Ritterdämmerung

Pötzsch, Burg der KönigeEs war das perfekte Timing, kurz nach dem Jahresbeginn 2015. Viel Zeit haben und dazu ein dickes Buch, 936 Seiten, ein richtig schöner Historienschmöker. Drei Tage lang war ich abgetaucht in die Jahre 1524 und 1525. In dieser Zeit spielt „Die Burg der Könige“ von Oliver Pötzsch. Darauf aufmerksam wurde ich schon vor einiger Zeit durch eine begeisterte Besprechung im Blog Analog-Lesen und hatte mir das Buch auf Vorrat angeschafft. Um es genau für solch einen perfekten Zeitpunkt zur Hand zu haben.

1524 beginnt die Handlung. Es ist eine Epoche des Umbruchs und von daher passt das Buch gut zu vielen anderen meiner Lektüren. Die Zeit des Mittelalters neigt sich dem Ende zu. Vorbei sind die Zeiten, als Ritter in glänzenden Rüstungen Turniere bestritten haben, als stolze Burgen auf den Bergen thronten. Mit dem Aufkommen der ganz und gar unritterlichen Fernwaffen – erst die Armbrust, dann Kanonen und Arkebusen – verlieren Ritter und ihre Burgen ihre Bedeutung und ihren militärischen Nutzen für Kaiser und Könige, die jetzt mit Hilfe gemieteter Söldnerhorden gegeneinander Krieg führen. Die Burgen zerfallen. So auch Burg Trifels, im Pfälzer Wald direkt neben dem Städtchen Annweiler gelegen. Einst war der Trifels der Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Staufer bewahrten dort die Reichsinsignien auf, die Symbole der Macht. Heinrich VI. hielt dort den englischen König Richard Löwenherz gefangen, um ein Lösegeld zu erpressen, auch im Reiche Friedrichs II. hatte der Trifels eine große Bedeutung.

Zu Beginn unserer Geschichte ist der Trifels eine vergessene, marode Burganlage, deren große Zeiten längst vergangen sind. Notdürftig instand gehalten von Philipp von Erfenstein, dem Burgvogt, der dort mit seiner Tochter Agnes und einer Handvoll abgehalfterter Kämpen lebt. Die Rüstungen sind rostig und verbeult, die wenigen Pferde alt, die Waffen verbogen. Niemand braucht sie mehr, die Ritter und ihre Burgen, so dass Philipp nichts anderes übrig bleibt, als von der guten alten Zeit zu träumen und seinen Frust mit Pfälzer Wein hinunterzuspülen. Auch Agnes träumt, aber ihre Träume sind düster und scheinen eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte die mit Geschehnissen auf dem Trifels zusammenhängt und die irgendetwas mit ihr zu tun haben scheint. Was sie nicht weiß: Es gibt tatsächlich ein Geheimnis um den Trifels. Das auch den Habsburgerkaiser Karl V. und den französischen König Franz I. interessiert. Beide kämpfen um die Vorherrschaft in Mitteleuropa und dieses Geheimnis könnte den Kampf entscheiden. So schicken sie ihre Kundschafter in den Pfälzer Wald und der längst vergessene Trifels rückt wieder in den Blickpunkt der Mächte.

Auch den Sohn des Burgschmieds lernen wir gleich zu Beginn kennen. Er heißt Mathis und ist ein Querdenker. Einer, der sich der neuen Zeit nicht verschließen möchte, der merkt, dass das Schmieden von Schwertern keine Zukunft mehr hat, der fasziniert ist von Kanonen und Schießpulver und der empört über die Armut, in der große Teile der Bevölkerung leben müssen. Man ahnt schnell, dass Mathis und Agnes das Paar der Geschichte sind – das gehört schließlich zu jedem historischen Roman. Aber bis sie zueinander finden wird ziemlich viel passieren und ob es überhaupt soweit kommt, verrate ich natürlich nicht. Denn die Handlung wird einige dramatische Wendungen nehmen und viele der Personen, die der Leser liebgewinnt, bleiben auf der Strecke; es ist die Zeit der Bauernkriege in Deutschland. Die Bauern der damaligen Zeit waren geknechtet, leibeigen, hungernd und verzweifelt. Die Menschen lebten von verfaulten Rüben und hartem, mit Eichelmehl und Bucheckern verbackenem Brot. Sie arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, um ihre kargen Felder und spärlichen Gemüsebeete zu bestellen. Sie krümmten sich und buckelten, während ihre Säuglinge in eng gewickelten Tüchern in den Bäumen am Acherrand im Wind schaukelten und sich vor Hunger die Seele aus dem Leib schrieen. Es gärte schon lange, immer mehr wurde ihnen von den Herrschenden und der Kirche abgepresst, immer weniger hatten sie für das eigene Leben. Und immer weniger zu verlieren. 1525 bricht der Sturm los und die großen Bauernaufstände erschüttern das Land.

Die Welt Agnes‘, Philipps und Mathis‘ ist davor schon gehörig ins Wanken geraten, jetzt wird sie vollends zertrümmert. Ich möchte die Geschichte hier nicht nacherzählen, wir erleben eine Welt, die sich in Feuer, Rauch und Blut auflöst. Wir lernen einen Grafen kennen, der besessen ist von der Suche nach dem Normannenschatz, den einst Heinrich VI. auf dem Trifels versteckt haben soll, einen Mönch, dessen Kloster vernichtet wird, einen Barden, der dem goldenen Mittelalter entsprungen scheint, einen Raubritter, der die Gegend rund um Annweiler tyrannisiert, eine Bruderschaft, die ein Geheimnis hütet. Wir reisen durch stinkende Städte, verarmte Dörfer, erleben die Bauernhaufen und die Landsknechtstruppen, die zur Niederschlagung der Aufstände geschickt werden und dabei das ganze Land verwüsten. Und wir sind mit dabei auf der Suche nach dem Geheimnis des Trifels, das Europa neu ordnen könnte. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Europäische Geschichte, persönliche Schicksale, verknüpft mit der eindringlichen Schilderung einer untergehenden Epoche, gesellschaftlichen Umwälzungen und dazu eine temporeiche, spannende Handlung – wahrlich, erst nach den fast tausend Seiten bin ich wieder im Hier und Jetzt aufgetaucht. Eine der Szenen, die mich am meisten berührt hat, war der Zweikampf auf Leben und Tod zwischen Philipp von Erfenstein und dem Raubritter Hans von Wertingen. Philipp gehört zum Trupp des Grafen Friedrich von Löwenstein-Scharfeneck, der den Raubritter und seine Mannen besiegt hat. Mit Hilfe von Landsknechten und einer Kanone, der die Burgmauern nicht standhalten konnten. Er soll als Raubritter öffentlich gehängt werden, doch Philipp besteht auf einen Zweikampf. Denn beide kennen sich schon viele Jahre, beide waren einst stolze Ritter und ihrer beider Zeit ist abgelaufen.

Schweigend stapfte Philipp von Erfenstein auf den Kreis zu, wobei seine Rüstung bei jedem Schritt leicht schepperte. Die Panzerung war gut geölt und so blank poliert, dass sie in der Sonne blitzte. Zwischen den verkaterten Landsknechten in ihren bunten Trachten, den wilden Bärten und ihren rostigen Piken und Arkebusen wirkte Philipp von Erfenstein wie ein Abgesandter aus einer anderen Welt. Die Soldaten beobachteten ihn teils bewundernd, teils spöttisch. Viele von ihnen waren nicht älter als Mathis; voll gepanzerte Ritter und Turniere kannten sie eigentlich nur noch aus den Geschichten ihrer Väter und Großväter. Einen ritterlichen Zweikampf hatte keiner von ihnen je gesehen. 

Hier wird die Zeitenwende besonders deutlich; man sieht sie vor sich, die jungen Landsknechte, die Zeuge eines Rituals werden, mit dem sie nichts mehr anfangen können.

Ob mir das Buch vor allem deshalb so gut gefallen hat, weil ich erst vor kurzem ein Wochenende in der Pfalz verbracht habe und seitdem völlig begeistert bin von dieser geschichtsträchtigen Landschaft? Durch die Erzählung weiß ich jetzt, dass im Jahr 1194 Heinrich VI. ein großes Ritterheer für seinen Feldzug gegen die Normannen gesammelt hat, ein Ereignis, von dem auch in dem Roman häufig erzählt wird. Der Sammelplatz war unterhalb der Burg Trifels, es gibt ihn heute noch. Hier parken jetzt die Autos der Besucher und das einzig Historische dürfte das Frittierfett sein, dessen Geruch aus der dort gelegenen Gaststätte herauswabert. Doch durch „Die Burg der Könige“ erwacht die Vergangenheit wieder zum Leben und ich sehe keine Autos mehr vor mir, sondern flatternde Fahnen, Zelte, polierte Rüstungen. Ein Mittelalter, das schon längst verschwunden war, als Agnes von Erfenstein und der Schmied Mathis versuchen, dem Geheimnis des Trifels auf die Spur zu kommen. Schon lange nicht mehr habe ich mich so in einen historischen Roman hineinfallen lassen und es hat großen Spaß gemacht. Ein ganz wunderbares Leseerlebnis.

Buchinformation
Oliver Pötzsch, Die Burg der Könige
Ullstein Taschenbuch
ISBN 978-3-548-28680-8

2 Kommentare

  1. Da ich vor kurzem in die Pfalz gezogen bin und noch viel zu wenig weiß über die Geschichte dieser Region, kommt mir dieses Buch gerade recht. Danke für den tollen Tipp!

    • Das passt ja perfekt! Besonders, da im Anhang des Buches beschrieben ist, auf welchen Routen man die Gegend rund um den Trifels wandernd erkunden kann. Viel Spaß beim Entdecken der neuen Heimat.

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