Zeitlos glücklich?

Suter, Die Zeit, die ZeitIst es verrückt, wenn einer glaubt, die Zeit lasse sich „zurückdrehen“? Es ist verrückt, denkt Peter Taler anfangs, als er das Vorhaben des alten Knupp begreift, der ihm gegenüber wohnt. Denn der möchte etwas denkbar Unmögliches möglich machen. Das ist der Klappentext des Buches „Die Zeit, die Zeit“ von Martin Suter. Ein bisschen knapp, wie bei Diogenes üblich, aber Geschichten über Vergänglichkeit und die vergehende Zeit finde ich per se ganz spannend. Also gekauft und gelesen. Und was soll ich sagen: Es hat sich gelohnt. Sehr.

Jeder von uns hat schon einmal den Gedanken gehabt, was gewesen wäre, wenn man sich an einem bestimmten Punkt seines Lebens anders verhalten oder sich anders entschieden hätte. Und was man machen würde, wenn man die vergangene Zeit rückgängig machen könnte und noch einmal in derselben Situation wäre. Was ist aber, wenn es so etwas wie „Zeit“ gar nicht gibt? Sondern nur Veränderungen. Und wenn man alle Veränderungen rückgängig machen würde, wäre dann auch keine Zeit vergangen?

Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod. Ein Tag, an dem alles gleich ist wie am Vortag, wäre der Beweis, dass es in Wirklichkeit die Zeit ist, die ausbleibt. Und ein Tag, an dem alles gleich ist wie an einem Tag vor Jahren, erst recht. Es gibt nur ein Indiz dafür, dass die Zeit vergeht: die Veränderung. Die Zeit ist wie eine Krankheit. Man erkennt sie an nur an ihren Symptomen. Wenn die weg sind, dann ist auch die Krankheit weg. Das ist die Theorie des alten Knupp, ein Rentner, den die Nachbarn für wunderlich halten und der seit vielen Jahren den Tod seiner Frau betrauert. Er erläutert sie Peter Taler, der ihm gegenüber wohnt und der vor einem Jahr seine Frau verloren hat. Sie wurde vor der eigenen Haustür erschossen. Seitdem ist Peter Taler aus der Bahn geworfen. Der alte Knupp glaubt fest daran, dass man die Zeit austricksen kann, indem man alle äußeren Veränderungen rückgängig macht. Peter Taler hat nichts zu verlieren und beginnt ihm skeptisch bei seinem Vorhaben zu helfen: Anhand einer alten Photoserie machen sich die beiden daran, Knupps Haus, seinen Garten und die unmittelbare Umgebung exakt in denselben Zustand eines bestimmten Tages vor 20 Jahren zurückzuversetzen. Was wie eine verrückte Idee beginnt, nimmt im Laufe der Geschichte immer konkretere Formen an. Gleichzeitig beginnt Peter Taler aufgrund neuer Hinweise nach dem Mörder seiner Frau zu suchen, um ihn zu bestrafen. Auge um Auge.

Martin Suter baut in seinem Roman eine immense Spannung auf. Kann das Vorhaben funktionieren? An welche Details muss gedacht werden? Verjüngung der Gartenpflanzen, Rückbau der Veränderungen an den nachbarschaftlichen Hausfassaden, Autos aus der Zeit in den exakten Farben und, und, und. Es hört gar nicht mehr auf. Geld muss besorgt werden. Und Schritt für Schritt kommen die beiden unterschiedlichen Verbündeten dem Ziel näher. Parallel dazu findet Peter Taler einen entscheidenden Hinweis  und glaubt schließlich den Mörder seiner Frau zu kennen. Tag X kommt.

Das Ende der Geschichte ist großartig. Überraschend. Konsequent. Und macht nachdenklich.

Buchinformation
Martin Suter, Die Zeit, die Zeit
Diogenes Taschenbuch
ISBN 978-3-257-24261-4

10 Kommentare

  1. Ach, lieber Uwe, dein erster Suter. Gibt’s doch gar nicht. 😉 Aber schön, dass du gerade einen gelesen hast, den ich noch nicht kenne. Kommt sofort auf meine Liste, nach deiner wunderbaren Rezension. Danke dafür! Und wie einige andere Kommentatoren kann ich dir auch meine beiden Suter Favoriten „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Der letzte Weynfeldt“ sehr ans Herz legen. Beim zuletzt genannten fand ich das Ende auch sehr überraschend. Eine geniale Spannung baut Suter fast immer auf. „Der Teufel von Mailand“ ist dagegen sehr vorhersehbar und fällt im Vergleich zu den anderen deutlich ab … finde ich auch. „Lila, lila“ wurde noch nicht erwähnt … auch eine Empfehlung … da findet jemand ein altes Buchmanuskript, dass er einfach unter seinem Namen heraus gibt … dann taucht der wahre Autor auf. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie Suter die menschlichen Abgründe beschreibt. Das Leben seiner Protagonisten verändert sich ja meist extrem aufgrund eines Ereignisses. Faszinierend finde ich das.

  2. Inspiriert mich, doch mal wieder Martin Suter zu lesen. „Der Koch“ liegt noch immer eingebunden auf den vielen alten Bänden von Diogenes. „Die Zeit, die Zeit“ habe ich mir deshalb bislang nicht gegönnt. Vor Jahren (Ende der 90er) habe ich „Small World“ gelesen und war schwer beeindruckt. Denn Alzheimer als Grundausstattung eines Romanhelden ist ja nicht besonders einladend. Es ist wirklich sehr amüsant und zugleich auch sehr liebevoll geschrieben. Auf Martin Suter kam ich auch, weil er zuvor – wie ich, wenn auch nicht so gegelt – Werber war. Hat er ja auch mit Frank Schätzung gemeinsam. Das ist zwar nicht unbedingt eine allgemeine literarische Empfehlung, aber bei mir weckte es Solidarität und wohl auch eigenes Wunschdenken. Nach „Small World“ hat er dann noch einen sehr packenden Roman geschrieben, der wohl auch der erfolgreichste war: „Die dunkle Seite des Mondes.“ (Titel ist bewusst von Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“ inspiriert.) Für mich blieben diese beiden Romane auch am intensivsten in Erinnerung. Letzteren hab ich mal wieder nicht im Bücherregal, weil vor Jahren wohl verliehen ;-(. Man soll halt Bücher nicht verleihen, sondern immer gleich verschenken. Übrigens: Small World ist auch sehr erfolgreich verfilmt worden – mit Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara. Habe ihn aber selbst nie gesehen.

  3. Sehr schöner Text zu einem wirklich interessanten Buch!
    Die Bücher von Martin Suter lohnen sich (fast) immer. Zumindest die Romane, die Business-Geschichten kenne ich leider auch nicht. Ich empfehle euch mal: Small World, Ein perfekter Freund und Der letzte Weynfeldt.
    Der Teufel von Mailand fand ich hingegen eher schwach.

    • Vielen Dank für das nette Feedback und deine anderen Suter-Empfehlungen. Werde sicherlich noch mehr von diesem Autor lesen.

  4. Das Buch liegt auch auf meinem Lesestapel – und wandert jetzt ganz nach oben. Danke für die schöne Besprechung! Martin Suter begeistert mich immer wieder, seit ich irgendwann mal über seinen Roman „Small World“ gestolpert bin, eine ganz wunderbare Geschichte zum Thema Alzheimer.

    • Vielen Dank für Dein nettes Feedback, es freut mich sehr, dass Dir die Besprechung gefallen hat. „Small World“ hatte ich auch schon mal in der Hand, das werde ich mir bestimmt noch näher anschauen.

  5. Ich glaube, ich muß auch mal Martin Suter lesen, was ich bisher noch nicht geschafft habe. Die Geschichte erinnert an „Zurück in die Zukunft“ oder „Die Zeitmaschine“. Kommt auf jeden Fall auf meine Endlosleseliste.

    • Das ging mir auch so, das mit dem bisher noch nicht geschafft haben. Ich hatte viel über den Autor gehört und bei dem Thema habe ich dann endlich mal zugeschlagen. Hat sich gelohnt.

  6. Das klingt gut und spannend! Weißt du zufällig, von wann der Roman ist? Denn diese Theorie zu Zeit und Veränderung kommt ansatzweise auch im „Weynfeldt“ vor. Liebe Grüße
    Petra

    • Hallo Petra, der Roman ist 2012 erschienen, ist also noch recht neu. Es war mein erstes Buch von Martin Suter, aber ganz bestimmt nicht mein letztes…

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