Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Weiterlesen

Graphic-Novel-Werkstattbericht

Arne Jysch und Volker Kutscher: Der nasse Fisch - Graphic Novel

Es ist noch nicht so lange her, seit ich Graphic Novels als Literatur- und Kunstform für mich entdeckt habe. Gleichzeitig bin ich begeisterter Leser der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath. Wenn dann der erste Band dieser Reihe – „Der nasse Fisch“ – als Graphic Novel erscheint und wenn Zeichner und Romanautor gemeinsam das Werk im Kölner Literaturhaus vorstellen – dann ist ja klar, dass ich mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Und jede Minute hat sich gelohnt; es war eine ungemein spannende Veranstaltung, die den zahlreich erschienenen Zuhörern und Zuschauern die Entstehung einer Graphic Novel auf eine beeindruckende Art näher gebracht hat. Weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. Weiterlesen

Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? Weiterlesen

Besuch bei Liebeskind

Besuch beim Liebeskind Verlag

Ganz exakt weiß ich nicht mehr, wann ich das erste Buch aus dem Liebeskind Verlag in die Hände bekommen habe. Aber sehr genau erinnere ich mich daran, sofort vollkommen begeistert gewesen zu sein. Es sind Bücher, wie sie sein sollen: Inhalt, Gestaltung, Papier, Geruch, Haptik – alles passt perfekt zusammen und machen jedes zu einem kleinen Gesamtkunstwerk. Und bis auf wenige Ausnahmen haben bisher fast alle meinen Lesegeschmack exakt getroffen. Deshalb wollte ich schon lange wissen, wer sich eigentlich hinter dem Verlagsnamen verbirgt. Als ich kürzlich beruflich einige Tage in München war, ergab sich ein Termin für einen Besuch. So stieg ich im dämmrigen Licht eines Märznachmittags die Holztreppe eines alten Hauses irgendwo in der Nähe des Marienplatzes hoch, hörte das Fischgrätparkett unter meinen Füßen knarren und stand schließlich vor der Türe des Liebeskind Verlags. Ich war gespannt. Weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit „Flut und Boden“ von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. Weiterlesen

Blogbuster: Ein Cafégespräch

Blogbuster-Autor Gunnar Kaiser mit Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski

Photo: Markus Loosen

Der Blogbuster-Preis geht in die nächste Runde, inzwischen steht die Longlist fest. 14 spannende und sehr unterschiedliche Texte von 14 Autorinnen und Autoren sind zusammengekommen und Anfang Mai werden wir wissen, wen die Jury zum Blogbuster 2017 kürt. Der Kaffeehaussitzer hat Gunnar Kaisers Manuskript „Unter der Haut“ für die Longlist eingereicht – in einem anderen Beitrag wurde der Text ausführlich vorgestellt; dort habe ich begründet, was ihn für mich so besonders macht und warum er für mich ein klarer Favorit ist. Jetzt wollte ich etwas mehr zur Enstehung von „Unter der Haut“ wissen und habe dem Autor ein paar Fragen gestellt. Wir trafen uns in einem Café und führten ein langes und intensives Gespräch, bestellten einen zweiten Kaffee; wir redeten vor allem über seinen Roman, über literarische Vorbilder, das Schreiben und Obsessionen. Wer etwas mehr über die Person des Autors erfahren möchte, findet ein Portrait auf der Blogbuster-Seite. Und Schriftstellerin Melanie Raabe hat ihn für ihren Blog Biographilia ausführlich befragt. Weiterlesen

Monolog im Trinkerhirn

Ottessa Moshfegh: McGlue

Krass. Um dieses Wort inflationär zu benutzen bin ich etwas zu alt. Aber als Einstieg in diesen Beitrag passt es perfekt, denn besser kann man den Roman „McGlue“ von Ottessa Moshfegh eigentlich kaum beschreiben. Kostprobe? „Das Schiff legt ab. Ich klammere mich an der Reling fest und kotze, spucke Gift und Galle, während ich dem vorbeirauschenden Wasser zuschaue, bis kein Land mehr in Sicht ist. Eine kurze Zeit ist alles friedlich. Dann will etwas in mir sterben. Ich drehe den Kopf und huste. Zwei Zähne fallen mir aus dem Mund und rollen wie Würfel übers Deck.“

Direkt auf der ersten Seite ist diese Textstelle zu finden, als der Ich-Erzähler McGlue aus einem Vollrausch aufwacht und sich danach in der Zelle des Schiffes wiederfindet, auf dem er als Seemann angeheuert hat. Angeklagt des Mordes an seinem Freund Johnson. Was folgt, ist ein 141 Seiten langer Monolog, das Selbstgespräch eines Mannes, den der Alkohol zerstört hat und in dessen Verlauf nach und nach zu Tage kommt, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. Weiterlesen

Abenteuergeschichten vom Feinsten

Arturo Perez-Reverte: Capitan Alatriste

Es ist höchste Zeit für diesen Beitrag, denn mit großem Schrecken musste ich feststellen, dass zwei meiner absoluten Lieblingsbücher nicht mehr lieferbar sind. Das ist mir völlig unverständlich, gehören doch „Alatriste“ und „Das Gold des Königs“ von Arturo Pérez-Reverte mit zum Besten, was historische Romane mit literarischem Anspruch zu bieten haben. Oder anders gesagt: Es sind Abenteuergeschichten vom Feinsten, die in einer Reihe stehen mit Werken der Weltliteratur wie Stevensons Schatzinsel oder Dumas‘ drei Musketieren. Weiterlesen

„Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten“

Mit Volker Kutscher durch Köln-Klettenberg

Durch Köln-Klettenberg mit Volker Kutscher – ein Autorenspaziergang

Hier auf Kaffeehaussitzer habe ich mich schon mehrmals mit der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath beschäftigt. Die im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinende Reihe ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es damit, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund.

Im Herbst 2016 fragte mich Philipp Rusch – der sich bei Kiepenheuer & Witsch um die zahlreichen Social-Media-Kanäle kümmert – ob ich Interesse hätte, mich einmal mit Volker Kutscher zu treffen und aus dem Gespräch einen Beitrag für den KiWi-Blog zu verfassen. Klar, dass ich sofort zugesagt habe und herausgekommen ist dabei ein Text über das Schreiben, über Zeitgeschichte und den Bezug zum Heute, über Köln und Berlin. Und natürlich über Gereon Rath. Im November 2016 wurde der Beitrag im KiWi-Verlagsblog veröffentlicht; jetzt gibt es ihn auch hier. Weiterlesen

Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: „Endgültig“ von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich stark beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt. Weiterlesen

Neues aus den USA

Neue Bücher von T.C. Boyle, Paul Auster, Jonathan Safran Foer und Hanya Yanagihara

Ich war noch niemals in New York. Und noch niemals in San Francisco. Oder in Chicago. Noch niemals in den USA, außer einmal vier Stunden lang auf dem Flughafen von Los Angeles beim Warten auf den Anschlussflug nach Neuseeland. Durch unzählige Bücher und Filme fühlen sich die USA trotzdem stets irgendwie vertraut an, keine Ahnung wie oft ich mit Roman- oder Filmhelden schon in New Yorker Cafés saß, schnurgerade Straßen in eine endlose Weite hinein gefahren bin oder die Golden Gate Bridge im Nebel auftauchen sah.

Die USA sind für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, trotz ihrer Doppelmoral, wegen der es unter 21-Jährigen zwar möglich ist, eine Waffe zu besitzen, nicht aber ein Bier zu kaufen. Oder trotz ihrer Prüderie, übertriebenen, weltfremden Political Correctness oder einer bornierten Religiösität, die das eigene Land in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, wie viel Elend die Außenpolitik Amerikas über die Welt gebracht hat. Aber Literatur aus den USA ist ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Kanons. Einer, den ich auf keinen Fall missen möchte, der mich mit geprägt hat, auch wenn ich noch nie in dem Land war, das in so vielen Geschichten in meinem Kopf vorkommt.

Die meisten von uns schauen gerade fassungslos über den Atlantik und sehen, wie eine jahrhundertealte Demokratie durch einen blondierten Egomanen und seine Helfershelfer demontiert oder zumindest schwer beschädigt wird. Jeden Tag prasseln neue Nachrichten von Ungeheuerlichkeiten auf uns ein. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass ein sehr großer Anteil der Amerikaner es gut findet, was da gerade geschieht. Was das Ganze noch schwerer verständlich macht.

Aber das hier soll keine Analyse des politischen Zustands des land of the free and the home of the brave werden, sondern dieser Beitrag möchte daran erinnern, dass nach wie vor auch Gutes aus den USA kommt – Gutes in Form von großartiger Literatur. Weiterlesen

Eine Entscheidung treffen

Blogbuster-Preis: Der Longlist-Titel des Blogs Kaffeehaussitzer

Das ist ein Beitrag, den ich eine Weile vor mir her geschoben habe, weil er mir nicht leichtfällt. Denn es musste eine Entscheidung getroffen werden. Und gleichzeitig freut er mich auch, denn ich habe eine literarische Entdeckung gemacht. Es geht um den Blogbuster-Wettbewerb und um den Titel, der durch den Blog Kaffeehaussitzer der Jury vorgelegt wird. Weiterlesen

Europas offene Wunde

Zwei Bücher: Yuri Dojc und Katya Krausova, Last Folio und Alter Kacyzne, Poyln

Gerne wird momentan von der abendländischen Kultur Europas geredet, um unsere Identität gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen abzugrenzen. Und gerne wird dabei auf den christlich-jüdischen Hintergrund unserer kulturellen Entwicklung hingewiesen. Dabei drücken diese Wörter eine Symbiose aus, die es so nie gab; die vor dem Hintergrund eines jahrtausendealten europäischen Antisemitismus wie blanker Hohn wirkt. Es ist eher so, dass in Europa trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen eine lebendige jüdische Kultur existierte, die erst durch den industrialisierten Massenmord des Holocaust so dezimiert wurde, dass sie heute nur noch vage wahrnehmbar und in vielen Gegenden – insbesondere Osteuropas – vollkommen verschwunden ist. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, eines, das auf eindrucksvoll photographierte Art und Weise letzte Spuren dieser Welt zeigt, Zeugnisse des Verfalls und des endgültigen Verschwindens. Und eines, das uns an jene verschwundene Welt in seltenen Photographien erinnert. Weiterlesen

Im Lawinenwinter

Das Buch "Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod" von Gerhard Jäger erzählt vom Lawinenwinter 1951

Das Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger ist der Roman, der mich von allen Büchern in den letzten Monaten am meisten begeistert hat. Dabei wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, wenn nicht Bloggerkollegin Mareike Fallwickl ihn auf Facebook als ihre nächste Lektüre angekündigt hätte, ich neugierig nachfragte, worauf Buchhändlerin Nina Merks meinte, ich würde das Buch lieben. Wir haben uns im realen Leben noch nie gesehen, trotzdem kennen wir unsere Lesevorlieben gegenseitig so gut, dass ich umgehend in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spaziert bin und das Buch gekauft habe. Und was soll ich sagen, sie hatte recht. Und wie. Weiterlesen

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