Schöne neue, paranoide Welt

Schöne neue, paranoide WeltWie so viele Expeditionen in unbekannte Gefilde zuvor beginnt auch diese in einer Buchhandlung. Und mit einem 140-Zeichen-Tweet auf Twitter. Es ist eine Expedition in die Welt der Datensammlung, des Datendiebstahls, der Datenmanipulation und der lückenlosen Überwachung. Eine Welt der Algorithmen und der künstlichen Intelligenz. Und eine Reise in eine Zukunft, die sich schon erkennbar am Horizont unserer Wahrnehmung abzuzeichnen beginnt.

Aber der Reihe nach. Erst die Buchhandlung. Dort fiel mir vor kurzem das Buch „Zero“ von Marc Elsberg in die Hände. Irgendwie hat mich das Cover angesprochen und der Klappentext auch. Eine Journalistin, Einzelgängerin, die einer Art Verschwörung auf die Spur kommt und dann gejagt wird – so einen Plot mag ich gerne. Also habe ich mir das Buch gekauft – man gönnt sich ja sonst nichts – und bald darauf zu lesen angefangen. Vorab ganz grob gesagt geht es dabei um eine IT-Firma, die mit Freemee, einem neuen Social-Media-Kanal unglaublich viel Erfolg hat und mit Hilfe von Selbstoptimierungs-Apps ihre Kunden an sich bindet. Und manipuliert. Datenbrillen und Smartwatches sind gang und gäbe, alles und jeder ist transparent. Das Buch ist im Jahr 2014 angesiedelt, denn die geschilderten Techniken gibt es alle schon, im Prinzip jedenfalls. Sehr faszinierend und bedrohlich.

Nachdem ich etwa die Hälfte von „Zero“ gelesen hatte, schrieb ich auf Twitter:

Prompt kam ein Austausch mit drei anderen Bloggern zustande: Sebastian von Analog-Lesen war gerade dabei, das Hörbuch zu hören, Miriam von Krimimimi hatte „Zero“ auf ihrem Blog bereits vorgestellt und Simone von Papiergeflüster fing gerade mit Lesen an. Schnell war von anderen Büchern zum Thema die Rede, und wir verabredeten „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand als Blogger-Leserunde zusammen zu lesen. Des besseren Austauschs halber wurde dazu gleich die Facebook-Gruppe Schöne neue, paranoide Welt gegründet, in der wir über die Bücher „Zero“ und „Drohnenland“ diskutieren wollen. Und natürlich generell über das Thema Datenmanipulation und Datensicherheit.

Ist es jetzt ironisch oder zynisch oder einfach nur konsequent, dass wir uns dazu ausgerechnet der Datenkrake Facebook bedienen? Irgendwie ist es auf jeden Fall folgerichtig, zumal ich keinem der anderen Blogger nur einem der anderen Blogger im realen Leben schon einmal begegnet bin und unsere Unterhaltungen rein virtuell ablaufen. Das ist unsere neue Welt: Chancen und unglaublich offene Kommunikationsmöglichkeiten auf der einen Seite, die Abschaffung der Privatsphäre, Gefahr durch Datenmanipulation und Datendiebstahl auf der anderen Seite. Auf diesem schmalen Grat bewegen wir uns und längst sollte die optimale Nutzung der Möglichkeiten des Internets mitsamt der Kenntnis seiner Gefahren ein ständiges Pflichtfach in allen Schulen sein – es handelt sich inzwischen um genau so eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Von unserem Staat ist dabei nicht viel Hilfe zu erwarten, schlimmer noch, denn die Bundesregierung verweigert den Bürgern Schutz vor Ausspähung im Internet. Mehr noch: Sie mischt eifrig mit im Geschäft der Massenüberwachung. Damit ist Deutschland ein „digitally failed state“.  Dies schrieb Sascha Lobo in einer klugen Analyse des Ist-Zustands exakt ein Jahr nach Snowdens Enthüllungen.

So ist nun ein weiteres Leseprojekt hier auf Kaffeehaussitzer.de zustande gekommen. Denn angestoßen durch den Austausch mit den anderen Bloggern habe ich mir eine Leseliste zum Thema Schöne neue, paranoide Welt zusammengestellt. Das ist die Expedition, von der ich eingangs gesprochen habe, es handelt sich dabei um folgende Bücher, die ich nach und nach auf Kaffeehaussitzer.de vorstellen möchte:

Marc Elsberg, Zero
Tom Hillenbrand, Drohnenland
Glenn Greenwald, Die globale Überwachung
Juli Zeh, Corpus Delicti
Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft?
Dave Eggers, Der Circle
Yvonne Hofstetter, Sie wissen alles
Frank Schirrmacher (Hrsg.), Technologischer Totalitarismus – Eine Debatte
George Dyson, Turings Kathedrale

Diese kurze Leseliste besteht aus einer Mischung aus Romanen, die – beklemmende – Zukunftsvisionen entwickeln, und Sachbüchern, die klarmachen, wo wir auf dem Weg in eine solche Zukunft gerade stehen. Damit kratze ich zwar nur an der Oberfläche dieses komplexen Themas, aber jede Expedition beginnt mit einem ersten Schritt.

Nachtrag, im Januar 2016:
Dieser Blogbeitrag hat es in das Literaturverzeichnis der Dissertation „»Danke für Deinen Eintrag ins Logbuch«: Literarische Massenkommunikation im Social Web“ von Julia Schönborn geschafft. Das freut und ehrt mich sehr!

9 Kommentare

  1. Lieber Uwe,

    ein toller Beitrag! Ich beschäftige mich gerade auch mit dem Thema. Derzeit lese ich „Angriff auf die Freiheit“ von Juli Zeh – sehr empfehlenswert! – und werde mir außerdem ihre Werke „Corpus Delicti“ und „Die Diktatur der Demokraten“ vorknöpfen. Vielleicht wäre das auch etwas für deine Leseliste? Bin gespannt auf weitere Beiträge von dir zum Thema Massenüberwachung!

    Liebe Grüße,
    Alexa

    • Liebe Alexa,
      vielen Dank, es freut mich sehr, dass Dir der Beitrag gefällt. Und klar – Juli Zeh müsste eigentlich auf jeden Fall auf die Liste. Ich muss zugeben, dass ich bisher von ihr noch nie etwas gelesen habe, aber das wäre ja eine schöne Gelegenheit, dies nachzuholen.
      Viele Grüße, Uwe

      • Lieber Uwe,
        ich habe zuvor auch noch nichts von Juli Zeh gelesen. „Angriff auf die Freiheit“ ist mein erstes Buch von ihr. Aber ich verfolge mit großem Interesse ihr Engagement bzgl. der Massenüberwachung und kann nur sagen: Respekt! Würden doch nur alle bekannten Autoren sich so für die Gesellschaft einsetzen und dadurch eine große Leserzahl erreichen – vielleicht könnte man gemeinsam mehr erreichen. Viele jedoch sind zu sehr auf sich selbst und ihren Erfolg fixiert…
        Ich habe mir die hier genannten Bücher auch mal notiert und hoffe, dass ich die Zeit finde, das alles zu lesen. Das Thema beschäftigt mich nämlich schon eine Weile.
        Ganz liebe Grüße aus der Bücherstadt!
        Alexa

  2. Lieber Uwe,
    wieder einmal ein super Beitrag von dir. Habe mir die oben genannten Bücher auf meine Leseliste gesetzt. Ohne nun die genauen Inhalte deiner genannten Bücher zu kennen (da noch nicht gelesen) kann ich meinerseits die Romane „Daemon“ und dessen Nachfolger „Darknet“ von Daniel Suarez nennen. Thema ist hier die digitale Vernetzung von Firmen und Menschen und die Auswirkung, wenn ein Virus die Kontrolle dieser digital vernetzen Welt übernimmt. Vielleicht wären die auch etwas für deine Bücherliste 😉

    • Vielen Dank für das Lob und die Buchtipps. Die schaue ich mir mal an, sie klingen spannend.

  3. Lieber Uwe,
    das ist ja spannend!
    Mich hat auch gerade das Thema gepackt, über einen anderen Weg allerdings. Bei mir war es eine Sendung von Quarks & Co zum Thema Big Data, die mich an Juli Zehs „Corpus Delicti“ erinnerte und darüber hinaus mein weiteres Interesse an dem Thema weckte. Und dann bekam Lanier den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und sein Buch zog auch bei mir ein. Weit bin ich noch nicht vorgedrungen, habe schon interessante Eindrücke gesammelt, aber auch große Kritik an der Argumentationslinie, die leider nicht wirklich stringent, logisch, nachvollziehbar usw. ist.
    Flankierend dazu habe ich aus der Quarks & Co Leseliste noch zwei Sachbücher erstanden, die Big Data im TItel tragen:
    – Mayer-Schönberger, Cukier (2013): Big Data. Die Revolution, die unser Leben verändern wird, München,
    – Bachmann, Kemper, Gerzer: Big Data. Fluch oder Segen? Unternehmen im Spiegel gesellschaftlichen Wandels, Heidelberg.
    Wann ich das alles lesen soll – keine Ahnung…
    Umso gespannter bin ich, was Du hier zum Thma schreibst.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,
      vielen Dank für Deine Buchtipps. Ja, das ist ein weites Feld und wenn man da einsteigt, hört es nicht mehr auf. Und dazu ist es noch ein außerordentlich wichtiges Thema, denn es betrifft die Zukunft, in der wir leben werden. Bin ebenfalls gespannt, was wir von Dir dazu noch hören werden.
      Viele Grüße, Uwe

    • Der Paranoia-Kanon. Gute Idee, und „1984“ habe ich tatsächlich noch nie gelesen. Wahrscheinlich hat die Realität das Buch inzwischen überholt… Auf „Der Circle“ bin ich auch schon gespannt und wenn es um parallele, virtuelle Welten geht, sollte Tad Williams‘ „Otherland“ nicht fehlen – das ist ja inzwischen auch fast 15 Jahre alt und damit gerade visionär.

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