Nie wieder schlafen!

Neffe, Mehr als wir sindIch hasse das Schlafen. Ich hasse es, abends so müde zu sein, dass ich einfach nicht mehr weiterlesen kann. Und morgens müde den Tag zu beginnen. Ich finde es furchtbar, sieben oder acht Stunden Lebenszeit pro Tag mit Schlafen verbringen zu müssen – ob man will oder nicht. Der letzte Versuch, den Schlafbedarf dauerhaft auf fünf bis sechs Stunden pro Tag herunterzuschrauben führte zu einer Art Kreislaufzusammenbruch. Auch wenn es ein angenehmes Gefühl sein mag, sich nach vollbrachtem Tagewerk müde im Bett auszustrecken, empfinde ich es einfach als eine grandiose Zeitverschwendung, eine Zumutung, dass unser Körper so viel Stunden zur Erholung zwingend benötigt. Umso neugieriger war ich auf das Buch „Mehr als wir sind“ von Jürgen Neffe, in dem es um einen Chemiker geht, der den Schlaf dauerhaft besiegt und damit eine völlig andere Menschheit schafft.

Janush Coppki heißt er und in der nahen Zukunft, in der die Handlung des Romans spielt, weiß man über ihn – nichts. Das ist umso erstaunlicher, da sich die Welt und die Menschheit durch seine bahnbrechende Erfindung drastisch verändert haben und die Vergangenheit durch modernste Forschungsmöglichkeiten gläsern geworden ist. Eine Herausforderung also, die der namenlos bleibende Ich-Erzähler annimmt. Er ist von Beruf Analytischer Biograph und zu seinen Aufgaben gehört es, im Dunkel der Vergangenheit liegende Lebensläufe ins helle Licht der Gegenwart zu bringen.

Gleich auf der ersten Seite fällt der Satz Am Ende zählt allein die Frage, ob wir leben mussten oder durften. Das Übrige sind Details. Ich liebe solche markigen Sätze und spätestens da fiel die Entscheidung, das Buch unbedingt lesen zu wollen. Und es hat sich gelohnt. Zumindest wenn man leicht verwirrende Geschichten mit sehr, sehr häufigen Perspektiv- und Zeitenwechseln mag. Geschrieben in einer wunderbaren Sprache, die mir so gut gefallen hat, dass ich in diesem Buch so viele Stellen angestrichen habe, wie selten zuvor.

Janush Coppki jedenfalls ist ein recht eigenwilliger Mensch. Während seiner komplizierten Kindheit und Jugend entdeckt er seine Begabung für die Chemie und bringt sich autodidaktisch ein Wissen bei, dass wohl die meisten Forscher in den Schatten stellen würde. Aber ihm reicht es, dieses für sich alleine zu erlangen. Als junger Mann nimmt er eine Stelle in der Materialausgabe des chemischen Instituts einer Universität an. Universität wie auch die Stadt, in der sich das Geschehen ereignet bleiben  namenlos – viele Anspielungen lassen auf Berlin schließen. Vielleicht. Doch es ist eigentlich auch nicht wichtig. Hier kann er sich in Ruhe mit Materialien für seine eigenen Experimente versorgen, bis er eines Tages die Photographin Vera Linden kennenlernt, sich in sie verliebt; eine Erfahrung, die er bis dahin nicht kannte. Und dann fällt der entscheidende Satz, als sie sagt: Ich würde alles geben, wenn ich nicht mehr schlafen müsste.

Coppki vertieft sich in seine Forschungen, befasst sich intensiv mit dem Mysterium des Schlafes, der Notwendigkeit, stundenlang untätig verharren zu müssen und wie man sie aushebeln kann. Schließlich überreicht er Vera ein kleines Fläschchen mit einer farblosen Flüssigkeit. Eine Flüssigkeit, die den Verlauf der Menschheitsgeschichte ändern wird. Denn sie befreit den Körper von seinem Zwang zur Ruhe. Was als Geschenk eines Verliebten gedacht war, verbreitet sich durch Veras Tochter und deren Freunde und immer mehr Menschen beginnen, ohne Schlaf zu leben. Aber das ist erst der Anfang. Die Leser erfahren in der langsam Gestalt annehmenden, nachträglich zusammengetragenen Biographie Coppkis von den Ereignissen, die ab diesem Zeitpunkt immer mehr Fahrt aufnehmen.

Die erzählte Handlung ist aber eigentlich nicht der Mittelpunkt des Romans. Vielmehr geht es um die Frage der Perspektive. Denn der Biograph Coppkis sieht die Erforschung dessen Lebens mehr und mehr als seine Berufung. Biographen gleichen Exorzisten, die vergangene Leben wieder auferstehen lassen, um sich von ihren Dämonen zu befreien. So wie ich mir Coppki einverleibt habe, Jahr um Jahr, Tag um Tag, so muss ich ihn mir nun wieder austreiben, Seite für Seite, Zeile für Zeile. In seinem System bildet mein Bericht das letzte Glied in der Kette seiner Vorhersagen. Ich soll seine Kopfgeburten in fremde Gehirne übertragen, die sie nicht mehr vergessen und weiterverbreiten. Er leiht mir seine Geschichte, damit ich sie unsterblich mache. Der Beweis seiner Existenz hängt an der Kraft meiner Worte. Ich lege sein Leben in die Hände meiner Leser.

Zudem vertritt der Biograph die Theorie, dass Menschen, die damit rechnen, eines Tages biographiert zu werden, zunehmend so zu handeln beginnen, wie es der Biograph für ein möglichst interessantes Zeugnis der Nachwelt gegenüber benötigt. Die zukünftigen Worte des Biographen stecken also bereits in den Handlungen und Äußerungen des Biographierten in der Gegenwart; beide Personen bilden zunehmend eine Einheit, obwohl sie sich nie kennenlernen können. So geschieht es auch hier; je länger der Analytische Biograph sich mit Coppki beschäftigt, umso öfter verschwimmt die Perspektive. Der Leser merkt das daran, das die Ich-Sichtweise anfänglich dem Erzähler, also dem Biographen vorbehalten ist. Als das erste Mal Coppki aus der Ich-Perspektive erzählt, stutzt man; zunehmend wird es unklarer, aus wessen Sichtweise gerade berichtet wird, manchmal wechselt dies sogar innerhalb eines einzige Satzes. Oder treffen wir manchmal sogar auf Coppki selbst, der sich wiederum aus der Sichtweise seines zukünftigen Biographen sieht? Biograph und Biographierter verschmelzen immer untrennbarer miteinander.

Zusammen mit einer Gruppe anderer Analytischer Biographen spielt der Erzähler entscheidende Episoden von Coppkis Leben als Rollenspiel nach; in der beschriebenen Zukunft eine übliche Arbeitsweise dieses Berufstands. Auch diese Mitspieler rutschen mehr und mehr in die Rollen hinein, die sie zu spielen haben und springen mit dem Leser ständig hin und her.  Eine bisweilen etwas anstrengende, aber immer wunderbar formulierte Lektüre. Der besondere Clou daran ist, dass der Autor Jürgen Neffe selbst als Biograph arbeitet und mit seinen Biographien über Albert Einstein und Charles Darwin bekannt geworden ist. Ein Wissenschafts-Biograph also, der über einen Biographen schreibt, der das unbekannte Leben eines Wissenschaftlers erforscht. Das ergibt eine zusätzliche Perspektive, voller Selbstironie.

So etwa dann, wenn er den Ich-Erzähler über das große Dilemma des Biographen berichten lässt: An dieser Stelle entlarvt sich die Unbefangenheit des Biographen als Selbstbetrug. Da wir den Fortgang der Geschichte kennen, beurteilen wir Situationen zwangsläufig anders, als unser Held sie erlebt. Wir sehen Fehler, die noch keine waren, als sie geschahen, und sich erst im weiteren Verlauf als solche entpuppten. Wir nennen Entscheidungen visionär, die vollkommen zufällig fielen, sehen Vorsehung am Werk, wo kein Plan im Spiel war, halten umgekehrt für Zufall, wohinter Weitblick steckte. Vor allem aber zwingen wir die Erzählung des Lebens in die Logik einer Dramaturgie, wie sie das Drama des Lebens nur selten hergibt. 

Was bleibt, ist die Frage nach der Wahrheit. Die, und das zeigt uns das Buch, niemals vollständig beantwortet werden kann. Denn Coppki wollte der Frau, in die er sich verliebt hatte, ein Geschenk machen, als er ihr das Glasfläschchen mit seinem Kraftstoff des Bewusstseins überreicht. Er wollte nicht die gesamte Menschheit auf eine neue Entwicklungsstufe hieven. Oder doch?

Ein grandioses Spiel mit der Sichtweise und der Wirkung der Perspektive. Besonders gut liest sich das Buch übrigens, wenn man spätabends völlig müde ist und die verwickelte Handlung ihre ganz eigene Wirkung entfalten kann.

Buchinformationen
Jürgen Neffe, Mehr als wir sind
C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10205-3

12 Kommentare

  1. Dieses Buch hatte viele faszinierende Aspekte, die du wunderbar herausgearbeitet hast! Ich fand es zu Beginn schwierig, mich in diese Welt mit ihren verschiedenen zeitlichen Ebenen hineinzudenken. Aber die Sprache und das Thema haben mich schnell gepackt.
    Ich war überrascht, dass Jürgen Neffe, dessen Darwin-Biographie mir schon so gut gefallen hatte, auch als Romanautor überzeugen kann. So sehr, dass ich das Buch gern noch ein 2. Mal lesen möchte. Aber vorher ist erstmal seine Einstein-Biographie an der Reihe. Tja, wenn doch der Schlaf uns nicht so viel Zeit kosten würde…

    • Das ging und geht mir ganz genau so, es ist sicher ein Buch, das ich irgendwann noch einmal lesen werde – alleine schon wegen der Sprache. Die Darwin- und Einstein-Biographien kannte ich bisher noch nicht, aber die stehen jetzt auch auf der Wunschliste. Wo man nun sogar weiß, wie ein Biograph arbeitet 😉

  2. Ganz, ganz lieben Dank für diese großartige Rezension. Die Buchvorstellung kam gestern genau zum richtigen Zeitpunkt. Es gibt Bücher, die wandern erstmal auf den eh schon viel zu langen Wunschzettel, und dann gibt es die, die man am liebsten sofort lesen möchte. Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. 🙂

    Liebe Grüße und eine tolle Woche
    Nina

    • Dann bin ich mal sehr gespannt, wie es Dir gefallen wird und freue mich, Dir einen Tipp geliefert zu haben. Ich hatte das Buch in einer Buchhandlung gesehen, kurz hineingelesen und wusste sofort, das muss ich haben. Und nachdem ich es gelesen hatte, musste ich eine ganze Weile überlegen, was ich darüber schreiben soll, denn alleine von der Sprache her hallte die Lektüre lange nach.
      Liebe Grüße
      Uwe

  3. Pingback: [Literaturplausch] #10 | Frau Hauptsachebunt

  4. Das ist ja eine spannende Geschichte, die Du uns vorstellst: Ein Biograph, der ein Buch über einen Biographen schreibt usw. usw. Und dann geht es auch noch ums Schlafen. Mich würde ja nun ganz brennend interessieren, ob die Menschheit ohne Schlaf wirklich auf eine neue Entwicklungsstufe gelangt und wie diese Entwicklungsstufe sich darstellt. – Ich kann mir ja ein Leben ohne langen und ausgiebigen Schlaf gar nicht vorstellen, auch wenn mir dabei natürlichg ganz viel Leseziet entgeht. Und auch bei mir liegt, wie bei Petra, noch Crarys kritischer Blick auf die verschiedenen Interessen, die uns unser letztes Refugium, den Schlaf, abluchsen möchten. Vielleicht schlafen wir alle erst einmal ausführlich und treffen uns dann ganz virtuell zur gemeinsamen Lektüre der Bücher zum Thema „Schlafen :-).
    Viele Grüße, Claudia

    • Der Autor beschreibt im Verlauf der Geschichte, wie eine Welt ohne Schlaf aussehen würde – bis hin zu den ökonomischen Folgen, da ja z.B. viel mehr Energie benötigt wird, wenn alle Menschen nachts keine Lichter mehr ausmachen. Oder wie die Begehrlichkeiten der Wirtschaft geweckt werden, die einen Teil der gewonnenen Zeit zur Arbeitszeit dazuschlagen möchte. Und. Und. Und. Aber das erfährt der Leser quasi nebenbei. Und die Frage, ob der Schlaf tatsächlich ein Refugium ist oder doch eine Zeitverschwendung wird im Verlauf der Handlung ebenfalls erörtert. Denn nicht alle Menschen in dem Roman sind mit der Entwicklung der Dinge glücklich…
      Beste Grüße, Uwe

  5. Schlaf – mein Dauerthema.
    Danke für den Tipp. Hab jetzt nur den Anfang gelesen – möchte nicht zu viel vorwegnehmen.
    Notiert für meine Leseliste!

    • Gerne. Wobei ich von der Handlung nicht allzuviel verraten habe, hoffe ich. Die ist zum Teil sehr komplex und es tauchen eine Vielzahl ganz eigener Charaktere auf. Ich wollte vor allem die spannende Frage der Perspektive thematisieren. Viel Spaß beim Lesen…

  6. Klingt sehr gut! Allerdings schlafe ich ganz gern … Ist es nicht eher erstaunlich, dass wir „nur“ 6 oder 8 Stunden brauchen, um danach munter stundenlang die tollsten Sachen machen zu können? Das erinnert mich, ich wollte ja noch diesen Schlaf-Essay von Crary lesen …

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