Die Lebenden und die Toten

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein Bild. Das Bild eines Dorfes, einer kleinen Stadt mit ihren Bewohnern, mit all den unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihrem Glück, ihrer Trauer, ihren verpassten Chancen, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung, ihrem  Hadern, ihren Tränen und ihrem Lachen, kurz: Ihrem Menschsein. Es ist eine literarische Collage, durch die sich die Stadt nach und nach bevölkert, wir Leser langsam Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte erkennen können. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, die genau dies mit ihrer Erzähltechnik fertigbringen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Denn das eine berichtet von den Lebenden, das andere von den Toten. Es sind die Romane »Speicher 13« von Jon McGregor und »Das Feld« von Robert Seethaler.

»Speicher 13« von Jon McGregor

Der Roman führt uns nach Mittelengland, in ein Dorf, umgeben von Bergen, Hochmooren und Speicherseen. Es ist kurz vor Weihnachten und alles beginnt mit einer Suche. Die dreizehnjährige Rebecca Shaw verbrachte mit ihren Eltern zusammen die Weihnachtsferien in dem Dorf; bei einem winterlichen Spaziergang geriet sie in Nebel und Moor außer Sichtweite und tauchte nicht mehr auf. Die Aufregung ist groß, doch die großangelegte Suchaktion bleibt erfolglos, die alles domininierende feuchte Landschaft verschluckt sämtliche Spuren.

»Ein bleiches Licht wanderte langsam über das Moor, es schimmerte auf den wasserführenden Tümpeln und Gräben, und leuchtete immer heller, bis die Wolkendecke sich wieder schloss. Am Flussufer in Richtung Wehr stand in der Abenddämmerung ein Graureiher und betrachtete das Wasser. Ein klebriger Nebel kroch nachts vom Moor herab.«

Rebecca taucht nicht wieder auf. Was wie ein Thriller um ein verschwundenes Mädchen beginnt, entwickelt sich dann aber zu einer vollkommen anderen Geschichte. Ihr Verschwinden bleibt eine der beiden Klammern, mit der die Erzählung zusammengehalten wird. Im Mittelpunkt allerdings stehen die Menschen des Dorfes und die Zeit, die vergeht. Jahr um Jahr.

Als Leser wird man am Anfang mit einer wahren Flut an Namen überschüttet. Erst nach und nach kristallisieren sich familiäre Zusammenhänge heraus, Freundschaften, aber auch gegenseitige Abneigung, Dorftratsch und das ein oder andere Geheimnis. Die Zeit vergeht, Kinder werden zu Jugendlichen, Jugendliche zu Erwachsenen und Erwachsene zu Greisen. Und sterben. Die Geschichte des verschwundenen Mädchens aber bleibt über all die Jahre präsent, immer wieder werden neue, noch unbekannte Informationen in die Handlung eingeflochten, Gerüchte tauchen auf, irgendwo soll das Mädchen gesichtet worden sein, die Vorstellung, wie sie wohl als Erwachsene aussehen könnte, bewegt die Menschen. Und erst Jahre später fallen Dorfbewohnern Details ein, die damals vielleicht eine Rolle gespielt haben.

Die andere der beiden Klammern der Erzählstruktur sind die dreizehn Wasserspeicher, die das Dorf im weiten Umkreis umgeben; aufgestaute, kleine Seen inmitten der Hochmoorlandschaft. Sie alle werden nach dem verschwundenen Mädchen abgesucht, und jedes der dreizehn Kapitel ist – zumindest am Rande – einem der Seen und dessen Umfeld zugeordnet. Landschaftsbeschreibungen wechseln sich ab mit familiären Dramen, während das Dorfleben seinen Gang geht, sich die dörflichen Strukturen ändern und das Verschwinden des Mädchens zwar immer mehr in den Hintergrund rückt, aber nie in Vergessenheit gerät.

Jon McGregor hat ein literarisches Wimmelbild geschaffen; souverän entwickelt er anhand von mehreren Fixpunkten die Geschichte einer Dorfgemeinschaft mit all ihren Verwerfungen und mit wunderbar treffenden Personenbeschreibungen. Etwa, wenn es von den Söhnen eines Schafzüchters heißt: »Sie machten den Eindruck von Männern, die hart arbeiten, aber nicht gern darüber redeten, in der Hand Teetassen und Zigaretten.« Schon hat man ein Bild vor Augen. Oder wenn er nur wenige Worte braucht, um die Abgeschiedenheit des Ortes darzustellen: »Am späten Nachmittag, kurz vor der Dämmerung, kam Nebel auf, und als die Kinder von der weiterführenden Schule aus dem Bus stiegen, klangen ihre Stimmen auf der Hauptstraße gedämpft und verloren.«

Es ist ein Roman, für den man zu Beginn etwas Geduld benötigt, der einen aber mit einer grandios komponierten Handlung belohnt. Ein Buch über das Werden und Vergehen, über das Älterwerden und das Verstreichen der Zeit.

„Das Feld“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler ist ein Autor, den ich sehr schätze. Seine Romane „Der Trafikant“ und »Ein ganzes Leben« haben mich begeistert, auf »Das Feld« war ich daher sehr gespannt. Zum Inhalt muss ich wahrscheinlich nicht viel sagen, das Buch wurde in den Literaturblogs und im Feuilleton sehr oft besprochen, die für mich schönste Buchvorstellung gab es auf buchrevier.

Durch Seethalers Idee, einen Friedhof zum Leben zu erwecken, indem die dort Ruhenden noch einmal ihre Lebensgeschichte erzählen, entstehen wunderbar kleinteilige Handlungsfetzen, die nach und nach das große Ganze ergeben; anhand von Einzelschicksalen Geschichte und Geschichten einer kleinen Stadt rekonstruieren. Den Einstieg macht die Perspektive eines Friedhofsbesuchers, ein alter Mann, der jeden Tag dort den Toten Gesellschaft leistet. »Er war überzeugt davon, die Toten reden zu hören. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber er nahm ihre Stimmen ebenso deutlich wahr wie das Vogelgezwitscher oder das Summen der Insekten um ihn herum. Manchmal bildete er sich sogar ein, aus dem Schwarm der Stimmen einzelne Wörter oder Satzfetzen herauszuhören, doch so angestrengt er auch lauschte, schaffte er es doch nie, die Fragmente zu etwas Sinnvollem zusammenzusetzen.«

Dies übernimmt dann Robert Seethaler für den Leser, der in jedem Kapitel einen anderen Toten von seinem Leben berichten lässt. Vor dem Auge des Lesers entsteht eine kleinbürgerliche Welt, mit all ihren Tragödien, kleinen und großen Dramen und den Leben, die ohne große Ansprüche gelebt wurden. Dabei vermittelt der Autor einen schon fast zärtlichen Blick auf die Lebensläufe einfacher Menschen, ohne Herablassung, ohne Hochmut.

Allerdings blieb das Buch etwas hinter meinen Erwartungen zurück, denn die 29 Miniaturen sind zu sehr aus einem stilistischen Guß, um tatsächlich als unterschiedliche Stimmen wahrgenommen zu werden. Und obwohl ich Seethalers minimalistische Schreibweise sehr bewundere, gab es ein paar Stellen, die schon fast zu poesiealbenhaft auf den Punkt gebracht sind. Etwa wenn es heißt »als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen.«

Insgesamt ist »Das Feld« aber ein reizvolles Gedankenexperiment, zumal das Buch dafür sorgte, dass eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit, aus einem anderen Leben plötzlich wieder präsent war. Denn ich bin in einer kleinen Stadt am Bodensee aufgewachsen, 20.000 Einwohner und viel Natur. Wenn ich als Jugendlicher spätabends, nachts auf dem Heimweg war, führte eine Abkürzung durch den Alten Friedhof, ein ummauertes Gräberfeld aus dem 19. Jahrhundert, überragt von hohen Kastanien.

Schon tagsüber herrschte hier eine verwunschene Stimmung, aber nachts alleine dort zu sein war mit einem leichten Gruseln verbunden; besonders, wenn man an dem Familiengrab einer alteingesessenen Fabrikantendynastie vorbeikam. Auf dem Grabmal saß eine Frauenstatue, eine marmorne Kapuze leicht über das Gesicht gezogen. Durch den Schein einer Straßenlaterne, die hinter der Friedhofsmauer stand, warf die Kapuze einen Schatten auf das Gesicht – und im Vorbeilaufen änderte sich dieser Schatten, so dass man das Gefühl hatte, die Statue würde ganz langsam den Kopf drehen und einem hinterherschauen. Und aus dem Rauschen der Kastanien im nächtlichen Wind wurde das Wispern leiser Stimmen.

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Daran musste ich denken, als ich »Das Feld« gelesen habe. Für das Beitragsphoto zu diesem Text war ich deshalb nach dreißig Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Alten Friedhof meiner Heimatstadt und habe die Bücher auf genau jener Statue photographiert. Auch wenn das Gelände ein wenig kleiner war als in meiner Erinnerung – die mystische Stimmung ist geblieben. Vielleicht sogar noch stärker geworden, denn heute ist dieser Friedhof ein aufgelassener Park, in dem sich die Natur die menschlichen Anlagen zurückholt. Bis auf das Grabmal mit der Statue und drei, vier anderen sind alle Gräber abgeräumt. Aus den früher sauber angelegten Kieswegen sind zugewachsene Pfade geworden, das Gras steht überall kniehoch. Doch die Gebeine von etwa 6.000 Menschen liegen dort noch in der Erde und die prächtigen, einen tiefen Schatten werfenden Kastanien rauschen immer noch im Wind und lassen einen die Stimmen der Verstorbenen hören.

Wenn man will.

Buchinformationen

Jon McGregor, Speicher 13
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-084-8

Robert Seethaler, Das Feld
Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-26038-2

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8 Antworten auf „Die Lebenden und die Toten“

  1. Jon McGregor ist ein Autor, von dem ich schon so lange mal was lesen wollte. Bisher habe ich es aber noch nicht geschafft… Danke für deine Rezension! Das Buch kommt direkt auf meine Wunschliste. :)

    Hab einen tollen Abend!

    Ganz lieben Gruß

    Steffi

  2. Wunderbar, danke Uwe – das hat mich richtig neugierig gemacht!

    Da werde ich wohl gleich tatsächlich durch Berlins momentanen Bilderbuchsommer zu meinem Lieblingsbuchladen laufen …
    Ich bin gespannt, ob ich mich anschließend Romas oder deinem Urteil über „Speicher 13“ anschließe.

    Ganz herzlichen Dank für diese Anregung und eine sorglose, lesefutterreiche Zeit
    Bianka

  3. Vielen Dank erstmal für die Besprechungen.,Robert Seethaler hat sich für seinen Roman an Edgar Lee Masters „Spoon River Anthology“ orientiert, ein Buch, das zu Beginn des 20.Jahrhunderts geschrieben wurde und das eine enorme poetische Wucht hat. Humor, Weisheit, Klugheit: dieses Buch hat alles! Leider ist es nur noch in englischer Sprache erhältlich. Aber es lohnt sich sehr, sich eine Ausgabe zu besorgen. Seethalers Buch fand ich dagegen ein bisschen blass. Ich wünsche einen schönen Tag!

  4. Danke, Uwe Kalkowski, für deinen gewohnt guten Beitrag! Bei „Das Feld“ sind wir uns einig: Ich bezeichne „Ein ganzes Leben “ als eines meiner allerliebsten Lieblingsbücher.

    „Speicher 13“ steht nun in den Startlöchern. Ich freue mich, dass du so voll des Lobes dafür bist und denke, es wird mir auch gefallen. Jetzt brauche ich nur noch Zeit.
    Ich melde mich, sobald mein Urteil steht.

    Herzliche Grüße, Sabine

  5. Hallo,

    vielen Dank für den Blogbeitrag. Bei „Speicher 13“, was ich bei Auswahl spannend gefunden habe, war ich nach der Lektüre maßlos enttäuscht. Letztlich hatte es für mich sowohl eine unbefriedigende Handlung, als auch ein unbefriedigendes Ende. Ich habe es zuende gelesen und kann es überhaupt nicht weiterempfehlen. Mir fehlte ein echter Plot.

    Viele Grüße,
    Roma

    1. Genau dieses Fehlen eines Plots hat für mich den Reiz ausgemacht – denn es geht einfach nur um die Menschen des Dorfes und um ihr Älterwerden. Alles andere rückt immer weiter nach hinten. Gerde wegen dieser Erzähltechnik ist des für mich ein großartiges Buch gewesen, das mich tief in eine andere Welt – die Welt jenes abgelegenen Dorfes – eintauchen ließ. Allerdings wurde das Buch hier und dort als „Thriller“ bezeichnet, doch das ist es ganz und gar nicht.

      Viele Grüße
      Uwe

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