Auf der Suche

Sandro Veronesi: Fluchtwege

Ein absoluter Zufallstreffer: Ich kannte den Autorennamen nicht, mir sagte der Titel nichts, der Klappentext gab wenig Informationen preis und eigentlich sprach mich das Buchcover nicht besonders an. Aber ich habe das Buch „Fluchtwege“ des italienischen Autors Sandro Veronesi trotzdem gekauft. Einfach so. Wahrscheinlich, weil ich in letzter Zeit mit Büchern aus dem Klett-Cotta-Verlag immer Glück hatte. Und diesmal auch, ein Spontankauf, der sich gelohnt hat. Veronesi schreibt über eine rumänisch-italienische Autoschieberbande, über Diebstähle im großen Maßstab, über organisiertes Verbrechen und Korruption. Eigentlich. Aber in Wahrheit ist es die Geschichte Pietro Paladinis, der von alldem nichts weiß. Die Geschichte einer Flucht, die zu einer Reise zu sich selbst wird. Eine Familiengeschichte, die sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht dem Leser enthüllt. Und nicht nur dem Leser, sondern auch Pietro selbst, obwohl es seine eigene ist.

Pietro Paladini also, Ich-Erzähler, ein Mann um die Fünfzig, Teilhaber und einer der beiden Geschäftsführer von „Super Car“, einer Gebrauchtwagenhandlung in einem schmucklosen Vorort Roms. Kein ganz normaler Gebrauchtwagenhandel, die Firma hat sich darauf spezialisiert, Leasingwagen von Personen ausfindig zu machen, die nicht mehr in der Lage sind, die Leasingraten zu bezahlen – meist pleitegegangene Geschäftsleute oder deren Freundinnen. Die Wagen, in der Regel Gefährte der Oberklasse, werden von „Super Car“ per Gerichtsbeschluss eingezogen und dann wieder als Gebrauchtwagen verkauft.

Dies ist bereits das zweite Leben Pietros. In seinem ersten Leben war er Direktor eines Fernsehsenders in Mailand, doch als seine Frau früh und unerwartet starb, gab er sein Leben im Top-Management auf, kehrte in seinen Geburtsort Rom zurück und stieg bei Lello, seinem alten Kumpel aus Schulzeiten, ins Geschäft mit „Super Car“ ein, ein lukratives und relativ geruhsames Geschäft. Denn er brauchte Abstand von allem und Zeit. Zeit für sich, aber vor allem für seine kleine Tochter Claudia, die er alleinerziehend großzog, unterstützt von seinem Bruder Carlo.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, Claudia ist inzwischen achtzehn, sein Bruder hat sich nach der Bankenkrise hochverschuldet ins Ausland abgesetzt. Aber das Geschäft mit den Autos läuft nach wie vor gut, Pietro führt ein geregeltes Leben, fast schon ein bisschen langweilig. Doch dann kommt der Tag, an dem sich alles ändert.

Am Ende dieses Tages – mit dem der Roman beginnt – ist Pietro auf der Flucht vor der Polizei, seine Tochter ist abgehauen zu ihrer Tante nach Mailand und weigert sich, mit ihm zu telefonieren, „Super Car“ hat sich als Strohfirma für einen Autoschieberring herausgestellt und Pietro Paladini hat keine Ahnung, wieso das alles passieren konnte. Auf sich allein gestellt, versucht er eine Erklärung zu finden. Und Hilfe.

Wir erleben einen Mann, der in einem frisch eingezogenen Luxusklassen-Audi nicht nur vor der Staatsanwaltschaft flieht. Das auch, aber diese Flucht ist der Auslöser einer Suche. Einer Suche nach sich selbst, nach der Person, die er war, bevor er sich in den Wirrungen des Lebens verloren hat. Und nicht nur sich alleine. Schicht für Schicht geht die Reise immer tiefer hinein in die Geschichte seiner Familie, zu den unzähligen Versäumnissen, Missverständnissen, die jedes Leben begleiten; zu den den Dämonen seiner Vergangenheit, denen er sich stellen muss, um endlich die Ruhe zu finden, nach der er schon so lange sucht. Dorthin gibt es nur einen Weg: „Sei ehrlich zu dir selbst“.

Es sind Wahrheiten, die weh tun, die ihn bis ins Mark treffen und das Bild, das er von seinem Leben hatte, radikal verändern werden. Wir als Leser begleiten ihn dabei, Schritt für Schritt. Sehen, wie er bemerkt, dass er sich all die Jahre in Erinnerungen geflüchtet hat, in Wahrheiten, die keine sind, und die nun zerploppen wie Seifenblasen. Eine nach der anderen. Bis er nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist.

Sandro Veronesi erzählt diese Geschichte in einer beinahe ausufernden Sprache, einem regelrechten Wörterrausch. Die langen Sätze und Beschreibungen versinnbildlichen wunderbar das Innenleben des Protagonisten, unglaubliche Gedankensprünge, abschweifende Träumereien, die in ihrer Umständlichkeit amüsant wirken – bis sie exakt wieder da landen, wo sie ein oder zwei Seiten vorher die Geschichte verlassen haben. Und durch die wir oftmals ein weiteres Detail seines Lebens erfahren, ein Leben, das bei weitem nicht so langweilig ist, wie es sich zu Beginn dargestellt hat. Sondern viel zerstörter, als es den Anschein hatte. Und viel, viel komplizierter, als ich es hier darzustellen vermag.

Diese Sprache in Verbindung mit einer raffiniert verschachtelten Geschichte macht den Reiz dieses Romans aus. Spannend, humorvoll und traurig-melancholisch zugleich erzählt Veronesi von einem Mann, dessen Leben sich mit einem Schlag radikal ändert. Kunstvoll werden dabei die bedrohlichen Probleme, mit denen Pietro von außen konfrontiert wird, die ihn zur Flucht bewegen, nach und nach von den Sorgen und Gedanken abgelöst, die von innen an die Oberfläche drängen. Die mehr und mehr Raum einnehmen und letztendlich die Geschichte zu einem ganz anderen Ende bringen werden, als es zu erwarten war.

Falls es ein Ende ist.

Buchinformation
Sandro Veronesi, Fluchtwege
Aus dem Italienischen von Michael Killisch-Horn
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98035-6 

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