Zwei Leben in der Sackgasse

Petterson, Nicht mit mir

Vor einigen Wochen habe ich das Buch „Nicht mit mir“ von Per Petterson gelesen – und seitdem denke ich darüber nach. Vordergründig eine unspektakuläre Geschichte, zwei Männer, deren Leben nicht so gelaufen ist, wie sie vielleicht früher einmal gedacht haben. Zwei, die als Kinder und Jugendliche unzertrennbare Freunde waren, bis diese Freundschaft plötzlich endet. Einfach so. Oder eben nicht einfach so. Das ist die Frage, die zu lösen uns das Buch aufgibt.

Es ist nicht ganz einfach, über diesen Roman zu schreiben. Eigentlich passiert darin eine Menge, die Lebensläufe zweier unterschiedlicher Personen werden erzählt. Und doch bleibt das Wesentliche ungesagt. Taucht vage und unbestimmt zwischen den Zeilen auf, kaum greif- und nur schwer beschreibbar.

Jim und Tommy jedenfalls heißen die beiden, um die es geht. Sie sind miteinander aufgewachsen, waren in der Kindheit und ihrer Jugend die unzertrennlichsten Freunde. Jetzt treffen sie sich nach drei Jahrzehnten zufällig wieder, und beide stecken sie in ihren Leben fest. Aber das weiß keiner vom anderen, denn dass Treffen ist flüchtig, absolut zufällig und damit beginnt das Buch. Es ist frühmorgens in einem Osloer Vorort, noch vor Tagesanbruch. Jim kommt vom Angeln auf einer Brücke; einem Treffpunkt schweigsamer Männer, die sich dort mit ihren Angelruten versammeln, wenn alle anderen noch schlafen. Er steht dort, in einer verschlissenen Jacke, wirkt leicht verwahrlost, als er Tommy begegnet. Tommy, dem Investmentbanker, der in seinem protzigen, nagelneuen Mercedes an ihm vorbeifährt und überrascht anhält. Sie wechseln ein paar Worte, wissen nicht so richtig, was sie sagen sollen, nach all den Jahren, die sie sich nicht gesehen haben. Dann fährt Tommy weiter. Tommy, in seinem protzigen Mercedes. Und Jim geht langsam mit seiner Angel zu seinem Auto, Jim in seiner verschlissenen Jacke. Eine starke Eröffnungsszene.

Und beiden geht die Begegnung nicht mehr aus dem Kopf, alte Erinnerungen werden wach. Wir begleiten Jim und Tommy in den nächsten 24 Stunden, erfahren viel über ihr Leben, ihr Aufwachsen, ihre Geschichte, ihre Probleme. Kapitelweise wechselt die Perspektive, auch andere beteiligte Personen kommen zu Wort. Und nach und nach breiten sich zwei Leben vor uns aus.

Es ist ein Aufwachsen in einem winzigen Dorf mitten in der norwegischen Provinz, vergessen von der Welt. „Das einzige Licht kam aus den Fenstern an der Straße und von den Außenleuchten der Höfe, die an den Hängen zum Wald hinauf klebten, und sie machten die Straße nur noch dunkler.“ Tommy lebt mit seinen drei Schwestern bei seinem prügelnden Vater, die Mutter hat die Familie verlassen. Als Heranwachsender schlägt er zurück und vertreibt den Vater mit einem Schlagholz, um sich und die drei Mädchen vor den Misshandlungen zu schützen. Daraufhin werden die Kinder aufgeteilt und bei verschiedenen Pflegeeltern untergebracht.

Jim ist der einzige Sohn einer tiefgläubigen Mutter, die völlig abgekapselt in ihrer religiösen Welt lebt und nichts von dem wahren Leben an sich und ihren Sohn heranlassen will. Einen Vater gibt es nicht, und „Jim wusste nicht, wen er vermisste, ob es möglich war, jemanden zu vermissen, den man nicht kannte den man nie gesehen hat, der keinen Hohlraum hinterließ, keinen sichtbaren Abdruck im Leben, kein spürbares Vakuum, ohne zu wissen, ob das Gefühl, das er hatte, wenn er genau daran dachte, Sehnsucht war.“ Es ist keine heile Welt, keine Dorfidylle, in die Jim und Tommy hineinwachsen. Die beiden Jungs werden beste Freunde. Ihre Freundschaft stützt sie und hilft ihnen dabei, den Widrigkeiten des Erwachsenenwerdens zu begegnen. Bis zu jener Nacht auf dem Eis. Doch passiert da wirklich etwas, beim Schlittschuhlaufen mitten auf dem zugefrorenen See? Es ist eine Schlüsselszene, doch auch sie bleibt vage und vieles der Phantasie des Lesers überlassen. Bald darauf bricht die Freundschaft ab, Jim und Tommy schlagen unterschiedliche Wege ein und verlieren sich aus den Augen.

Jedenfalls treffen sich die beiden wieder, an jenem frühen Morgen am Platz der Angler. Die Begegnung bringt beide dazu, über ihr Leben nachzudenken, welche Verläufe es genommen hat und wo sie jetzt stehen. „Man vergisst leicht, dass alles anders aussieht, wenn man jung ist, es sieht besser aus, man hat so viel Zeit, und dann wird plötzlich alles schlechter, von einem Tag auf den anderen liegt die ganze Welt in Scherben.“ Beide sind einsam, beide auf ihre Art gescheitert. Während der eine im Verlauf eines Tages und einer Nacht, in denen wir sie begleiten, vielleicht eine Möglichkeit des Glückes findet, trifft der andere eine Entscheidung. Und vielleicht begegnen sie sich noch einmal, derselbe Ort, dieselbe Zeit. Besser wäre es.

So. Das muss genügen. Je länger ich über das Buch nachdenke, desto mehr Ungesagtes taucht vor dem inneren Auge auf. Es ist nicht einfach, das Eigentliche zu erfassen, das sich vor allem in vagen Andeutungen und lakonischen Dialogen abspielt. Aber genau deswegen ist es ein Buch, das einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, es geht nicht so schnell wieder aus dem Kopf. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich langsam selbst in einem Alter bin, in dem man Freunde seit 25, seit 30 und ein einem Fall sogar seit 40 Jahren kennt. Zum Glück habe ich nicht das Gefühl, in einer Sackgasse des Lebens festzustecken, aber niemand ist dagegen gefeit. Oder wie Tommy es ausdrückt: „Ich sah mich nach beiden Seiten um, sah die Straße hinauf und wieder hinunter, und mein Blick fand nichts, woran er sich hätte heften können. Ich wusste verdammt noch mal nicht wohin.“

Buchinformation
Per Petterson, Nicht mit mir
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24604-1

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7 Kommentare

  1. Diesen Roman von ihm kenne ich nicht, aber ich mochte die anderen Bücher Petterson sehr, sehr. „Pferde stehlen“ gehört zu meinen absoluten Alltime-Favourites!

  2. Ich fand das Buch so bedrückend, dass ich es nicht zu Ende gelesen habe – was nur ganz selten vorkommt.

    • Ja, diese seelische Trostlosigkeit ist manchmal schwer zu ertragen. Kommt bei mir immer auf die eigene Gemütslage an…

  3. Ich habe neulich mit „Im Kielwasser“ das erste Buch von Petterson gelesen – und mir erging es damit ähnlich wie wohl Dir nun mit diesem: Es ist ein ganz zurückgenommener, leister Stil, vieles bleibt unausgeschrieben, und doch erzählt er ganz klar, logisch, stringent. Auch da geht es um einen Mann Mitte der 40er, der in seinem Dasein feststeckt, allerdings mit einer traumatischen Erfahrung im Rücken: Eltern und Brüder verbrannten in einem Schiff. Auch da geht es um eine Beziehung zwischen zwei Männern – Protagonist und der andere überlebende Bruder. Aber vor allem handelt es davon, wie das Leben (klammert man das Trauma aus) einfach still und leise an einem vorbeigeht. Deine Besprechung und meine eigene Leseerfahrung bestärken mich darin, mehr von Petterson zu lesen.

    • Interessant, dass es Dir ähnlich ging. Ja, das ist ein ganz eigener Stil, und ich werde sicherlich noch mehr von ihm lesen. Eine tolle Besprechung zu einem anderen Petterson-Titel gibt es auch bei Frau Hauptsachebunt: http://frauhauptsachebunt.de/?p=1922 Alleine die Besprechung geht schon unter die Haut…

      • Stark. Du machst Lust auf dieses Buch und zugleich bleibt eine drückende Last zurück, die gerade eben, vor dem Lesen der Besprechung, noch nicht dagewesen war. Nicht dagewesen zu sein schien? „Im Kielwasser“ kenne ich, merkwürdigerweise habe ich nahezu keine Erinnerungen – außer jenem Gedühl der Trostlosigkeit, das Birgit beschreibt.

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