Stalins spanisches Gold

Leif Davidsen: Die Wahrheit stirbt zuletzt

Ein Mann ist auf der Suche nach seinem jüngeren Bruder, der irgendwo in Spanien unterwegs ist, wo genau weiß er nicht. Er gibt sich als Journalist aus, verliebt sich in eine russische Photographin und kommt per Zufall auf die Spur eines verschwundenen Goldschatzes. Klingt nach einer banalen Handlung, zudem ist das Buchcover nicht besonders ansprechend gestaltet und der Titel „Die Wahrheit stirbt zuletzt“ des Romans von Leif Davidsen etwas aussagelos. Aber hinter all dem verbirgt sich eine großartige und lesenswerte Geschichte. Sie spielt nämlich im Jahr 1937, in Spanien herrscht ein blutiger Bürgerkrieg, der jüngere Bruder kämpft als Freiwilliger bei den Internationalen Brigaden auf der Seite der Republikaner gegen Francos Faschisten, die Photographin kommt aus dem Russland Stalins und einem sowjetischen Politkommissar ist der herumfragende „Journalist“ ein Dorn im Auge. Bei dem Goldschatz geht es um die Goldreserven des spanischen Staates, damals die viertgrößten der Welt. Sie wurden zu Beginn des Bürgerkriegs in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von sowjetischen Geheimdienstleuten nach Russland gebracht, um damit die sowjetischen Waffenlieferungen an die spanische Republik zu bezahlen.

1937 ist der Krieg eigentlich schon entschieden: Francos Truppen gewinnen an Boden während sich die Republikaner in ideologischen Grabenkämpfen selbst zerfleischen – allen voran die Sowjets, für die Trotzkisten und Anarchisten in den eigenen Reihen ein gefährlicherer Gegner zu sein scheinen, als die faschistischen Feinde. Städte werden bombardiert, die Menschen hungern, das Land liegt in Trümmern. Mitten hinein in diesen Hexenkessel führt den falschen Journalisten Magnus Meyer die Suche nach seinem Bruder. Schnell lernt er, niemandem zu trauen und auch, sich seiner Haut zu wehren. Später begleitet der Leser Meyer ins eisige Moskau auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, wo es zum Showdown kommt, bei dem klar wird, wie die Suche nach dem Bruder, seine Liebe zu Irina, der Photographin und das spanische Gold unheilvoll miteinander verknüpft sind.

Manchmal ist auf dem Klappentext eines Buches zu lesen „atmosphärisch dicht“. Ein grauenvoller Ausdruck, der zum Glück nicht auf diesem Buch steht. Wobei er in diesem Fall zutreffend wäre: Der dänische Autor Leif Davidsen nimmt uns mit auf eine Zeitreise und schafft es, die Atmosphäre im kriegsgebeutelten Spanien und später im terrorgeplagten Moskau so eindrucksvoll wiederzugeben, dass man denkt, ja, so könnte es gewesen sein. Die perfekt recherchierten Beschreibungen der Schauplätze haben mich genauso begeistert wie die überaus spannende Handlung. Bewegend ist es zu lesen, wie der Idealismus vieler tausend Freiwilliger aus der ganzen Welt, die auf der Seite der Republikaner gegen den Faschismus kämpften, von Stalin und seinen Schergen verraten wurde.

Einer der Protagonisten des Buches erzählt als alter Mann rückblickend: „Ich erinnere mich an alles, als wäre es gestern gewesen, und ich fange immer noch beinahe an zu weinen, wenn ich an die Zeit zurückdenke, auch wenn Weinen weder die Welt verändert noch eine schlagkräftige Waffe im Kampf für die Gerechtigkeit ist, den wir ausgetragen haben, als wir jung waren und die Welt noch neu und voller Möglichkeiten war.

No paserán!

Das nach Russland gebrachte spanische Gold ist bis heute verschwunden.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg.

Buchinformation
Leif Davidsen, Die Wahrheit stirbt zuletzt
Aus dem Dänischen von Anne-Bitt Gerecke

DTV
ISBN 978-3-423-21400-1

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