Israels Schattenwelt

Liad Shoham: Stadt der Verlorenen und Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Wir sind Zeugen eines Weltwandels, den wir in den letzten Jahren in der Rolle des Zuschauers miterlebten. So, als würde uns das alles nicht betreffen, als würden wir im ruhigen Auge eines Wirbelsturms leben. Das war ein Irrtum. Die Bilder von Flüchtlingen sahen wir schon seit Jahrzehnten, sie waren stets irgendwo ganz weit weg, auf anderen Kontinenten, fern unserer Wohlstandsgesellschaft. Und jetzt sind sie hier, mitten unter uns, vor unseren Toren, hunderttausende sind angekommen, hunderttausende sind unterwegs, ein Ende ist nicht abzusehen.

Andere Länder sind schon längst mit dieser Entwicklung konfrontiert, wie etwa Israel. Hier hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Schattenwelt etabliert; Flüchtlinge ohne Papiere leben im Elend, ignoriert von den einen, ausgebeutet von den anderen. Zwei Bücher beschäftigen sich intensiv damit und öffnen dem Leser eine Türe in eine düstere Gesellschaft, wie sie in Zukunft auch bei uns existieren könnte, wenn die falschen politischen Weichen gestellt werden. Es sind die Romane „Stadt der Verlorenen“ von Liad Shoham und „Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen.

Stadt der Verlorenen

„Stadt der Verlorenen“ ist zuerst einmal ein solide aufgebauter Krimi. Michal Poleg ist Mitarbeiterin bei einer Organisation in Tel Aviv, die sich um die Versorgung von Flüchtlingen kümmert; es fehlt dabei an allen Ecken und Enden und von staatlicher Seite ist keinerlei Unterstützung zu erwarten. Als sie eines Tages ermordet aufgefunden wird, scheint schnell ein Verdächtiger festzustehen. Allem Anschein nach eine Beziehungstat, die rasch aufgeklärt zu werden verspricht. Die junge Polizistin Anat Nachmias glaubt nicht an diese Theorie und ermittelt weiter. Ihre Nachforschungen führen sie mitten hinein in die Schattenwelt der Flüchtlinge, in eine finstere und brutale Parallelgesellschaft, deren Existenz sie – wie die meisten ihrer Mitbürger – in ihrer Wahrnehmung völlig ausgeblendet hatte. „Sie fand die Orte, die sie im Laufe ihrer Ermittlungen aufgesucht hatte, äußerst befremdlich. Unter der Oberfläche von Tel Aviv hatte sich ein zweiter Staat herausgebildet mit eigenen Gerüchen, Farben und Sitten. Sie hatte das Gefühl, unbekanntes Territorium zu betreten, in dem Gesetze und Regeln galten, die sich ihrem Verständnis entzogen.“

Es sind vor allem Eritreer und Äthiopier, die in Israel stranden, auf der Flucht vor Gewalt, Korruption, desaströsen politischen und wirtschaftlichen Zuständen in ihren Heimatländern. Auf dem Weg nach Israel von Schleppern  – oft Beduinen auf dem Sinai – ausgeraubt, bedroht, geschlagen, vergewaltigt, leben sie, endlich angekommen, in heruntergekommenen Häusern, dreißig Personen in einer Wohnung, manche auch unter freiem Himmel in den Parks von Tel Aviv, ein zusammengefalteter Karton als Schlafstätte. In ihrer völligen Rechtlosigkeit sind sie leichte Opfer des organisierten Verbrechens, das diese Hilflosigkeit gnadenlos ausnützt; von sklavenartigen Beschäftigungsverhältnissen, über Geldüberweisungen an die Familien zu horrenden Gebühren bis hin zu Zwangsprostitution. Bei ihren Nachforschungen lernt Anat Nachmias diese brisante Parallelwelt kennen, erfährt von menschlichen Tragödien, sticht mitten hinein in eine Eiterbeule der Gesellschaft, die sich bis in hohe politische Kreise hineinzieht. Und wird am Ende eine handfeste Überraschung erleben.

Liad Shoham hat einen spannenden Krimi geschrieben, der aber vor allem aufrütteln soll. Und das schafft er. Besonders durch sein sehr persönliches Nachwort, aus dem hervorgeht, wie nah an der Realität die geschilderten Zustände sind: „Ich danke all jenen Menschen, die so nah bei uns leben, uns aber so fern sind, die mir für einen Moment Einblick in ihr hartes Leben gewährten und mich an ihren Lebensgeschichten teilhaben ließen. Entsetzt und offenen Mundes erfuhr ich von den Martyrien, die sie erlitten haben. Zu meiner Verlegenheit muss ich zugeben, dass mir ihre Gegenwart erst nach Aufnahme meiner Recherchen bewusst wurde und ich sie im Straßenbild wahrzunehmen begann.“

Löwen wecken

Obwohl ähnlich von der Thematik ist „Löwen wecken“  von Ayelet Gundar-Goshen ein vollkommen anderer Roman. Im Zentrum der Handlung steht der Neurochirurg Etan Grien. Der Arzt hat sich beruflich in eine Sackgasse manövriert und steckt in einem Provinzkrankenhaus irgendwo in der israelischen Einöde fest. Nach einem Spätdienst möchte er mitten in der Nacht seinen aufgestauten Frust über die berufliche Situation loswerden und rast mit seinem Geländewagen eine Sandpiste in der Wüste entlang. „Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr.“ Das ist der erste Satz des Buches, der Überfahrene stirbt am Unfallort, Etan Grien handelt panisch und fährt davon, ohne zu helfen. Durch diese Tat wird sich sein Leben radikal verändern und wir werden Zeuge sein, wie es nach und nach zerbröselt, zerfasert, sich aufzulösen beginnt.

Von seinem schlechten Gewissen geplagt, versucht Etan Grien, sich in seiner heilen Familienwelt nichts anmerken zu lassen. Doch der Vorfall holt ihn ein, als kurz nach dem Unfall die Frau des Opfers vor seiner Haustüre steht, mit seiner verlorenen Brieftasche in der Hand. Sie verlangt einen Deal, Grien soll seine ärztlichen Kenntnisse unentgeltlich und vor allem heimlich Flüchtlingen zur Verfügung stellen, wenn er nicht alles verlieren will: Seine Approbation, seinen Job. Und seine Familie. Grien bleibt nichts anderes übrig, als darauf einzugehen und so lernt auch er  – ähnlich wie Anat Nachmias in „Stadt der Verlorenen“ – eine Welt kennen, die komplett im Verborgenen existiert. In einer stillgelegten Werkstatt behandelt er Nacht um Nacht Menschen aus afrikanischen Staaten, die in Israel leben, aber eigentlich nicht sichtbar sind. Die krank werden und sich nicht trauen, zu einem Arzt zu gehen, weil ihnen die Abschiebung droht. Oder die sich verletzt haben bei einem der zahlreichen Schwarzarbeit-Jobs. Die kein Geld haben, keine Hoffnung, keine Zukunft. Und vor der Vergangenheit geflohen sind.

Trotz seiner Zwangslage beginnt Grien mit der Zeit seine Aufgabe zu mögen; die Dankbarkeit der Menschen, die er behandelt, das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, zu Beginn ist er angewidert. Von den hilfsbedürftigen Flüchtlingen, ihren ungewaschenen Körpern, ihrer Fremdheit, ihrer Armut. Und von sich selbst: „Der Tote hing ihm am Hals und ließ nicht locker. Nur in der Autowerkstatt ließ er von ihm ab. Machte der Pilgerkolonne Platz. Magere schwarze Gesichter, die Etan kaum unterscheiden konnte. Vielleicht auch nicht zu unterscheiden versuchte. Jedes Gesicht glich dem vorigen und dem davor, im endlosen Rückwärtsgang, bis zu dem Gesicht jenes Patienten, des ersten. Bis zu dem mageren, schwarzen Gesicht des Mannes, den er getötet hatte.“

Erst ganz allmählich wird aus Abscheu Widerwille, aus Widerwille vorsichtige Empathie, aus Empathie Verantwortungsbewusstsein. Während sein eigentliches Leben immer komplizierter zu werden beginnt. Denn natürlich kann das alles nicht ewig gut gehen, es kommt zu Verwicklungen; das Familienleben beginnt unter seinen Lügen zu leiden, die Polizei sucht nach dem geflüchteten Fahrer. Und nicht nur die Polizei. Mit unterschwelliger Spannung und immer weiteren Verknüpfungen strebt die Handlung auf einen dramatischen Höhepunkt zu, der unausweichlich erscheint. Aber der sich dann auf eine völlig andere Art und Weise entlädt, als erwartet.

Die Autorin erzählt vordergründig die Geschichte Etan Griens, seine Verstrickungen in immer neue Lügen und Ausreden, während er gleichzeitig für viele Flüchtlinge die letzte Hoffnung zu werden beginnt. Dieser Widerspruch spiegelt sich in seinem Innern wieder, etwas wie ein Team entsteht aus ihm und seiner Erpresserin. Vertieft wird die Spannung durch regelmäßige Perspektivwechsel, wenn die Handlung immer wieder aus ihrer Sicht geschildert wird. Die Flüchtlingsfrau bekommt dadurch einen Namen, ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte. Sie ist nicht weiter eine unbekannte Illegale, weder für Etan, noch für uns, die Leser. Sie ist Sirkit aus Eritrea, die mit ihrem Mann auf der Suche nach einer hoffnungsvolleren Zukunft in Israel gestrandet ist. Jetzt liegt ihr Mann tot neben einer Sandpiste und sie versucht, aus dieser dramatischen Situation das Beste zu machen, als einzigem Hoffnungsschimmer mitten in all der Trostlosigkeit.

Beide Bücher, „Stadt der Verlorenen“ und „Löwen wecken“ zeigen uns eine bedrückende Schattenwelt voller rechtloser Menschen. Eine Welt, die entsteht, wenn die Politik versagt und ein Vakuum anstelle des Staates tritt. Zwei wichtige Bücher, gerade in Europa und in unserem Land aktueller denn je.

Bücherinformationen
Liad Shoham, Stadt der Verlorenen
Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch
DuMont Verlag
ISBN 978-3-8321-6289-4

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5714-2

#SupportYourLocalBookstore

5 Kommentare

  1. Hab Dich dank Karlas Empfehlung heute entdeckt u. weiß gar nicht, so ich zuerste ein „jajaja, genauso isses!“ hinterlassen soll. Ich freue mich darauf weitere Rezensionen von Büchern bei Dir zu entdecken, die ich gelesen habe o. auf die ich noch neugierig bin!

  2. Lieber Uwe,

    wie Recht Du mit Deiner Einschätzung doch hast.

    Für eine meiner Rezensionen habe ich dieses Jahr „Arc de Triomphe“ von Remarque erneut gelesen. Und was soll ich sagen? Alles war schon einmal da, wird fahrlässig ausgesessen und ignoriert, so lange es eben geht.

    Literatur kann mahnen, erinnern. Tätig werden ersetzt es nicht.

    Gruß aus Köln
    Stefan

    • Lieber Stefan,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Bin ganz Deiner Meinung, und umso wichtiger ist es, immer wieder an die Literatur zu erinnern. Und dabei die Hoffnung nie aufzugeben, dass sie tatsächlich den Lauf der Dinge verändern kann.

      Ebenfalls Grüße aus Köln

      Uwe

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: