Die Djian-Dekade

Die Djian-Dekade: Seit Jahren ist es ein festes Ritual: Ein neues Buch von Philippe Djian erscheint, also gehe ich in eine Buchhandlung und kaufe es. Dann lese ich es und stelle es zu den anderen Djian-Büchern ins Regal. So auch dieses Jahr mit „Wie die wilden Tiere“, letztes Jahr und die Jahre davor. Etwas wurde anders im Lauf der Zeit: Früher waren seine Bücher im Stapel vorhanden, dann wurden die Stapel kleiner. Und dieses Jahr war nur ein einziges Exemplar da. Letzes Jahr kannte die Buchhändlerin den Namen des Autors nicht. Sie war sehr jung, etwa in dem Alter in dem ich war, als ich zum ersten Mal von Djian hörte. Wann war das noch mal? Was ist geschehen? Wir sind älter geworden.

1990 war ich Zivildienstleistender in einem Pflegeheim. Während einer der langen Nächte im Nachtdienst empfahl mir meine Kollegin „Betty Blue“ – und das war es dann. Damit begann mein Djian-Jahrzehnt und Philippe Djian wurde der Held meiner Jahre zwischen zwanzig und dreißig. Es waren die Neunziger. Ich weiß nicht, wie oft ich  damals „Betty Blue“ gelesen habe, es hat mich eine Weile überallhin begleitet und es ist eines der wenigen meiner Bücher, das völlig zerlesen aussieht.

Djians direkte, klare Sprache hatte mich in den Bann gezogen. Außerdem die Unmittelbarkeit der Handlung: Er schafft es, der Geschichte mit einem halben Satz eine ganz andere Wendung zu geben. Dann das Anarchische der Personen, Außenseiter, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht gefunden haben. Oder ihn nicht finden wollen. Das passt zu der Aufbruchstimmung, in der man mit Anfang zwanzig lebt. Noch ist nichts entschieden, nichts ist festgelegt, alles ist offen. Was wird das Leben zu bieten haben? Eine sehr intensive Zeit. Eine wilde Zeit, ungewiß, oft anstrengend und voller Emotionen. Und Djian hat mir die Texte dazu geliefert.

„Wie willst du dieses Leben durchstehen, ohne nicht mindestens einmal an was zerbrochen zu sein?“
oder
„Ich suche nach etwas, das mich aufrichtet, etwas das die Mühe wert ist. – Das ist eine wahnsinnige Reise in eisiger Einsamkeit, sagte ich.“
oder
„Die Hoffnung zu verlieren, war die einzige echte Sünde, die man begehen konnte.“
oder…oder…oder. Ich könnte jetzt noch lange weiterzitieren. Von diesen markanten Sätzen war ich hingerissen, ich verschlang ein Buch nach dem anderen. Das irre Roadmovie „Blau wie die Hölle“, die losen Betty-Blue-Fortsetzungen „Erogene Zone“ und „Verraten und verkauft“, die genial aus zwei Perspektiven konstruierte Geschichte „Pas de deux“, das Jung-gegen-Alt-Drama „Matador“ und wie sie alle hießen. Mit der Zeit wurden die handelnden Personen der Stories älter und illusionsloser, waren aber immer noch bereit zu kämpfen, wenn es darauf ankam. Aber die wilden Jahre sind vorbei und das merkt man auch an den letzten Romanen. Trotzdem lese ich jeden. Aus alter Verbundenheit und als Erinnerung an die Zeit, als wir jung waren.

Auf der Suche nach passenden Zitaten für diesen Text bin ich auf eine Stelle gestoßen, die ich vor 20 Jahren angestrichen habe. Ich muss diese Sätze jetzt hier einfach aufschreiben, denn sie stehen exakt für das, was mir Djian mitgegeben hat:

„Ich meine, es gibt Fragen, die sind wesentlich, und du kannst es schaffen, gute Antworten darauf zu finden, aber dein Geist tut nichts anderes, als sie gelten zu lassen, das ist genauso angenehm, als würdest du Diamanten vors Licht halten, nur heißt das noch lange nicht, dass du reich bist. Du findest also einen Sinn für eine ganze Menge von Dingen, und es ist, als wäre dein Weg beschildert. Es gibt Leute, die düsen jetzt los, aber stell dir vor, daneben ist ein anderer Weg, und da ist nichts, überhaupt nichts, du weißt nicht, wohin er führt, du siehst keinen einzigen Hinweis, aber dieser Weg ist eine Möglichkeit, und ohne recht zu wissen, warum, schlägst du ihn ein, dein Leben hat dich dazu gedrängt, du verstehst längst nicht alles, aber der Weg ist prima, von Zeit zu Zeit fragst du dich, ob du in der richtigen Richtung bist, aber das vergisst du, weil dein ganzes Wesen auf die Strecke fixiert ist, du merkst nicht einmal, dass du auf dem Gaspedal stehst, und um dich herum mischen sich die Schönheit und das Entsetzen, verstehst du, was ich meine, man kann nicht wissen, ob man ankommt oder irgendwann auf die Nase fällt, ich für meine Person, ich glaube, dass man auf jeden Fall ankommt.“

Seitdem bin ich damit unterwegs.

Bücherinformationen
Philippe Djian, Betty Blue
Aus dem Französischen von Michael Mosblech

Diogenes Taschenbuch
ISBN 978-3-257-21776-6

Philippe Djian, Erogene Zone
Aus dem Französischen von Michael Mosblech
Diogenes Taschenbuch
ISBN 978-3-257-21776-6

Philippe Djian, Verraten und verkauft
Aus dem Französischen von Michael Mosblech
Diogenes Taschenbuch
ISBN 978-3-257-21851-0

Philippe Djian, Pas de deux

Aus dem Französischen von Michael Mosblech
Diogenes Taschenbuch
ISBN 978-3-257-22869-4

Philippe Djian, Wie die wilden Tiere

Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-06869-6

14 Kommentare

  1. Es ist die erste laue Frühlingsnacht , ich sitze draußen und ich lese ihn mal wieder nach langer Zeit . Und ich habe das Gefühl , ich würde ihn immer besser verstehen !!

    • Das klingt gut! Vielleicht sollte ich ihn auch endlich mal wieder lesen.
      Vielen Dank für die Anregung…

  2. „Er blätterte die Seite um und geriet an ein Foto von Franck, das ich ganz besonders liebte. Ich hatte es ungefähr sechzehn Jahre zuvor aufgenommen, kurz vor Herrmanns Geburt, und ich war verrückt nach dem Blick, den seine Mutter auf diesem Bild hatte, ich hatte ein Dutzend Abzüge davon machen lassen und es aus Angst vor Einbrechern kreuz und quer im ganzen Haus verteilt …“ (aus: Rückgrat)

    So ein lässiger Nebensatz – damit hat er mich immer gekriegt.
    Auch ich bin mit Dijan großgeworden und fieberte jeder Neuerscheinung seiner Bücher entgegen – mehr noch als denen von Irving, der mich auch jahrzehntelang begleitete.
    Bei Dijan hatte ich immer den Eindruck, ich könnte mich mit ihm an einen Küchentisch setzen und quatschen.
    Ich habe mich von einigen Büchern im Laufe meines Lebens getrennt. Dijan würde ich nicht hergeben. Nie.
    Danke für die wundervolle Hommage an einen meiner liebsten Schriftsteller.

    • „Djian würde ich nicht hergeben. Nie.“ Geht mir genau so.
      Djian hat seit „Wie die wilden Tiere“ schon drei neue Romane geschrieben, aber Diogenes hat die Übersetzungsrechte nicht gekauft. Der französische Verlag Gallimard ist auf der Suche nach einem deutschen Verlag, aber hat bis jetzt keinen gefunden. Das hat mir der letzte Djian Übersetzer und der Diogenes Verlag bestätigt. Leider..

  3. Lieber Uwe,

    vielen Dank für diese schöne Hommage auf einen meiner literarischen Helden. Er war auch für mich der perfekte Autor im Sturm und Drang meiner jungen Jahre. Habe lange kein Buch mehr von ihm in die Hand genommen. Vielleicht sollte ich es mal wieder tun.
    LG Tobias

  4. Lieber Herr Kalkowski,
    angesichts Ihrer Philippe Djian Entzückung, erlaube ich mir, Sie auf einen amüsanten Text über buchhändlerische Stilblüten hinzuweisen, den ich heute auf meinem Leselebenszeichen-Blog unter der Rubrik ABSCHWEIFUNGEN publiziert habe.
    Dort spielt der Roman „Erogene Zone“ eine gewisse, LUSTige Rolle 😉

    Viel Freude beim Entdecken!

    • Immer gerne! Ich habe beim Schreiben glatt vergessen, dass seitdem schon über 20 Jahre vergangen sind. Die stecken mit all ihren Erinnerungen zwischen den Seiten der Bücher.

  5. Ein schöner Text! Ich gestehe, ich habe noch kein einziges von Dijans Büchern gelesen. Vielleicht habe ich da etwas in meinen 90er-Jahren verpasst.

    • Ja, das war eine sehr intensive Zeit. Zumindest für mich, ich kannte auch ein paar Leute, die Djians Texte nicht so mochten. Aber das ist eben Geschmacksache…wie alles im Leben. Als ich gerade in den Büchern blätterte, war das ein bisschen wie eine Zeitreise und ich konnte mich an vieles von damals wieder erinnern.

      • Ich werde es mal mit Dijan versuchen! Das mit der Zeitreise verstehe ich gut und kommt auch perfekt rüber. Ich wünsche auf jeden Fall einen guten weiteren Weg. 🙂

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