Noch Fragen?

Blogfragen für Buchblogger: Hier gibt es die Antworten des Kaffeehaussitzers

Der Literaturkritiker, Journalist, Schriftsteller und unermüdliche Listenersteller Stefan Mesch hat auf seinem Blog Blogfragen für Buchblogger – Fragen zum Mitnehmen bereitgestellt. Er möchte dadurch mehr über die Menschen hinter den von ihm besuchten Literaturblogs erfahren. Da auch der Kaffeehaussitzer regelmäßig auf seinen Empfehlungslisten auftaucht, habe ich mich jetzt an die Beantwortung der Fragen gemacht, von denen manche kniffliger sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Und das ist dabei herausgekommen.

1.) Das Lieblingsbuch meiner Mutter
Bei dieser Frage ist mir aufgefallen, dass ich meine Mutter bis heute nie bewusst lesen gesehen habe. Irgendwie war immer irgendetwas zu tun. Aber gleichwohl hat sie mir viel und regelmäßig vorgelesen, als ich noch ein kleines Kind war. Sie hat dadurch die Türen in eine Welt der Geschichten und Bücher weit für mich aufgestoßen und mich auf den ersten Schritten hinein begleitet. Und mich dann ziehen lassen.

2.) Das Lieblingsbuch meines Vaters
Mein Vater hat regelmäßig gelesen, aber stets zur Entspannung. So wie er auch Fernsehen geschaut oder eine Zigarette geraucht hat. Meistens Krimis und Thriller; Lieblingsautoren waren etwa Alistair MacLean oder Frederick Forsyth. Er ist schon vor vielen Jahren gestorben; am letzten Tag seines Lebens war ich mit einer Tasche Bücher aus der Bibliothek zu ihm auf dem Weg ins Krankenhaus. Und kam eine halbe Stunde zu spät.

3.) Ich führe einen typischen Buchblog, weil…
Gibt es das, einen typischen Buchblog? Die Literaturblogs, die ich regelmäßig lese, sind in Aufmachung, Stil und Idee alle sehr individuell und völlig unterschiedlich. Eines aber dürfte den meisten gemeinsam sein, und damit beantworte ich die Frage: Es geht darum, sich über Bücher und Literatur auszutauschen, Kontakte zu knüpfen, sich zu vernetzen, andere für Bücher zu begeistern, die einen selbst begeistert haben. Für mich persönlich ist der Kaffeehaussitzer eine wunderbare Möglichkeit, meine Literaturbegeisterung nach außen zu tragen. Alleine wegen der Menschen, die ich dadurch – zuerst virtuell, inzwischen in vielen Fällen auch im realen Leben – kennengelernt habe, hat es sich gelohnt, im Juni 2013 mit diesem Blog online zu gehen.

4.) Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil…
Eine Art „Markenzeichen“ von Kaffeehaussitzer sind die Photos. Zum einen die Bilder von Büchern, die zusammen mit zum Inhalt passenden Gegenständen bei meinen Buch-Photoshootings entstanden sind. Zum anderen die nach dem Zufallsprinzip bei jedem Seitenaufruf wechselnden Headerbilder, für die ich ständig auf der Suche nach Kaffeehaussituationen bin. Gerne bringe ich auch die Bücher, die ich vorstelle, mit persönlichen Erlebnissen in Verbindung oder berichte, wie ein bestimmtes Buch für mich in einer bestimmten Lebenssituation eine wichtige Bedeutung gehabt hat. Ein gutes Beispiel ist dafür ist der Beitrag über eine Kafka-extrem-Reise nach Prag.

5.) Am Bloggen überrascht mich / Beim Bloggen habe ich gelernt, dass…
Als ich im Juni 2013 mit dem Kaffeehaussitzer an den Start ging, wusste ich absolut nichts über die Literaturblogger-Szene. Das hat sich schnell geändert. Die Szene ist von einer wunderbaren Offenheit geprägt, so dass die ersten Kontakte untereinander nicht lange auf sich warten ließen. Das ist etwas, was mich angenehm überrascht hat und bis heute begeistert. Außerdem hat sich mein Lesen verändert, es ist noch intensiver geworden und inzwischen werde ich nervös, wenn dabei kein Bleistift in Reichweite ist. Und obwohl das Bloggen natürlich sehr zeitintensiv ist, lese ich deutlich mehr, da man durch den Austausch mit anderen Bloggern quasi ständig von Buchtipps umgeben ist. Die noch zu den Lesewünschen dazu kommen, die ich sowieso schon hatte.

6.) Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?
Ich lese keine Amazon-Rezensionen. Ich kaufe auch keine Bücher bei Amazon. Nie. Warum? Das habe ich hier aufgeschrieben.

7.) Hilft Literaturkritik in Zeitschriften und Magazinen? Wobei? Wie?
Es ist immer gut, wenn über Bücher und Literatur geschrieben wird, egal, ob es sich dabei um Feuilleton-Beiträge auf literaturwissenschaftlichem Niveau handelt oder um Buchtipps in Hochglanz-Magazinen. Ich selbst hole mir meine Leseanregungen aber vor allem aus Buchhandlungen – oder eben aus den Literaturblogs, die ich schätze.

8.) Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?
Blogs tragen das Gespräch, den Austausch über Literatur ins Internet. Es kommt aber darauf an, die für einen selbst maßgeblichen Blogs aus der riesigen Menge herauszufiltern, wobei sich schnell die Spreu vom Weizen trennt. Denn die Spannbreite reicht von feuilletonistisch aufbereiteten Seiten bis hin zu abgeschriebenen Klappentexten voller Rechtschreibfehler. Hat man sich eine Orientierung gegeben, erhält man dafür unzählige Buchtipps und einen spannenden Austausch mit literarisch interessierten Menschen.

9.) Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.” 
Wahr. Natürlich kenne ich viele literaturinteressierte Menschen, aber im Laufe der Jahre und nach einigen Umzügen ist mein Freundeskreis auf viele verschiedene Orte verteilt. So ist das Netz ein perfekter Ort, um sich mit alten und neuen Freunden über Literatur auseinanderzusetzen – im Blog, auf Facebook und auf Twitter. Dazu kommt noch eine andere Intention: Seit 1993 arbeite ich in der Buchbranche, die ersten Jahre als Buchhändler und seit 2001 in verschiedenen Fachverlagen. Im Bereich der Fachmedien bin ich gut vernetzt, der Blog sorgt dafür, dass ich mein Branchennetzwerk auch hinein in die belletristischen Verlage erweitern kann.

10.) Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten
Erstens Sprache. Zweitens Sprache. Und drittens Sprache. Schon die ersten Seiten eines Buches müssen mich sprachlich mitreißen, damit ich es nicht gleich nach spätestens dem ersten Kapitel wieder weglege. Dabei ist es mir egal, ob es sich um einen spannenden Thriller oder ein Werk mit endlos verschachtelten Sätzen und zig Zeitebenen oder ein Sachbuch zu einem zeitgeschichtlichen Thema handelt. Mag ich alles. Außerdem bin ich ein Identifikationsleser, d.h., wenn ich die Handlungen des  Protagonisten – so irrational sie auch wirken mögen – nicht nachvollziehen kann, weil er mir unsympathisch ist, bleibt mir das Buch fremd. Insgesamt lese ich lieber Bücher, bei denen der Protagonist männlich ist – ich kann mich besser mit der fiktiven Person identifizieren, mehr Verständnis für dessen Handeln aufbringen. Bei einer weiblichen Hauptfigur bleibt immer ein kleiner Abstand zwischen mir und dem Roman. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Buch aus der Feder eines Autors oder einer Autorin stammt. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir – mit einem männlichen Protagonisten. Oder „Der Grund“ von Anne von Canal, ein großartiges Buch – mit männlicher Hauptfigur. Diese Beobachtung zieht sich schon durch mein ganzes Leseleben: Als Kind mochte ich Michel aus Lönneberga und konnte mit den Pippi-Langstrumpf-Geschichten deutlich weniger anfangen.

11.) Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?
Wer liest die Beiträge auf Kaffeehaussitzer? Das sind zum einen natürlich andere Literaturblogger. Menschen aus der Buchbranche sind auch dabei. Und zahlreiche Literaturinteressierte und Leser, was sich dadurch ausdrückt, dass ich regelmäßig Nachrichten erhalte, in denen sich jemand für einen Buchtipp bedankt. Oder mir auch schon einmal mitteilt, was er oder sie an genau diesem Buch anders sieht. So merkt man als Blogger, dass man gelesen wird und dies ist ein gutes Gefühl. Einmal schrieb mir ein Leser, dass er durch den Kaffeehaussitzer wieder die Freude am Lesen entdeckt hätte – kann es ein schöneres Kompliment geben? Das freut und motiviert mich ungemein bis heute.

12.) Habe ich Vorbilder?
Nein, nicht wirklich. Es gibt natürlich Blogs, bei denen ich ehrfurchtsvoll das textliche oder gestalterische Niveau bewundere, auf dem sie sich befinden. Und natürlich holt man sich Anregungen für dies oder das Detail. Doch letztendlich findet jeder seinen unverwechselbaren Stil und das macht die Literaturbloggerszene so abwechslungsreich.

13.) Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich prinzipiell jedes Buch zu Ende gelesen, auch wenn es mich noch so gelangweilt hat, immer in der Hoffnung, es würde mir doch noch zu gefallen beginnen. Diese Phase der Selbstkasteiung würde ich aus heutiger Sicht auslassen, aber gleichzeitig war sie auch wichtig, um einen eigenen Lesekanon zu schaffen, um einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Was ich dadurch irgendwann gelernt habe: Schwierige, mühsame Bücher können eine großartige Erfahrung sein. Langweilige Bücher sind Verschwendung der kostbaren Leselebenszeit.

14.) “Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt?
Einen absolut überwiegenden Teil meiner Bücher kaufe ich in den Buchhandlungen meines Vertrauens. Es vergeht keine Woche, ohne ein-, zwei- oder dreimal in einem Buchladen gewesen zu sein, das brauche ich fast wie Luft zum Atmen. Natürlich ist es schön, auch ab und zu von Verlagen ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt zu bekommen, aber das steht für mich nicht im Vordergrund bei den Kontakten, die zu den Menschen in Presse- und Onlineabteilungen der Verlage entstanden sind. Es ist eher die persönliche Kommunikation, es sind Gespräche auf der Buchmesse oder die Informationen über Veranstaltungen, die diese Kontakte für mich wichtig und angenehm machen.

15.) Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren?
Jemand meinte einmal, dass Bloggen nicht mit einem Sprint, sondern mit einem Marathonlauf vergleichbar sei. Das finde ich eine gute Metapher, und ich hoffe, auch in den nächsten Jahren genug Puste zu haben, um neben Vollzeitjob und allen möglichen anderen Terminen regelmäßig einen Blogbeitrag in der Woche oder zumindest drei im Monat zu verfassen. Es sind inzwischen auch die ersten Texte außerhalb des Blogs entstanden, es wäre schön, das ebenfalls noch weiter auszubauen. Dazu meine Leseprojekte weiter verfolgen und neue entstehen zu lassen. Und natürlich die Kontakte zu den vielen netten Menschen, die ich durch das Bloggen kennengelernt habe, zu intensivieren. Denn das hier ist mein virtuelles Kaffeehaus, mein Lebensort im Netz, dessen Besucher aber real sind – und beide Dimensionen verknüpfen sich immer mehr und mehr.

Blogfragen für Buchblogger: Hier gibt es die Antworten des Kaffeehaussitzers

Beitragsphotos: Vera Prinz

10 Kommentare

  1. Da ich heute durch Zufall auf diese wunderbare Seite gestoßen bin, gleich eine Einstiegsfrage: Darf ich meine Bücher zur Rezension anbieten? Gerne würde ich Ihnen eines oder mehrere davon zukommen lassen, falls Sie Interesse haben. Meine Themen sind bisher vor allem Flucht/Asyl/Gender. Genauere Informationen gibt es auf meiner Website.

    Herzliche Grüße
    Maria Braig

    • Vielen Dank, schön, dass es Ihnen hier gefällt. Meine Leseinspirationen finde ich aber vor allem in den Buchhandlungen meines Vertrauens, wodurch noch so viele ungelesene Bücher auf mich warten, dass ich für viele Monate gut versorgt bin.

      • Das stimmt, die Buchhandlungen sind unerschöpflich. Wer weiß, vielleicht gibt es ja mal ein Buchhandelszusammentreffen mit meinen Büchern. Jedenfalls weiterhin viel Spaß beim Lesen.

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  4. Hi Uwe,

    ich hab das Gefühl, dich mit jedem Blogbeitrag ein bisschen besser zu kennen. Mit diesem hier offenbarst du natürlich recht viel von dir auf einmal. Schön, dass auch du dich Thomas Fragen angenommen hast.

    Ich musste schmunzeln, als ich gelesen habe, dass du dich als Kind mit Pippi Langstrumpf überhaupt nicht und mit Michel aus Lönneberga umso mehr identifizieren konntest. Ich für meinen Teil konnte mich mit beiden arrangieren, wenn ich aber so drüber nachdenke, könnte der Pippi-Anteil tatsächlich überwiegen. Irgendwie bin ich ja auch ein Identifikationsleser. Aber ich war in meiner Kindheit sowohl Lausbub als auch Pippi. Ich hab mich in Ronja Räubertochter perfekt gefunden.

    Dein virtuelles Kaffeehaus ist mir sehr ans Herz gewachsen, allen voran wegen deiner Bilder, die im perfekten Einklang zum jeweiligen Buch stehen, aber auch wegen deiner Zeilen, die mir oft neue Ansätze und sprachliche Stilmittel schenken.

    Hast du duch bewusst gegen die Zusatzfragen mit den Empfehlungen entschieden? Die würden mich ja brennend interessieren.

    Regnerische Kaffeehausgrüße

    Steffi

    • Hi Steffi,

      vielen herzlichen Dank für die netten Worte, Dein Kommentar hat mich sehr gefreut!
      Der Verzicht auf die Zusatzfragen war eher aus zeitlichen Gründen, vielleicht liefere ich noch etwas nach…
      Und Ronja Räubertochter klingt nach einer guten Identifikationskombination.

      Viele Grüße
      Uwe

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