Ein finsterer Held

Jo Nesbo: Durst

Harry Hole ist zurück. Und wie. Denn Jo Nesbø schickt seinen Ermittler in „Durst“ wieder auf Mörderjagd. Vor einiger Zeit hatte ich hier schon einmal geschrieben, wie sehr ich der Krimireihe rund um diesen Kommissar der Osloer Kripo verfallen bin und daran hat sich in den letzten Jahren, nach den letzten Fällen nichts geändert. So ist es kein Wunder, dass ich pünktlich zum Erscheinungstermin eine der Buchhandlungen meines Vertrauens besuchte und es auf dem Heimweg kaum erwarten konnte, mich mit den neuesten blutigen Verwicklungen zu beschäftigen. Zwei, drei Abende später klappte ich das Buch zu und war begeistert. Und jetzt versuche ich herauszubekommen, warum eigentlich.

Denn im Grunde ist alles wie immer: Ein Serienmörder, der auf möglichst perfide Art seine Opfer umbringt – im neuen Fall spielen Tinder und Vampirismus wichtige Rollen -, die Osloer Polizei, die im Dunkeln tappt, der Druck der Öffentlichkeit, die Ergebnisse sehen will. Und dann endlich der Auftritt des Helden, auf den wir etwas warten müssen; denn Harry Hole hat seit einigen Bänden den Polizeidienst quittiert, arbeitet jetzt als Dozent an der Polizeihochschule. Und versucht, seinen Frieden mit sich und seinen Erinnerungen zu finden. „Möglicherweise zeigte das Aufwachen, was das Leben des Menschen eigentlich war, nämlich eine Reise, die mit dem Gefühl der Verbundenheit begann, der sicheren, direkten Verbindung über die Nabelschnur, und bis zum Tod führte, der uns endgültig von allem und jedem trennte. Ein kurzer Moment der Weitsicht im Augenblick des Aufwachens, bevor unsere Schutzwälle wieder an Ort und Stelle sind und unsere tröstenden Illusionen wieder greifen und uns das Leben erträglich erscheinen lassen.“

Harry Hole ist zur Ruhe gekommen in seiner Ehe mit der geliebten Rakel, eine Beziehung, deren Höhen und Tiefen die Leser der Reihe mitbekommen haben. Aber jetzt scheint alles gut zu sein. Vielleicht „war er langsam zu der Erkenntnis gelangt, dass er wohl schlicht und ergreifend ein zufriedener Mann war, der mit Ende vierzig doch noch das Glück gefunden hatte und sich in diesem neueroberten Land tatsächlich hatte niederlassen können. Wenigstens vorläufig.“ Die letzten beiden Worte sind prophetisch, sie fallen auf Seite 81 und es ist klar, dass es natürlich nicht so bleiben wird. Denn Hole als Serientäter-Profi wird bei den Ermittlungen gebraucht und mit sanftem Druck dazu gebracht, in sie einzusteigen. Es folgt – wieder einmal – eine Reise an die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit. Harry Holes Leidensfähigkeit.

Zum Inhalt soll hier gar nicht viel mehr erzählt werden. Mir geht es vor allem um die Sprache des Autors. Denn sie ist der Grund, weshalb mich diese Krimireihe so begeistert. Die beiden Zitate zeigen, warum. Es ist die ständig durchscheinende Trostlosigkeit, mühsam zurückgedrängt. Die Tragik. Die Düsterkeit. Die Einsamkeit, die Harry Hole begleitet, auch wenn er meint, alles hinter sich gelassen zu haben; richtig glaubt er es nie. Und es ist dieses Schweben über dem Abgrund, was mich an diesem Protagonisten so fasziniert. Die mühsam zurückgedrängte Alkoholsucht, der Wahnsinn, der nach ihm zu greifen droht – und in genau diesen Momenten ihn zu dem brillanten Ermittler macht, der am Ende den Täter stellt. Wobei jedes Mal ein Stück von ihm dabei selbst auf der Strecke bleibt, mal körperlich, meistens seelisch. Harry Hole ist ein Gezeichneter, ein Getriebener, einer, der bis zum Ende geht. Einer, den seine Anfälle von Selbstmitleid härter machen. Ein Held, aber ein finsterer. Ein sehr finsterer.

Und es ist genau dieses Finstere, dieses Düstere, dieser ständige Kampf mit, aber auch um sich selbst – das alles begeistert mich immer wieder aufs Neue an Jo Nesbøs einsamen Ermittler.

Noch eine Textprobe?

„Die Zeit ließ sich nicht aufhalten, und Dinge ändern sich. Das Leben war wie der Rauch seiner Zigarette, der sich selbst in einem geschlossenen Raum bewegte und sich beständig auf nicht vorhersehbare Weise veränderte. Da sein Leben jetzt perfekt war, würde jede Veränderung eine Verschlechterung bedeuten. Ja, so musste es sein. Glücklich wie er war, hatte er das Gefühl, über dünnes Eis zu laufen, er wollte vorbereitet sein, wenn es brach, und so schnell wie möglich das kalte Wasser wieder verlassen.“

Ich könnte in dieser Sprache versinken, sie ist für mich wie eine Droge, von der ich nicht lassen kann. Genau das ist der Grund, warum für mich jeder der Harry-Hole-Krimis einzigartig ist, auch wenn sie ähnlichen Mustern folgen: Von der Sprache Jo Nesbøs und den Gedanken seines Protagonisten bekomme ich nicht genug.

„Harry hob sein Wasserglas an und sah zu Rakel hinüber. Lächelte. Lachen am gemeinsamen Tisch. Und sie dachte, dass er jetzt, in diesem Moment, wirklich hier war, hier bei ihnen. Sie versuchte, seinen Blick festzuhalten, ihn festzuhalten. Aber kaum merkbar, so wie die Farbe des Meeres sich von Grün zu Blau verändert, geschah es. Sein Blick richtete sich wieder nach innen. Und sie wusste, dass er, noch bevor das Lachen verstummt war, wieder von ihnen wegtrieb, hinein ins Dunkel.“

Ob es solche Menschen wirklich gibt, die Kriminalromane wie diesen nicht für Literatur halten? Das ist mir unbegreiflich.

Und Harry? Treibt er aus dem Dunkel wieder heraus? Wenn ja, in welchem Zustand? Das alles bleibt unklar, bis ganz zum Ende.

„Manche Menschen mochten die frische Luft hier oben, die weichen, sanft hügeligen Waldwege, die Stille und den  Geruch der Nadelbäume. Harry mochte den Blick über die Stadt. Die Geräusche und ihren Geruch. Das Gefühl, sie greifen zu können. Und die Gewissheit, dass man in ihr untergehen und ertrinken konnte.“

Mehr Zitate kann man kaum in einem Beitrag unterbringen, aber das musste sein; ich möchte meine Begeisterung dadurch teilen und dieser Stelle ein großes Kompliment für die übersetzerische Leistung Günther Frauenlobs aussprechen.

Und zum Schluss bleibt nur noch eines zu sagen: Ein großartiges Buch. Wieder einmal.

Buchinformation
Jo Nesbø, Durst
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob

Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08172-9

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5 Kommentare

  1. Entweder man mag Nesbo oder nicht. Dazwischen gibt es nichts. Ich habe alle Bücher gelesen und mir hat jedes einzelne sehr gut gefallen. Selbstverständlich habe ich mir „Durst“ auch sofort besorgt und verschlungen. Ein super Pageturner ist das. Und alle Charaktere sind sehr plastisch beschrieben. Ich hoffe, dass Nesbo noch viele weitere Bücher über Harry Hole schreibt. Besser geht’s nämlich nicht!

  2. Habe bereits zwei Werke des Autors gelesen und bin zu dem Schluss gekommen, kein weiteres mehr in die Hand zu nehmen.
    Das ist mir persönlich alles zu sehr inszeniert,aufgesetzt, weit hergeholt, zu künstlich und, manchmal, an (meinem) guten Geschmack vorbeigeschrammt. Kein schlechter Schreiber, formmell gesehen,aber nicht meine Richtung.

  3. Das einzige was mich noch weniger interessiert als ein Krimi, ist ein Krimi mit einem einsamen, alkoholabhängigen Detektiv in der Hauptrolle. Nicht einmal die amerikanischen Großmeister des hard-boilded Genres ziehen mich an. Trotzdem muss ich mich der ersten Kommentatorin anschließen: Die Zitate regen zum Lesen an!

  4. Ein Glück, dass du so viele Zitate verwendest, denn jetzt bin ich mir ganz, ganz sicher, dass ich ganz, ganz bald endlich mal mit Nesbo anfangen muss. Wirklich ein toller Stil!

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