Otl Aichers Wüstentrip

DSC_0669Das Buch „Gehen in der Wüste“ von Otl Aicher ist ein typographisches, photographisches und textliches Gesamtkunstwerk. Das verwundert nicht, schließlich war Otl Aicher einer der bedeutendsten Kommunikationsdesigner des 20. Jahrhunderts. Er hat das Erscheinungsbild Westdeutschlands entscheidend mitgeprägt und uns zahlreiche Piktogramme, Signets und Logos hinterlassen, die jeder kennt. Und dieses Buch. Heute ist es leider nur noch als kartonierte Ausgabe erhältlich. Aber vor ein paar Jahren hatte ich das große Glück, eine gebundene Ausgabe dieses Schmuckstücks in die Hände zu bekommen. Und habe natürlich sofort zugegriffen.

Otl Aicher wurde 1922 geboren und lebte ein abenteuerliches Leben. Er stand dem Naziregime kritisch gegenüber, durfte deshalb kein Abitur machen, war mit den Geschwistern Scholl befreundet, schaffte es durch die Kriegswirren, desertierte, versteckte sich und heiratete nach dem Krieg Inge Scholl, die Schwester Hans und Sophie Scholls. Seine künstlerische Laufbahn begann er mit der Bildhauerei, dann beschäftigte er sich mehr und mehr mit Gestaltung und visueller Kommunikation, bis er einer der ganz Großen in diesem Bereich wurde. Einen internationalen Durchbruch schaffte er u.a. mit seinen Piktogrammen rund um die olympischen Spiele in München 1972, Symbole, die uns allen bekannt sind. Bei allem Erfolg hielt sich Otl Aicher gerne im Hintergrund, Kraft schöpfte er in der Natur. Zum Beispiel auf seinen wochenlangen Wanderungen durch die Sahara. Zu Fuß. Durch die Wüste. Daraus ist dieses Buch entstanden.

Otl Aicher starb 1991 bei einem Verkehrsunfall und dieses Buch gehört zu seinem Vermächtnis. Es enthält nicht nur wunderbare Photographien, sondern auch Texte, Gedankensplitter, Momentaufnahmen. Einblicke in eine Künstlerseele. Und eine Liebeserklärung an das Unterwegssein. Gehend, mit klarem Kopf und befreiten Gedanken.

„die wüste ist eine denklandschaft. man geht nicht nur zwischen dünen, man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengänge. im gehen verändert sich die landschaft von bild zu bild. es verändert sich der gedankenhorizont. das auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die gedanken wildern umher. man wirft sie hinaus, als entwürfe. so ist ein nicht eigentlich geschriebenes buch entstanden. es hat keinen anfang, kein ende, keinen roten faden. man mag deshalb auch nachsichtig sein einer typographie gegenüber, die verschlungen ist wie ein gang durch dünen.“

Konsequent ist der gesamte Text in Kleinschreibung verfasst. Das ist bei Otl Aicher nicht nur ein Gestaltungsmerkmal, sondern eine bewusste Entscheidung:

„schon die typographische auszeichnung der substantive zeigt, welchen stellenwert sie in unserem sprachsystem haben. sie werden groß geschrieben. das war nicht immer so. die übung kam im absolutismus auf, als es darum ging, den könig, den fürsten, die institution des staates auszuzeichnen (…) die verben verkümmerten. prozesse, verhaltensweisen, vorgänge, die dynamik der welt standen unter der beschwichtigung der sprachlichen vernachlässigung. (…) jetzt steht die welt voll von unrat und bürokratien. sachen stellt man in museen und begafft sie. institutionen blähen sich auf zur nutzlosigkeit der selbstbehauptung. zu unserer fortbewegung stehen um unser haus immer mehr gegenstände herum, jetzt auch noch das segelboot, das klappfahrrad und das geländeauto. nur weil wir nicht mehr gehen, laufen, wandern, schlendern, spurten, springen oder bummeln können. es sind objekte, die wir benutzen, geräte. 
ich schreibe substantive wieder klein, aber das reicht sicher nicht. man muss wohl wieder beginnen zu gehen.“

In diesem Buch stecken so viele Gedanken, ich könnte hier noch endlos weiter zitieren. Es hat beinahe etwas Erhabenes, durch die Seiten zu blättern. Das grobe, sandfarbene Leinen des Einbands zu spüren, die Photos zu bewundern und die Texte in sich aufzunehmen. Ein Gesamtkunstwerk eben. Und ein Reisebericht in das Innere eines freien Geistes.

Buchinformation
Otl Aicher, gehen in der wüste
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-000430-7

3 Kommentare

  1. Pingback: Reisespecial 2017: Drei Wüstenschriftsteller: Aicher, Abbey, Bowden - CulturMag

  2. Auch Maren von „Von Orten und Menschen“ hat den Otl Aicher (oder besser: otl aicher) neulich vorgestellt – jetzt muss das Buch her, absolut.

    • Unbedingt! Falls Du antiquarisch eine neuwertige gebundene Ausgabe bekommen kannst: Gleich zuschlagen! Viel, viel, viel schöner als der momentan lieferbare Pappband…

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