Maigret als Gesamtkunstwerk

Maigrets FrankreichBereits vor einiger Zeit hatte ich hier beschrieben, wie ich Georges Simenons Kommissar Maigret für mich entdeckt habe. Inzwischen sind wieder ein paar Bände der Reihe in der Sammlung dazugekommen und jeder einzelne von ihnen ist ein kleines Buchjuwel. Alleine die sorgfältig ausgewählten Schwarzweiß-Photos auf dem Titelbild sind ein Hingucker – handelt es sich doch oft um die Werke bekannter Photographen der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre. So gehen Titelbild, Gestaltung und Inhalt eine perfekte Symbiose ein, wie so oft beim Diogenes Verlag.

Im Blog Analog-Lesen hatte Sebastian Kretzschmar einmal ein Loblied auf Diogenes veröffentlicht und dem Titel Das gute Gefühl, ein Diogenes-Buch zu lesen müsste ich hier eigentlich nichts mehr hinzufügen.

Eigentlich. Denn jetzt halte ich ein wahres Schmuckstück in den Händen, das mich völlig begeistert. Es ist „Maigrets Frankreich“, ein wunderschön gestalteter Text/Bildband. Hier treffen wir sie wieder, die Photographen, deren Werke die Umschlagseiten der 70 Maigret-Bände zieren. Es sind sehr bekannte Namen dabei wie Robert Doisneau, Henri Cartier-Bresson oder Estate Brassaï, die mit ihren meisterhaften photographischen Werken auf einem ästhetisch hohen Niveau ihre Zeit dokumentiert haben, ohne dabei die Schattenseiten der Gesellschaft zu verschweigen. Sie schufen ein Frankreichbild, dass in unseren Köpfen heute noch existiert. Obwohl das Frankreich dieser Bilder schon längst verschwunden ist.

Zu den Bildern sind Zitate aus den Maigrets ausgewählt worden. Und sie passen oftmals absolut perfekt. Wie, wenn etwa neben einem Photo, das verhärmte, ernste Personen in einem verrauchten Bistro zeigt, zu lesen ist: „Um Maigret saßen Dicke und Dünne, Männer von dreißig und Männer von fünfzig Jahren. Fast alle saßen allein, starrten ins Leere oder waren in ihre Zeitung vertieft, und alle hatten diese eigentümliche Patina, die man durch ein bescheidenes und einförmiges Leben bekommt.“

Oder ein Photo dreier Arbeiter in ihrer Kneipe, zigarettenrauchend, die Schiebermützen entspannt zurückgeschoben, vor sich die Gläser mit Rotwein, auf dem Regal an der Wand eine ansehnliche Sammlung Pastis-Flaschen und dazu der Text: „Hier waren es nur drei Männer. Sie saßen um einen Tisch und starrten traumverloren auf ihre kleinen, mit Branntwein gefüllten Gläser. Das graue Licht hatte etwas Einschläferndes. Der Pächter, ein schwarzhaariger, schnauzbärtiger Mann mit einer blauen Strickjacke, gähnte jedes Mal, bevor er seinen Arm ausstreckte, um sein Glas zu ergreifen.“

Ein Photo einer kleinen Bar, ein alleinstehendes, schmales Haus, wie ein alter Zahn, davor regennasses Kopfsteinpflaster, dahinter im morgendlichen trüben Dunst sind verschwommen Hafenanlagen zu erkennen: Er blieb ein paar Minuten stehen, um sich eine Zigarette zu drehen und sie in der frischen Morgenluft zu rauchen, ehe in der kleinen Bar an der Ecke das Licht anging.“

Kommissar Maigret erwacht zum Leben, durch die Photographien nimmt er plötzlich noch viel lebendiger den Raum in unserer Phantasie ein. Denn sie zeigen genau sein Paris und sein Frankreich. Das Buch ist ein einziges Gesamtkunstwerk, schön gemacht, mit liebevoll zusammengestellten Photos und lesenswerten Textpassagen, eine Hommage an eine vergangene Zeit. Und von ganzem Herzen empfehlenswert für alle Frankophilen, für alle Liebhaber der Schwarzweiß-Photographie und für alle Freunde schöner Bücher.

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Buchinformation
Michel Carly (Hrsg.), Maigrets Frankreich
Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-02128-8

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