt, all seine verflossenen Jahrhunderte mit wenigen Worten zusammenfasst und die Ausweglosigkeit seiner Situation mit einschließt. „Wärme und Nahrung, was waren sie ihm anderes denn sentimentalische Gewohnheit, sinn- wie zweckentleerte Annehmlichkeiten, bei deren Genusse er sich selbst einheucheln konnte, er sei ein Mensch – ein Mensch wie alle.“

Dann begegnet ihm Johanna Mawet. Sie treffen zufällig aufeinander. Doch ist es tatsächlich Zufall, wenn zwei Getriebene unaufhaltsam aufeinander zurasen? Gleichzeitig abgestoßen und fasziniert voneinander. Johanna hält den alten Mann mit der Haut eines viel Jüngeren für einen Betrüger oder einen Wahnsinnigen – wie die Generationen von Menschen vor ihr. Und Johann hält die energische junge Frau für eine Abgesandte des Teufels, ihn endgültig zu holen.

Denn noch eine dritte Person gilt es vorzustellen, natürlich hat der Teufel seine Hände im Spiel, wenn es um die Unsterblichkeit geht. Mephisto höchstpersönlich führt den Leser durch die Handlung, wie eine Stimme aus dem Off unterbricht er unversehens die Handlung, um ein paar erklärende Hinweise zu geben, verbindet die Kapitel miteinander, gibt vage Rückblicke auf Ritters Leben, Andeutungen auf satanische Zusammenhänge. Sofern sie tatsächlich teuflisch sind, denn der Mephisto, den wir kennenlernen, hat viel von seiner Macht eingebüßt, ist kaltgestellt, ein Schatten seiner selbst. Doch immer noch in der Lage, Unheil zu stiften, denn er trägt ein Geheimnis mit sich, das in keiner heiligen Schrift benannt wird.

Johanna und Johann kommen sich näher, widerwillig, aber eine seltsame Anziehungskraft treibt sie aufeinander zu. Die Molekularbiologin wird mit der Zeit stutzig, es ist nicht nur die junge Haut, die einen seltsamen Kontrast zu den ergrauten Haaren bildet, die Ritter zu einem nachlässigen Zopf gebunden trägt. So, wie er es aus seiner Jugend gewohnt ist. Eine Verletzung verheilt außergewöhnlich schnell und irgendwann schafft es Johanna, Ritter zu überreden, sich Blut abnehmen zu lassen. Was sie bei dessen Untersuchung herausfindet, verschlägt ihr die Sprache. Und jetzt glaubt sie Johanns Geschichte, ist fasziniert davon und versucht den Grund für seine Unsterblichkeit herauszufinden. Deshalb reisen sie nach Deutschland, versuchen sein Leben zu rekonstruieren, die Ereignisse, die zu einem jahrhundertelangen Dasein geführt haben, zu erforschen. Alles unter größter Verschwiegenheit, damit Ritter nicht in die Maschinerie der globalen Forschungsindustrie gerät. Es beginnt eine Wanderung auf dem schmalen Grat zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem abgrundtiefen Wahnsinn. Denn mit Forschung, mit Versuchsreihen und mit Logik hat das alles schon lange nichts mehr zu tun.

Thea Dorn hat mit „Die Unglückseligen“ ein wahres Sprachkunstwerk geschaffen. Der verwendete Stil springt hin und her, es gibt seitenlange Erzählungen in Dialektform; Johann Wilhelm Ritter spricht das Deutsch des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, das in seiner Altertümlichkeit den immensen Zeitraum deutlich macht, den er schon auf dieser Erde wandelt – und dabei zeigt, wie er immer weniger in die sich immer schneller wandelnde Welt hineinpasst. Die Sprache unterstreicht seine große Einsamkeit, die er gezwungen ist auszuhalten. Sie illustriert die Erzählungen seiner Jugend, in der er von naturwissenschaftlicher Forschung geradezu besessen war, gleichzeitig böse Seitenhiebe auf den Hang zum Mystizismus der Romantik austeilt; Herder, Humboldt, Schlegel, Arnim, Brentano, er kannte sie alle, Goethe schätzte ihn als Gesprächspartner. Womit wir bei den zahlreichen Anspielungen auf Faust, auf die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts wären, mit denen das Buch gespickt ist. Untermalt wird dies alles durch unterschiedliche Typographie – bis hin zur Comic-Schrift. Es ist keine entspannende, manchmal sogar eine etwas sperrige Lektüre, aber eine faszinierende Reise durch die Zeit – wenn man sich ebendiese nimmt, um sich auf den Roman einzulassen.

Was macht den Menschen aus? „Die Unglückseligen“ ist trotz des gleichen Themas ein vollkommen anderes Buch, als die beiden eingangs Genannten. Geht es bei diesen vor allem um die Lebensgeschichten der unsterblichen Protagonisten, kommt bei Thea Dorn das Aufeinandertreffen von Mystik und moderner Wissenschaft ins Spiel – und mit diesem eine weibliche Hauptperson, die sich nicht nur Lebensgeschichten anhört, sondern mit diesem Wissen ihre eigene ändern möchte.

Doch kann das gut gehen? Ist Unsterblichkeit erstrebenswert? Johann Wilhelm Ritter warnt Johanna mit eindringlichen Worten:
„Das Leben ist der Güter höchstes nicht“, sagte er so versonnen, als hätte er bereits die Flucht ins Selbstgepräch angetreten.
„Nie bin ich ein Freund Schillers gewesen, doch um dieses Satzes willen verehrt ich ihn. Der Satz zielt auf das Nobelste, das der Mensch in sich trägt, indem er bereit, seine viehische Existenz außer Acht zu lassen. Wie hätt ich die Experimente, bei denen ich all meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, durchführen können, wenn ich an diesen Satz nicht geglaubt? Wie hätte je ein Mensch sich für einen Gedanken, für ein Ideal, für einen andern Menschen opfern können, wenn wer an diesen Satz nicht geglaubt?“

Und weiter: 
„Wie wollt ihr je lieben“, fragte er so leise, dass Johanna ihn kaum hören konnte. „Wie wollt ihr je lieben, wenn ihr ewiglich an euch selbst genug habt?“

Buchinformation
Thea Dorn, Die Unglückseligen
Knaus Verlag
ISBN 978-3-8135-0598-6 

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4 Kommentare

  1. Pingback: Nicht recht bei Verstand – buchlese

  2. Lieber Uwe,

    mich haben „Die Unglückseligen“ so sehr begeistert, daß ich nach dem Hörbuch auch noch das Buch gelesen habe.

    „Die Unglückseligen“ ist ein in jeder Hinsicht und „Hörsicht“ außergewöhnlicher Roman. Mit seiner sprachlichen Spannbreite, seinen anschaulichen Figuren, seinen lebensweltlichen Retrospektiven, seinen historischen und zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Darbietungen und seiner Liebe zum verspielten Detail entwickelt er eine eigenwillige Dynamik und faszinierende inhaltliche und stilistische Komplexität.

    Hier geht es zur vollständigen Rezension des Hörbuches:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/07/21/die-unglueckseligen/

    Gerne hätte ich einen Link zu Deiner Buchbesprechung unter Querverweise eingefügt, aber als ich den kopierten Link eingefügt hatte, entstand ein ellenlanger Leerraum im Layout meiner Webseite. Ich habe keinen Schimmer, wie das technisch funktioniert. Falls Du eine Idee hast, wie ich Deinen Link ohne Blankoraum installieren kann, laß es mich bitte wissen.

    Leseharmonische Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

  3. Der Inhalt des Romans ist natürlich ganz und gar auf mich abgestimmt. Jedoch finde ich die stilistischen Eigenheiten zu gewöhnungsbedürftig und lese lieber Juli Zeh. Viele Grüße, Gérard

    • Ja, etwas sperrig ist das Buch in der Tat. Aber es hat gerade gut gepasst, so wie es für jedes Buch den richtigen Zeitpunkt gibt. Bei Juli Zeh ist der dafür bei mir noch nicht gekommen.

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