Venceremos! Und Kybernetik

Sascha Reh: Gegen die Zeit

Zwischen 1970 und 1973 schaute die ganze Welt auf Chile. Dessen Präsident Salvador Allende versuchte in dieser Zeit auf demokratischem Weg einen sozialistischen Staat aufzubauen. Die drei Jahre waren geprägt von der Hoffnung derer, die an eine gerechte Gesellschaft glaubten, und dem Hass derjenigen, die befürchteten, dadurch ihre privilegierte Stellung zu verlieren. Letztendlich saß Allende zwischen allen Stühlen, denn den einen gingen seine Reformen nicht weit genug, sie forderten einen noch radikaleren, revolutionären Umbau der Gesellschaft. Den anderen war jeder noch so kleinste Schritt in Richtung Sozialismus ein Dorn im Auge. Wie alles ausging, ist bekannt. Am 11. September 1973 putschte das Militär und Allendes Utopie ging unter in Schüssen, Explosionen und einer Welle der Gewalt. Mitten hinein in die dramatischen Stunden dieses Putsches führt uns Sascha Rehs Roman „Gegen die Zeit“.

Hans Everding ist ein junger deutscher Industriedesigner, der nach Chile gekommen war, um dort am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken. Abgestoßen von den unzähligen Grabenkämpfen der deutschen Linken und deren zunehmender Radikalisierung hatte er seinem Heimatland den Rücken gekehrt. Über ein Austauschprogramm erhielt er die Möglichkeit, an der Universität in Santiago de Chile jungen Studenten die Grundzüge effektiver industrieller Produktion beizubringen. Schon nach kurzer Zeit findet er sich als Teil einer Projektgruppe wieder, der es darum geht, die gesamte Industrie Chiles miteinander zu vernetzen; eine Art Supercomputer zu entwerfen, der die Ressourcen, die Bedürfnisse und die Produktion perfekt aufeinander abstimmt. Wir befinden uns im Jahr 1971, und was damals nach Science Fiction geklungen haben muss, wurde in Chile tatsächlich zu verwirklichen versucht. Und Sascha Reh hat aus den rudimentär bekannten historischen Tatsachen einen spannenden Roman gemacht.

Die Handlung beginnt, als alles zu Ende ist. Hans und sein Kollege Óscar fliehen aus dem CORFO, der Schaltzentrale ihres Projekts und versuchen, die Software und die Magnetbänder mit Aufzeichnungen vor den Putschisten in Sicherheit zu bringen, die Seele der Maschine zu verstecken. Einen Tag später hat sich der erste Pulverdampf verzogen, aber jetzt beginnen die Verfolgungen politischer Gegner, die tausende von Chilenen das Leben kosten sollten. „Als der Putsch am Tag zuvor begonnen hatte, war der Alltag zunächst kaum merklich ins Stocken geraten, wie eine Landmaschine, deren Egge immer wieder im felsigen Grund stecken bleibt, bis sie schließlich unter dem Zug der Kräfte zerbricht. Hinter jeder Ecke wollte alles weitermachen wie bisher, wollte zum Schuster oder Bäcker oder sich in eine der Schlangen reihen, die immer dort entstanden, wo vage Gerüchte sich zu erhältlichen Waren verdichteten. Doch hinter jeder Ecke wartete jetzt das Militär.“

Der Roman hat zwei Ebenen. Auf der einen wird erzählt, wie es mit den versteckten Magnetbändern weitergeht, wie die Realität eines gewaltsamen Putsches aussieht. Auf der anderen Ebene erfahren wir durch die Person Hans Everdings, was sich in den drei Jahren der Regierung Allende in Chile abgespielt hat. Wir sehen die Geschehnisse durch die Augen eines etwas unbeholfen wirkenden jungen Mannes, der schlecht Spanisch spricht, sich einsam fühlt und doch fester Bestandteil eines Teams ist, das sich anschickt, eine wirtschaftliche Revolution zu verwirklichen.

Sein Verhältnis zu den anderen Teammitgliedern bleibt distanziert, er ist der Ausländer, der mit anpackende Zuschauer. Hingezogen fühlt er sich zu Ana, seiner Kollegin. Die wiederum mit Emilo liiert ist, einem knallharten Kommunisten, der Allendes bürgerlich geprägten Sozialismusversuch komplett ablehnt. Da ist Óscar, mit dem zusammen er während des Putsches schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hat. Da ist Jochen, ein Abgesandter der DDR, der die chilenische Regierung zum Thema Verstaatlichung beraten soll. Und da ist Stanley, ein englischer Wissenschaftler, ein Ausländer wie er, aber das Herz des Projekts. Denn Stanley ist Experte in Kybernetik und die Maschine, das landesweite Datennetzwerk, ist seine Idee.

Wir erleben hautnah die Stimmung in Allendes Chile mit, das Gefühl des Aufbruchs, der Begeisterung, sehen die Menschenmassen, die mit leuchtenden Augen Venceremos singen, das sozialistische Kampflied der chilenischen Unidad Popular, der Partei Allendes. Wir werden siegen. Aber wir sind auch im Chile der katastrophalen Versorgungslage, der Streiks und Unruhen, der Anschläge und Anfeindungen seitens der nationalistischen Opposition. Allende, durch und durch bürgerlicher Politiker, weigert sich, Grundrechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit außer Kraft zu setzen, um so seine reaktionären Feinde – denn Gegner sind es schon lange nicht mehr – wirksam zu bekämpfen. Es ist sein „heiliges Credo der Loyalität“.

Wie eine Schlüsselstelle wirkt die Szene, als Hans zusammen mit Ana das große Stadion besucht, in dem Fidel Castro redet, gerade auf seinem berühmten Staatsbesuch in Chile. Als nach drei Stunden – Castro hatte sich kurz gefasst – Allende auftritt, wird sein Dilemma deutlich: „Und so redete Allende fesselnd, aber ein wenig vergeblich gegen das historische Faktum an, dass Castros Weg an die Macht über die Leichen seiner Feinde geführt hatte, derjenige Allendes hingegen durch ein gespaltenes Parlament. Der eine trennte sich von seinem olivgrünen Kampfanzug höchstens beim Zubettgehen, der andere von seinen weißen italienischen Halbschuhen allenfalls auf dem Liegestuhl seines Segelbootes. Dabei lag kein Unterschied der Klasse zwischen den beiden Männern, keiner der Eloquenz, nicht einmal der Glaubwürdigkeit. Der Unterschied war vielleicht nur ein olfaktorischer: Der eine roch nach Schweiß und Blut, der andere nach Kölnischwasser.“ Doch bei dieser Veranstaltung, mitten in den Venceremos-Gesängen und den wehenden Fahnen, inmitten der begeisterten Anhänger Allendes fühlt sich Hans Everding angekommen, zugehörig, euphorisch. Denn er ist dabei, mit Hilfe einer Maschine die neue Gesellschaft auf den Weg zu bringen.

Was wird aus dem Projekt? Die Vision klingt atemberaubend, denn durch die Vernetzung aller Produktionsmittel und der Auswertung aller Bedürfnisse soll die Mangelwirtschaft beseitigt werden, ohne in die Fehler einer Planwirtschaft zu verfallen. Es soll soweit gehen, dass exakt die Produkte hergestellt werden, von denen die Menschen im Moment der Produktion noch gar nicht wissen, dass sie sie demnächst benötigen werden. Das klingt nach Jeff Bezos heute. Nur sollte diese Vision dem Wohl eines Landes und seines Volkes dienen, und nicht dem Wohl einer einzigen, infrastrukturzerstörenden Firma. Das Team bringt die Maschine zum Laufen, ein Raum voll dröhnender Technik. Erste Ergebnisse werden erzielt, das zarte Pflänzchen der Kybernetik beginnt zu sprießen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn nur eine funktionierende Wirtschaft könnte Allendes Regierung noch retten.

Dann ist am 11. September 1973 alles zu Ende. Die Panzer rollen.

Was wird aus den Menschen? Wer kann fliehen? Untertauchen? Wer wird verhaftet, gefoltert, gequält, getötet? Wer kooperiert? Einige Überraschungen erwarten den Leser.

Mich hat das Buch sehr begeistert. Ich bin tief eingetaucht in eine Zeit, in der alles möglich zu sein schien und die Vision einer gerechteren Gesellschaft gleichzeitig von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. Zur Hintergrundrecherche für diesen Text habe ich mir eine Filmaufzeichnung angeschaut, in der chilenische Frauen und Männer mit Inbrunst ihr Kampflied singen, die Augen voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Komponist des Liedes – der Musiker Victor Jara – wurde später von Pinochets Soldaten mit 44 Schüssen ermordet. Dann habe ich mich gefragt, wie viele der Menschen, die in diesem Filmausschnitt zu sehen sind, wohl die grauenvollen Jahre der Militärdiktatur Pinochets überlebt haben mögen.

Ihnen zu Ehren: ¡Venceremos!

Buchinformation
Sascha Reh, Gegen die Zeit
Schöffling Verlag
ISBN 978-3-89561-087-5

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6 Kommentare

  1. Pingback: Das Castro-Special | Kaffeehaussitzer

  2. Mit der Kybernetik hattest Du mich an der Angel. OK dann doch weniger Science und mehr Poltik, dennoch ein Buch das ich auf dem Radar haben werde. Klingt interessant.

    • Ja, es ist kein Wissenschaftsroman. Aber dafür wird sehr eindrucksvoll geschildert, mit was für technischen Improvisationen sich die an dem Projekt Beteiligten zu helfen wussten.

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