Schuld und Reue

Owen Sheers: I Saw a Man

Als ich das Buch „I Saw a Man“ von Owen Sheers fertig gelesen hatte, musste ich erst einmal durchatmen. Dann aber gleich meine Begeisterung auf Twitter zum Ausdruck bringen, indem ich es dort als „absolute Leseempfehlung“ anpries. Daraufhin entspann sich eine Twitter-Diskussion, denn Bloggerkollegin Mareike Fallwickl war ganz und gar nicht dieser Meinung, sie fand den Roman „vorhersehbar, langweilig, mit blassen Figuren.“ Zwei Leser, zwei Meinungen, und das, wo ich ihre Buchempfehlungen in ihrem Blog Bücherwurmloch sehr schätze. Doch diesmal war es, als hätten wir komplett unterschiedliche Bücher gelesen – Begeisterung hier, vernichtende Kritik dort. Es ging auf Twitter hin und her, andere Leser klinkten sich ein, tendierten mal zur einen, mal zur anderen Seite, fanden das Ende nicht gelungen, aber schließlich waren 140 Zeichen doch zuwenig Platz, um dieses Buch angemessen vorzustellen. Deshalb erzähle ich jetzt hier, warum ich „I Saw a Man“ für sehr lesenswert halte. Natürlich ohne zuviel davon zu verraten.

Owen Sheers knüpft in „I Saw a Man“ ein Netz aus Tragik, Schuld und Reue, in dem sich seine Protagonisten verfangen; alles ist miteinander verwoben und verbunden, auch wenn sie sich zum Teil nicht kennen. Es ist die alte Frage nach der Ursache, dem Auslöser einer Tragödie, die dann immer weitere Kreise zieht. Ist es Schicksal oder Zufall? Eine Antwort gibt auch das Buch nicht, liefert aber ein eindrucksvolles Beispiel für eine genau solch dramatische Verkettung.

Um was geht es? Michael Turner, Schriftsteller und Journalist, ist nach dem Tod seiner Frau Caroline aus der Abgeschiedenheit der walisischen Provinz ins quirlige London gezogen. Seine Nachbarn sind die Nelsons; Josh, Samantha und ihre beiden kleinen Töchter. Der eigenbrötlerische Michael hat sich in den letzten Monaten eng mit seiner Nachbarsfamilie angefreundet, für ihn ist es nach seinem schmerzhaften Verlust wie ein erster Schritt zurück ins Leben. Das Buch beginnt damit, dass er an einem Samstagnachmittag das Haus der Nelsons betritt, um sich einen ausgeliehenen Feinmechaniker-Schraubenzieher zurück zu holen. Die Hintertüre ist offen und Michael tritt ein, wie so oft in den letzten Monaten. Doch auf sein Rufen antwortet niemand, keiner ist zu Hause. Beunruhigt, es könnten vielleicht Einbrecher dort sein, geht Michael von Raum zu Raum, dann von Etage zu Etage, auch in der Hoffnung, sein dringend benötigtes Werkzeug zu finden. Dann beginnen die Rückblicke.

Zwischen jedem Raum erfahren wir, was genau Caroline zugestoßen ist, wie der Kontakt zu den Nelsons zustande kam, wissen bald alles über Carolines Leben, über Michaels Werdegang als Schriftsteller, über Zufälle und Ereignisse, die ihn genau an diese Stelle, in dieses Haus geführt haben. Und auch das Leben Samanthas und Joshs breitet sich nach und nach vor uns aus.

Ein abrupter Perspektiv- und Ortswechsel führt uns nach den ersten 100 Seiten in die Wüste Nevadas. Hier steuert Airforce-Major Daniel McCullen eine unbemannte Drohne, sitzt in einem klimatisierten Raum, überwacht Gebiete in Afghanistan oder Pakistan und sprengt Menschen in die Luft, die als Terroristen ausgemacht wurden. Dort wo der Drohnenkrieg von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt am heftigsten tobt, mit all seinen unbeteiligten Opfern. Doch auch McCullen ist ein Opfer dieser Art von Kriegsführung, sein Gehirn gefüllt mit Bildern von unschuldigen, von seinen Raketen getöteten Menschen, schuldbeladen, gebrochen. Mit dieser Figur nimmt die Handlung des Romans Fahrt auf, wird vielschichtiger und auch wenn man bereits hier die Zusammenhänge zu erahnen beginnt, wird einem das ganze Außmaß der Tragödie erst später bewusst.

In der Parallelhandlung schreitet Michael weiter von Raum zu Raum, von Etage zu Etage, angespannt und abgelenkt gleichzeitig, mit den Gedanken in einer Welt, in der seine Frau noch lebt. Bald wird etwas geschehen, das die drei Männer – Michael, Josh und Daniel – so eng miteinander verbindet, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Existenzen werden zerbröseln, das Schickal seinen Lauf nehmen. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben hat seine Stunde, wie Michael sich noch Jahre später sagte. Mal, um sich zu trösten, häufiger noch voller Reue. Doch so sehr er sich auch bemühte, dieses komplizierte Geflecht zu entwirren und den Punkt zu bestimmen, an dem alles seinen Anfang genommen hatte, es wollte ihm beim besten Willen nicht gelingen.“

Ein bisschen rede ich um den Inhalt herum, aber sobald es nur ein wenig konkreter würde, hätte ich zuviel vorweggenommen. Das erste Drittel des Buches dümpelte etwas vor sich hin, aber sobald die zusätzliche Handlung rund um den Drohnenpiloten Daniel angelaufen war, hat mich das Buch mitgerissen. Vielleicht weil es ein Thema ist, über das ich mir schon so oft Gedanken gemacht habe; diese Frage, wie alles miteinander zusammenhängt, wie eine Handlung irgendwo auf der Welt, ein kurzer Knopfdruck, solch tragische Kreise ziehen kann – eine bessere Metapher als den Drohnenkrieg kann es dafür kaum geben.

Oder die Frage, wie Menschen mit Schuld, Trauer und Verantwortung umgehen. Verdrängen? Daran zerbrechen? Im Buch wird eine in meinen Augen typisch männliche Herangehensweise geschildert: Fortgehen, die äußeren Umstände ändern, sich in sich selbst zurückziehen, irgendwie weitermachen, ohne sich den Ursachen zu stellen. Ohne Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und letztendlich ohne Verantwortung zu übernehmen.

Deshalb konnte ich mich sehr gut in die drei männlichen Protagonisten hereinversetzen. Ihr Handeln nicht immer verstehen, aber nachvollziehen. Und deshalb ist es für mich ein sehr lesenswerter Roman, mit einem passenden Ende, nur der allerletzte Perspektivwechsel mag einer zuviel sein. Überschrieben habe ich diesen Blogbeitrag mit „Schuld und Reue“; denn Sühne gibt es hier nicht, nur Selbstmitleid.

„Die verschwiegene Wahrheit war wie ein riesiger, zugeschütteter Müllberg, unsichtbar und doch da, der langsam den Erdboden vergiftete.“

Buchinformation
Owen Sheers, I Saw a Man
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN 978-3-421-04669-7

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3 Kommentare

  1. Pingback: Die Last von Geheimnissen – buchlese

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