Achtzig Jahre sind ein Buch

Seethaler, Ein ganzes Leben Andreas Egger lebt achtzig Jahre lang in einem Hochtal der österreichischen Alpen. Der Schriftsteller Robert Seethaler erzählt auf 155 Seiten seine Geschichte, „Ein ganzes Leben“ ist der Titel dieses großartigen Buches. Ich hatte schon viel davon gehört, es lag auch schon längst bereit, aber ich wartete auf einen ruhigen Moment. Letztes Wochenende hatte ich eine sechsstündige Zugfahrt vor mir, das schien perfekt. Nach fünf Stunden war ich damit durch und die restlichen sechzig Minuten verbrachte ich damit, über das nachzudenken, was ich gerade gelesen hatte.

1902 kommt Andreas Egger als kleiner Bub auf den Hof seiner Stiefeltern. Er ist das Waisenkind einer verstorbenen Schwägerin des Bauern Kranzstocker, der den Jungen widerwillig als Stiefsohn aufnimmt. Ungeliebt, als billige Arbeitskraft, oft geprügelt, einmal so stark, dass ein Bein des Jungen irreparablen Schaden nimmt. Es blieb dauerhaft krumm, und fortan musste er sich hinkend durchs Leben bewegen. Es war, als ob sein rechtes Bein immer einen Augenblick länger brauchte als der restliche Körper, als ob es sich vor jedem einzelnen Schritt erst besinnen müsste, ob er eine derartige Anstrengung überhaupt wert wäre.

Aus dem hinkenden Jungen wurde ein hinkender Mann, bärenstark, ein ausdauernder Tagelöhner, dem keine Arbeit zu schade ist und dessen Hilfe bald im ganzen Ort gefragt war. Ruhig und schweigsam ging er durch das Leben, er erwirbt ein kleines Stück Land mit einer baufälligen Hütte oben am Berg und richtet sich dort häuslich ein. Er lebt ein zurückgezogenes, ruhiges, ärmliches Leben, ist sich selbst genug, murrt nie, erwartet nichts. Er war kein Bauer und wollte keiner sein. Er war aber auch kein Handwerker, kein Waldarbeiter oder Almhirt. Um ehrlich zu sein, verdiente er sein Brot als eine Art Handlanger, als Mietknecht für alle Saisonen und Gelegenheiten. So ein Mann taugte so ziemlich für alles, nur nicht zum Ehemann. Die Jahre vergehen. Das Hochtal ist eine Welt für sich, nur schwer zu erreichen, weit entfernt vom großen Weltgeschehen in der Ebene. Doch Dinge ändern sich und Anfang der dreissiger Jahre steht dieses Weltgeschehen plötzlich vor der Türe. Eine Seilbahn soll gebaut, die Alpenregionen für die Außenwelt besser erschlossen werden. Neben dem Dorf entsteht ein großes Arbeitercamp, Lastwagen quälen sich mit Materialien die unbefestigte Straße hinauf. Auch das Leben Andreas Eggers ändert sich bei diesem Anblick: Er fühlte sich bedrückt, ohne zu wissen warum, vielleicht hatte es mit dem Knattern der Motoren zu tun, mit dem Lärm, der plötzlich das Tal füllte und von dem man nicht wusste, wann er wieder verschwinden würde. Oder ob er überhaupt je wieder verschwinden würde.

Der Lärm bleibt. Die Maschinen bleiben und die Arbeiter auch. Die Seilbahn wird gebaut, das Projekt zieht sich über Jahre hin und Andreas heuert als Arbeiter bei der Seilbahngesellschaft an; ein Knochenjob, Bäume fällen, Felsen sprengen, Fundamente gießen. Auch als noch weitere Strecken entstehen verlässt er die Gegend rund um das Tal nie. Mit einer Ausnahme, denn trotz seines hinkenden Beines wird auch er 1942 als Soldat eingezogen – und kommt acht Jahre später aus einem russischen Gefangenenlager wieder zurück in sein Tal. Sein ganzes Leben spielt sich dort ab, und er lernt es in all seinen Facetten kennen. Findet die Liebe seines Lebens, erleidet dramatische Schicksalsschläge, trauert, arbeitet, schweigt, liebt seine Berge, begegnet dem Tod, altert, vergeht. Er wird achzig Jahre alt, etwa, so genau weiß das keiner, da niemand sein genaues Geburtsdatum aufgeschrieben hat.

Die Welt verändert sich immer schneller, Touristen kommen, Fernseher halten Einzug in die Bauernstuben, längst schon gibt es eine gut ausgebaute Straße ins Tal. Und Egger? Er war schon so lange auf der Welt, er hatte gesehen, wie sie sich veränderte und sich mit jedem Jahr schneller zu drehen schien, und es kam ihm vor, als wäre er ein Überbleibsel aus einer längst vergangen Zeit, ein dorniges Kraut, das sich, solange es irgendwie ging, der Sonne entgegenstreckte. 

Es kommt nicht oft vor, dass mir viele Menschen mit völlig unterschiedlichen Literaturvorlieben das gleiche Buch empfehlen. In diesem Fall war es so und umso gespannter war ich auf die Lektüre. Ich wurde nicht enttäuscht, „Ein ganzes Leben“ ist ein wahres sprachliches Kleinod. Die Wörter wirken wie aus dem Stein der Berge gehauen, die sie beschreiben, es sind nicht zu viele und nicht zu wenige, sondern genau die richtigen. Robert Seethaler beschreibt mit einer unglaublich ernsten Leichtigkeit das einfache Leben eines einfachen Menschen, der vergangene Hoffnungen und Sehnsüchte in sich trägt und der nichts von der Zukunft erwartet. Und zusieht, wie die Zeit vergeht. Er erinnerte sich an seine eigene Kindheit, an die wenigen Schuljahre, die sich damals so unendlich lang vor ihm ausgebreitet hatten und die ihm jetzt kurz und flüchtig vorkamen wie Wimpernschläge. Überhaupt verwirrte ihn die Zeit. Die Vergangenheit schien sich in alle Richtungen zu krümmen und in der Erinnerung gerieten die Abläufe durcheinander beziehungsweise formten und gewichteten sich auf eigentümliche Weise immer wieder neu. 

Vielleicht ist es das, warum mich das Buch so berührt hat. Das Vergehen der Zeit. Auch unsere Kindheitserinnerungen an endlose Sommerferien oder vertrödelte Nachmittage fühlen sich an, als wären sie ewig her. Die sich damals so unendlich lang vor ihm ausgebreitet hatten und die ihm jetzt kurz und flüchtig vorkamen wie Wimpernschläge. So wie das Gefühl, ein unendlich langes Leben vor sich zu haben. Doch ab einem ungewissen Zeitpunkt vergeht auch unsere Zeit immer schneller, und auch wir werden irgendwann alt sein und erstaunt zurückschauen und uns fragen, wo all die Jahre geblieben sind. Egal, ob man in einer vernetzten, mobilen und immer erreichbaren Welt lebt, oder in einem abgelegenen Alpental. Daran musste ich denken, als ich das Buch in einem Zug las, in doppelter Bedeutung des Wortes, es war ein ICE, mit dem ich 600 Kilometer zurücklegte, um am Wochenende meiner Heimatstadt einen Besuch abzustatten. Aber man kann auch ein ganzes Leben an immer demselben Ort verbringen. Die Frage ist immer: Was bleibt am Ende? Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da.

Robert Seethaler hat ein wunderbares Buch über das Leben geschrieben, über die Vergänglichkeit, die Einsamkeit und das Glück. Ein Buch, das bleibt und lange nachwirkt. Große Literatur und eine unbedingte Leseempfehlung.

Buchinformation
Robert Seethaler, Ein ganzes Leben
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24645-4

10 Kommentare

  1. Ich fand das Buch sehr berührend und mich beeindruckte, wie intensiv es Seethaler verstanden hat, seinen Lesern ein auf den ersten Blick sehr schlichtes Leben derart nahezubringen. Sehr bemerkenswert ist auch, dass alle Blogbeiträge zu diesem Buch, die ich kenne – einschließlich meinem eigenen – zur selben Einschätzung kommen.
    „Der Trafikant“ werde ich auf jeden Fall auch noch lesen.

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  5. Ach schön! Das Buch liegt schon griffbereit – nach dem großartigen „Trafikanten“ ein Muss. Nach deiner schönen Besprechung freue ich mich noch mehr darauf.

  6. Das wird jetzt fast „Social Reading“ (http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/11/15/social-reading-was-ist-das-denn-fur-nen-neumodischer-kram/). Habe den Seethaler bei einem Besuch von „Eisfrei“(http://eisfrei.net) bei Felix Wegener mitgenommen und mich darauf sehr gefreut. Die Freude wurde beim Lesen mit Tränen angereichert – ja, ich weiß, das klingt etwas kitschig – , aber das Buch war derart berührend und wundervoll zu lesen, dass ich es jetzt erst einmal ein paar Tage nachhallen ließ. Doch auch ich hab das Verlangen, darüber noch im Blog zu resümieren und wünsche dem Buch viele Plätze unter den Tannenbäumen.

    Ich hatte zuvor schon den Trafikant gelesen. Dieser Roman ist in einer völlig anderen Tonart geschrieben und erzählt eine sehr spannende fiktionale Begegnung zwischen einem jungen Mann vom Lande und Sigmund Freud im Jahre 1938 in Wien. Fast nicht vorstellbar, dass die beiden Bücher vom gleichen Autoren stammen – meisterlich.

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