Im Reich der Finsternis

Harris, VaterlandDas Buch „Vaterland“ von Robert Harris ist mir während meiner Buchhändlerlehre in den Neunzigern in die Hände gefallen und es hat mich bis heute nicht losgelassen. Es fängt an wie ein Krimi-Klischee: An einem trostlosen, verregneten Morgen wird die Leiche eines älteren Mannes in der Berliner Havel gefunden. Der Kripo-Ermittler Xaver März – was für ein Name! – untersucht den Tatort. März scheint wie aus einem Noir-Krimi entsprungen, desillusioniert, geschieden, zynisch, die Whiskyflasche im Schreibtisch, eine gescheiterte Existenz. Allerdings, und hier beginnt das Besondere an der Geschichte, ist er nicht nur Kripo-Beamter sondern auch Sturmbannführer, außer ihm ermittelt die Gestapo ebenfalls in dem Fall und Berlin ist eine riesige Stadt, die von den monströsen Bauwerken Albert Speers geprägt ist. Wie etwa der Großen Halle, die Platz für 180.000 Menschen bietet und knapp sechs Kilometer vom prunkvollen Palast Adolf Hitlers entfernt steht. Wir befinden uns im Jahr 1964.

Robert Harris hat mit seinem Buch das beklemmende Gedankenspiel gewagt, was wäre, wenn Nazi-Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hätte. Es gäbe ein riesiges Reich der Finsternis, ein von Deutschland beherrschtes Europa, eine durch und durch überwachte, gleichgeschaltete und militarisierte Gesellschaft, kein individuelles Denken, alles Grau in Grau und Millionen von ermordeten Menschen, die einfach „verschwunden“ und aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht sind. Eine düstere Welt, die bis ins kleinste Detail dargestellt wird. Die Sowjetunion existiert nur noch als Rumpfstaat in Asien, der Ural stellt die Ostgrenze des Großdeutschen Reiches dar und der kalte Krieg findet zwischen den USA und Deutschland statt. 1964 stehen dabei die Zeichen auf Entspannung, Kennedy wird zu einem Staatsbesuch in Berlin erwartet. Als herauskommt, dass der Leichnam aus der Havel ein ehemaliger hoher Parteifunktionär ist, soll der Mordfall schnell aufgeklärt werden, damit nichts den bevorstehenden Besuch Kennedys überschattet. Xaver März macht sich an die Ermittlungen und stößt dabei in ein Wespennest. Und weitere ehemalige Parteifunktionäre sterben, so als würde sie jemand systematisch beseitigen. Plötzlich sieht er sich mit dem konfrontiert, was er nie wahrhaben wollte. Mit Hilfe einer amerikanischen Journalistin, die er kennen und lieben lernt, führen die Untersuchungen immer tiefer in die dunkelsten Abgründe einer Geschichte, die es offiziell nicht gibt und schließlich muss er eine Entscheidung treffen.

Über ein Buch wie dieses zu schreiben ohne zuviel zu verraten ist nicht einfach. Mich hat dieser Roman unglaublich bewegt. Solche „Was-wäre-wenn“-Gedankenspiele finde ich sowieso sehr faszinierend, aber selten schafft es ein Autor Fiktion und tatsächliche Geschichte so gelungen miteinander zu verbinden. Denn was Xaver März in geheimen Archiven bei seiner Recherche findet, sind reale Dokumente, die der Autor in die Story mit einbaut  – was die Düsterheit noch verstärkt. Ich habe das Buch bestimmt schon sieben oder acht Mal gelesen, aber es beeindruckt mich jedesmal aufs Neue.

Und wie es ausgeht? Sage ich natürlich nicht. Nur soviel: Ich fand das Ende perfekt.

Buchinformation
Robert Harris, Vaterland
Aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs

Heyne Taschenbuch
ISBN 978-3-453-07205-3

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