O Captain! My Captain! Goodbye

Engel auf MelktenIch ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Diese Sätze von Henry David Thoreau und viele andere mehr trafen mich in meinem Kinosessel wie Faustschläge. Es war Anfang 1990 und der Film „Der Club der toten Dichter“ konfrontierte mich mit nichts Geringerem als dem Sinn des Lebens. Nach dem Ende der Vorstellung taumelte ich in die Nacht hinaus, verließ grußlos meine Freunde und lief durch Freiburgs Straßen, Gassen und Gässchen. Stundenlang. Die Stadt wurde immer ruhiger, ich nicht. Der Film und Robin Williams in der Rolle des Lehrers John Keating hatten mich bis ins Innerste getroffen.

Ein paar Monate früher war ich von der Schulzeit plan- und ziellos in das Leben eines Zivildienstleistenden in einem Altenpflegeheim gestolpert. Täglich von körperlichem Verfall, Gebrechen, Krankheit und dem Tod umgeben, hatte ich mir bisher keinerlei Gedanken darüber gemacht, was nach dem Zivildienst kommen sollte. Was ich eigentlich mit mir und meinem Leben anfangen wollte. Es immer wieder verdrängt, vor mir hergeschoben, bis dieser Film mich mit dieser Frage einholte. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Was ging in den alten Menschen vor, die ich pflegte? Hatten sie gelebt? Ein erfülltes Leben gehabt? Waren sie glücklich gewesen, trotz Krieg und Not? Hatten sie etwas aus ihrem Leben gemacht? Einen Sinn gefunden? Und würde das alles mir selbst gelingen? Denn – und das war mir in den ersten Monaten in der Altenpflege schnell klargeworden – das Leben war endlich. Und jeder hat nur ein einziges. Dies alles ging mir in jener ruhelosen Nacht durch den Kopf, pausenlos, ununterbrochen, bis irgendwann der Morgen graute.

„Der Club der toten Dichter“ hat mich damals aufgerüttelt. Robin Williams als Lehrer in einem Elite-Internat versucht, seinen angepassten und schon in jungen Jahren in Konventionen gefangenen Schülern das eigene Denken beizubringen. Will sie dazu bewegen, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, sich für das Schöne zu begeistern. Und was benutzt er dafür? Die Kraft der Sprache, des geschriebenen Wortes, die Faszination der Literatur und die Schönheit der Poesie. Denn Worte und Gedanken können die Welt verändern. Unvergessen ist die Ansprache an seine Klasse:

Wir lesen und schreiben Gedichte nicht nur so zum Spaß.
Wir lesen und schreiben Gedichte, weil wir zur Spezies Mensch zählen.
Die Spezies Mensch ist von Leidenschaft erfüllt.
Und Medizin, Jura, Wirtschaft und Technik sind zwar durchaus edle Ziele und auch notwendig. Aber Poesie, Schönheit, Romantik, Liebe sind die Freuden unseres Lebens.
Ich möchte an dieser Stelle Whitman zitieren:
Ich und mein Leben, die immer wiederkehrenden Fragen.
Der endlose Zug der Ungläubigen.
Die Städte voller Narren.
Wozu bin ich da, wozu nützt dieses Leben?
Die Antwort: Damit du hier bist.
Damit das Leben nicht zu Ende geht.
Deine Individualität.
Damit das Spiel der Mächte weiter besteht und du deinen Vers dazu beitragen kannst.
Was wird wohl euer Vers sein?

Und in jeder Nacht wurde mir bei allen Sorgen vor einer ungewissen Zukunft auch eines klar: Egal, ganz egal was kommen mag, die Literatur, die Bücher, die Begeisterung für die Schönheit der Sprache werden mich immer begleiten, sie werden mir helfen, bei mir sein, mich niemals im Stich lassen.

Und genau so ist es gekommen.  

„Der Club der toten Dichter“ ist ein Film, der mein Leben als junger Erwachsener stark geprägt hat. Er ist eine einzige Liebeserklärung an die Literatur, an die Poesie und an die Macht des Wortes. Robin Williams hat darin nicht nur eine Rolle gespielt, für mich hat er diesen Film verkörpert. Seit fast 25 Jahren ist er für mich derjenige, der mich damals ruhelos durch die Nacht laufen ließ.  In Freiburg wohne ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Aber jedes Mal, wenn ich mir diesen Film anschaue, bin ich wieder da, in jenen Straßen, Gassen und Gässchen, in einer Zeit, schon längst vergangen, aber immer noch präsent, tief verankert in meinen Gedanken.

Vor vier Tagen ist Robin Williams gestorben. Ich hoffe, es geht im gut.
Dort, auf der anderen Seite.

O Captain! My Captain! Goodbye.

27 Kommentare

  1. wirklich schöne Worte hast du da gefunden! Ich liebe diesen Film ja auch so sehr!!
    Ich habe mir erlaubt, deinen Blog in meinem zu verlinken 😉
    lg Tinka

  2. Vielen Dank für diesen sehr schönen Text – ich habe ihn als persönlichen Nachruf gelesen und er hat mich bewegt.

    Mir ist durch den Tod von Robin Williams erst bewusst geworden, wie viele Jahre er meine filmische Sozialisation begleitet hat – und wie wichtig einige Filme mit ihm für mich waren.

    • Das ging mir auch so, ich sage nur „Good Morning Vietnam“ oder „Good Will Hunting“…

  3. Der Film hat auch meine Jugend geprägt. Seltsames Gefühl, ein paar Tage zuvor hatten wir ( mein Partner und ich) „Zeit des Erwachens“ gesehen. Und dann kam diese Hiobsbotschaft. Robin Williams war in seinem Tun sehr facettenreich, ein Künstler und großartiger Schauspieler. Ich hoffe, dass auch kommende Generationen die Filme sehen, in denen er die eine oder andere Rolle spielte. Sollen sich alle vom „Club der toten Dichter“ berauschen lassen und für sich selbst mitnehmen, was sie möchten. Ich möchte unbedingt mal Walden von Henry David Thoreau lesen.

    „Ich brülle mein barbarisches Johoo über die Dächer der Welt.“ – W. Whitman

    .. und sende liebe Grüße.

  4. Eine schöne Erinnerung, die du da mit uns teilst! Ich war damals auch sehr angetan von dem Film, vor einigen Jahren sah ich ihn wieder und fand ihn immer noch sehr gut, Manchen war er zu „rührselig“, aber das hat mich nicht gestört. „Oh Captain, my Captain“ wurde – wie vielleicht bei vielen anderen auch – zum geflügelten Wort bei uns, mal als bewundernder Ausruf, manchmal auch ironisch gemeint, wenn es, z. B. in anderen Filmen mit flammender Abschlussrede oder -szene, tatsächlich etwas arg rührselig zuging. Und, ja, gerührt hat mich der Club der toten Dichter sehr. Auch die Aktionen, die es dann z. B. auf Twitter gab, nachdem der Hauptdarsteller gestorben war, wie #aufdieTische mit Fotos von Menschen, die für ihn zu einem letzten Gruß auf ihre Tische kletterten und sich dann knipsten. Rührselig? Mag sein. Ich finde es rührend, eine schöne Geste.
    Bei Menschen, die mich interessieren, die mich mit ihrem Talent in was auch immer oder ihrem Wissen beeindruckt haben, lese ich übrigens gern die Nachrufe.
    Liebe Grüße
    Petra

    • Ich denke, die Leute in Hollywood machen auch nur ihren Job. AlsPrivatpersonen – sei es in der GALA, der BUNTEN oder im NETZ interessieren sie mich nicht, nur die Leistung zählt. Und die kann man IMHO gerne öffentlich würdigen.

    • Danke für deinen schönen Kommentar. Die #aufdieTische-Photos fand ich genial. Und einen rührenden Abschiedsgruß an John Keating.

  5. Unglaublich schön, Uwe. Unglaublich. Nebenbei auch der erste ‚Nachruf‘ auf Robin Williams, der mich wirklich erreicht. Für diese starken, schönen Worte würde ich dich glatt spontan umarmen und dir auf die Schultern klopfen wollen. (Eine Emphase, die ich mir nicht übelzunehmen bitte.)

    • Das nehme ich ganz und gar nicht übel, sondern freue mich über deine Begeisterung. Vielen, vielen Dank dafür!

  6. Vielen Dank für diesen sehr persönlichen und sehr schönen Beitrag. Mich hat der Film damals auch sehr berührt. Ich habe ihn in einer sehr kleinen Kleinstadt im Kommunalen Kino gesehen. Weil die Sitzplätze nicht ausreichten, saß ich mit ein paar anderen Zuschauern auf dem Fußboden. (Das wäre heute nicht mehr möglich, Brandschutz und so weiter.) Natürlich habe ich auch geweint, die Tränen wollten nicht mehr aufhören.
    Der Club der toten Dichter ist ein Film, der vielen von uns Ende der 60er Geborenen aus und in die Seele sprach. Und schau, was ich heute mache …

    • Ja, das ist genau die Generation, die zum Erscheinen des Films mit der Sinnfrage konfrontiert war. Und dass ich dann irgendwann in der Buchbranche gelandet bin ist sicher auch kein Zufall…

  7. Was für eine schöne individuelle Hommage an Robin Williams bzw. den Film „Der Club der toten Dichter“. Danke dafür und dass du die Rede, die Liebeserklärung an die Poesie, hier noch mal zeigst. Es geht mir ähnlich wie dir, dieser Film ist kein Film mit Robin Williams, sondern er ist der Film, er (vor allem) macht ihn aus. Ich weiß noch genau, wo und mit wem ich diesen Film geschaut habe und erinnere mich ebenfalls noch daran, wie er mir, uns in Mark und Bein ging und die Tränen in die Augen trieb. Dich hat dieser Film anscheinend noch viel nachhaltiger beeindruckt, du warst damals ja auch noch sehr jung, kaum älter als die Schüler im Film.

    • Stimmt, die Schüler in dem Film sind nur zwei bis drei Jahre jünger gewesen – das hat sicher mit zur Wirkung beigetragen…

  8. Allerdings: Anlässlich des so genannten Suicids „rufen“ sie aus allen Ecken „nach“. Als sei er erst jetzt wichtig geworden – wie bei so manchem Kaffee-Kränzchen im Lokal nahe des Friedhofs der Cognac die Kaffees aufpeppt. Worum geht es denn eigentlich ? – Ein Schauspieler ist gestorben. Well enough. Aber seinen Todestag zu würdigen, als sei das das Ende seines „Werkes“ finde ich einigermassen obskur.

    • Genau. Deshalb schreibe ich ja auch darüber, was für eine wichtige Rolle genau dieser Film schon vor 25 Jahren für mich gespielt hat.

        • Es ist so, dass ich an diesem Text schon seit ein paar Wochen herumgefeilt habe – schließlich handelt es sich um eines meiner Schlüsselerlebnisse zum Thema Literatur. Die letzten Sätze waren dabei gar nicht vorgesehen…

          • Die letzten Sätze fügen sich aber gut ein und zeigen auch, dass es ein Schlüsselerlebnis zur Literatur für dich war. Heute lebe ich in Freiburg, aber ich kenne deine Gassen nicht.

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