Diener zweier Herren

Inspektor PekkalaInspektor Pekkala hat zwei Markenzeichen: Ein augenförmiges Abzeichen, ein Smaragd in einer Emaille-Einlage auf einer fingergroßen Goldscheibe, verdeckt unter dem Revers getragen und einen großkalibrigen Webley-Revolver. Beides erhielt er aus den Händen des russischen Zaren, denn Pekkala ist sein persönlicher Spezialermittler, unbestechlich, unaufhaltsam, gefürchtet, bewundert, gehasst. Unter dem Namen Das Smaragdauge ist er im gesamten Zarenreich bekannt, ein lebendiger Mythos. Doch als wir ihn kennenlernen ist davon außer diesem Mythos nichts übrig geblieben: Das Buch „Der rote Zar“ von Sam Eastland ist der erste Inspektor-Pekkala-Roman und beginnt im Jahr 1929 in einem sibirischen Straflager.

Elf Jahre zuvor hatte die bolschewistische Revolution das Zarenreich hinweggefegt und aus dem anschließenden Bürgerkrieg ist die Sowjetunion hervorgegangen. Unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit hatte ein Unrechtsstaat den anderen abgelöst. Tausende, später Millionen von Menschen bezahlten das kommunistische Experiment mit ihrem Leben. Zu Beginn wurde die herrschende Klasse beseitigt, die Zarenfamilie, Aristokraten und andere Mitglieder der gesellschaftlichen Elite ermordet. Auch Pekkala als Sonderermittler des Zaren gerät in die Fänge des neuen Staates. Er wird über den Verbleib des Zarenschatzes ausgefragt, gefoltert und zerbricht fast daran. Anschließend verschwindet er in dem sibirischen Lager, in dem wir ihm zum ersten Mal begegnen. Grandios ist die Szene, in dem Pekkala einem seiner Peiniger im Verhör gegenübersitzt, einem Mann, den er schon einmal gesehen hat:
Jetzt fiel es Pekkala wieder ein. „Dschugaschwili“, sagte er. „Josef Dschugaschwili. Sie haben 1907 eine Bank überfallen, wobei über 40 Menschen ums Leben gekommen sind.“ Er konnte es kaum fassen, dass ein Mann, den er einst als Verbrecher gejagt hatte, ihm jetzt auf der anderen Seite des Verhörtisches gegenübersaß. „Das stimmt“, sagte Dschugaschwili, nur dass ich jetzt Josef Stalin heiße und kein Bankräuber mehr bin. Jetzt gehöre ich dem Rat der Volkskommissare an.“

1929 ist der Schatz des Zaren immer noch verschollen, doch Stalin ist inzwischen der neue Herrscher Russlands, brutal, psychopathisch, verschlagen und gefährlich. Er reaktiviert Pekkalla als ehemals besten und gefürchtetsten Ermittler des Zarenreiches, um sich nach dem Zarengold auf die Suche zu machen. Pekkala erhält seinen Smaragd und den Webley-Revolver zurück und zusammen mit dem ihm zugeteilten Kommissar Kirow beginnt eine Irrfahrt durch ein durch Revolution, Bürgerkrieg und Terrorherrschaft verwüstetes Land. Pekkala und Kirow wachsen dabei zu einem perfekten Ermittlerduo zusammen, das uns in allen Romanen der Reihe begegnen wird. Anknüpfend an seinen einst legendären Ruf wird das Smaragdauge zum Sonderermittler des neuen, des roten Zaren. Der Ermittler Stalins, ausgestattet mit allen erdenklichen Vollmachten. Nicht ganz freiwillig ist er zum Handlanger des Systems geworden, das ihn einst als Todfeind verfolgte, denn Stalin verfügt über ein wirkungsvolles Druckmittel, um Pekkala gefügig zu machen.

Historisch betrachtet ist der Lebenslauf einer Person, die vom Vertrauten des Zaren zum Sonderbevollmächtigten Stalins wird, vollkommen unwahrscheinlich. Aber genau dies macht den Reiz dieser Buchreihe aus, denn in zahlreichen ausführlichen Rückblicken wird die Geschichte Pekkalas und Russlands vor der Revolution erzählt. Wir erfahren, wie der junge Finne nach St. Peterburg gekommen ist – Finnland war damals Teil des zaristischen Russlands -, wie der Zar auf ihn aufmerksam wurde, wie Pekkala zum Ermittler ausgebildet und rasch sein Talent, seine Unbestechlichkeit und seine Hartnäckigkeit ihn zum lebenden Mythos werden ließen. Wenn man Pekkala in die Augen schaute, war es, als sähe man in den Lauf eines Gewehrs. Finnland und seine Herkunft vergisst der eigenbrötlerische Ermittler zunehmend, und so klang das Finnische für ihn mittlerweile fern und vertraut zugleich, wie eine Erinnerung, die man sich von einem anderen Menschen ausgeliehen hat.

Die letzten Jahre des Zarenreiches und das stalinistische Russland verknüpfen sich im Laufe der Handlung an vielen Stellen, und wir erleben ein Land, das um die historische Chance gebracht wurde, frei zu sein. Geknechtet in der Vergangenheit, terrorisiert in der Gegenwart, stoisch ertragen von der vielgerühmten, unergründlichen russischen Seele. Während die Romane in der Beschreibung der Person Pekkalas und des historischen Lokalkolorits brillieren, bleibt die darin geschilderte Person des Josef Stalin seltsam bleich. Oder wirkt unrealistisch, wenn er sich im Dialog mit Pekkala zu persönlichen Äußerungen herablässt. Aber dies tut der Spannung keinen Abbruch und ist als eine Möglichkeit zu sehen, die monströse Person Stalins in eine fiktive Geschichte einzubinden.

„Der rote Sarg“ ist Pekkalas zweiter Fall, in dem es um Verrat, Spionage, Vergeltung und eine persönliche Abrechnung geht. Roter Sarg ist der Spitzname des T-34, des erfolgreichsten Panzermodells der roten Armee, das zur Zeit der Romanhandlung als geheimes Rüstungsprojekt kurz vor der Serienreife steht und auf keinen Fall bekannt werden darf. Doch eine undichte Stelle tut sich auf und Pekkala erkennt erst kurz bevor es zu spät ist die eigentliche Wahrheit in diesem Fall. Auch hier spielen die Schatten der Vergangenheit eine entscheidende Rolle. Der T-34 wurde später die ultimative Panzerwaffe des Zweiten Weltkriegs, schnell, mit großer Feuerkraft und einfach zu produzieren. Nur dem Schutz der Besatzung maß man keine große Bedeutung zu, denn wenn Russland eines im Überfluss hatte, war es Menschenmaterial. Daher der zynische Spitzname.

Und im dritten Band „Sibirisch Rot“ lernen wir das Schicksal der Tschechischen Legion kennen. Dies waren einige Tausend Soldaten tschechischer Herkunft, die während des Ersten Weltkriegs in der Armee des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn dienten und in russische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Als 1918 das Zarenreich aufhörte zu existieren waren sie plötzlich wieder freie Männer und beschlossen auf Seiten der Alliierten für ein unabhängiges Tschechien zu kämpfen. Deshalb bewaffneten sie sich, wollten sich quer durch Russland bis nach Wladiwostok durchschlagen, um dort per Schiff zur europäischen Westfront zu gelangen. Dabei gerieten sie mit ihren gepanzerten und armierten Zügen mitten hinein in den frisch entbrannten russischen Bürgerkrieg zwischen den Bolschewisten und den zarentreuen Weißgardisten. Eines der faszinierendsten Kapitel  des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen, das auch ausführlich im Buch „14/18“ von Jörg Friedrich dargestellt wird. Um an Überlebende der Legion heranzukommen, die in eine Verschwörung verwickelt sein sollen, lässt sich Pekkala als angeblicher Häftling in das sibirische Straflager einweisen, in dem er einst selbst viele Jahre verbracht hat. Und muss sich nicht nur rachsüchtigen Nachstellungen der Mitgefangenen erwehren, sondern versuchen, den erbarmungslosen sibirischen Winter zu überstehen.

Die Bücher von Sam Eastland – ein Pseudonym des amerikanischen Schriftstellers Paul Watkins – bringen uns mit Hilfe des einsamen und um sein Überleben kämpfenden Pekkala eine Zeit nahe, die längst vergessen scheint, aber in ihren Folgen Auswirkungen bis heute hat. Das Besondere an dieser Reihe bringt eine Besprechung des zweiten Bands „Roter Sarg“ auf CULTurMAG.de perfekt auf den Punkt: Dieser Mix aus brutal-realistischer Systemkritik, düsterem Dostojewski-Fatalismus und heimeligem Sherlock-Holmes-Ambiente ist ziemlich unwiderstehlich. 

Und für alle die mehr über diese Epoche der russischen Schicksalsjahre wissen möchten, enthält jedes Buch eine Übersicht über die historischen Ereignisse, die dem jeweiligen Roman zugrunde liegen. Weiterführende Informationen finden sich zudem auf der zugehörigen Website InspectorPekkala.com.

Dies sind Titel aus meinem Leseprojekt Tragödie eines Volkes.

Bücherinformationen
Sam Eastland, Roter Zar
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet

Knaur Taschenbuch
ISBN 978-3-426-51049-0

Sam Eastland, Der Rote Sarg
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet

Knaur Taschenbuch
ISBN 978-3-426-51310-1

Sam Eastland, Sibirisch Rot
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet
Knaur Taschenbuch

ISBN 978-3-426-51393-4 

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