Bestseller eines Massenmörders

Sven Felix Kellerhoff: »Mein Kampf« - Geschichte eines deutschen Buches

Im Sommer des Jahres 2000 reiste ich die kroatische Adriaküste entlang, von Zadar bis nach Dubrovnik. Der Krieg auf dem Balkan war noch nicht lange vorbei, immer wieder sah man ausgebrannte Häuser oder ganze Stadtlandschaften mit komplett neu gedeckten Dächern. Zwei weitere Dinge fielen mir auf: Es gab kaum Buchhandlungen, aber eine Menge mobile Buchverkaufsstände. Und fast auf jedem Stand war neben allen möglichen Romanen die kroatische Version von Hitlers „Mein Kampf“ zu finden. Offensichtlich gab es dafür eine Nachfrage. Das wirkte auf mich sehr befremdlich; mutmaßlich waren es Raubdrucke, da die offiziellen Abdruckrechte seit 1945 unter Verschluss gehalten wurden. Bis vor kurzem, als Anfang 2016 die Urheberrechte nach 70 Jahren frei geworden sind. Die Diskussion, wie jetzt mit diesem giftigen Erbe umgegangen werden soll, läuft momentan auf Hochtouren. Ein guter Zeitpunkt, um sich einmal näher damit zu beschäftigen und deshalb habe ich Sven Felix Kellerhoffs „»Mein Kampf« – Geschichte eines deutschen Buches“ gelesen. Jedem, der sich für diese Thematik interessiert, kann ich – soviel sei vorab gesagt – Kellerhofs Buch unbedingt empfehlen.

Gleich zu Beginn räumt der Autor mit einem weitverbreiteten Mythos auf: „Mein Kampf“ war nie verboten, man durfte es immer besitzen, lesen, es verleihen und sogar auch antiquarisch verkaufen. Nur drucken und vertreiben durfte man es nicht. Trotzdem haftete ihm der geheimnisvolle Ruf eines verbotenen Buches an, was es natürlich gleich viel interessanter werden ließ. Völlig zu Unrecht, es ist ein in schlechtem Deutsch geschriebenes, zwar einfach lesbares, aber langweiliges Werk. Davon konnte ich mich vor Jahren einmal selbst überzeugen, als ich das aus dem Nachlass meiner Großeltern stammende Exemplar zu lesen versuchte – bis knapp Seite 150 bin ich gekommen, dann habe ich all den gedruckten Hass und die absurden Anschuldigungen nicht mehr ertragen. Seitdem liegt es irgendwo in zweiter Reihe im Bücherregal – man möchte so etwas ja nicht ständig vor Augen haben.

Diese Aura des Verbotenen macht Kellerhoff allerdings auch für ein großes Manko verantwortlich: „»Mein Kampf« ist deshalb bis heute ein schwarzes Loch geblieben, um das die gesamte NS-Forschung und damit ein Großteil der deutschen Zeitgeschichte kreist.“ Diese Lücke wurde soeben durch die vom Institut für Zeitgeschichte herausgegebene kommentierte Ausgabe geschlossen, die sich gerade zu einem Sachbuch-Bestseller entwickelt. Wobei ich zu behaupten wage, dass nur die wenigsten der Käufer sich ernsthaft mit den 2.000 Seiten inklusive unzähliger Anmerkungen und Fußnoten beschäftigen werden, es geht vielen sicherlich um das Haben-wollen als Folge der Mystifizierung durch das sieben Jahrzehnte währende Nachdruckverbot.

Der erste Teil von Kellerhoffs Buch gibt einen Überblick über den Inhalt und stellt diesen in zeitliche Zusammenhänge. Widersprüche zwischen Hitlers „Erinnerungen“ und dem tatsächlichen Zeitgeschehen werden aufgezeigt, der das gesamte Buch durchdringende primitiv-brachiale „bis zu Vernichtungsphantasien reichende“ Judenhass samt dessen Herkunft wird analysiert – hier spielen die Quellen, aus denen Hitlers autodidaktisches Wissen und sein geschlossenes Weltbild sich speisten, eine wichtige Rolle. Das gilt ebenso für andere zentrale Aussagen des Werkes, seien es die Hasstiraden auf die „Lügenvirtuosität der Tagespresse“ – heute würden Menschen mit begrenztem Horizont „Lügenpresse“ sagen – bis hin zum rassistisch zugespitzten Sozialdarwinismus mit seinen „Lebensraum“-Forderungen, die klipp und klar auf Russland abzielten. Letztendlich stellt „Mein Kampf“ eine Mischung aus geschönten autobiographischen Elementen und wesentlichen Elementen von Hitlers Parteiprogramm dar.  Aber: „»Mein Kampf« enthielt kein ausformuliertes politisches Programm, das Hitler nach seiner Machtübernahme ‚abarbeitete‘; dafür war das Buch schon seiner Struktur her nach völlig ungeeignet. Das Dritte Reich und seine Verbrechen folgten nicht einem ‚Masterplan’…Wohl aber legte Hitler darin in der für ihn typischen sprunghaften Art die Grundzüge seiner Weltanschauung dar, die vielen taktischen oder pragmatischen Abweichungen in Einzelfragen zum Trotz insgesamt die Basis seiner Politik ab 1933 wurde.“ Eine Art Richtschnur, die nach 1933 rücksichts- und gnadenlos abgespult wurde.

Was wiederum zur Frage der Verbreitung und vor allem der Rezeption führt. Beides wird von Kellerhof ausführlich untersucht; hinterlegt mit vielen interessanten Details. Etwa, dass Hitler die Einnahmen aus dem Verkauf von 12,4 Millionen (!) Exemplaren nie versteuern musste. Dass nachweislich viel, viel mehr Deutsche das Buch gelesen hatten, als es nach dem Krieg zugegeben haben. Er zitiert die verheerenden Kritiken des Feuilletons beim Erscheinen 1925, als sich die Rezensenten noch nicht vorstellen konnten, dass diese nur acht Jahre später tödliche Folgen haben könnten, oder die Urheberrechtsstreitigkeiten, die der Franz Eher Verlag gegen nicht lizensierte Übersetzungen ins Englische und Französische auszufechten hatte. Der Versuch des Verlags, das Buch als standesamtliche Hochzeitsgabe zu etablieren war übrigens lange nicht so erfolgreich, wie heute gedacht wird – auch eine Folge der Mystifizierung. 1939 z.B. „erhielten Frischvermählte in nur sechs der zwanzig größten Städte Deutschlands einschließlich der ‚Ostmark‘ »Mein Kampf« ausgehändigt. Die Reichshauptstadt Berlin und beispielsweise Hamburg, Essen, Dresden, Breslau und Frankfurt/Main weigerten sich weiterhin.“ Allerdings nur aus finanziellen Gründen, denn es gab keine Rabatte auf die Abnahme durch die Stadtverwaltungen. Insgesamt wurde das Buch zu einem der meistgedrucktesten „Bestseller“ in deutscher Sprache. In Kellerhoffs Analyse ist die Entwicklung der Verkaufsauflage genau nachvollzogen: Nach einem anfänglich enttäuschenden Start Mitte der Zwanzigerjahre schoss die Menge der verkauften Exemplare nach der Machtübernahme 1933 rasant in die Höhe. Zwei Drittel der Gesamtauflage erschienen allerdings erst während des zweiten Weltkriegs, die „Tornisterausgabe auf Dünndruckpapier“ war ein beliebtes Geschenk an Soldaten und sorgte für eine weitere, enorme Verbreitung.

Als im Mai 1945 das „Tausendjährige Reich“ aufhörte zu existieren und unvorstellbare Verbrechen sowie ein zerstörtes Europa hinterlassen hatte, wanderte Hitlers Buch in den Giftschrank. Aber es war nie wirklich weg. Über all die Jahre konnte man es stets auf Flohmärkten oder in entsprechenden Antiquariaten kaufen – 12,4 Millionen Bücher verschwinden ja nicht einfach so. Und spätestens seit es das Internet gibt, ist das „verbotene“ Buch nur noch einen Mausklick entfernt. Von den unzähligen Raubdrucken, die weltweit kursieren, gar nicht zu reden; besonders in zahlreichen arabischen Ländern mit ihrem radikalen Judenhass erfahren die kruden Thesen „des bekanntesten Antisemiten aller Zeiten“ großen Zuspruch.

Es ist klar, dass man gerade in Deutschland einen äußerst sensiblen Umgang mit diesem Text pflegt, aber ihn unter Verschluss zu halten verhinderte jahrzehntelang eben auch eine kritische Auseinandersetzung damit, die für eine Entmystifizierung unumgänglich notwendig gewesen wäre. Sie beförderte im Gegenteil die unselige Aura des Buches, machte es zu etwas Geheimnisvollem, etwas Verbotenem, zu einer Reliquie für Rechtsradikale, Antisemiten und Rassisten.

Natürlich erreicht man diese Personen nicht mit einer kommentierten Ausgabe, die den Text kritisch auseinandernimmt. Doch sie hilft, den Nimbus eines Kultbuches zu zerstören und liefert Materialien für profunde Gegenargumente. Mit diesem Ausblick schließt Kellerhoffs Buch, der aus diesen Gründen die Neuausgabe – die beim Schreiben seines Buches noch nicht vorlag –  ausdrücklich begrüßt und mit seinem eigenen Werk einen hervorragenden und bei allem Detailreichtum sehr gut lesbaren Überblick über eine der verheerendsten Hetzschriften in deutscher Sprache und deren Auswirkungen gibt. Eine Lesempfehlung.

Buchinformationen
Sven Felix Kellerhoff, »Mein Kampf« – Geschichte eines deutschen Buches
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-94895-0

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2 Kommentare

  1. Hallo,
    ich ringe bis heute mit mir, ob ich die kommentierte Ausgabe lesen sollte. Der Hinweis einer anderen Bloggerin, dass die Einnahmen aus den Verkäufen dem Freistaat Bayern zugute kommen, hat den Widerwillen eher noch verstärkt. Na, mal sehen.
    Wie auch immer: Ich danke dir für deinen sehr ausführlichen Text!
    Viele Grüße
    Ina

  2. Danke für diese sehr gute und sachliche Darstellung! Noch habe ich gezögert, mich darüber zu wagen, aber jetzt ist es fix: demnächst werde ich es lesen.

    Nochmals vielen Dank!
    LG von Sylli

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