Heimatlose Schachspieler

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe.

Wir begleiten den 12-jährigen Michel von Oktober 1959 bis zum Juli 1964, viereinhalb Jahre lang, bis aus dem Jungen ein junger Mann geworden ist. Er stammt aus einer wohlhabenden, gutbürgerlichen Familie und wächst mitten in Paris auf; der Jardin du Luxembourg ist einer der zentralen Orte des Romans. Leistung und Kontrolle stehen im Mittelpunkt der Erziehung, und Michel versucht sich Freiräume zu schaffen. Etwa im Bistro Balto, wo er zusammen mit seinem Kumpel Nicolas regelmäßig Tischfußball zu spielen beginnt. Schulstunden werden geschwänzt, Lernzeit am Kickertisch verbracht. Bis Michel neugierig darauf wird, was sich wohl im Hinterzimmer des Bistros abspielen mag, das regelmäßig von auf eine abenteuerliche Art abgerissen wirkenden Männer mittleren Alters betreten wird, dessen Türe ansonsten aber geschlossen bleibt. Eines Tages schlüpft er mit dem Kellner hinein und entdeckt – einen Schachclub. Allerdings einen ziemlich außergewöhnlichen Schachclub.

Denn hier, im Hinterzimmer des Bistros, treffen sich zahlreiche Emigranten aus den Ländern Osteuropas, aus der Sowjetunion, aus der Tschechoslowakei (beim Schreiben dieser Ländernamen merke ich mal wieder, wie viel Zeit vergangen ist, habe ich sie schließlich in Erdkunde noch so gelernt), aus Polen, Rumänien oder Ungarn. Männer, die vor den Schergen Stalins fliehen mussten, denen ein Erschießungskommando oder ein Straflager drohte, die – obwohl oftmals einst selbst überzeugte Kommunisten – dem Würgegriff der kommunistischen Diktaturen gerade so entkommen konnten. Die das Schicksal nach Paris gespült hat, in das Hinterzimmer des Bistros Balto, wo sich sich zum Schachspiel treffen. Heimatlose, Wurzellose, die versuchen, ihre Erinnerungen zu verdrängen, um nicht zu vergehen vor Sehnsucht nach ihren Familien, ihren Freunden, ihren Ländern.

Michel wird zum Zaungast, er kommt wieder und wieder, lernt nach und nach die Mitglieder des Schachclubs kennen – des Clubs der unverbesserlichen Optimisten, wie sie sich selbst trotzig nennen, denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Er taucht dadurch in völlig fremde Welten ein und lernt Lebensläufe kennen, wie er sie sich zuvor nicht hätte vorstellen können.

Da ist Werner, als einziger kommt er nicht aus Osteuropa, sondern ist Deutscher, der vor den Nazis nach Frankreich flüchtete und hier nach der deutschen Besetzung der Résistance beitrat. Nach dem Krieg blieb er in Paris. Durch eine dramatische Begegnung lernt er Igor kennen und gründet mit ihm den Club. Igor ist ein sowjetischer Arzt, einst stolz darauf, zum Aufbau des Kommunismus beizutragen. Er überlebte zwar die Belagerung Leningrads, aber der paranoide Wahn Stalins hätte ihn fast das Leben gekostet.

Da ist Tibor, ein ungarischer Schauspieler, der mit seinem Freund Imre in den Westen geflüchtet war. Oder Wladimir, Russe, der es gewagt hatte, die vom Plankommissariat gesetzten Ziele zu kritisieren.

Es gibt den den Tschechen Pavel, der trotz seiner Flucht immer noch an die Richtigkeit des Kommunismus glaubt. Oder Gregorios aus Griechenland, ebenfalls überzeugter Kommunist, der vor der griechischen Militärdiktatur fliehen musste.

Und da ist Leonid, eines der schillerndsten Mitglieder des Clubs. Hochdekorierter Kriegsheld der Sowjetunion, Pilot, ein Vorzeige-Kommunist, der sogar Stalin persönlich kannte. Der trinken kann, ohne betrunken zu werden und ein exzellenter Schachspieler ist. Er war aus einem ganz anderen Grund in Paris gelandet – und da war sie, die Liebesgeschichte. Aber es bleibt nicht die einzige in diesem Buch.

Außerdem gibt es Sascha, eine Art Mann ohne Geschichte, regelmäßiger Besucher des Clubs, aber von den anderen ignoriert. Sein tragisches Geheimnis löst sich erst ganz zum Schluss auf.

Alle diese Menschen sind Emigranten, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Deren frühere Berufe nichts mehr zählen, die um ihre Aufenthaltsgenehmigungen bangen müssen, die von der Hand in den Mund leben. Sie werden dezent unterstützt von Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel, die sich ab und zu in diesem Club blicken lassen; Sartre sitzt manchmal stundenland schreibend an einem der Tische, umgeben von einer respektvollen Distanz. Er sorgt für Kontakte, um den gestrandeten Heimatlosen Jobs zu verschaffen oder bezahlt die eine oder andere Rechnung. Vielleicht drückt ihn ein wenig das schlechte Gewissen, hatte er doch als einer der wichtigsten linken Intellektuellen Westeuropas Stalin und die kommunistischen Systeme Osteuropas stets nur halbherzig kritisiert; auch, als nach Stalins Tod sich langsam das Ausmaß all der Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden, abzeichnete.

Das ist das Faszinierende an diesem Roman: Während wir zahllose Eindrücke aus einer dramatischen Epoche der osteuropäischen Geschichte sammeln, sind wir gleichzeitig mitten in Paris. Entdecken mit Michel die Rockmusik und lesen, wie er versucht, zwischen Kindheit und Pubertät, zwischen Unsicherheit, Schwärmerei und Verliebtheit seinen Platz in der Welt zu finden. Wir sehen ihn im Laufen lesend durch die Straßen ziehen, erleben die jugendliche Aufbruchstimmung der beginnenden 60er-Jahre mit, erfahren betroffen vom Tod Camus‘. Erleben, wie der algerische Unabhängigkeitskrieg von einem Randthema zu einem Beben wird, dass die französische Gesellschaft und Michels Familie nachhaltig erschüttert. Und leiden mit ihm, denn während er mit all den Schicksalen der Heimatlosigkeit zu tun hat, beginnt sich seine Familie aufzulösen, beginnen dort schwelende Konflikte aufzubrechen, was auch ihm das Zuhause nimmt. Das alles ist mit vielen weiteren Facetten gekonnt miteinander verknüpft, erzählt in einer unkomplizierten Sprache, die uns eine Zeit nahebringt, die noch gar nicht so lange her, aber in unserer Wahrnehmung beinahe vergessen ist. Um die zahlreichen Namen und Handlungsstränge nicht durcheinander zu bringen, sei eine Lektüre ohne längere Pausen empfohlen.

Das Buch beginnt mit einem Ende, mit der Beerdigung Sartres, als über 50.000 Menschen seinem Sarg folgten: „Hier wird kein Mensch bestattet. Mit ihm wird eine alte Idee beerdigt. Nichts wird sich ändern und wir wissen es. Es wird keine bessere Gesellschaft geben. Das akzeptiert man oder man lässt es sein. Wir stehen hier mit einem Fuß im Grab samt unseren Glaubensvorstellungen und unseren verlorenen Illusionen. Eine Menschenmenge wie eine Absolution zur Sühne von im Namen eines Ideals begangenen Fehlern. Für die Opfer ändert das nichts.“  Das war am 15. April 1980 und Michel – inzwischen 33 Jahre alt – trifft bei der Beerdigung Pavel. Den er bei einer anderen Beerdigung viele Jahre zuvor das letzte Mal gesehen hatte. So, wie auch fast alle anderen Clubmitglieder. Dann erinnert er sich wieder an alles und erzählt uns die Geschichte des Clubs der unverbesserlichen Optimisten.

Auf dem Vorsatzblatt des Buches steht ein anonymes Zitat: „Ich ziehe es vor, als Optimist zu leben und mich zu irren, denn als Pessimist zu leben und immer recht zu haben.“

Als ich das beim Aufblättern gelesen habe, wusste ich schon, dass mir das Buch gefallen würde.

Buchinformation
Jean-Michel Guenassia, Der Club der unverbesserlichen Optimisten
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Insel Verlag
ISBN 978-3-458-35836-7 

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3 Kommentare

  1. Emigration, ich beschäftige mich viel mit dem Thema, mit Frankreich und der Epoche. Auf den ersten Blick habe ich nur wenig über den Autor gefunden, aber daß er Jahrgang 1950 und selbst kein Emigrant ist, dämpfte meine Begeisterung, die ich nach dem Lesen deiner Rezension erstmal hatte. Wie authentisch kann jemand, der das Exil nicht selbst erlebt hat, Emigrantenschicksale schildern? Woher nimmt der Autor den Stoff für sein Buch, doch nur aus zweiter Hand und seiner Phantasie; steht nicht sein Nichterleben zwischen dem Buch und ihm? Sollte man über Emigranten nicht lieber von Emigranten lesen? Handelt es sich vielleicht einfach nur um einen fiktiven Roman mit Anspruch? Bin gespannt auf deine Meinung.

    • Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Leben Michels. Wie und ob die Schicksale der Emigranten, die Michel nach und nach kennenlernt, authentisch sind, kann ich nicht sagen. Sie klingen jedenfalls so. Letztendlich ist es eben ein Roman, der die Stimmung dieser Zeit aus der Sichtweise eines Heranwachsenden einfängt, aber natürlich eine fiktive Geschichte erzählt.

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