Vaters Land

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Am plötzlichen und spurlosen Verschwinden seines Vaters droht ein Heranwachsender zu zerbrechen. Über zwanzig Jahre später macht er sich auf die Suche nach dem Verschwundenen, um sein zerrüttetes Leben in den Griff zu bekommen. So könnte man das Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan mit ein paar dürren Worten zusammenfassen. Doch das würde diesem Roman mit seiner poetischen Sprache und einer bewegenden und dramatischen Geschichte in keinster Weise gerecht werden. Ganz und gar nicht.

„Alles pulsiert, alles leuchtet. Beirut bei Nacht, diese funkelnde Schönheit, ein Diadem aus flirrenden Lichtern, ein Band aus Atemlosigkeit. Schon als Kind liebte ich die Vorstellung, einmal hier zu sein. Doch jetzt steckt mir dieses Messer zwischen den Rippen, und der Schmerz schießt in meinen Brustkorb, dass ich nicht mal schreien kann. ‚Wir sind doch Brüder‘, will ich ich rufen, während sie mir den Rucksack vom Rücken reißen und mich treten, bis ich in die Knie sinke. Der Asphalt ist warm.“

Das sind die ersten Sätze des Buches und sie ziehen den Leser sofort hinein in die Geschichte, deuten eine Dramatik der Ereignisse an, ohne zuviel vorwegzunehmen. Der Ich-Erzähler ist Samir El-Hourani und die eigentliche Handlung beginnt mit dem Einzug seiner Familie in eine neue Wohnung. In eine Straße, die irgendwo im Libanon liegen könnte, mit all seinen Sprachen, Gerüchen und Gebräuchen. Doch sie liegt in einer Stadt in Süddeutschland. Denn Samirs Eltern sind Flüchtlinge, 1982 geflohen vor dem blutigen Bürgerkrieg im Libanon, in dem jeder auf jeden schoss, Nachbarn plötzlich zu Feinden wurden und in dem es – wie so oft – unter dem Deckmantel der Religionen um Macht und Einfluss ging. Aber davon weiß Samir nichts, denn er ist in Deutschland geboren und erlebt seine Kindheit als eine idyllische Zeit, umgeben und behütet von seinen liebevollen Eltern, deren bestem Freund Hakim und dessen zwei Jahre ältere Tochter Yasmin.

Samirs Vater Brahim ist ein Mensch, der es schafft, die ganze Welt um seinen Finger zu wickeln, offen und fröhlich, von allen gemocht. „Wenn das Leben ihm die Möglichkeit bot, aus einem gewöhnlichen Augenblick einen besonderen zu machen, ließ er sich nie zweimal bitten.“ Und ein begnadeter Geschichtenerzähler, der für seinen Sohn beim abendlichen Einschlafritual ein ganzes Universum erfundener Gestalten erchafft. Samir liebt diese Geschichten, sie sind ein bester Bestandteil seines Lebens. Doch bei aller Fröhlicheit hat sein Vater auch einen melancholischen Zug; immer dann, wenn er an seine Heimat, den geliebten Libanon denkt. Er pflanzt diese Sehnsucht auch in das Herz seines Sohnes.

„Als Junge verspürte ich eine unstillbare Sehnsucht danach, den Libanon zu sehen. Es war die große Neugier nach einer unbekannten Schönheit, um die sich die Legenden rankten. Die Art, wie der Vater von seiner Heimat sprach, seine Leidenschaft und Begeisterung, griff wie ein Fieber auf mich über. Der Libanon, mit dem ich aufwuchs, war eine Idee. Die Idee vom schönsten Land der Welt, mit alten und geheimnisvollen Städten, die sich an der steinigen Küste entlangreihten, um sich mit ihren bunten Häfen zum Meer hin zu öffnen. Dahinter: Zahlreiche sich windende Passstraßen, an deren Flanken sich Flusstäler ausbreiteten, mit fruchtbaren Ufern und dem perfekten Boden für den weltberühmten Wein. Und dann: Die dichten Zedernwälder in den höheren und kühleren Gefilden, umgeben vom Libanongebirge, dessen Spitzen auch im Sommer schneebedeckt waren, sichtbar selbst von einer Luftmatratze aus, ganz unten auf dem Meer.“ 

Dann verschwindet der Vater aus dem Leben seines Sohnes. Unvermittelt und endgültig. Samir ist acht Jahre alt, als sein Vater ohne Vorwarnung geht und nicht wiederkehrt. Anzeichen und Signale waren zwar vorausgegegangen, Aufregung über ein Photo, Anfrufe, ohne dass sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. Aber diese zu deuten war für einen Achtjährigen unmöglich gewesen. Der Kummer trägt Samir aus der Bahn. Und die Jahre vergehen.

Samir wächst ohne Vater auf, schafft irgendwie die Schule, findet eine Arbeit, aber bleibt ein beziehungsunfähiger Einzelgänger, traumatisiert von der Angst des Verlassenwerdens, eingeschlossen in sein Ich. Nichts interessiert ihn, nur die politische Situation des Libanon, das ständige Drama zwischen Krieg und Frieden fasziniert ihn auf eine fast schon pathologische Art und Weise. Irgendwann wird ihm klar: Um zu sich selbst zu finden, um sein Leben leben zu können gibt es nur eine einzige Möglichkeit. Er muss herausbekommen, was damals passiert ist. Er muss seinen Vater suchen. Er muss in den Libanon reisen, denn an keinem anderen Ort der Welt kann er sein. Und so macht sich Samir auf in eine Reise ins Ungewisse, die ihn weit zurück in die Vergangenheit, zurück in seine eigene Kindheit führen wird. Eines wird ihm dabei schnell klar: Den Libanon, nach dem sich sein Vater voller Sehnsucht verzehrte, dieses Land gibt es nicht mehr. Hat es vielleicht nie gegeben.

Mit einem Erzählstrang begleiten wir Samir bei seinem Erwachsenwerden, erleben seine Verbitterung und seine Verzweiflung, schöpfen mit ihm neue Hoffnung und sind bei seiner Suche an seiner Seite. Ein anderer Erzählstrang zeigt uns das Leben von Samirs Vater vor seiner Flucht und vor dem Hintergrund des libanesischen Bürgerkriegs, viele kleine Puzzleteile und Details, die Samir erst zusammentragen muss. Doch nach und nach fügen sich – zuerst nur vorsichtig angedeutete – Informationen zusammen, bis man irgendwann vor dem fertigen Bild steht und sich staunend die Augen reibt.

Pierre Jarawan hat mit „Am Ende bleiben die Zedern“ einen Roman geschrieben, der mich vollkommen begeistert hat. Er erzählt eine Geschichte voller Spannung, Sehnsucht, Hoffnung, Enttäuschung und voller Liebe. Eingebettet in einen zeitgeschichtlichen und politischen Hintergrund, der den Leser von einem Flüchtlings-Auffanglager in Deutschland bis mitten in das Pulverfass des Nahen Ostens führt. Tief hinein in den Libanon, in ein Land, das ein Paradies auf Erden sein könnte, schön und traurig zugleich. Mit seiner Hauptstadt Beirut, glänzend, vernarbt, lebendig. Oder wie Samir sagt: „Diese rauschende, sehnsuchtsvolle Stadt im Aufbruch, dieser Schmelztiegel sich überlagernder Kulturen, Religionen, Sprachen. Beirut ist pure Fröhlichkeit und pure Trauer zugleich. Beirut ist Vergebung. Beirut humpelt, ist verwirrt, vernarbt und tanzt trotzdem. Beirut ist wie ich.“

Und hoch oben im Gebirge, da thronen sie, die letzten großen Zedernwälder des Libanon. Uralt, majestätisch, ein Symbol der Unvergänglichkeit, hunderte von Jahren alt. Viele Menschen haben sie dort von der Höhe aus kommen und gehen gesehen, Siedler, Händler und Krieger. Ob sie auch einst eine Zeit des Friedens sehen werden? Ich hoffe es. Von ganzem Herzen.

Buchinformation
Pierre Jarawan, Am Ende bleiben die Zedern
Berlin Verlag
ISBN 978-3-8270-1302-6

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6 Kommentare

  1. Naja, aber die Kritik ist ja nachvollziehbar geschrieben. Es ist ja nicht nur eine Frage der Wahrnehmung, sondern anhand des Textes einfach sichtbar.
    Ich kann auch nachreichen:
    „… wirkte er auf mich wie ein Leuchtturm; jemand, an dem man sich ausrichtete und den man von weitem erkannte.“
    Direkt nach der Metapher kommt die Erklärung.
    “ Und wenn er in diesen Momenten mit mir sprach, sprach er schnell, schier endlos, ohne Pause, als wollte er verhindern, dass ich aufstand und ging und unbedingt bewirken, dass ich neben sitzen blieb und zuhörte.“
    Nach der Erklärung, was der Vater möchte, kommt die Erklärung, was der Vater möchte.
    Wer sich an so etwas nicht stört, dessen Lesevergnügen wird natürlich nicht eingeschränkt.

    • Vielen Dank für den Hinweis, wobei das eine Textstelle ist, über die ich jetzt nicht gestolpert wäre. Für mich sind es auch zwei verschiedene Perspektiven: In der ersten wird beschrieben, wie der Vater auf den Protagonisten als Kind wirkt (Leuchtturm), in der zweiten geht es darum, wie sich der Vater im Gespräch mit seinem Sohn verhält. Also eine Fern- und eine Nahaufnahme, wenn man so will.
      Das Einzige, das mir in der Geschichte etwas unglaubwürdig vorkam, ist die Stelle (Vorsicht: Spoileralarm!), als der Erzähler das finale Puzzleteil in entdeckt, dass ihn schließlich zu seinem Vater führen wird. Allerdings habe ich selbst im Leben schon so viele absolut unwahrscheinlichen Zufälle erlebt, dass es mich letztendlich nicht gestört hat.
      Insgesamt ist „Am Ende bleiben die Zedern“ ein Roman, bei dem ich mir gut vorstellen könnte, ihn noch einmal zu lesen – und das geht mir nicht mit jedem Buch so.

      • Natürlich sind es zwei verschiedene Perspektiven. Darum ging es nicht, ich habe die beiden Textstellen zitiert, um zu zeigen, wie Dinge in diesem Roman doppelt erklärt werden. Das geschieht häufig, finde ich.
        Sie stolpern nicht darüber, deswegen wird Ihr Lesevergnügen nicht eingeschränkt. Aber die Kritik von Tabitha ( … Jarawan traut seinem Leser zu wenig zu und analysiert deshalb Bilder, Symbole und Metaphern lieber selbst, um sicher zu gehen, dass man sie auch wirklich versteht.) ist durchaus nachvollziehbar und anhand von Textstellen belegbar.

        • Sorry, dann haben wir aneinander vorbeigeredet, ich dachte, Sie meinten die beiden Textstellen im Bezug zueinander. Das mit dem Metaphern selbst erklären kann man natürlich so sehen, ich empfand das aber eher als zusätzliche Verstärkung, quasi als Unterstreichung. Es ist ja immer ein subjektives Leseempfinden, bei mir haben es diese Wiederholungen eher noch intensiviert. Bei anderen Leserrn wirkt es eben anders, die Geschmäcke und Lesevorlieben sind einfach unterschiedlich – und das ist ja auch gut so.

  2. Ich wünschte, ich wäre nach der Lektüre so begeistert gewesen wie du, ich war aber leider richtig enttäuscht.
    Ich fand „Am Ende bleiben die Zedern“ weder spannend, sondern doch größtenteils vorhersehbar, die Sprache habe ich auch nicht als poetisch empfunden, sondern eher als unkreativ, wenig abwechselungsreich und passagenweise kitschig (auf jeder 5ten Seite steht „voller Zauber“ / „zauberhaft“, das hat mich zeitweise wirklich genervt), aber das größte Problem, das dieser Text meiner Meinung nach hat, ist dass er sich selbst erklärt.
    Ich hatte das Gefühl, Jarawan traut seinem Leser zu wenig zu und analysiert deshalb Bilder, Symbole und Metaphern lieber selbst, um sicher zu gehen, dass man sie auch wirklich versteht.
    Ich finde, thematisch wird hier eine interessante und wichtige Geschichte geschildert, aber die sprachliche und formale Umsetzung fand ich leider durchschnittlich bis schwach. Schade!

    • Immer wieder interessant, wie unterschiedlich Bücher wahrgenommen werden. Deine Kritik kann ich so wenig nachvollziehen, wie Du wahrscheinlich mein Lob. Aber so ist das eben, gut, dass nicht jeder denselben Geschmack hat; das wäre ja langweilig…
      Für mich ist „Am Ende bleiben die Zedern“ ein echtes Lesehighlight gewesen.

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