In der Entfremdungszone

Borrmann, Die andere Hälfte der HoffnungEin idyllischer Anblick: Ein kleines Holzhäuschen, inmitten von Birkenwäldern. Ein Garten, umgeben von einem baufälligen, an vielen Stellen geflickten Zaun. Ein Garten, der Gemüse und Obst liefert, Kartoffeln, Kohl, Gurken, Äpfel, Rote Beete und vieles mehr. So lebt Walentyna, eine ältere Frau, die sich in diese Oase der Ruhe zurückgezogen hat. Aber die Idylle täuscht. Und wie sie täuscht, denn das Häuschen steht mitten in der Entfremdungszone, wie die Ukrainer das Sperrgebiet rund um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl nennen. In dieser verlassenen Gegend, immer noch hoch radioaktiv, inmitten zerfallener Städte, ausgeplünderter und von der Natur überwucherter Dörfer leben heute tatsächlich Menschen. Diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Walentyna gehört zu ihnen, denn sie hat bereits alles verloren. Mechtild Borrmann erzählt in „Die andere Hälfte der Hoffnung“ ihre Geschichte.

Walentyna schreibt. Sie schreibt ihr Leben auf, mit einem alten Bleistift in ein einfaches Notizbuch. Sie setzt sich mit dem Teebecher an den Tisch, schlägt das Buch auf und nimmt den Stift zur Hand. Über eine Stunde starrt sie auf das fein linierte Papier, bis die Linien verschwimmen und sich schließlich auflösen. Und immer drängt sich jenes Wort in den Vordergrund: Glück. Das Wort, das seit Tagen in ihrem Kopf ist, an dem sie kaut, das sie zerlegt, dreht und wendet, und das sich, so meint sie jetzt zu erkennen, in ihrem Leben letztendlich immer mit dieser kleinen Silbe zusammengetan hat. Un-Glück.“

Eine Schlüsselstelle in diesem Buch, denn Unglück haben auch die anderen Protagonisten genug in ihren Leben kennengelernt.

Matthias Lessmann etwa, dessen Frau vor einigen Jahren gestorben ist, der alleine auf einem abgelegenen Hof am Niederrhein lebt. Nur die tägliche Arbeit, die der Hof und seine Tiere mit sich bringen schützt ihn vor der Verzweiflung, nur die Routine ist die dünne Schicht über der absoluten Leere.

Tania etwa, die eigentlich gar nicht so heißt. Eine junge Frau aus der Ukraine, die mit der Aussicht auf einen Studienplatz von einem Menschenhändlerring nach Deutschland gelockt und auf brutale Art und Weise zur Prostitution gezwungen wurde. Sie kann entkommen, wird verfolgt und trifft durchgefroren und abgehetzt auf Lessmann, dessen Alltagsroutine dadurch komplett zerbröselt. Aber er hilft ihr. Und wird sich dabei so verändern, dass er sich selbst nicht wiedererkennt.

Leonid Kyan etwa, ein Ermittler aus der Ukraine, der nach der  Unabhängigkeit an eine große und gerechte Zukunft seines Landes glaubte. Der aber Jahre später vor dem Scherbenhaufen aus Korruption und organisiertem Verbrechen steht, der alles unter sich begraben hat, für das er kämpfen wollte. Als er einem Mädchenhändlerring auf die Spur kommt, der junge Ukrainerinnen mit der Aussicht auf einen Studienplatz nach Deutschland lockt, wird er vom Dienst suspendiert. Zuvor hatte er aber Walentyna kennengelernt, deren verzweifeltes Warten auf ihre verschwundene Tochter ihn so rührt, dass er ihr verspricht, sie zu suchen. Und nein, Tania ist nicht Walentynas Tochter, es ist komplizierter.

Währenddessen sitzt Walentyna in ihrer Hütte in der Entfremdungszone und wartet auf die Rückkehr ihrer Tochter, die weggegangen ist, um in Deutschland Geld zu verdienen und von der sie seit vielen Monaten nichts gehört hat. Sie schreibt ihre Lebensgeschichte auf, sie schreibt sie auf für ihre Tochter und sie schreibt an gegen Hoffnungslosigkeit und Angst. Wie lange sie so dasaß, in dieser allumfassenden Stille, wusste sie nicht mehr, aber an das Gefühl von Einsamkeit, das nichts mit der Abwesenheit von Menschen zu tun hatte, erinnerte sie sich gut. Eine Leere, in der Vergangenheit und Zukunft keinen Platz hatten. Nur das kleine Zeitfenster des Augenblicks und dieser Schmerz, als sie verstand, dass es nichts mehr gab, worauf sie warten konnte. Deshalb schreibt sie ihre Geschichte auf, um ihren langen Tagen eine Struktur zu geben, um mit ihrer Tochter Zwiesprache zu halten; ihrer Tochter, die bestimmt eines Tages wieder zu ihr zurückkehren würde. Ich schreibe, weil ich darauf hoffe, dass du diese Zeilen einmal lesen wirst. Wider alle Vernunft halte ich dem Schicksal dieses Heft wie einen Köder hin. Weil ich es nicht ertrage, untätig zu sein. Weil ich es nicht ertrage, ohne Hoffnung zu sein.“

Die Autorin verwebt die Erlebnisse dieser vier Personen immer enger miteinander und schafft damit eine Erzählung voller Spannung und Traurigkeit. Sie schafft es, das Scheitern und die Hoffnungslosigkeit in einer so mitreißenden Sprache auszudrücken, dass der Leser nicht an der Tragik der Geschehnisse verzweifelt. Im Zentrum steht dabei der Lebensbericht Walentynas, die davon schreibt, wie sie jung und verliebt war, mit ihrem Mann Hlibko und ihrem kleinen Sohn eine Familie gegründet hatte. Wie sie die kleinen Privilegien genoss, welche die Sowjetunion den Arbeitern gewährte, die in Tschernobyl arbeiteten, dem modernsten sowjetischen Atomkraftwerk. Bis zum 26. April 1986, als das Kraftwerk explodierte und nicht nur tausende von Menschen tötete, ein riesiges Gebiet unbewohnbar machte, sondern auch Walentynas Familie und Glück zerstörte.

Ganz nahe ist einem plötzlich diese längst vergangene Katastrophe, die in meinen Erinnerungen neben dem Fall der Berliner Mauer und dem 11. September bisher eines der drei Ereignisse war, die das Denken und das Leben auf einschneidende Weise verändert haben. Und die einem trotzdem gedanklich so weit weg vorkommt, obwohl alles noch da ist, die verstrahlte Landschaft, der zubetonierte Reaktor wie ein Monster in seiner Höhle, die verlassenen Städte. Bäume und Sträucher hatten Straßen und Plätze aufgebrochen, wuchsen auf und in den Gebäuden, hatten mit ihren Wurzeln Fußböden und Betontreppen gesprengt und drängten durch zerbrochene Fenster. Die Wohnblocks ragten hoch zwischen sommergrünen Bäumen, und sie hatte an überdimensionierte Bauklötze denken müssen, die ein Riesenkind nach dem Spiel achtlos zurückgelassen hatte. Die Gerippe ehemaliger Leuchtreklamen schwebten über Dächern, malten mit rostigen Buchstaben „Kulturpalast“, „Prometheus“ oder „Post“ an einen makellos blauen Himmel. Die Uhr auf dem Schwimmbad Lasurny stand auf fünf vor halb zwei, und während sie die Zeiger betrachtete, summte ein Insekt um ihren Kopf. Es war das erste Geräusch, das zu ihr durchdrang, und sie hatte sich verhöhnt gefühlt. Von der stehengebliebenen Uhr und dem sirrenden Ton.“

Was für eine Hybris zu denken, diese zerstörerische Kraft beherrschen zu können. Immer wieder habe ich über die Ereignisse damals in Tschernobyl gelesen, aber es blieb abstrakt; beunruhigend, aber nicht greifbar. Durch dieses Buch und durch das Herunterbrechen auf die Ebene eines persönlichen Schicksals beginnt man die Dimension der Katastrophe erst richtig zu begreifen. Jetzt, fast dreißig Jahre später und noch immer aktuell. Mechtild Borrmann schildert dabei keine Fiktion, zahlreiche Gespräche mit Augenzeugen bilden die Grundlage des Buches.

Und die vier Personen, um die es geht? Sie alle stehen jeder für sich vor den Trümmern ihres Lebens, ihrer Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche. Keiner ist der, der er gerne geworden wäre; sie alle stehen wie Fremde neben sich. Jeder in seiner eigenen Entfremdungszone. Doch immer wieder gibt es kleine Hoffnungsfunken, bis zuletzt.

In dreißig Jahren schreibt vielleicht jemand einen Roman, der in einem der unbewohnbaren Orte bei Fukushima spielt. Aber die Gegend um Tschernobyl wird dann immer noch verseucht sein.

Buchinformationen
Mechtild Borrmann, Die andere Hälfte der Hoffnung
Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28100-0

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