Todsichere Geschäfte

Bottini, Ein paar Tage LichtEigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man sein Geld nicht mit Produkten verdient, die dazu hergestellt werden, um andere Menschen zu töten, zu verstümmeln, zu verletzen. Leider ist diese moralische Messlatte völlig verrutscht, die Rüstungsindustrie boomt und soeben wurden neue Zahlen über deutsche Waffenexporte veröffentlicht, die so hoch sind wie nie zuvor: Für fast sechs Milliarden Euro wurde im vergangenen Jahr Kriegsgerät ins Ausland verkauft. Der Waffenhandel ist eine Welt für sich, völlig jenseits von Moral und Anstand, und in diese Welt der skrupellosen Geschäftsleute, halbseidenen Manager, schmierigen Politiker und korrupten Beamten führt uns das Buch „Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini. Doch es geht darin nicht nur um Waffenhandel, sondern um den Kampf für Freiheit, die Verstrickungen der Geheimdienste, ein autokratisches Regime, die Schatten der Vergangenheit und um eine Liebesgeschichte. Eine starke Mischung, aus der ein mitreißendes Buch entstanden ist.

Alles beginnt in Algerien. Peter Richter ist ein Manager einer deutschen Rüstungsfabrik, die in einem Joint-Venture in Algerien Produktionsstätten errichten möchte. Er soll das Projekt koordinieren, wird aber gleich am Abend seiner Ankunft aus einem vermeintlich sicheren Gästehaus der algerischen Regierung entführt. In der deutschen Botschaft in Algier klingeln die Alarmglocken, doch die algerischen Behörden bestehen darauf, die Ermittlungen alleine durchzuführen – sehr zum Unmut von Ralf Eley, dem BKA-Verbindungsmann an der Botschaft. Er beginnt, mit Bekannten in Algier zu sprechen, schnappt hier eine Information auf, hört sich dort ein wenig um und merkt schnell, dass irgendetwas nicht stimmt.

Bei alldem erfährt der Leser viel über die Situation Algeriens. Denn, Hand aufs Herz, was wissen wir über den größten Flächenstaat des afrikanischen Kontinents? Französische Kolonie, ein blutiger Unabhängigkeitskrieg, der 1962 endete, anschließend eine brutale Vertreibung französischstämmiger Algerier und algerischer Kollaborateure, die Revolutionskämpfer der FLN wurden die neue Elite, Militärputsch, Bürgerkrieg in den Neunzigern, heute ein halbdiktatorisch regiertes Land mit zahlreichen restriktiven Gesetzen. Diesem ganz und gar nicht demokratischen Staat soll eine große Lieferung Sturmgewehre verkauft werden, ein Deal, dessen logistische Abwicklung der entführte Manager organisiert hat.

Und Eley ermittelt weiter, dezent, eigentlich darf er das nicht. Er riskiert damit seine sofortige Ausweisung, was ihn hart treffen würde, denn er hat  in Algier die Liebe seines Lebens getroffen. Eine unmögliche Liebe, denn seine Freundin Amel Samraoui ist in einer Situation, in der sie die Verbindung zu einem andersgläubigen Ausländer strikt geheim halten muss. Sie ist die zuständige algerische Ermittlungsrichterin in dem Entführungsfall.

Doch wer sind eigentlich die Entführer? Für den algerischen Geheimdienst und die Militärbehörden sind es die üblichen Verdächtigen, Al-Kaida-Ableger oder Separatistengruppen der Tuareg. Eley aber stößt bei seinen Recherchen auf Hinweise auf eine völlig neue Untergrundbewegung, der es nicht um Terror, sondern um ein neues, freies und demokratisches Algerien geht. Gleichzeitig springt die Perspektive hin und her, parallel zu Eleys Sicht lernt der Leser auch die Akteure dieser Untergrundbewegung kennen, vor allem Djamel Benmedi, dessen Vater einst vom Militär verschleppt und umgebracht wurde. Der damals verantwortliche General ist heute in einer wichtigen Position und der Hauptansprechpartner beim Waffengeschäft mit den Sturmgewehren. Der Leser beginnt zu ahnen, wie alles miteinander verwoben ist, beginnt die Ziele von Djamels Untergrundbewegung zu verstehen: Am Anfang hatte die Sehnsucht gestanden, in einem Land zu leben, in dem Menschen nicht zu Tausenden verschwanden, ohne dass ihr Schicksal jemals aufgeklärt wurde. In dem die, die sie hatten verschwinden lassen, nicht ohne Strafe davonkamen. Erst später, als die Regierung Bouteflika Nachforschungen nach den Verschwundenen quasi unter Strafe gestellt hatte, war in ihm das Bedürfnis nach Rache entstanden. Der Staat hatte ihm den Vater genommen und nahm ihm nun auch noch das Recht, sich Gewissheit zu verschaffen. Ein Verschwundener hatte keine letzten Worte hinterlassen, er hatte kein Grab, keinen Todestag, man konnte seiner nicht gedenken. Man konnte nicht Abschied nehmen. Dafür wollte er sich rächen.“ Und der Rachefeldzug beginnt. In Deutschland.

Bottini verknüpft gekonnt mehrere Erzählstränge miteinander: Eleys Suche nach der Wahrheit, die auch von deutschen Regierungskreisen nicht gewünscht ist, Djamels Kampf um Freiheit und seine Suche nach Vergeltung, die bürokratischen Mühlen in Berlin, die aufgrund von Eleys Hinweisen das anstehende Waffengeschäft etwas genauer unter die Lupe nehmen, die beteiligten Manager der Rüstungsindustrie, die das um jeden Preis verhindern wollen. Um jeden. Und geschmierte Politiker, die sie dabei unterstützen. „Menschen sind irrelevant. Rüstungskonzerne und Regierungen arbeiten nicht nach den Werten und Idealen von Menschen, sondern nach wirtschaftlichen Zwängen.“ Die Situation spitzt sich an mehreren Orten und aus mehreren Anlässen immer weiter zu und als Eley die wahren Zusammenhänge erkennt, ist es eigentlich schon zu spät. Zumindest für einige der Beteiligten.

Mich hat das Buch sehr begeistert: Es verschafft einen ernüchternden Einblick in die politischen Strukturen unseres Landes und hat mir mit den Rückblicken in die algerische Geschichte eine Region nahegebracht, über ich ich bisher nicht viel wusste. Dazu eine großartige Sprache, besonders bei den geradezu liebevollen Beschreibungen der Stadt Algier. Etwa hier, kurz nach einem Wolkenbruch: Wenn der Verkehr in der Rue Didouche Mourad für Momente ruhte, hörte Eley die Geräusche der Feuchtigkeit, das Gluckern in den Wasserrohren der düsteren Kolonialgebäude, in den Gullys und Abflüssen, als hätte die Stadt die Nässe noch in den Gelenken. Schwermütige Geräusche in einer schwermütigen Stadt.“ Man sieht sie richtig vor sich, die uralte, geschundene, lebendige, traurige Stadt am Mittelmeer.

Zum Schluss noch eine letzte Kostprobe: Über der Bucht rissen die Wolken auf, die Nacht quoll heraus.“

Wunderschön formuliert. Solche Sätze machen glücklich.

Nachtrag, zwei Jahre später, Juni 2016: Nach neuen Zahlen verkauften deutsche Unternehmen 2015 Rüstungsgüter im Wert von rund 4,2 Milliarden Euro ins Ausland; Kleinwaffen und Munition nicht mitgerechnet.

Buchinformation
Oliver Bottini, Ein paar Tage Licht
DuMont Verlag
ISBN 978-3-8321-9660-8

2 Kommentare

  1. Ich glaube, ich muss meine Blogabos alle wieder abbestellen. Ist ja nicht so, als hätte man nicht schon genug Bücher, die noch auf Lektüre warten. Gefühlt alle 10 Minuten kommt eines dazu, so wie eben jetzt wieder (naja, dieses hier hatte ich schon auf dem Schirm…, war nur noch nicht so richtig überzeugt 😉 ).
    Der Philipp hat das auch gerade auf http://krimilese.wordpress.com/2014/06/13/oliver-bottini-ein-paar-tage-licht/ besprochen, was es nicht einfacher macht.

    • Ja, das geht mir ganz genauso, es potenziert sich ständig und die ungelesenen Bücher stapeln sich bei mir. Aber das tun sie eigentlich schon immer…Man braucht ja Lesevorrat in ausreichender Menge. Nur mehr Zeit dafür zu haben – das wäre schon schön.

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