Dramaturgie des Scheiterns

Friedrich, 14-18Für den Zivilisationsbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es verschiedene Bezeichnungen, Erster Weltkrieg oder auch der Große Krieg. Jörg Friedrich hat sein Buch einfach „14/18“ genannt – groß und plakativ prangen die Ziffern auf dem Umschlag. Es ist ein wenig anders als die anderen Gesamtdarstellungen dieser vier Jahre. Anders von der Sprache her, anders von der Gliederung her, anders in der gesamten Konzeption. Da Friedrich kein Historiker, sondern Publizist und Journalist ist, bewegt er sich sprachlich weg von einer wissenschaftlichen Darstellung. Weit weg. Denn die Sprache ist das, was das Werk gleich auf den ersten Seiten von anderen Sachbüchern unterscheidet. Mitreißend, wuchtig, etwas pathetisch, manchmal brachial, mit einem Hauch Polemik inszeniert der Autor den Ersten Weltkrieg als europäisches Drama. Dabei hält er sich nicht lange mit der Debatte um die Schuldfrage auf, denn die Schuld am Weltkrieg gehört zum Propagandasektor. Sie ist ein Selbstwiderspruch. Ab wann und wodurch wurde der Augustkrieg Weltkrieg? Die Entfesseler hegten über das, was sie entfesselten, teils vage, teils irreale Vorstellungen.

Damit macht er es sich vielleicht ein wenig zu einfach, doch seine Intention ist eine andere: In seiner Schilderung versucht er, die Akteure dieser Zeit als Menschen zu verstehen, ihr Handeln nachzuvollziehen – nicht als Historiker sondern als jemand, der genau hinschaut und versucht, Entscheidungen auf das zu reduzieren, was ihnen im tiefsten Grund innewohnt: Unsicherheit, Ängstlichkeit, Überheblichkeit, Arroganz, Verblendung – alles menschliche Eigenschaften. Ein Verhängnis nahm seinen Lauf, das theoretisch die Gesamtheit, doch praktisch keiner einzeln anhalten konnte. Friedrich schafft es, entscheidende Ereignisse erzählerisch auf wenige Stunden und die einsamen Entscheidungen weniger Beteiligter zuzuspitzen – was von der Idee her an Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ erinnert. Ob es um die sich immer schneller drehende Spirale der Eskalation geht, die dann zum Kriegsausbruch führte, oder etwa um die Marne-Schlacht 1914, durch deren Abbruch Deutschland eigentlich bereits den Krieg verloren hatte, bei der aber bis heute unklar ist, wer letztendlich den Befehl zum Rückzug gegeben hat: Er erzählt diese Begebenheiten so pointiert nach, dass man unwillkürlich beginnt mitzufiebern – obwohl man weiß, wie es ausgegangen ist.

Allerdings neigt er der Dramaturgie zuliebe an manchen Stellen dazu, die  Geschehnisse etwas zu spekulativ zu schildern und gleitet dabei sehr oft in Was-wäre-wenn-Überlegungen ab. Was wäre gewesen, wenn etwa das deutsche Kaiserreich erkannt hätte, dass es das lächerlich kleine Elsass-Lothringen ohne mit der Wimper zu zucken hätte an Frankreich zurückgeben können, um damit den französischen Kriegsgrund auszuhebeln. Lächerlich klein im Vergleich zu den riesigen Gebieten, die bis 1917 im Osten erobert worden waren. Überhaupt ist der östliche Verlauf des Krieges für Friedrich die entscheidende Seite, denn dort brach der Krieg aus und dort wurden die Weichen für den Zerfall Europas gestellt, der das ganze zwanzigste Jahrhundert prägen sollte.

Und so stehen im Gegensatz zu anderen Büchern über den Ersten Weltkrieg bei diesem die Ereignisse in Osteuropa viel mehr im Vordergrund. Nach dem Attentat in Sarajewo und dem einen Monat später folgenden Kriegsausbruch wird der Leser über die erste Hälfte des Buches auf einen Parforceritt durch das Geschehen im Osten geschickt. Hautnah erleben wir das Zusammenbrechen der österreichisch-ungarischen Armee, die vernichtenden Niederlagen des Zarenheeres in Ostpreußen, sehen die Reste der geschlagenen serbischen Armee in einem Gewaltmarsch das Land verlassen, mitsamt dem sterbenskranken König. Geschildert wird die britisch-französische Okkupation des neutralen Griechenlands als Pendant zur Neutralitätsverletzung Belgiens durch Deutschland, die Niederlage Rumäniens, die Besetzung Polens und der Ukraine durch die Truppen der Mittelmächte, in Russland beginnt der Kessel der Revolution zu brodeln.

Erst dann schauen wir in der Zeit zurück und sind wieder im Jahr 1914, im Westen. Hier wird der bekannte Verlauf geschildert, aber auch das auf eine packende Art und Weise. Ein eigenes Kapitel widmet sich den Kriegsgräueln in Belgien, wo mehrere Tausend Zivilisten von deutschen Soldaten ermordet wurden. Eng damit verbunden ist wiederum die alliierte Propaganda, die diese unentschuldbaren Verbrechen so ins Gigantische aufbauschte, dass sich in den westlichen Ländern das Gefühl verfestigte, für das Gute und gegen bösartige Monster zu kämpfen. Dann folgt das gegenseitige Verbeißen im Stellungskrieg, Schlamm und Blut und Tod, fast vier Jahre lang. Hier, in den Schützengräben in Frankreich und Belgien geht die europäische Zivilisation unter und mit ihr der abendländische Humanismus. Die Herrschaft des Westens über den Nicht-Westen fusste auf einer Zivilisationsmission. Damit hatte er sich selbst betraut, und ob die zu Bekehrenden dies wünschten oder nötig hatten, steht dahin. Dem ein oder anderen mag auch bewusst gewesen sein, dem vietnamesischen Infanteristen etwa, der sich später Ho Chi Minh nannte, dass seine Heimat eine tausendjährige Hochkultur besaß, als Europa noch in Lehmhöhlen hockte. Jetzt war es dahin zurückgekehrt. Die Westfront, das ist der Antikrieg, eine zwecklose Vernichtung um der Vernichtung willen. 

Zum Schluss geht es wieder um Stunden oder zumindest Tage. Russland ist in den Revolutionswirren versunken und aus dem Krieg ausgeschieden, die letzte Anstrengung Deutschlands mit den nun freigewordenen Soldaten eine Entscheidung zu erzwingen, bevor die in den Krieg eingetretenen Amerikaner in voller Stärke in Europa sind, scheitert. Und dann ist es vorbei. Beeindruckend die Stelle, wie die frischen amerikanischen Soldaten nach der Kapitulation den Deutschen gegenüberstehen: Den jungen, wohlgenährten Amerikanern mit neuen Uniformen und Mänteln, intakten Waffen und munitionsgefüllten Taschen, ausgestattet wie die vorsorglichen Weltreisenden, schlug einhellige Bewunderung entgegen, aufgelöst in regen Tauschhandel von Kokarden, Koppelschlössern und Medaillen gegen Verbandszeug, Seife, Kekse und Virginiatabak. Die deutschen Kompanien, oft auf fünfzig Mann geschrumpft, in gebleichten, zerlumpten Uniformen, lehmgesteift, von groben Stichen zusammengehalten, in zerschlissenen Stiefeln, mit ausgeleierten Waffen, wirkten auf die anderen wie legendäre Banditenhaufen, ungesund, wolfshungrig, lauernd und kolossal geschäftstüchtig. 

Ein großartiges Bild, voller Symbolik. Denn auch die britischen und französischen Soldaten waren völlig erschöpft und kampfesmüde. Europa war am Ende, gescheitert, Verlierer waren sie alle, die europäischen Mächte. Denn der Weg war frei für die kommende Großmacht USA, die an diesem Krieg unendlich viel Geld verdient hatte. Die Chance, sich in einem Friedensvertrag über den Gräbern und all dem vergossenen Blut hinweg die Hände zu einem Neuanfang zu reichen, wurde in Versailles vertan. Gleichzeitig versuchten die Alliierten die junge Sowjetunion zu destabilisieren, um den Kommunismus aufzuhalten und ebneten dadurch den Bolschewiki erst den Weg. So tauchte die andere kommende Großmacht des 20. Jahrhunderts am Horizont auf.

Die Ursachen des Ersten Weltkriegs lassen sich losgelöst von seinen Folgen betrachten. Aber diese Folgen der unseligen vier Jahre sind spürbar bis heute. Jörg Friedrich erzählt uns das Drama einer untergehenden Epoche, das bis in unsere Gegenwart nachwirkt.

Somme 1916

Hier noch einmal das Bild, das ich im Beitragsphoto als Hintergrund verwendet habe. Es stammt aus einem privaten Fundus, ich durfte es abphotographieren. Wie auf einer Bühne haben sich die Soldaten aufgestellt, ernst schauen sie in die Kamera, müde, desillusioniert, trotzig, ängstlich. Das Photo wurde 1916 an der Somme aufgenommen, wenige Wochen später sind fast alle diese Männer tot.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Erster Weltkrieg.

Buchinformationen
Jörg Friedrich, 14/18
Propyläen Verlag
ISBN 978-3-549-07317-9

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