Süchtig nach einem Süchtigen

Jo Nesbø: Die Harry-Hole-Romane

Angefangen hat alles auf der Frankfurter Buchmesse 2010. Genauer gesagt am Stand des Ullstein Verlags. Dort traf ich einen Verlagsmitarbeiter, mit dem ich zusammen studiert habe. Wir plaudern immer, wenn wir uns auf einer der beiden Buchmessen treffen. Dieses Mal drückte er mir mit der Bemerkung, ich würde doch Krimis mögen, zwei Bücher in die Hand. Wenn ich Bücher geschenkt bekomme, sage ich selbstverständlich nie Nein und so freute ich mich über „Der Erlöser“ und „Der Schneemann“, beide von Jo Nesbø. Am nächsten Tag fuhr ich nach Hause, die Bücher im Gepäck.

Irgendwann, ein paar Wochen später, begann ich „Der Erlöser“ zu lesen. Und war absolut begeistert. Mit dem Osloer Hauptkommissar Harry Hole betrat eine Romanfigur mein Leben, die mich komplett in ihren Bann zog. Es ist ein schwieriger Mensch, dieser Hauptkommissar. Beziehungsunfähig, alkoholkrank und stets an der Grenze eines seelischen Abgrunds balancierend. Sobald er diese Grenze überschreitet, wird er zum genialen Ermittler, den nichts und niemand aufhalten kann – egal ob es sich um korrupte Kollegen, Profikiller oder brutale Psychopathen handelt. Diese innere Zerrissenheit schildert Nesbø so perfekt, dass ich als Leser die ganze Zeit mitgelitten habe.

Die Formulierung „die ganze Zeit“ ist dabei nicht allein auf den Band „Der Erlöser“ bezogen, mit dem ich in die Reihe eingestiegen bin. Denn dabei ist es natürlich nicht geblieben: Nachdem ich auch das zweite geschenkte Buch gelesen hatte, habe ich mir sofort mehr von Harry Hole besorgt. Und dann noch mehr. Und noch mehr. Bis ich vier Wochen später alle sieben bis dahin erschienenen Bände durchhatte. Harry Hole wurde in dieser Zeit mein Schatten, ohne ihn konnte ich in dieser Zeit das Haus nicht verlassen: In der Straßenbahn, im Café in der Mittagspause, abends zu Hause – er hat mich wochenlang auf Schritt und Tritt begleitet. Einmal habe ich beim Mittagessen in der Kantine – ich hatte ein Reisgericht aus dem Wok gewählt, weil man dies mit einer Hand löffeln und dabei gut lesen konnte – „Die Fährte“ beendet. Sofort bin ich in die Buchhandlung gefahren und habe den Anschlussband „Das fünfte Zeichen“ gekauft. Und so ging es immer weiter und weiter, bis alle Seiten gelesen und alle Fälle gelöst waren.

Danach hatte ich das Gefühl, als hätte sich ein guter Freund für eine lange Zeit verabschiedet: Harry Hole, lädiert, angeschlagen und kaputter denn je, war in einem selbstgewählten Exil von der Bildfläche verschwunden. Aber ich musste nicht lange warten, bald darauf erschien „Der Leopard“, in dem er wieder reaktiviert wurde. Danach folgte „Die Larve“. In diesem bislang letzten Band taucht er tief in die Parallelwelt des Osloer Drogensumpfs ein, es kommt zu einem unvermittelt harten Ende. Überhaupt, immer wenn man als Leser denkt, alles wird gut, dann wird überhaupt nichts gut. Aber Happy-Ends würden zu der gebrochenen Figur des Harry Hole auch nicht passen. Doch anders als sein Kollege Wallander aus Schweden versinkt Hole nicht im depressiven Selbstmitleid, sondern er kämpft. Und gewinnt. Irgendwie.

Die Bände bauen locker aufeinander auf, manche mehr, manche weniger. Als Einstieg eignet sich „Der Erlöser“ bestens – wenn man danach mehr Lesestoff braucht, bietet es sich an, dann mit dem ersten Band anzufangen. Hier die ganze Liste: Der Fledermausmann (1997), Kakerlaken (1998), Rotkehlchen (2000), Die Fährte (2002), Das fünfte Zeichen (2003), Der Erlöser (2005), Schneemann (2007), Leopard (2009), Die Larve (2011), Koma (2013). Die Jahreszahlen sind die Erscheinungstermine der norwegischen Originalausgaben.

Dieses Jahr Im September 2017 setzt „Koma“ „Durst“ die Reihe fort, überflüssig zu sagen, dass ich dem Termin mit beinahe zittrigen Händen entgegenfiebere.

Buchinformation
Jo Nesbø, Der Erlöser
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Ullstein Taschenbuch
ISBN 978-3-548-26968-9

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4 Kommentare

  1. Tolle Beschreibung des Charakters Harry Hole! Und du hast mich ja auch zum Nesbo Fan werden lassen, als du mir für den Oslo Urlaub zum Jahreswechsel den „Erlöser“ ans Herz gelegt hattest. An jeder Ecke habe ich Harry Hole vermutet … bei unseren Streifzügen durch diese großartige Stadt. Der „Schneemann“ mit Showdown am Holmenkollen folgte schnell und nun liegt „Die Fährte“ noch ungelesen in einer Kiste … jetzt werde ich auch langsam nervös. 😉

    • Dann habe ich die Sucht wohl weitergegeben…Tja, damit muss ich jetzt klarkommen. Aber ich weiß noch, wie begeistert du von Oslo erzählt hast – da sollte man wohl mal hinfahren. Besonders, wenn man schon so viel von der Stadt kennt. Vor allem die finsteren Ecken.

  2. Ich hab bei Harry Hole eine ganze Weile ausgesetzt, aber du hast mich wieder auf seine Fährte gebracht! Muss nur noch herausfinden, bei welchem Band ich aufgehört habe.
    Vielleicht gefallen dir auch die Hal Challis-Krimis des australischen Autors Garry Disher. Mit „Drachenmann“ könntest du die Wartezeit überbrücken;-).

    • Gute Idee, von Garry Disher habe ich das noch ungelesene Buch “Flugrausch” im Regal stehen. Das werde ich mir wohl demnächst mal genauer anschauen…

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