Schrecksekunde mit Mario Vargas Llosa

Vargas Llosa, Tod in den AndenEinmal hat mich ein Buch, besser gesagt eine Textstelle in einem Buch, für einen kurzen Moment in Todesangst versetzt. Und das meine ich ganz wörtlich. Es handelt sich um den Roman „Tod in den Anden“ von Mario Vargas Llosa, den ich 1996 gelesen habe. Zu Beginn der Handlung wird ein Überlandbus irgendwo inmitten der peruanischen Anden von einer Einheit der maoistischen Terrrorgruppe Leuchtender Pfad angehalten. Es ist mitten in der Nacht, die beiden einzigen Touristen in dem Bus werden herausgezerrt und getötet. Diese extrem barbarisch geschilderte Szene hat sich tief in mein Bewusstsein eingegraben.

Vier Wochen später saß ich in einem Flugzeug auf dem Weg nach Peru.

Ich war mit einem Freund zusammen unterwegs. Der Plan: Mit unseren mitgebrachten Mountainbikes per Fahrrad, per Zug und per Bus von La Paz in Bolivien nach Lima in Peru zu reisen. Die Route ging quer durch die Anden. Zu dieser Zeit galt der Leuchtende Pfad, der Sendero Luminoso, offiziell als besiegt, 1992 waren die wichtigsten Anführer gefangen genommen worden, 1994 gab ein Großteil der Terroristen die Waffen ab, nachdem ihnen Straffreiheit zugesichert worden war. Das war zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre her, das Thema noch sehr präsent und die eingangs geschilderte Szene ging mir nicht aus dem Kopf. Zumal unsere Route genau durch die Region führte, in welcher der Sendero Luminoso am längsten aktiv gewesen war.

Vargas Llosa führt den Leser mit seinem Roman mitten hinein in die dramatische Zeit eines Landes im Kriegszustand. Es spielt um 1990, als die Terroristen in großen Teilen des peruanischen Hochlands aktiv waren und die Landbevölkerung in Angst und Schrecken versetzten. Zwei Polizisten, der Korporal Lituma und der Gendarm Carreño sind auf einen abgelegenen Posten hoch in den Anden abkommandiert worden, um das Verschwinden dreier Straßenarbeiter aufzuklären. Konfrontiert mit einer menschenfeindlichen Landschaft und dem uraltem Aberglauben der indianischen Arbeiter machen sie sich an die Arbeit. Über allem schwebt ständig die Drohung eines Überfalls der Terroristen. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie immer tiefer vor in eine Welt grausamer Mythen, während die konkrete Lebensgefahr ständig greifbarer wird.

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf reisten wir durch Peru. Im Überlandbus zwischen Andahuaylas und Ayacucho waren wir die einzigen Touristen. Wie in der Überfallszene zu Beginn des Romans, auf exakt derselben Strecke. Wir fuhren in die Nacht hinein, die Straße wand sich einen Pass empor, im Mondlicht sah man die Berggipfel der Sechstausender ringsum. Wie im Buch. Dann, mitten in der Nacht, stoppte der Bus plötzlich. Wie im Buch. Ich schreckte hoch und blickte aus dem Fenster. Und sah Männer, die den Bus angehalten hatten. Bewaffnete Männer, mit Gewehren in den Händen. Wie im Buch. Diese Schrecksekunde, diese Panikattacke werde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Für einen kurzen Moment war ich mitten in der Geschichte des Romans und dachte, jetzt sei alles aus. Dann erkannte ich, dass es Soldaten waren, die eine Ausweiskontrolle durchführten.

Diese Geschichte ist jetzt 17 Jahre her, aber sie ist noch so präsent, als wäre es erst vor kurzem gewesen. Denn nie wieder habe ich erlebt, wie sich die Handlung eines Buches und die Wirklichkeit so drastisch miteinander vermischt haben. Und darüber bin ich auch ganz froh. Aber nach Peru würde ich gerne noch einmal reisen.

Buchinformation
Mario Vargas Llosa, Tod in den Anden
Aus dem Spanischen von Elke Wehr

Suhrkamp Taschenbuch
ISBN 978-3-518-39274-4

6 Kommentare

  1. Hallo Kaffeehaussitzer,
    was für ein Umweg: habe gerade auf Twitter Birgits Hinweis auf ihre Besprechung von Isherwoods Kondor und Kühe gesehen, dort Deinen Kommentar gelesen, interessiert auf den Link zu Deiner Besprechung des Isherwood-Buches geklickt – und von dort dann über einen der Links unter dem Artikel auf diesen hier. Das ist schon fast selber ne Reise, hat sich aber gelohnt!

    Tod in den Anden ist wirklich grossartig und ragt neben dem Grünen Haus auch für mich heraus aus dem Werk des Autors.. Wobei ich Tante Julia auch sehr liebe…

    Was mich aber ganz besonders berührt hat ist die Schilderung Deines Erlebnisses in Peru, quasi auf den Spuren von Vargas Llosa und dem damit verbundenen Angstzustand.
    Deshalb, weil man, wenn man 1960 geboren wurde und die 70er und die frühen 80er Jahre in Aachen verbracht hat, diese Art von Erlebnis auch in der BRD haben konnte.
    Mir ist es mal passiert, als ich abends von Aachen auf dem Weg in die Niederlande war (das ist man in Aachen quasi immer).
    Mitten im Wald standen plötzlich 12 vermummte Gestalten mit Maschinengewehren im Anschlag auf der Strasse und haben mich angehalten. Ich musste mit erhobenen Händen aussteigen, wurde dann mit auf den Rücken verbogenen Armen ans Auto gepresst und recht unsensibel abgetastet. Als sich herausgestellt hat, dass ich keine Waffen dabei hatte, haben Sie sich erst als Polizei und Bundesgrenzschutz ‚vorgestellt‘ und dann kam die Ausweiskontrolle.
    Die hatten mich für einen RAF-Menschen gehalten, damals gab es ein paar sehr tödliche Zwischenfälle an der holländisch-deutschen Grenze zwischen Vaals und Aachen, danach herrschte so eine Art Hysterie. Es war jedenfalls ein gespenstisches Erlebnis und ich werde meine Angst in dem Moment mein Lebtag nicht vergessen.
    Im Nachhinein: für Rauschgift haben die sich gar nicht interessiert – und einen potentiellen Terroristen mit langen Haaren, rosa Latzhose und Zottelbart haben die vor- und nachher wahrscheinlich auch nicht mehr gesehen. Komische Zeiten.

    Schöne Grüsse
    Kai

    • Hallo Kai,
      das ist ja eine gruselige Geschichte, die Du erzählst; man sieht die Situation richtig vor sich und versucht schon beim Lesen, bloß keine falsche Bewegung zu machen. Die heftige Phase der RAF-Zeit habe nur am Rande mitbekommen: 1977 war ich acht, damals wohnten wir in der Nähe der Schweizer Grenze und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie plötzlich die sonst unbewachten Übergänge der grünen Grenze im Hinterland plötzlich mit schwerbewaffneten Uniformierten besetzt waren. Damals habe ich zum ersten Mal im Leben eine Maschinenpistole gesehen. Seltsam, was so im Kopf haften bleibt…
      Auf Deinem Blog war ich immer mal wieder, es gefällt mir sehr gut dort; eine sehr interessante Mischung aus Themen.
      In diesem Sinne: Bis bald.
      Beste Grüße aus Köln
      Uwe

    • Ja, das hat schon ziemlich Eindruck hinterlassen. Aber ansonsten war es eine phantastische Reise und Peru ist ein großartiges Land. Unglaubliche Landschaften, nette Menschen und dazu die faszinierenden Reste der Inka-Kultur.

  2. Um Himmels Willen, was für ein entsetzlicher Schreckmoment! Ich beneide dich um dieses Erlebnis nicht. Die beschriebene Szene im Buch ist absolut grauenvoll, ich stimme dir zu. Was den Haupterzählstrang um den verlorenen Polizeiposten betrifft, finde ich „Tod in den Anden“ hingegen unbeschreiblich großartig. Diese Mischung aus Krimi, Mythologie und hoher Literatur ist genau mein Ding. Das Buch gehört zu den (eigentlich gar nicht so vielen) Romanen, bei denen ich mir nach der Lektüre denke: „Boah, der Hammer, das hätte ich mal gerne selber geschrieben!“ (Klingt jetzt vielleicht unbescheiden, aber ich hoffe, du verstehst, wie ich das meine: ein überwältigendes Gefühl der Identifikation und Bewunderung des Lesers.)

    • Das ist wohl wahr: Es ist ein großartiges Buch. Als ich es heute in der Hand hielt, habe ich beschlossen, es bald mal wieder zu lesen. Denn es gehört zu den Büchern, die man immer wieder lesen kann – und jedes Mal entdeckt man ein neues grandioses Detail, das einem zuvor noch nicht aufgefallen war.

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